Alle Artikel von WilliZ

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Buxtehude – wo die Hunde mit dem Schwanze bellen

Letzten Samstag machte ich mit meiner Frau einen Abstecher nach Buxtehude. Die Kleinstadt liegt auf der anderen Elbseite gegenüber von Hamburg, genauer von Wedel, an der Este, die in dem Ort eine grachtartige Flethanlage bildet. Diese war in dieser Jahreszeit natürlich durch herbstlich gefärbte Bäume gesäumt.

Buxtehude 2017: Herbstliche Impression am Fleth

Buxtehude gehört allem Anschein nach zu den Orten, die viele für einen fiktiven Ort halten, so wie Kleinkleckersdorf oder Hintertupfingen. Warum auch immer. Aber es gibt ihn, diesen Ort, in der das Märchen vom Wettlauf zwischen Igel und Hase beheimatet ist.

    Buxtehude und Kraxtepellen –
    wo die Hunde mit dem Schwanze bellen.

Ja, auch das ist so eine Sache, die Buxtehude gewissermaßen anlastet (und den Ort daher wohl ins Fiktive gleiten ließ – Kraxtepellen liegt übrigens im ehemaligen Ostpreußen). Nur sind es nicht eigentlich Hunde, die bellen, sondern Glocken, die schon in frühen Jahren mit einem Seil geläutet wurden. „Die ‚Hunt‘ ist die Glocke und ‚bellt‘ kommt aus dem Englischen von ‚Läuten‘. Das Seil wurde zum Schwanz.

    Dackel-Denkmal in Buxtehude [Quelle: Radio Bremen]

Und Stadtarchivar Bernd Utermöhlen erklärt: Buxtehude wurde von holländischen Wasserbauern gebaut und war damals die modernste Hafengründung auf deutschem Boden. „Die Stadt bekam auch eine Kirche mit einem hohen Kirchturm. In diesem Turm wurden die Glocken schon mit einem Seil geläutet, auf dem platten Land dagegen wurden zu der Zeit die Glocken noch mit einem Hammer angeschlagen. Das Seil franste aus und erinnerte dann an einen Hundeschwanz. Die Glocken wurden Hunde genannt, und so entstand der Schnack ‚Die Hunde bellen in Buxtehude mit dem Schwanz‘, wobei damit eben das Glockengeläut gemeint ist. Dies kündet letztlich von dem fortschrittlichen Geist der Buxtehuder Bürger, die hier diese moderne Technik schon eingeführt hatten.“

Tatsächlich erinnert die Altstadt von Buxtehude einer holländischen Stadt mit Fleth und dem Festungsgraben, dessen Name mit dem niederländischen Wort Viver (vijver; dt. Weiher, Teich).bezeichnet wird. Sie lädt ein zum Bummeln und Entspannen. So fanden wir idyllisch am Westviver gelegen eine Cafébar, die auch außen Sitzmöglichkeiten in Form von Strandkörben, Liegestühlen und Korbsesseln anbot: Entlein! Meine Frau und ich ließen sich in einem Strandkorb nieder und genossen Tee bzw. eine Kaffeespezialität des Hauses zu Waffeln mit Rote-Grützsoße.

Buxtehude 2017: Buxtehuder Bürgerhaus

Buxtehude liegt noch im HVV-Bereich und lässt sich mit S-Bahn und dem Metronom-Zug Richtung Cuxhaven ziemlich schnell von Harburg erreichen.

40 Jahre Deutscher Herbst – der Tatort

Es ist ein Teil unserer Geschichte. Und hierzu ist viel geschrieben worden. Es gibt Filme, ob nun als Dokumentation oder als Spielfilm, die diese Tage im Oktober vor 40 Jahre thematisieren:
Im Oktober 1977 fand der Deutsche Herbst seinen traurigen Höhepunkt. Nach der Ermordung von Hanns-Martin Schleyer und der Befreiung der gekaperten „Landshut“ nehmen sich die RAF-Gründer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober im Gefängnis Stammheim das Leben. Hier ein Überblick von Radio Bremen

Fahndungsfoto der RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe. | Bildquelle: rb / picture-alliance/dpa

40 Jahre liegen der Deutsche Herbst und die Todesnacht von Stammheim zurück. Die Folgen dieser traumatischen Zeit beeinflussen den aktuellen Fall der Kommissare Lannert und Bootz.

In der Nacht zum 18. Oktober 1977, nach Befreiung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ in Mogadischu und der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, fand der sogenannte Deutsche Herbst seine Zuspitzung in der „Todesnacht von Stammheim“, in der Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Gefängniszellen den Tod fanden und Irmgard Möller sich lebensgefährlich verletzte. Diese historische Situation, die sich in diesem Herbst zum 40. Mal jährt, bildet den Hintergrund für Dominik Grafs Stuttgarter „Tatort: Der rote Schatten“. Die langen Schatten jener Nacht und des Kampfs gegen den RAF-Terrorismus reichen in dem Tatort bis in die Gegenwart. Genauso wie die ungeklärten Fragen, die damit verbunden sind, zum Beispiel: Wie kamen die Waffen wirklich in den Hochsicherheitstakt des Stammheimer Gefängnisses? Wie weit reicht der Spielraum für den Verfassungsschutz? Warum ist es nicht möglich, die Ereignisse in der Nacht zum 18. Oktober zweifelsfrei zu klären? Dominik Graf beschäftigt sich in seinem ersten Stuttgarter „Tatort“ mit diesen Fragen. Vergangenheit und Gegenwart greifen ineinander. Dafür nutzt Dominik Graf historisches Material, das er virtuos mit nachgedrehten Szenen verschränkt.


