Kategorie-Archiv: Wiedergelesen

Wiedergelesen – wiederentdeckte Literatur

Kafkas Der Bau – der Film

    „Es muß ja kein eigentlicher Feind sein, dem ich die Lust errege, mir zu folgen, es kann recht gut irgendeine beliebige kleine Unschuld, irgendein widerliches kleines Wesen sein, welches aus Neugier mir nachgeht und damit, ohne es zu wissen, zur Führerin der Welt gegen mich wird, es muß auch das nicht sein, vielleicht ist es – und das ist nicht weniger schlimm als das andere, in mancher Hinsicht ist es das schlimmste – vielleicht ist es jemand von meiner Art, ein Kenner und Schätzer von Bauten …“
    Franz Kafka: Der Bau

Es gibt mehrere ‚Tier‘-Geschichten, die Franz Kafka verfasst hat. Die wohl bekannteste Erzählung ist Die Verwandlung, in der ein gewisser „Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ In Ein Bericht für eine Akademie legt der ehemalige Affe namens Rotpeter einer Akademie einen Bericht über seine Menschwerdung vor. In den 1980-er Jahren habe ich diese Erzählung als Ein-Personen-Theaterstück in Bremen gesehen, wozu es sich bestens eignet.

Weitere Tiergeschichten von Kafka sind u.a. Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse, Forschungen eines Hundes und Der Bau. Der Bau „schildert den vergeblichen Kampf eines Tieres um die Perfektionierung seines riesigen Erdbaues zum Schutz vor Feinden. Die Erzählung handelt von der Verstrickung in die zwanghafte Beobachtung einer selbstgeschaffenen labyrinthartigen Anlage, die zunehmende Paranoia erzeugt.“

Die Erzählung muss als unvollendet gelten, denn „der letzte Satz, mit dem die Erzählung abbricht, lautet: ‚Aber alles blieb unverändert, das –‘. Dieser Satz steht am Schluss einer Seite, was vermuten lässt, dass Kafka noch mehr geschrieben und einen Schluss verfasst hat. Um die Erzählung damals jedoch als abgeschlossen veröffentlichen zu können, änderte Max Brod [Freund und später Herausgeber der Werke Kafkas] den vermeintlich letzten Satz um in: ‚Aber alles blieb unverändert.‘“ – Kafka hat sich „bei seinen Tiergeschichten, insbesondere in der vorliegenden, stark an den Schilderungen aus Brehms Tierleben orientiert, hier diente als Vorlage der Dachs.“

Wie so oft bei Kafka, so lässt sich auch diese Erzählung nicht eindeutig interpretieren. „Kafka hat 1915 unter dem Kriegseindruck einen für Publikum gestellten Schützengraben mit seiner klaustrophobischen Enge besichtigt und eine Vorstellung vom Grabenkrieg erhalten. Denkbar ist, dass er diese Eindrücke noch acht Jahre später in der Schilderung des beklemmenden unterirdischen Labyrinths verarbeitet hat.“ Möglich wäre es aber auch, dass Kafka den Bau auf seine damaligen Lebens- und Wohnverhältnisse bezogen hat. Es gibt zudem die Deutung, dass das Geräusch gar nicht von außen, sondern aus dem Protagonisten selbst kommt und so ein Hinweis auf Kafkas fortschreitende Lungentuberkulose sein könnte.

Axel Prahl als Franz in ‚Kafkas Der Bau‘ (2014)

Eine etwas andere Interpretation bietet der Kinofilm Kafkas Der Bau von Jochen Alexander Freydank (2009 Oscar in der Kategorie Bester Kurzfilm für Spielzeugland), der auch das Drehbuch schrieb. Der Film erschien 2014 und zeigt Axel Prahl in der Hauptrolle des Franz.

Der Film „erzählt die Geschichte der ‚Verwandlung‘ eines Menschen. Franz lebt in einem festungsartigen Wohnkomplex. Er glaubt, es geschafft zu haben. Aber immer mehr Zweifel kommen auf. Ist er wirklich so autark, wie er hofft? Die Welt um ihn herum verändert sich. Er selbst verändert sich. Der Film endet in einer bildgewaltigen postapokalyptischen Welt, in der Franz zwar alles verloren hat, aber auch befreit ist von seinen Ängsten.“


Kafkas Der Bau (2014)

Der Kafka’sche Bau wird hier in dem großen Wohngebäude abgebildet und steht für die Einsamkeit und Verlorenheit des modernen Menschen, die Freydank in kühlen, klaustrophobischen Bildern darstellt. Der Film bewegt sich dabei zwischen psychologischem Drama und Science-Fiction-Film. Wie in Gedanken rezitiert Franz (Axel Prahl) längere Auszüge aus der Original-Erzählung, was das Befremdliche noch um einiges steigert. Geradezu beängstigend wirkt der schnelle Verfall des Gebäudes – und parallel dazu der ganzen Umwelt samt dem Niedergang der Menschen. Vielleicht kann man den ‚Bau‘ als wankende Festung Europas interpretieren oder auch als Abbild der scheiternden (Selbst-)Überwachung. Kafka is watching us?! – Ähnlich paranoide Zustände wie beim Protagonisten Franz lassen sich sicherlich auch in einem Teil unserer Bevölkerung erkennen, die sich um Volk und Land zu sorgen scheinen.

Weihnachten 1932 in Wasserburg/Bodensee

Die Bescherung fand, weil auf das Klavier nicht verzichtet werden konnte, im Nebenzimmer statt. Das heißt, Josef und Johann hatten erst Zutritt, als der Vater am Klavier Stille Nacht, heilige Nacht spielte. Der Einzug ins Nebenzimmer geschah durch zwei Türen: von der Wirtschaft her zogen, ihre Gläser in der Hand, die vier letzten Gäste hinter Elsa herein. Hanse Luis, der Schulze Max, Dulle und Herr Seehahn. Durch die Tür vom Hausgang her zogen Josef, Johann, Niklaus und der Großvater ein. Zuletzt Mina, die Prinzessin und die Mutter, sie kamen aus der Küche.

Immer an Weihnachten trug Herr Seehahn am grünen Revers seiner gelblichen Trachtenjacke den Päpstlichen Hausorden, den er bekommen hatte, weil er als Marinerevolutionär in München zum päpstlichen Nuntius, den er hätte gefangen nehmen sollen, gesagt hatte: Eminenz, wenn Sie mit mir kommen, sind Sie verhaftet, wenn Sie die Hintertür nehmen, sind Sie mir entkommen.