Tatort 1031 aus Stuttgart (2017): Der rote Schatten (ARD-Mediathek – verfügbar bis 14.11.2017)

siehe auch meinen Beitrag: 30 Jahre „Deutscher Herbst“

SPD siegt in Niedersachsen – FDP ziert sich

Vergleiche hinken bekanntlich. Trotzdem habe ich die Ergebnisse der Bundestagswahl mit der Landtagswahl in Niedersachsen verglichen, da zwischen beiden Wahlen gerade einmal drei Wochen liegen.

Hatte bei der Bundestagswahl die SPD gerade noch 27,4 % der Zweitstimmen in Niedersachsen erhalten, so ist sie jetzt im Land mit 36,9 % stärkste Kraft geworden. Die Grünen bleiben gleich bei 8,7 %, verlieren aber 5 % gegenüber der letzten Landtagswahl 2013. Damit ist eine Fortsetzung einer rot-grünen Landesregierung nicht mehr möglich. Die CDU verliert mit 33,6 % gegenüber der Bundestagswahl leicht (dort 34,9 %) und etwas mehr gegenüber der Landtagswahl 2013, dort 36,0 %.

Ergebnis der Landtagswahl 2017 in Niedersachsen

Auch die FDP verliert mit 7,5 % gegenüber Bundestagswahl (9,3 %) und Landtagswahl 2013 (9,9 %). Die Linke kann zwar gegenüber 2013 zulegen (damals 3,1 %), verpasst aber den Einzug in den Landtag mit ihren 4,5 %. Die AfD schafft auf Anhieb 6,2 %, verliert aber rund ein Drittel gegenüber der Bundestagswahl (9,1 %), und spielt nur dadurch eine Rolle, weil sich die Mehrheitsbeschaffung für eine Regierung verkompliziert.

Es ist eigentlich traurig, dass in einem Land wie Niedersachsen, das stark durch die Landwirtschaft geprägt ist, die Grünen, die u.a. gegen Massentierhaltung und Belastung des Bodens durch Nitrat kämpfen, diesmal kein zweistelliges Ergebnis erlangten. Viele der Wähler haben diesmal die SPD gewählt.

Rot-Grün kann allein nicht weiterregieren. So muss Ministerpräsident Stephan Weil also die FDP mit an Bord holen. Nur, die wollen nicht. FDP-Spitzenkandidat Stefan Birkner schloss am Wahlabend erneut eine Ampel-Koalition mit SPD und Grünen aus. CDU-Spitzenkandidat und Wahlverlierer Bernd Althusmann wiederum tat kund: „Wir haben einen klaren Gestaltungsauftrag für Niedersachsen.“ Mögen FDP und CDU vor der Wahl von einer schwarz-gelben Koalition geträumt haben, so ist der Traum natürlich ausgeträumt. Der Ball liegt jetzt „im Feld der SPD“. Da die FDP eine Ampel-Koalition ausschließt, bliebe nur noch eine große Koalition aus SPD und CDU übrig. Denn, liebe Grüne, Jamaika auf Bundesebene ist schon mehr als gewagt. Aber auf Landesebene? Undenkbar!

Ich denke, dass Herr Birkner aus der Bundeszentrale seiner Partei beizeiten zurückgepfiffen wird. Die FDP will mitregieren. Und wenn sie das Feld nicht der SPD und der CDU überlassen will, dann müssen sie in den sauren Apfel namens Ampel (Rot-Gelb-Grün) beißen. Wir dürfen gespannt sein.

Achtung Russland: Die Wikinger kommen

Eigentlich sollte Fußball in diesen Tagen für einen echten Fan aus Deutschland wenig Spaß machen. Sowohl in der Champions League wie auch in der Europa League haben die deutschen Mannschaften bisher enttäuscht. Okay, die Nationalmannschaft hat sich locker für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland qualifiziert.

Freude kam für mich aber auf, als ich gesehen habe, wie die isländische Mannschaft für diese leider mehr als umstrittene Weltmeisterschaft im nächsten Jahr die Quaifikation erlangt hat.

Gylfi Sigurdsson (l) mit Birkir Bjarnason  | Bildquelle: picture alliance/ AP Photo/ Brynjar Gunnarson

Denn: Island ist erstmals bei einer WM-Endrunde dabei. Gegen den Kosovo ließen die Nordländer nichts mehr anbrennen. Damit setzt Islands Fußball-Nationalmannschaft ihr Fußballmärchen fort und hat sich zum ersten Mal für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Mit dem 2:0 (1:0) über Tabellenschlusslicht Kosovo sicherte sich das Team von Trainer Heimir Hallgrimsson am letzten Spieltag der Gruppe I den ersten Platz und das Ticket für die Endrunde im kommenden Jahr in Russland.