Wasserburg/Bodensee

Dulle war wohl von allen am weitesten von seiner Heimat entfernt. Dulle war aus einem Ort, dessen Name in Johanns Ohren immer klang, als wolle man sich über Dulle lustig machen. Niemals hätte Johann in Dulles Gegenwart diesen Namen auszusprechen gewagt. Buxtehude. Dulle sprach anders als jeder andere im Dorf. Er hauste in einem Verschlag bei Frau Siegel, droben in Hochsträß, direkt an der frisch geteerten Landstraße. Dulle war Tag und Nacht unterwegs. Als Fischerknecht und als Durstiger. Oder hinter Fräulein Agnes’ Katzen her. Adolf behauptete, Dulles Verschlag, Wände und Decke, sei tapeziert mit Geldscheinen aus der Inflation. Hunderttausenderscheine, Scheine für Millionen, Milliarden, Billionen. Eine Zeitung habe, sagte Adolf, 1923 sechzehn Milliarden Mark gekostet. Immer wenn Johann von dieser Inflation etwas hörte, dachte er, das Land hat Fieber gehabt damals, 41 oder 42 Grad Fieber müssen das gewesen sein.

Der Schulte Max war nirgendwo her beziehungsweise überall her, eben vom Zirkus. Er nächtigte im Dachboden des von zugezogenen Fischerfamilien bewohnten Gemeindehauses, und zwar auf einem Lager aus alten Netzen.

Verglichen mit den Schlafstätten von Dulle und Schulze Max, war das, was Niklaus droben im Dachboden als Schlafstatt hatte, eine tolle Bleibe. Niklaus hatte ein richtiges Bett so mit alten Schränken umstellt, daß eine Art Zimmer entstand. Niklaus war für Johann interessant geworden, als Johann ihm einmal zugeschaut hatte, wie er seine Fußlappen über und um seine Füße schlug und dann in seine Schnürstiefel schlüpfte. Die Socken, die Mina ein Jahr zuvor für Niklaus gestrickt und unter den Tannenbaum gelegt hatte, hatte er einfach liegen lassen. Als Mina sie ihm in die Hand drückten wollte, hatte er den Kopf geschüttelt. Niklaus sprach selten. Mit Nicken, Kopfschütteln und Handbewegungen konnte er, was er sagen wollte, sagen. Wenn er meldete, daß Freifrau Ereolina von Molkenbuer drei Zentner Schwelkoks und Fräulein Hoppe-Seyler zwei Zentner Anthrazit bestellt hatten, merkte man, daß er keinerlei Sprachfehler hatte. Er sprach nicht gern. Sprechen war nicht seine Sache.

Unterm Christbaum lagen für Josef und Johann hellgraue Norwegerpullover, fast weiß und doch nicht weiß, silbergrau eigentlich. Mit graublauen, ein bißchen erhabenen Streifen. Aber auf der Brust zwei sehr verschiedene Muster, eine Verwechslung war zum Glück ausgeschlossen. Josef zog seinen sofort an. Johann hätte seinen lieber unterm Christbaum gesehen, aber weil alle sagten, er solle seinen doch auch probieren, zog er ihn an. Johann mußte, als er spürte, wie ihn dieser Pullover faßte, schnell hinaus, so tun, als müsse er auf den Abort, aber er mußte vor den Spiegel der Garderobe im Hausgang, er mußte sich sehen. Und er sah sich, silbergrau, fast bläulich erhabene Streifen, auf der Brust in einem Kreis ein Wappen. Königssohn, dachte er. Als er wieder hineinging, konnte er nicht ganz verbergen, wie er sich fühlte. Mina merkte es. Der steht dir aber, sagte sie.

Dieser Pullover waren aus dem Allgäu gekommen, von Anselm, dem Vetter genannten Großonkel.

Zu jedem Geschenk gehörte ein Suppenteller voller Plätzchen, Butter-S, Elisen, Lebkuchen, Springerle, Zimtsterne, Spitzbuben, Makronen.

Die Mutter sagte zu Mina hin und meinte die Plätzchen: Ich könnt ’s nicht. Johann nickte heftig, bis Mina bemerkte, daß er heftig nickte. Er hatte letztes Jahr von Adolfs Plätzchenteller probieren dürfen. Bruggers Plätzchen schmeckten alle gleich, von Minas Plätzchen hatte jede Sorte einen ganz eigenen Geschmack, und doch schmeckten alle zusammen so, wie nur Minas Plätzchen schmecken konnten. In diesem Jahr lag neben Johanns und Josefs Teller etwas in Silberpapier eingewickeltes Längliches, und aus dem Silberpapier ragte ein Fähnchen, darauf war ein rotes Herz gemalt und hinter dem Herz stand –lich. Über dem Herz stand: Die Prinzessin grüßt. Josef probierte schon, als Johann noch am Auspacken war. Nougat, sagte er. Richtig, sagte die Prinzessin. Toll, sagte Josef. Johann wickelte seine Nougatstange unangebissen wieder ein.

Für Mina und Elsa gab es Seidenstrümpfe. Beide sagten, daß das doch nicht nötig gewesen wäre. Für Mina lag noch ein Sparbuch dabei. Mit einem kleinen Samen, sagte die Mutter. Bei der Bezirkssparkasse. Die gehe nicht kaputt. Mina sagte kopfschüttelnd: O Frau, vergelt ’s Gott! Für die Prinzessin lagen mehrere Wollstränge in Blau unter dem Baum. Sie nahm sie an sich, salutierte wie ein nachlässiger Soldat mit dem Zeigefinger von der Schläfe weg und sagte: Richtig. Und zu Johann hin: Du weißt, was dir bevorsteht. Johann sagte auch: Richtig! Und grüßte zurück, wie sie gegrüßt hatte. Er mußte immer abends die Hände in die Wollstränge stecken, die die Prinzessin dann, damit sie nachher stricken konnte, zum Knäuel aufwickelte. In jeder feien Minute strickte sie für ihren Moritz, den sie einmal im Monat in Ravensburg besuchen durfte; aber allein sein durfte sie nicht mit dem Einjährigen. Die Mutter des Siebzehnjährigen, der der Kindsvater war, saß dabei, solange die Prinzessin da war. Nach jedem Besuch erzählte die Prinzessin, wie die Mutter des Kindsvaters, die selber noch keine vierzig sei, sie keine Sekunde aus den Augen lasse, wenn sie ihren kleinen Moritz an sich drückte. Die Prinzessin, hieß es, sei einunddreißig. Sie hatte jedem etwas neben den Teller gelegt, und jedesmal hatte sie ihr Herz-Fähnchen dazugesteckt. Für Elsa eine weiße Leinenserviette, in die die Prinzessin mit rotem Garn ein sich aufbäumendes Pferd gestickt hatte. Für Mina zwei Topflappen, in einem ein großes rotes A, im anderen ein ebenso großes M. Für Niklaus hatte sie an zwei Fußlappen schöne Ränder gehäkelt. Für Herrn Seehahn gab es ein winziges Fläschchen Eierlikör. Für die Mutter einen Steckkamm. Für den Vater ein Säckchen mit Lavendelblüten. Für den Großvater ein elfenbeinernes Schnupftabakdöschen. Johann, sagte sie, geh, bring ’s dem Großvater und sag ihm, Ludwig der Zweite, habe es dem Urgroßvater der Prinzessin geschenkt, weil der den König, als er sich bei der Jagd in den Kerschenbaumschen Wäldern den Fuß verstaucht hatte, selber auf dem Rücken bis ins Schloß getragen hat. Alle klatschten, die Prinzessin, die heute einen wild geschminkten Mund hatte, verneigte sich nach allen Seiten. Johann hätte am liebsten nur noch die Prinzessin angeschaut. Dieser riesige Mund paßte so gut unter das verrutschte Glasauge. Für Niklaus lagen wieder ein Paar Socken und ein Päckchen Stumpen unterm Baum. Die Socken, es waren die vom vorigen Jahr, ließ er auch diesmal liegen. Die Stumpen, den Teller voller Plätzchen und die umhäkelten Fußlappen trug er zu seinem Platz. Im Vorbeigehen sagte er zur Prinzessin hin: Du bist so eine. Sie salutierte und sagte: Richtig. Dann ging er noch einmal zurück, zum Vater hin, zur Mutter hin und bedankte sich mit einem Händedruck. Aber er schaute beim Händedruck weder den Vater noch die Mutter an. Schon als er seine Rechte, der der Daumen fehlte, hinreichte, sah er weg. Ja, er drehte sich fast weg, reichte die Hand zur Seite hin, fast schon nach hinten. Und das nicht aus Nachlässigkeit, das sah man. Er wollte denen, die ihn beschenkt hatten, nicht in die Augen sehen müssen. Niklaus setzte sich wieder zu seinem Glas Bier. Nur an Weihnachten, an Ostern und am Nikolaustag trank er das Bier aus dem Glas, sonst aus der Flasche. Johann sah und hörte gern zu, wenn Niklaus die Flasche steil auf der Unterlippe ansetzte und mit einem seufzenden Geräusch leertrank. Wie uninteressant war dagegen das Trinken aus dem Glas. Niklaus setzte auch jede Flasche, die angeblich leer aus dem Lokal zurückkam und hinter dem Haus im Bierständer auf das Brauereiauto wartete, noch einmal auf seinen Mund; er wollte nichts verkommen lassen.

Der Vater ging zum Tannenbaum und holte ein blaues Päckchen, golden verschnürt, gab es der Mutter. Sie schüttelte den Kopf, er sagte: Jetzt mach ’s doch zuerst einmal auf. Eine indische Seife kam heraus. Und Ohrringe, große, schwarz glänzende Tropfen. Sie schüttelte wieder den Kopf, wenn auch langsamer als vorher. Für den Großvater lag ein Nachthemd unter dem Baum. Er sagte zu Johann, der es ihm bringen wollte: Laß es nur liegen. Als letzter packte der Vater sein Geschenk aus. Lederne Fingerhandschuhe, Glacéhandschuhe, sagte der Vater. Damit könnte man fast Klavier spielen, sagte er zu Josef. Und zog sie an und ging ans Klavier und ließ schnell eine Musikmischung aus Weihnachtsliedern aufrauschen. Hanse Luis klatschte Beifall mit gebogenen Händen; das war, weil er seine verkrümmten Handflächen nicht gegen einander schlagen konnte, ein lautloser Beifall. Er sagte: Was ischt da dagege dia Musi vu wittr her. Er konnte sich darauf verlassen, daß jeder im Nebenzimmer wußte, Radio hieß bei Hanse Luis Musik von weiter her. Dann stand er auf und sagte, bevor er hier auch noch in eine Bescherung verwickelt werde, gehe er lieber. Es schneie immer noch, er solle bloß Obacht geben, daß er nicht noch falle, sagte die Mutter. Kui Sorg, Augusta, sagte er, an guate Stolperer fallt it glei. Er legte einen gebogenen Zeigefinger an sein grünes, randloses, nach oben eng zulaufendes Jägerhütchen, das er nie und nirgends abnahm, knickte sogar ein bißchen tänzerisch ein und ging. Unter der Tür drehte er sich noch einmal um, hob die Hand und sagte, er habe bloß Angst, er sei, wenn es jetzt Mode werde, statt Grüßgott zu sagen, die Hand hinauszustrecken, dumm dran, weil er so krumme Pratzen habe, daß es aussehe wie die Faust von denen, die Heil Moskau schrieen. Und dann in seiner Art Hochdeutsch: Ich sehe Kalamitäten voraus, Volksgenossen. Und wieder in seiner Sprache: Der sell hot g’seet: No it hudla, wenn ’s a ’s Sterbe goht. Und mit Gutnacht miteinand war er draußen, bevor ihm die Prinzessin, was er gesagt hatte, in Hochdeutsch zurückgeben konnte. Elsa rannte ihm nach, um ihm die Haustür aufzuschließen. Dann hörte man sie schrill schreien: Nicht, Luis … jetzt komm, Luis, laß doch, Luiiiis! Als sie zurückkam, lachte sie. Der hat sie einreiben wollen. Johann staunte. Daß Adolf, Paul, Ludwig, Guido, der eine Helmut und der andere und er selber die Mädchen mit Schnee einrieben, sobald Schnee gefallen war, war klar; nichts schöner, als Irmgard, Trudl oder Gretel in den Schnee zu legen und ihnen eine Hand voll Schnee im Gesicht zu zerreiben. Die Mädchen gaben dann Töne von sich wie sonst nie. Aber daß man so eine Riesige wie Elsa auch einreiben konnte! Hanse Luis war einen Kopf kleiner als Elsa. Kaum war Elsa da, erschien Hanse Luis noch einmal in der Tür und sagte: Dr sell hot g’sell, a Wieb schla, isch kui Kunscht, abe a Wieb it schla, desch a Kunscht. Und tänzelte auf seine Art und war fort. Die Prinzessin schrie ihm schrill, wie gequält nach: Ein Weib schlagen, ist keine Kunst, aber ein Weib nicht schlagen, das ist eine Kunst. Der Dulle hob sein Glas und sagte, Ohne dir, Prinzessin, tät ich mir hier im Ausland fühlen.