Sie haben es noch drauf: Isländer feiern die Qualifikation zur WM 2018

Der ehemalige Hoffenheimer Gylfi Sigurdsson brachte die Gastgeber am Montag (09.10.2017) in der 40. Minute in Führung, Johann Gudmundsson traf zum Endstand (67.). Bereits im vergangenen Jahr hatte das 330.000-Einwohner-Land in Frankreich das EM-Debüt gefeiert und mit dem Achtelfinal-Sieg über das Fußball-Mutterland England überrascht. Erst im Viertelfinale war damals gegen den Gastgeber Endstation gewesen.

So darf ich also im nächsten Sommer wieder mein Island-T-Shirt herausholen. Dann heißt es auch für mich: Áfram Ísland! Und: Huuuh!

Bisher haben sich für die WM in Russland neben dem Gastgeber folgende Mannschaften qualifiziert, wobei es einige Überraschugnen gab. Die Niederlande verpasst nach der EM 2014 nun auch die WM. Ebenso Wales. Und auch Chile mit seiner ‚goldenen Generation‘ muss zu Hause bleiben. Dagegen schaffte es Argentinien dank der drei Tore von Messi gerade noch, das Ticket für Russland zu lösen.

aus Europa:

Russland als Gastgeber
Frankreich
Portugal
Deutschland
Serbien
Polen
England
Spanien
Belgien
Island

Vier Plätze sind noch frei und werden in einer Playoff-Runde unter den acht besten Zweitplatzierten der Gruppenphase ausgemacht:

Schweden
Schweiz
Nordirland
Irland
Dänemark
Italien
Griechenland
Kroatien

aus Nord- und Mittelamerika:

Mexiko
Costa Rica
Panama

Die USA sind draußen. Honduras muss noch in einem interkontinentalen Playoff gegen den Asien-Fünften Australien antreten.

aus Südamerika:

Brasilien
Uruguay
Argentinien
Kolumbien

Wie gesagt. Chile hat es nicht geschafft. Peru muss noch in einem interkontinentalen Playoff gegen den Ozeanien-Vertreter Neuseeland antreten.

aus Asien:

Iran
Südkorea
Japan
Saudi-Arabien

aus Afrika:

Nigeria
Ägypten

Drei Mannschaften stehen noch aus und werden erst im November ermittelt.

Und zwei Mannschaften finden über interkontinentale Playoffs noch den Weg nach Russland: Die Sieger aus Honduras gegen Australien und Peru gegen Neuseeland.

Literaturnobelpreis 2017 für Kazuo Ishiguro

    Ich füllte meine Kaffeetasse beinahe bis zum Rand. Dann machte ich mich, die Tasse vorsichtig in der einen, meinen großzügig beladenen Teller in der anderen Hand balancierend, auf den Weg zurück zu meinem Platz.
    Kazuo Ishiguro: Die Ungetrösteten (letzter Satz des Romans)

Vor 16 Jahren, 2001, hatte ich mir einen Roman von Kazuo Ishiguro gekauft: Die Ungetrösteten. in der Übersetzung von Isabell Lorenz – 1. Auflage September 1996 – Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg. Bis in der Herbst hinein hatte ich dann das rund 730 Seiten umfassende Werk gelesen:

Müde und erschöpft betritt der berühmte Pianist Ryder nach einem anstrengenden Flug sein Hotel. Am liebsten möchte er sich in den drei Tagen bis zu seinem großen Konzert einfach nur entspannen. Aber schon in der Lobby wird er von Menschen bedrängt, die ihn um den einen oder anderen Gefallen bitten: Hoffman, der Hotelmanager, fragt, ob Ryder sich nicht einmal die Musikaliensammlung seiner Frau ansehen könnte, die ihr ganzer Stolz ist. Stephan, Hofmmans Sohn, möchte ein fachmännisches Urteil über seine Klavierkünste. Der alte Page Gustav bittet Ryder, zwischen ihm und seiner Tochter Sophie zu vermitteln, mit der er seit Jahren nur noch über seinen kleinen Enkel Boris Kontakt hat.

Geschmeichelt begibt sich Ryder in ein nahe gelegenes Café, um dort mit Sophie und Boris zu reden. Zu seiner Verblüffung begrüßen ihn die beiden wie einen intimen Freund – und er ist sich plötzlich selbst nicht mehr sicher, ob man sich vielleicht tatsächlich von früher kennt.

Als Ryder verwirrt das Café verläßt, weiß er aus einmal nicht mehr, wo er sich befindet. Er glaubt zu träumen oder gar den Verstand zu verlieren, denn rätselhafte Mächte nehmen sein Schicksal in die Hand und schicken ihn auf eine Reise durch die Stadt so unüberschaubar und voller Sackgassen wie ein Labyrinth. Wie durch Geisterhand hetzt es ihn von hier nach da, mysteriöse Figuren kreuzen seinen Weg: Bekannte und Freunde, Lebende und Totgeglaubte, sie alle Ungetröstete, die sich von ihm als Künstler Hilfe oder gar Erlösung erhoffen – wie die Frau, die ihn bittet, auf der Beerdigung eines Hundes Klavier zu spielen, oder der alkoholabhänige Dirigent Leo Brodsky, der von Ryder verlangt, daß er seine ehemalige Geliebte wieder für ihn zurückerobert. Am Abend von Ryders Konzert kommen schließlich die Schicksale aller zusammen, und der große Pianist muß bitter erfahren, wie schnell gute Taten plötzlich vergessen sein können. (aus dem Kladdentext)