Die Bescherung war vorbei, jetzt also die Lieder. Schon nach dem ersten Lied, Oh du fröhliche, oh du selige, sagte der Schulze Max zur Mutter, die beiden Buben könnten auftreten. Der Vater hatte die Glacéhandschuhe wieder ausgezogen und spielte immer aufwendigere Begleitungen. Nach Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Frau’n sagte der Schulte Max zu Dulle: Auf diese Musikanten trinken wir noch ein Glas. Wenn du einverstanden bist. Dulle nickte heftig. Dann gehen wir aber, sagte der Schulze Max. Dulle nickte wieder. Wieder heftig. Der Schulze Max: Wir wollen überhaupt nicht anwachsen hier. Dulle schüttelte den Kopf ganz heftig. Der Schulze Max: Heute schon gar nicht, stimmt ’s? Dulle nickte so heftig, daß er danach seine Brille wieder an ihren Platz hinaufschieben mußte. Der Schulze Max: Auch eine Wirtsfamilie will einmal unter sich sein, stimmt ’s? Dulle nickte wieder, hielt aber, damit er heftig genug nicken konnte, schon während des Nickens die Brille fest. Der Schulze Max: Und wann möchte, ja, wann muß eine Familie ganz unter sich sein, wenn nicht am Heiligen Abend, stimmt ’s? Dulle nahm, daß er noch heftiger als zuvor nicken konnte, seine Brille ab. Der Schulze Max: Und was haben wir heute? Dulle, mit einer unglaublich zarten, fast nur noch hauchenden Stimme: Heilichabend. Der Schulze Max, sehr ernst: Daraus ergibt sich, sehr, sehr verehrte Frau Wirtin, daß das nächste Glas wirklich das letzte ist, das letzte sein muß.

aus: Martin Walser: Ein springender Brunnen (suhrkamp taschenbuch 3100 – 1. Auflage 2000 – S. 92- 96, S. 98-101)

Tschingis Aitmatow: Dshamilja

    Ich schwöre es, die schönste Liebesgeschichte der Welt.
    Louis Aragon

Im zentralasiatischen nordöstlichen Kirgisien, irgendwo im Tal des Kukureufluses, im Sommer des dritten Kriegsjahres, 1943, hat sie sich abgespielt, „die schönste Liebesgeschichte der Welt“ (Aragon). Said, der damals Fünfzehnjährige, der nicht wußte, wie Liebe sich zuträgt, erzählt sie mit großem Erstaunen.
(aus dem Kladdentext)

    Ich war erschüttert. Die ganze Steppe schien zu erblühen, zu wogen, die Dunkelheit wich, und in der unendlichen Weite sah ich die Liebenden. Sie bemerkten mich nicht, sie hatten alles auf der Welt vergessen und wiegten sich im Takt des Liedes. Ich erkannte sich nicht wieder. Und dennoch: das war Danijar in seinem offenen, abgewetzten Uniformhemd, aber seine Augen schienen in der Dunkelheit zu leuchten. Und das war meine Dshamilja, die sich an ihn lehnte, aber sie war so stille und scheu, und an ihren Wimpern blitzten Tränen. Das waren zwei neue, unendlich glückliche Menschen. Und war das denn nicht das Glück? Danijars Lieder galten nur ihr, er sang für sie, er sang von ihr.
    Tschingis Aitmatow: Dshamilja(S: 96)

Mit seiner kleinen Erzählung von Dshamilja und Danijar hat der Kirgise Tschingis Aitmatow eine wunderbare Liebesgeschichte geschrieben, die sicherlich auch uns, die wir fernab der asiatischen Steppe leben, auf besondere Weise berührt. Denn sie spielt in einem Dorf namens Talas am Fluß Kukureu im Nordosten Kirgisiens (Talaskaja Oblast) an der Grenze zu Kasachstan und – wie bereits erwähnt – vor längerer Zeit im Jahr 1943. Aber auch wenn uns die beiden Liebenden von Ort und Zeit so weit entrückt sind, mit dieser Erzählung kommen sie uns ganz nah. Wer mag da dem guten Louis Aragon widersprechen: Es ist wirklich die schönste Liebesgeschichte der Welt!

    Tschingis Aitmatow: Dshamilja

Die Erzählung Dshamilja – aus dem Russischen von Gisela Drohla – habe ich als suhrkamp taschenbuch 1579 – erste Auflage 1988 – Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, vorliegen und zum ersten Mal vor nun 27 Jahren (eben 1988) gelesen.

Zum Inhalt: Said, ein 15-jähriger Junge, erzählt die Liebesgeschichte seiner Schwägerin Djamila. Während Djamilas ungeliebter Mann, Sadyk, im Zweiten Weltkrieg an der Front kämpft, lernt sie Danijar bei den täglichen Getreidefuhren zum Bahnhof mit ihm kennen. Er ist ein teilinvalider Frontheimkehrer, scheu, träumerisch und von den Menschen im Dorf gemieden. Erst als er eines Tages ein Lied singt, bemerkt Djamila, dass in ihm ungeahnte Qualitäten stecken. Er singt von der Landschaft und vom Leben und auch Said ist hingerissen von ihm. Djamila und Danijar verlieben sich ineinander und Said, der bisher versucht hat, Djamila von Männern fernzuhalten, da er selber auf eine für ihn noch unbegreifliche Weise in Djamila verliebt ist, billigt dies. Durch den Gesang Danijars entdeckt er sein eigenes künstlerisches Ausdrucksverlangen als Maler. Nach Sadyks Heimkehr von der Front eskaliert die Situation und die zwei Verliebten verlassen das Dorf und brechen so die Tradition, um miteinander leben zu können. Auch Said verlässt das Dorf und folgt seiner Berufung als Maler.