„‚Die Ungetrösteten‘ ist ein Meisterwerk, anspruchsvoll und von außerordentlicher Originalität, nicht nur, weil die Idee so meisterhaft ausgeführt ist, sondern in erster Linie, weil dieser Roman Grundlegendes über die menschliche Seele erzählt.“ („The Times“)

    Kazuo Ishiguro (2005)

Kazuo Ishiguro wurde 1954 in Nagasaki geboren. Er ist also mein Jahrgang. Mit fünf Jahren kam er mit seiner Familie nach England. Ishiguro studierte Amglistik und Philosopie und lebt heute als freier Schriftstelle in London. Sein Roman „Was vom Tage übrigblieb“ wurde 1993 von James Ivory verfilmt. Sein 2005 erschienener Roman Alles, was wir geben mussten über menschliche Klone als Organspender bzw. „Ersatzteillager“ galt für viele Kritiker als die wichtigste Erzählung des Jahres 2005. So schreibe Ishiguro gegenwärtig das vielleicht schönste Englisch. Der Roman wurde 2010 unter der Regie von Mark Romanek und mit Carey Mulligan, Andrew Garfield und Keira Knightley in den Hauptrollen verfilmt. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich den Film mit meiner Familie gesehen.

In der letzten Woche wurde nun Ishiguro den Nobelpreis für Literatur zugesprochen. Die Schwedische Akademie würdigte ihn als einen Schriftsteller, „der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat“

Es mag ein gewisses Gespür sein, das ich für hervorragende Literatur habe, bevor es z.B. durch eine Preisverleihung wie den Literaturnobelpreis gewürdig wird. Lange vor der Vergabe dieses nach wie vor wohl bedeutendsten Literaturpreises hatte ich Autoren wie den Ägypter Nagib Machfus, Jean-Marie Gustave Le Clézio oder den Peruaner Mario Vargas Llosa, übrigens einer meiner Lieblingsautoren, gelesen. Und Kazuo Ishiguro schließt in gewisser Hinsicht diesen Kreis. Vielleicht erlangt in den nächsten Jahren auch ein gewisser Javier Marías diese Ehre (nur so als kleiner Tipp von mir).

Ishiguros Roman „Die Ungetrösteten“ steht übrigens in dem Bücherregal am Kopfende meines Bettes. Dort befinden sich Bücher, die ich in der nächsten Zeit (erneut) zu lesen gedenke. Vielleicht war das ja ein gutes Omen, denn Ishiguro galt schon viele Jahre als Anwärter auf den Nobelpreis für Literatur.

Eine halbe Woche Stillstand

Am Donnerstag war ich kurz nach 12 Uhr zur Mittagspause hinausgegangen, um Kleinigkeiten einzukaufen. Es regnete noch leicht und es wehte ein leichter Wind. Nach mir ging dann mein Arbeitskollege hinaus und hatte Glück, als ihn ein herabstürzender Ast nur leicht streifte. Orkan Xavier war wie aus dem Nichts aufgezogen und sorgte innerhalb kürzester Zeit für ein Verkehrschaos durch unzählig umgestürzte Bäume, die auf Straßen, Oberleitungen und Gleise der Bahn fielen. Und das gerade drei Wochen nachdem das Sturmtief Sebastian über Norddeutschland fegte und den Bahnverkehr rund um Hamburg total zum Erliegen brachte.

Da die Bahn und hier besonders die Eisenbahngesellschaft Metronom sicherlich auch weiterhin keinen Norfallplan vorweisen konnte, hatte ich mir einen eigenen Plan zurechtgelegt. Bis Harburg mit der S-Bahn, von dort mit einem Bus Richtung Klecken oder Buchholz. Umstieg in Nenndort in einen Bus, der von den Aibus-Werken kommt und fast vor meiner Haustüre hält.

Leider beinhaltet dieser Plan die S-Bahn-Fahrt bis Harburg (mit Bussen geht es zwar auch, aber mit zweimal Umsteigen dauert das dann rund eine Stunde). Aber diesmal war auch der S-Bahnverkehr eingestellt. Selbst die U-Bahn fuhr auf lange Dauer nicht, so auch die U2, die vor Jungfernstieg auf unbestimmte Dauer (wie es so schön heißt) den Betrieb einstellte. Dort gab es einen Feuerwehreinsatz. Der Feueralarm stellte sich dann später als Fehlalarm heraus. Auch das noch!

Um es kurz zu machen: Stunden später fuhr dann doch wieder die S-Bahn und in Harburg holte mich mein Sohn mit dem Auto ab (Plan B). Kurz vor 14 Uhr 30 hatte ich Feierabend gemacht – und gegen 19 Uhr 30 war ich dann endlich zu Hause.

    Metronom – Engagiert auch bei Stillstand

Orkan Xavier muss derart schlimm bewütet haben – es gab sogar einige Tote -, dass selbst heute noch kein normaler Bahnverkehr auf der Strecke Hamburg – Bremen möglich ist. Immerhin fahren zwischen Rotenburg (über Tostedt) und Hamburg wenigstens stündlich Züge.

Allerdings ist die Inforamtionspolitik des Metronoms eine Katastrophe: Die Metronom-App zeigte heute Morgen eigentlich gar nichts Konkretes an. Auch die Website meldete nichts Genaues (Welcher Zug fährt nun und welcher nicht?!). Da waren die Infos über die Deutsche Bahn (Website und App) schon besser. Die Mitarbeiter des Metronoms haben so früh am Tag noch den Schlaf der Gerechten gehalten (oder sind mangels Zugverkehr nicht zur Arbeit gelangt).

Immerhin in einer Sache ist die Metronom-Leitung wach geworden und fordert die Einrichtung eines runden Tisches „Grünschnitt“.

Kaum ziehen die alljährlichen Herbststürme auf, kommt es entlang der Eisenbahnstrecken in Niedersachsen immer wieder zu massiven Behinderungen durch umgestürzte, auf den Gleisen liegende Bäume oder Äste. Für die metronom Eisenbahngesellschaft ein untragbarer Zustand. Das Uelzener Eisenbahnunternehmen fordert deshalb die Einrichtung eines runden Tisches „Grünschnitt“.

Immer wieder stürzen bei Unwetter Bäume oder große Äste auf die Gleise. Die Folge sind langanhaltende Streckensperrungen und tausende wartende Fahrgäste. „Bisher gab es glücklicherweise noch keine größeren Unfälle, trotzdem ist nicht nur der wirtschaftliche Schade groß“, betont metronom Pressesprecher Björn Pamperin. „Die Strecken müssen in einem Zustand sein, der jederzeit eine sichere, verlässliche und pünktliche Fahrt zulässt. Dazu gehört auch ein regelmäßiger und präventiver Grünschnitt entlang der Strecken. Die von Bäumen auf den Bahnbetrieb ausgehenden Gefahren müssen beseitigt werden. Präventive Betriebseinschränkungen bei stärkerem Wind, die unsere Fahrgäste zusätzlich treffen, sind dazu keine Alternative.“

Auf eine Lösung dieses Problems habe ich schon vor langer Zeit hingewiesen und verweise hiermit auch auf die oft vorkommenden ‚Böschungsbrände‘ im Sommer, die zu längeren Unterbrechungen des Bahnverkehrs führen. Nur fürchte ich, dass das Ganze, so gut es gemeint ist, im Sande verlaufen (oder vom Orkan verweht) wird.

Am Freitag habe ich einen Urlaubstag genommen. Und ab heute hatte ich sowieso Urlaub geplant. Immerhin ist mein Sohn heute Morgen nach Harburg gekommen, um mit einem ICE weiter nach Mannheim zu fahren. Allerdings musste er die Zugbindung für den ICE aufheben lassen, da er den eigentlichen Zug nicht erreicht hätte.

45. Flohmarkt in Tostedt 2017 – Töster Markt

Und schon wieder ist es am Samstag (07.10.2017) soweit: Im kleinen Tostedt – halbwegs zwischen Bremen und Hamburg – findet seit 1973 immer am ersten Oktoberwochenende der größte Flohmarkt Norddeutschlands statt, kurz Töster Markt genannt. Töst heißt Tostedt auf Plattdeutsch.

Dieser Flohmarkt zieht nicht nur Besucher aus dem Umland an. Aussteller und Gäste kommen sogar aus dem benachbarten Ausland. Dänen, Holländer und Polen gehören seit vielen Jahren zum festen Bestandteil des Töster Marktes dazu. Rund 700 Aussteller bieten auf dem Flohmarkt auf ca. 6.580 Metern Standfrontfläche ihre Waren an.

Flohmarktplan als Grafik (PNG) zum Herunterladen

Letztes Jahr war das Wetter zum Töster Markt eher gemischt, also mit Regen, aber auch etwas Sonnenschein. Für dieses Mal sieht es wieder eher trübe aus. Aber Regen gehört ja eigentlich schon fast zum Töster Markt. Vielleicht besinnt sich Petrus eines Besseren.

Meine Frau ist mit ihrem Stand eigentlich schon seit Anfang an dabei. Zwischendurch gab es nur einige Jahre Babypause. Und auf der Suche nach Schnäppchen findet man auch fast immer unsere Söhne auf dem Markt. Da darf ich nicht fehlen. Meist mit Film- oder Fotokamera ausgerüstet habe ich immer wieder einige filmische Impressionen „aus dem Handgelenk“ unter dem Motto: Ründ üm de Kark vom Flohmarkt in Tostedt gesammelt – zuletzt 2015 auch endlich in Full HD:


Flohmarkt Tostedt 2015

Flohmarkt in Tostedt - Töster Markt 2011/ Luftbild von Markus Lohmann www.gyrocopter-fly.de

Flohmarkt in Tostedt – Töster Markt
Bilder aus den Jahren 2001, 2004, 2006, 2007, 2009 und 2010

siehe u.a. auch: Flohmarktfieber: Töster Markt 2009
Filmische Impressionen vom Flohmarkt in Tostedt 2011
Erste filmische Impressionen vom Flohmarkt in Tostedt 2001

140 Jahre Friedhof Ohlsdorf

Ein Friedhofgänger bin ich eigentlich nicht. Okay, als Kind habe ich öfter mit meiner Mutter auf dem Sonntagsspaziergang den Friedhof Buntentor in der Bremer Neustadt besucht. Und zuletzt war es natürlich der Friedhof auf der Kirchwarft der Hallig Hooge.