Der merkwürdige Reiz von „Dshamilja“ beruht darauf, […] daß wir das alles von innen erfahren durch Menschen, für die das alles natürlich ist, keiner Erklärung bedarf, so daß der Erzählfluß jene außerordentliche Leichtigkeit gewinnt, die der modernen, an einer Reportagekrankheit leidenden Literatur, in der alles vorher auf Karteikarten geschrieben zu sein scheint, so sehr fehlt. (Louis Aragon: Vorwort – S. 14 f. – Leseprobe: Vorwort zum Buch)

    Tschingis Aitmatow

Der Autor, Tschingis Aitmatow wurde 1928 im Dorf Sheker, Kirgisien, geboren. Mit fünfzehn war er der Sekretär des Dorfsowjets in Sheker. Genau in dieser Zeit spielt „Dshamilja“. 1946 studierte er an der Technischen Hochschule in Dshambul Veterinärmedizin. Nach dreijähriger Arbeit auf dem Experimentiergut des Wissenschaftlichen Viehzuchtforschungsinstituts von Kirgisien geht Aitmatow 1956 bis 1958 an das Literatur-Institut „Maxim Gorki“ nach Moskau. Aitmatows Name repräsentiert – auch in der westlichen Welt # die beste zeitgenössische Sowjetliteratur.

Bereits in den 1970er Jahren distanzierte er sich vom sozialistischen Realismus, sein Roman Der Richtplatz (auch: Die Richtstatt) gab 1987 wichtige literarische Impulse für die Perestroika.

1988–1990 war Aitmatow Vorsitzender des kirgisischen Autorenverbandes. In der Zeit der Perestroika war er als parlamentarischer Vertreter (Oberster Sowjet der UdSSR) aktiv, seit Ende 1989 auch als Berater Michail Gorbatschows. 1990 wurde er der letzte sowjetische Botschafter in Luxemburg. Bis März 2008 war er Botschafter für Kirgisistan in Frankreich und den Benelux-Staaten und lebte in Brüssel.

Nachdem der an Diabetes erkrankte Aitmatow bei Dreharbeiten im Wolgagebiet im Mai einen Schwächeanfall erlitten hatte, verstarb er am 10. Juni 2008 im Nürnberger Klinikum nach drei Wochen an den Folgen einer schweren Lungenentzündung.

Hannes Wader wurde durch die Erzählung zu seinem Lied „Am Fluss“ inspiriert („Es wird Abend, siehst du auch die alten Weiden dort am Fluß? Komm, in ihren Schatten kühlst du deinen müden Fuß …“).

Günter Grass: Der Butt (1977)

Aus Anlass des Todes von Günter Grass im April diesen Jahres las ich erneut einen seiner wichtigsten Romane: Der Butt, der 1977 erschien. Mit Fokus auf das Gebiet der Weichselmündung behandelt er auf mehreren Erzählebenen die Geschichte der Menschheit von der Jungsteinzeit bis zur Gegenwart und hier insbesondere das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Das Märchen Vom Fischer und seiner Frau ist dabei Ausgangspunkt und strukturgebendes Merkmal. Daraus entnommen der Butt, ein sprechender Fisch, den Grass als allzeitiger Berater der Männersache vorführt.

    Günter Grass: Der Butt (1977)

Mit der Zeugung eines Kindes beginnt der Icherzähler Günter Grass seinen Roman ‚Der Butt‘ und er beendet ihn mit der Geburt. Dazwischen, in den neun Monaten der Schwangerschaft, denen die neun Kapitel des Romans entsprechen, erzählt er seiner Frau, die er nach dem Märchen ‚Vom Fischer un syne Frau‘ Ilsebill nennt, von seinen Lebensläufen durch die Jahrhunderte.
Wie in jenem Märchen nahm seine lange Geschichte ihren Lauf an einem schönen Sommertag gegen Ende der Jungsteinzeit, als der Fischer Edek aus der Ostsee, dort wo Jahrtausende später die Stadt Danzig erstand, einen wundersamen Fisch fing, den uralten, sprechenden, allwissenden Butt. Zum Dank für die geschenkte Freiheit macht ihn der Butt unsterblich, begleitet er ihn als Mentor durch die Jahrhunderte. Vom Butt beraten, löst sich der Icherzähler aus der wärmenden Fürsorge der herrschenden Frauen, verläßt er Aua, das dreibrüstige Urweib in der Weichselmündung, vertritt er fortan die Herrschaft der Männer über die Frauen. Und doch verfällt er immer wieder dem Ewig-Weiblichen, vor allem den Kochkünsten der Frauen. Von neun Köchinnen weiß er Ilsebill zu berichten, von neun, vom Zeitgeist der jeweiligen weltgeschichtlichen Epoche bestimmten Frauen, liebenden und mörderischen, treusorgenden und herrschsüchtigen – immer neue Verwandlungen und Geschichten, Legenden, Sagen und Parabeln von Jahrhundert zu Jahrhundert. Indessen vollendet sich das Märchen vom Butt in der Gegenwart.
In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, während Ilsebill vergangenen Mythen lauscht, haben drei Frauen an der Ostseeküste den Butt erneut an der Angel, muß er sich in Berlin in einer Zinkwanne vor einem feministischen Tribunal verantworten, angeklagt als Betreiber der Männersache, als Verantwortlicher für das bittere Los der Frauen von der Steinzeit bis heute.