Am Montag, den 02.10., hatte ich einen Brückentag genommen und fuhr mit meiner Frau und meinem älteren Sohn, der in Semesterferien bei uns weilt, nach Hamburg. Ziel: der Friedhof Ohlsdorf, der am 1. Juli 1877, also vor 140 Jahren, eingeweiht wurde und mit 389 Hektar der größte Parkfriedhof der Welt ist. Damit ist er hat die größte Grünanlage der Stadt Hamburg.

Plan – Friedhof Ohlsdorf/Hamburg

Über das gesamte Areal verteilen sich 235.000 Grabstätten. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof haben seit seiner Gründung über 1,4 Millionen Beisetzungen stattgefunden, jährlich kommen 4.700 Beisetzungen dazu. Zum Vergleich: Der Wiener Zentralfriedhof hat eine Größe von 250 Hektar mit 330.000 Grabstellen. Vielen Menschen ist es schon passiert, dass sie sich in diesem Wald aus 35.000 Bäumen verlaufen haben. Der Central Park in New York ist kleiner.

Das Aussehen des Geländes ist bestimmt durch den Parkcharakter der Anlage mit einigen hundert Laub- und Nadelgehölzarten sowie Teichen und Bächen und einer Landschaft, die sich durch eine Mischung aus historischen Bauten, Gartendenkmälern und modernen Themengrabstätten auszeichnet. Charakteristisch für die Struktur der Anlage sind schnurgerade, in exakter Ost-West- bzw. Nord-Süd-Richtung verlaufende sowie gleichmäßig sanft gebogene Straßen und Wege mit dazwischen liegenden schachbrettartig angelegten Parzellen. Das durchweg von Pflanzen gesäumte Straßensystem wird durch Kreisel aufgelockert. Neuere Anlagen sind unter anderem Schmetterlingsgräber, Kolumbarien und Paar-Anlagen.

Zu jeder Jahreszeit ist der Parkfriedhof eine Oase der Ruhe inmitten der belebten Metropole. Besonders empfehlenswert: ein Spaziergang zur Rhododendronblüte Anfang Juni. Aber auch jetzt im Herbst ist es hier sehr schön.

Herbststimmung auf dem Friedhof Ohlsdorf/Hamburg © Jan Einar Albin

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof kann sich jeder beisetzen lassen, unabhängig von Wohnort und Konfession.

Der Ohlsdorfer Friedhof ist alles andere als unbelebt. Er ist eine Oase mitten in der Großstadt Hamburg. Die nordstory des NDR zeigt die Lebendigkeit dieser Großstadtoase. Die Hamburger nennen ihren Hauptfriedhof kurz „Ohlsdorf“. Er ist eine Welt für sich, ein Kosmos. Vor dem schmiedeeisernen Tor bleiben Hektik, Lärm und Stress zurück. Eben noch in der pulsierenden Stadt, steht der Besucher wenige Sekunden und Schritte später in einem paradiesisch anmutenden Wald.


NDR – nord-story: Im Wald der Engel (2014)

Die Luft ist klar, es duftet pflanzlich nach Harz und Blüten, Bienen summen, Vögel singen und zahllose Engel schauen einen wohlwollend an. Und vielleicht ist auch ein Fuchs, ein Reh oder ein Uhu in der Nähe.

Trotz der Ruhe und der Natur weit und breit ist es nun doch in erster Linie ein Friedhof. Erschreckend fand meine Frau die Gräberfelder – für die Gefallenen des ersten und zweiten Weltkrieges. Zunächst machten uns die Sterbedaten stutzig, z.B. das Jahr 1922. Aber hier liegen eben auch Soldaten, die erst später an den Verletzungen, die sich im Krieg zugezogen hatten, gestorben sind.

Gräberfelder – für die Gefallenen des ersten Weltkrieges - Friedhof Ohlsdorf/Hamburg © Jan Einar Albin

Auf dem Friedhof Ohlsdorf befinden sich natürlich auch die Gräber vieler Prominenter, allen voran das Grab von Helmut und Loki Schmidt:

Grab von Helmut und Loki Schmidt
Viele Besucher hat das Grab des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt und seiner Frau Loki. Neben Blumen und Kerzen bringt mancher Besucher auch Zigaretten oder Schnupftabak vorbei

Wer sich anonym beisetzen möchte, findet im Urnenhain seine letzte Ruhestätte:

Weg zum anonymen Urnenhain - Friedhof Ohlsdorf/Hamburg © Jan Einar Albin
Weg zum anonymen Urnenhain. Das Tor fertigte Klaus Bösselmann 1980. Es bringt das Lebensthema „Werden, Sein, Vergehen“ symbolhaft zum Ausdruck.

Auf diesem Friedhof stehen auch viele Denkmäler und Skulpturen. Neben jeder Menge Engel ist es dann auch die „Grausame Gräfin“, die uns sagt, dass das Leben kein Honigschlecken ist:

Das Schicksal - Friedhof Ohlsdorf/Hamburg © Jan Einar Albin
Übel spielt „Das Schicksal“ den Menschen in dieser 1905 von Hugo Lederer geschaffenen Marmorskulptur mit: Eine Frau, auch die „Grausame Gräfin“ genannt, zerrt zwei hilflose Menschen an den Haaren durch ihr Leben.

Neben der Video aus der NDR nord-story fand ich noch andere kleinere Videobeiträge aus den Mediatheken der ARD: Gärtner Jens Blümke arbeitet auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf und kennt sich nicht nur mit Pflanzen, sondern auch mit Trauerarbeit aus: Er hat für alle ein offenes Ohr.


NDR – Mein Nachmittag: Die gute Seele vom Ohlsdorfer Friedhof

Und selbst die Gartensendung Querbeet des BR (Bayerischen Rundfunks) brachte einen kurzen Beitrag zum Ohlsdorfer Friedhof:


BR – Querbeet: Hamburg-Ohlsdorf – ein Friedhof als Stadtpark

weitere Videos bei Youtube

Natürlich reicht ein halber Tag nicht aus, um auch nur einen Teil des Friedhofes kennenzulernen. Und jede Jahreszeit hat ihre besonderen Seiten. Mit meiner Frau werde ich mit Sicherheit noch öfter diesen sehenswerten Parkfriedhof in Hamburgs Herzen besuchen kommen. Hilfreich ist natürlich Lektüre, um sich zurechtzufinden. Allem voran das Buch Der Ohlsdorfer Friedhof: Ein Handbuch von A-Z, das besonders vor Ort schnelle Hilfe leistet.

HSV – SV Werder – die 107te

Morgen fällt zum 107. Mal die Klappe zum norddeutschen Fußball-Derby zwischen dem HSV und dem SV Werder Bremen. Und wie schon in den letzten Jahren, so steht auch diese Partie unter dem dunklen Stern des Abstiegskampfes. O ja, der HSV begann diese Saison zunächst verheißungsvoll mit zwei Siegen, die allerdings mit einigem Glück erzielt wurden, während die Bremer gleich zwei Niederlagen kassierten. Inzwischen sind beide Mannschaft wieder dicht aneinandergerückt, da der HSV die nächsten vier Spiele alle verlor, während Werder immerhin drei Unentschieden herausholte. Aber bisher immer noch einen Sieg.

So stehen beide Mannschaften unter Druck.

Während die Hamburger in den letzten Spielen nicht gerade spielerisch glänzten, zeigten die Bremer durchaus ansprechende Leistungen. Besondern in der Defensive, in den letzten Jahren die absolute Schwachstelle, war die Mannschaft gut aufgestellt. Dafür aber haperte es im Angriff. Schon gab es die ersten Diskussionen um den Trainer. Alexander Nouri sei zu zaghaft. Das Umschaltspiel unausgereift.

Hinzu kam dann auch noch, dass sich Max Kruse am 4. Spieltag im Spiel gegen Schalke 04 nach einem Foul schwer verletzte und sich beim Sturz auf die Schulter das Schlüsselbein brach. Wie gut, dass man kurz vor Toresschluss noch den Algerier Ishak Belfodil von Standard Lüttich ausgeliehen hatte, der jetzt als Kruse-Ersatz aufs Feld auflaufen darf. Bisher hat er ganz ordentlich gespielt, nur fehlen noch die Tore.

Werder - Schalke (4. Spieltag 2017/2018): Max Kruse bricht sich das Schlüsselbein

Ein Sieg wäre jetzt so wichtig, um vor der nächsten Länderspielpause Ruhe in die Mannschaft zu bekommen. – Gleich habe ich Feierabend und dann mit Brückentag und dem Tag der deutschen Vielfältigkeit vier Tage am Stück frei. Da hoffe ich doch das Beste für den SVW von 1899 und damit auf einen gelungenen Wochenendbeginn für mich.

Alfa-Männchen und die neuen Blauen

Was macht eigentlich Bernd Lucke? Er, der Mitbegründer und ehemalige Bundessprecher der Alternative für Deutschland (AfD), sitzt seit 2014 als Abgeordneter im Europäischen Parlament. Damals noch als Mitglied der AfD gewählt. Und da sitzt er immer noch auf Kosten des Steuerzahlers. Wie wir wissen, wurde Lucke im Juli 2015 abgewählt, verließ dann die AfD und gründete die Partei Allianz für Fortschritt und Aufbruch. Ein etwas sperriger Name, aber die Abkürzung ist ganz nett: ALFA. Das erinnert mich an Alphamännchen oder an Analphabetismus. Seit November 2016 nennt sich die Partei Liberal-Konservative Reformer (kurz LKR). Da gibt selbst die Abkürzung nichts her. Immerhin stellt diese Kleinstpartei einige Mandatsträger, wenn diese auch nur – wie Lucke – von der AfD übergetreten sind. Als Farbe haben die sich wohl Orange auserkoren (hatten wir bisher noch nicht).

Bekanntlich frisst die Revolution ihre Kinder! (Georg Büchner in »Dantons Tod« ) Wenn man auch nicht gerade von Revolution im Zusammenhang mit der AfD sprechen kann, so passt das Bild durchaus. Lucke wurde von Frauke Petry entmachtet. Und die entgeht einer Entmachtung dadurch, indem sie die AfD gewissermaßen freiwillig verläßt

Und wie Lucke so plant wohl auch Frau Petry mit ihrem Mann, Marcus Pretzell, die Gründung einer neuen Partei, die gewissermaßen eine CSU auf Bundesebene darstellen soll: die Blauen?! Zumindest hat sich Frau Petry die Domain dieblauen.de auf ihren Namen registrieren lassen.