Dieser prall und sinnlich, poetisch und frivol erzählte und von Küchendüften durchzogene Roman von der Herrschaft der Männer und der Freiheit der Frauen ist eine magisch beschworene Menschheitsgeschichte aus mythologischer Vergangenheit und realer Gegenwart, phantastische Erfindungen und wahren Geschichten ohne Ende, ein „Danziger ‚Zauberberg‘“.
(aus dem Kladdentext)

    Ilsebill salzte nach. Bevor gezeugt wurde, gab es Hammelschulter zu Bohnen und Birnen, weil Anfang Oktober. Beim Essen noch, mit vollem Mund sagte sie: „Wolln wir nun gleich ins Bett oder willst du mir vorher erzählen, wie unsre Geschichte wann wo begann?“

So beginnt dieser gut 550 Seiten starke Roman, wobei der Romanbeginn 2007 zum schönsten ersten Satz eines deutschsprachigen Romans gewählt wurde. Es geht also um Bett- und Küchengeschichten. Oft deftig das eine wie das andere. Und es geht um Männer und Frauen. Am Anfang stand das Matriarchat, eine Zeit, in der die Frauen das Sagen hatten. Aber die Männer wollten ihr ‚eigenes Ding‘. Und dank des Butts, der sich den Männern als Mentor anbot, übernahmen die Männer nach und nach das Ruder: „Das war am 3. Mai 2211 vor unserer Zeitrechnung – es soll ein Freitag gewesen sein – an einem jungsteinzeitlichen Tag“ (S. 26), als Edek, der junge Fischer, den sprechenden Plattfisch aus der Ostsee angelte.

Die Frauenbewegung war wenig von dem Roman angetan. Die Frauenzeitschrift Emma kürte Grass für sein Werk sogar zum Pascha des Monats. Heute liefe der Roman Gefahr, des Sexismus bezichtigt zu werden

Ja, es geht kaschubisch-rustikal zur Sache. Was da auf den Teller kommt, ist deftig-kräftig und verlangt einen guten Magen. Und in den Betten und Kojen fließen reichlich Körpersäfte. Am Ende kommt dann so etwas wie eine Bestandsaufnahme heraus: die Geschichte der Menschen, die durch Männer bestimmt ist, hat meist nur Krieg und Verderben hervorgebracht.

So kann und muss man Grass‘ Roman als eine Suche nach einem Dritten Weg verstehen. Ende der 60-er, Anfang der 70-er Jahre gab es die Suche nach alternativen Konzepten zu Kommunismus und Kapitalismus (Stichwort: Prager Frühling 1968). Dem Inhalt und der Thematik des Romans zufolge, könnte die von Grass gesuchte Alternative ein Mittelweg zwischen den zwei Extremen Matriarchat und Patriarchat sein. Ich denke aber, dass für Günter Grass der Dritte Weg letztendlich doch nur Illusion, nie aber eine realisierbare Option war.

Ich habe den Roman als Fischertaschenbuch 2181 – Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 101. – 150. Tausend: November 1979 – vorliegen und zum ersten Mal im Herbst 1981 gelesen. Damals habe ich mir ein kleines Personenregister angelegt, das ich hier als PDF-Datei beilege. Denn über die Jahrhunderte des erzählenden Werkes treten recht viele Personen auf. So behält man die Übersicht. Ich habe den Roman wie anfangs erwähnt anlässlich des Todes von Günter Grass erneut gelesen. Dabei habe ich mir Zeit gelassen. Es ging mir dabei wohl ähnlich wie Rolf Michaelis, der damals in der Wochenzeitschrift Die Zeit schrieb:

„Schon lange nicht mehr so Schönes gelesen. Ein Buch, mit dem man lange leben kann. Mit diesem Roman, nach dem sprechenden Plattfisch des Märchens benannt, geht es einem wie mit Menschen: Man hört zu, hört auch mal weg, ist glücklich und mal ärgerlich.“

Bei dieterwunderlich.de habe ich eine sehr ausführliche Inhaltsangabe samt Zitaten gefunden, die ich dem interessierten Leser hiermit empfehlen möchte. Zuletzt noch einige weitere Auszüge aus Rezensionen:

„Es ist die kunstvollste Verzwirnung individuellen Geschehens mit Historie, die ein Roman seit Joyce‘ ‚Ulysses‘ geleistet hat.“
Fritz J. Raddatz in Merkur

„Groß, frisch, oft überraschend, vor allem dann, wenn Grass sinnliche Sagas oder menschliche Tragödien unserer Gegenwart beschreibt, sind Sprache und phantasmagorische Phantasie dieses genialischen Erzählers.“
Joachim Kaiser in Süddeutsche Zeitung

„Ein Roman, in jeder Zeile erfüllt von praller Sinnlichkeit, voller Gerüche und auch Gestank, kraftvoll zupackend und zart, weit ausholend, ausschweifend und gebändigt.“
Kurt Lothar Tank in Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt

Ralf-Peter Märtin: Dracula – Das Leben des Fürsten Vlad Tepes

    „Der wutrich und tirann vollbracht
    Alle die pein die man erdacht.
    Dy tirannen alsander
    Kainer so vil nie hat getan,
    Herodes, Dieoclecian,
    Nero und auch all ander.“

Michel Beheim: Von ainem wutrich der hies Trakle waida von der Walachei

Bram Stoker (1847 – 1912) war ein irischer Schriftsteller der uns hauptsächlich durch seinen Roman Dracula bekannt wurde. 1890 traf Stoker den ungarischen Professor Arminius Vámbéry, der ihm von der Legende des rumänischen Fürsten Vlad III. Drăculea (Drakula) erzählte. Aus diesem Charakter entwickelte Stoker die Figur des Vampirs Dracula. Sieben Jahre arbeitete Stoker an diesem Vampirroman, bis er am 18. Mai 1897 veröffentlicht wurde.

Seitdem geistert der dem 15. Jahrhundert entstammende Balkan-Fürst Vlad III. Draculea durch Romane und Horrorfilme. Wenn der historische Vlad auch nicht das Blut seiner Opfer trank, soll er doch ein äußerst brutaler Zeitgenosse gewesen sein. Nach seiner angeblich bevorzugten Hinrichtungsart trug er den Beinamen Vlad Țepeș (sprich Tzepesch – deutsch „Pfähler“).

Heute dürfte den Roman kaum einer gelesen haben. Dafür kennen die meisten aber mindestens eine der zahlreichen Verfilmungen des Romans. Begonnen hat das schon früh in der Stummfilmzeit: „NosferatuEine Symphonie des Grauens“; 1922 von Friedrich Wilhelm Murnau (Pseudonym für F.W. Plumpe) gedreht, mit May Schreck in der Rolle des Grafen. Einer der bedeutendsten deutschen Stummfilme. Trotz abweichender Titelei eine Adaption des Stokerschen Romans. ‚Der‘ Klassiker des Genres.