Eigentlich ein einprägsamer Name und nicht so stocksteif-sperrig wie die von Lucke erdachten Parteinamen. Aber wirklich glücklich werden dürfte Frau Petry mit dem Namen dann nicht, wird er bereits jetzt gehörig durch den Kakao gezogen. Und damit auch die neue Partei.

Es könnte richtig lustig sein, wenn es nicht so traurig wäre. Eigentlich zeigen Frau Petry und ihr Anhang nur, welchen Hackenschuss sie haben. So wie Herr Lucke 2019 nach einer Neuwahl auf Europaebene seinen Sitz verlieren und in der Versenkung verschwinden wird, so werden auch Sie, Frau Petry, spätestens 2021 Ihres Bundestagsmandates verlustig gehen. Ihre neue Partei (wenn es denn zu deren Gründung kommt) wird in den Niederungen der Parteienlandschaft herumkrebsen. Denn kein Mensch braucht eine CSU-Kopie auf Bundesebene.

Die Affäre Gauland

Anfang 1989 hatte der Leiter der Hessischen Staatskanzlei, Staatssekretär Alexander Gauland (damals CDU, heute AfD), den Leitenden Ministerialrat Rudolf Wirtz (SPD), langjähriger Leiter der Verbindungsstelle zwischen Landesregierung und Kirchen, gegen dessen Willen versetzt. Gauland begründete seine Entscheidung damit, dass Kirchenvertreter mit Wirtz’ Amtsführung nicht einverstanden gewesen seien.

Dagegen klagte Wirtz in Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht Wiesbaden. […] Gauland versicherte mehrmals an Eides statt, dass „Vertreter der Kirchen und Religionsgemeinschaften […] Vorbehalte hinsichtlich der Persönlichkeit und des Verhaltens“ von Wirtz geäußert hätten. Er nannte aber keine Namen, da die Bekanntmachung „dem Wohl des Landes Nachteile bereiten“ würde.

Umstritten war zudem die Personalie Wolfgang Egerter, wissenschaftlicher Mitarbeiter der CDU-Fraktion und seit 1987 Bundesverdienstkreuzträger (überreicht durch Ministerpräsident Wallmann), der anstelle von Wirtz Kirchenkoordinator werden sollte. Die Opposition sah darin einen „schwarzen Filz“, auch Kirchenvertreter gingen nicht konform mit den Vorgängen. Insbesondere die extrem rechte Vergangenheit von Egerter in Form der Mitgliedschaft und seiner Funktionen im völkischen sudetendeutschen Witikobund wurden kontrovers in Medien, Politik und Glaubensgemeinschaften diskutiert.

Der Siegener Theologe Martin Stöhr, Präsident des Internationalen Rats der Christen und Juden, kritisierte 1992 die Kirchen für ihr Schweigen im Fall Gauland. Stöhr führte aus: „Der Fall Egerter war ein öffentlicher Skandal. Hier testete ein Politiker (Alexander Gauland), wie weit man in den letzten Jahren den Bogen nach rechts schlagen kann, ohne auf öffentlichen, das heißt auch auf kirchlichen Widerstand zu stoßen. Man kann weit gehen, zu weit wie heute mit Entsetzen zu sehen ist.“

Ein Briefverkehr der 5. Kammer des Hessischen Verwaltungsgerichts von 2000 belegt: „Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass diese Angabe [die Versicherung an Eides statt durch Alexander Gauland] unrichtig war. […]

Nach der Landtagswahl in Hessen 1991 wurde Wirtz durch den neuen Staatskanzleichef Hans Joachim Suchan (SPD) rehabilitiert und 1992 erneut in sein altes Amt bestellt. Das Land Hessen übernahm die Prozesskosten, es wurde Stillschweigen vereinbart und eine Entschädigung ausgehandelt. [Joschka] Fischer, Stellvertreter des Ministerpräsidenten, Umweltminister und Staatsminister für Bundesangelegenheiten, entschuldigte sich 1994 und die CDU nahm ihre damaligen Anschuldigungen gegen Wirtz zurück.

Es folgten noch eine Anfrage der CDU- und ein Berichtsantrag der FDP-Fraktion. Ein eingesetzter Petitionsausschuss des Hessischen Landtags unter der Leitung von Christoph Greiff (CDU) stellte 1995 öffentlich fest, dass Wirtz zu Unrecht entlassen wurde. (Quelle: de.wikipedia.org)

    Martin Walser: Finks Krieg

1996 erschien im Suhrkamp Verlag der Roman Finks Krieg von Martin Walser, der auf dieser Affäre Gauland aus den 1980/90er Jahren in Hessen basiert. Der Schriftsteller war mit dem Ministerialbeamten Rudolf Wirtz bekannt. Dieser sammelte für ihn in ca. 50 Aktenordnern das Material zum Fall. Walser widmete sich dann sechs Jahre der Ausarbeitung des Romans.

Ich habe mich etwas ausführlicher zu diesem Roman (Martin Walser: Finks Krieg) geäußert. Damals konnte ich nicht damit rechnen, dass mir (uns) der Name Gauland leider noch öfter über den Weg laufen würde. Schon zu damaligen Zeiten zeigte sich Gauland als ‚rechter‘ Geselle, der auch vor Meineid nicht Halt machte.