Das war nur der Auftakt. Es folgten viele andere Filme, die den Namen Dracula im Titel hatten.

Das Jahr 1979 brachte eine Renaissance des Vampirfilms […]. John Badhams Hollywood „Dracula“ mit dem schönen Frank Langella in der Hauptrolle, versprach zunächst Neues, indem er den Grafen als melancholisch-romantischen Bösen à la Byron präsentierte. Die an sich reizvolle Konzeption wurde aber durch eine Überfülle von Stilbrüchen heillos torpetiert.

Bram Stokers Dracula (1992) – Bram Stoker’s Dracula ist ein Horror- und Liebesdrama aus dem Jahr 1992 unter der Regie von Francis Ford Coppola. Die Hauptrollen spielten Gary Oldman als Graf und Anthony Hopkins als sein Kontrahent Professor van Helsing. Coppolas Filmadaption gilt – trotz einiger dramaturgischer Abweichungen – als die werktreueste Umsetzung von Bram Stokers Vampirroman.

Alle drei Filme habe ich zu Hause in meiner Mediathek vorliegen und habe angesichts dieses Beitrag wenigstens schon einmal einen Blick in alle drei hineingeworfen: Schaurig-schön … Wie bereits erwähnt: Ausgangspunkt des Dracula-Stoffes ist der rumänische Fürst Vlad III. Drăculea aus dem 15. Jahrhundert. Vlad Țepeș mag zwar ‚blutrünstig‘ gewesen sein, aber ein Vampir war er sicherlich nicht. Trotzdem ist seine Geschichte höchst fesselnd, zudem dann, wenn man sich für die Geschichte seiner Zeit interessiert: Die Türken hatten weite Teile des Balkan besetzt. Mehmed II., der Eroberer, Sohn von Murad II., regierte als Sultan des Osmanischen Reiches von 1451 bis 1481 – hatte Konstantinopel erobert und machte diese unter dem Namen Istanbul 1457 zu seiner Hauptstadt.

Bei mir kam vor vielen Jahren noch ein weiteres Interesse hinzu, was den Herrscher der Walachei (eben jeden Vlad III. Drăculea) betrifft. Ich war mit meiner heutigen Frau Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts zweimal in Rumänien und damit zwischen der Walachei und Transsilvanien (Siebenbürgen) unterwegs. Unter anderem besuchten wir auch Schloss Bran, das Touristen immer wieder gern als Draculaschloss präsentiert wird, obwohl Vlad III. Drăculea, dessen Herrschaft sich nicht auf dieses innerhalb des Karpatenbogens liegende Gebiet erstreckte, es nie betreten hat. Anderen Quellen zufolge hat er dort eine einzige Nacht in Gefangenschaft verbracht, als es noch Kronstadt gehörte. Es erinnert jedoch sehr an die Beschreibung von Draculas Burg aus Bram Stokers gleichnamigem Roman.

Kommen wir zum historischen Dracula (und seiner Familie) im Schnelldurchgang: Im Jahre 1431 befindet sich Vlad Besarab II., abgesetzter Wojwode der „Tara Româneasca“ (Walachei), der aufgrund seiner Mitgliedschaft im Drachenorden Kaiser Sigismunds den Beinamen Dracul trägt, in seinem Exil im siebenbürgischen Schäßburg, als sein zweiter Sohn geboren wird. Als Erwachsener wird der Drachensohn (Draculea) als Vlad III. „Ţepeș“ (der Pfähler), von den Osmanen „Scheitanoglu“ genannt, in die Geschichte eingehen … Und 466 Jahre später – wir wissen es längst – wird in London Bram Stokers Roman Dracula veröffentlicht, der den gefürchteten walachischen Fürsten zum dämonischen Vampirgrafen mutieren lässt…..

Zurück zu Vlad Dracul, dem Vater: Um der Treue Vlad Draculs sicher zu sein, bat sich Murad II., dem türkischen Sultan von 1431 bis 1451, zwei seiner Söhne als Geiseln aus. Der Fürst sandte ihm Vlad Draculea und seinen um fünf Jahre jüngeren dritten Sohn Radu. Den ältesten, Mircea, behielt er bei sich. (S. 34)

Später wurde Vlad Dracul [von den Ungarn] geschlagen, konnte aber fliehen. Sein Sohn Mircea, wurde gefangengenommen und in Tirgoviste hingerichtet. In der Nähe von Bukarest, kaum 60 Kilometer von der rettenden Donau entfernt, ereilte auch Vlad Dracul ein gewaltsamer Tod, er wurde erschlagen. Sein Grab, so man ihm eins gönnte, blieb unentdeckt bis auf den heutigen Tag. (S. 71)

Radu der Schöne [der Bruder] war im Lauf des Jahres 1475 den walachischen Wirren zum Opfer gefallen, ob in der Schlacht oder ermordet, ist strittig, sicher ist, daß es kein friedlicher Tod war. (S. 149)

Und wie endete Vlad III. Drăculea? … am 26. [November 1476] wurde Vlad Tepes zum dritten Mal als Woiwode ausgerufen. […] Der Moldaufürst [Stefan] überließ ihm eine Leibgarde von 200 ausgesuchten Kämpfern. So war er nicht ganz allein als um die Jahreswende 1476/77 ein Kontigent türkischer Akindschis mit Basarab Laiota im Gefolge in die Walachei einfiel. Starb Vlad Tepes im Kampf oder enthauptete ihn, dies die zweite schrecklichere Lesart, ein gedungener Mörder hinterrücks, so daß ihm der Kopf vor die Füße rollte? […]
Der Körper des Fürsten wurde in Snagov bestattet, einem Inselkloster unweit Bukarest. […] Sein Kopf hingegen, sorgfältigst in Honig konserviert, wurde als handgreifliches Beweisstück Mehmed II. übersandt, sodann auf einer Stange befestigt und zur Schau gestellt. (S. 155).

    Ralf-Peter Märtin: Dracula – Das Leben des Fürsten Vlad Tepes

Vlad III. Drăculea war zeitlebens ein grausamer Herrscher und machte auch vor seinem eigenen Volk keinen Halt. So abstoßend es heute wirken mag, wie der Herrscher über die Walachei mit Untertanen und Kriegsgegnern verfuhr – eine Ausnahme bildete er damit zu seiner Zeit keineswegs. Das Pfählen beispielsweise war als Strafe auch im damaligen Europa und im Osmanischen Reich verbreitet. In seinem Buch Dracula: Das Leben des Fürsten Vlad Tepes berichtet der Autor Ralf-Peter Märtin, dass andere zeitgenössische Machthaber dem Fürsten an Grausamkeit kaum nachstanden. So habe der französische König Ludwig XI., der als ein gerechter Herrscher galt, versucht, einen Verräter durch Begießen der Augen mit kochendem Wasser zu blenden. Der osmanische Sultan Mehmed II. wiederum habe die 300-köpfige Besatzung einer Burg, die ihm Widerstand geleistet hatte, niedermetzeln und ihren Hauptmann zersägen lassen.

    Vlad Tepes speist unter den Gepfählten

Die bevorzugte Hinrichtungsart trug dem walachischen Fürsten den Beinamen Vlad Țepeș, Vlad, der Pfähler ein. Grausamer geht es wohl kaum wie in dem Buch aus Roland Villeneuve: Grausamkeit und Sexualität, Stuttgart 1975, S. 24/25, zitiert wird:

„Um diese Strafe zu vollziehen, legt man den Verurteilten auf den Bauch, bindet seine Hände auf den Rücken fest und befestigt seine Beine so, daß sie weit gespreizt sind. […] Nachdem die Öffnung, durch die der Pfahl gehen soll, hinlänglich eingeölt ist, nimmt der Henker diesen in beide Hände und stößte ihn so tief er kann in den Anus des Verurteilten. Dann treibt er ihn mit Hilfe eines Hammers 50 bis 60 Zentimeter hinein. Hernach wird der Pfahl aufgerichtet und in die Erde gerammt. Der Delinquent bleibt nun sich selbst überlassen. Er hat nichts, an dem er sich anhalten könnte und wird von der Schwere seines Gewichts zu Boden gezogen, so daß der Pfahl immer tiefer in ihn eindringt, bis er schließlich entweder aus der Schulter, oder aus der Brust oder auch aus dem Magen wieder heraustritt.
Der Tod, der die schrecklichen Leiden dieses Unglücklichen beenden soll, läßt sich Zeit. Man hat Verurteilte gekannt, die bis zu drei Tagen in dieser schrecklichen Lage lebend zubrachten. Die Geschwindigkeit, mit der der Tod eintritt, ist verschieden und hängt von der Konstitution des Opfers wie von der Richtung des Pfahls ab. Tatsächlich hat man, in einem unglaublichen Raffinement von Grausamkeit, dafür gesorgt, daß die Spitze des Pfahls nicht ganz scharf, sondern ein wenig abgerundet ist. Dadurch wird vermieden, daß der Pfahl die Organe, die in seinem Weg liegen, durchbohrt und so einen raschen Tod herbeiführt. Die Organe werden nicht durchstoßen, sondern nur aus ihrer natürlichen Lage gedrängt. So wurden stark blutende Verletzungen vermieden und der Tod hinausgezögert, während die Schmerzen durch die Zusammenpressung der Nerven unbeschreiblich waren.“ (S.“137)

Dass gerade Vlad der Ruf besonderer Grausamkeit anhing, dürfte vor allem auf eine Flugschriften-Kampagne zurückgehen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sei diese am ungarischen Königshof zu lokalisieren.

Während der spätmittelalterliche Herrscher in Rumänien bis heute als Held verklärt wird, hat sich sein negatives Image im Westen verfestigt: Weithin gilt Vlad III. Draculea immer noch als pfählender, blutdürstiger Psychopath – eine Schreckensgestalt, die das Gruseln lehrt.

Hier noch einige Stichworte als Nebenbemerkungen (aus dem Buch zitiert):

1. Der Drache

Der Drache ist die Verkörperung des Bösen, des Teufels, der Versuchung. Die sieben Köpfe symbolisieren die sieben Hauptlaster: Hochmut, Neid, Zorn, Traurigkeit, Geiz, Gefräßigkeit und Unkeuschheit. Für sich genommen ist er das Zeichen des Chaos, der ungebändigten Kräfte, die erst Christus endgültig besiegt hat. Das Erscheinungsbild des Drachen legt Parallelen zu Vlad Tepes nahe: „ … ein landverheerendes, menschenvertilgendes Untier von entsetzlichem Aussehen, oft mit Fledermausflügeln ausgestattet …“ (S. 161)

2. Die Siebenbürger Sachsen

Siebenbürgen oder Transsylvanien (“hinter den Wäldern”) ist einer der buntesten ethnischen Flickenteppiche auf der europäischen Landkarte. Im 15. Jahrhundert wie auch heute noch bestand die Bevölkerung aus den vier Hauptgruppen der Rumänen, Ungarn, Szekler und Sachsen.

Die Deutschen waren in mehreren Einwanderungsschüben im 12. und 13. Jahrhundert ins Land gekommen. Zum größten Teil stammten sie von Rhein und Mosel, wurden aber von den ungarischen Beamten als „Sachsen“ deswegen bezeichnet, weil sie ihre Auswanderungsroute vom Rhein nach Mitteldeutschland geführt hatte und die Ungarn diese Zwischenstation ihres Weges fälschlich als ihre eigentliche Herkunft ansahen. Ein ihnen 1224 vom ungarischen König verliehener Freibrief, das „Andreanum“, sicherte ihnen freies Grundeigentum auf den ihnen verliehenen Gebieten, eigenes deutsches recht sowie volle Selbstverwaltung. Ihr Haupt siedlungsbereich war der Süden und Norden Siebenbürgens, wo sie die Städte Hermannstadt und Kronstadt, Schäßburg und Bistritz als Mittelpunkte eines florierenden Handels gründeten. Die Siedlungen lagen zudem in den fruchtbarsten Regionen Siebenbürgens, was hohe landwirtschaftliche Erträge garantierte. Da die Sachsen auch im Bergbau – die siebenbürgischen Goldminen galten als unerschöpflich, ebenso gab es große Salzlagerstätten – wegen ihrer Kenntnisse gefragt waren, reichte ihre gesellschaftliche Machtposition über ihren bevölkerungsmäßigen Anteil weit hinaus. Im Handel und in vielen handwerklichen Bereichen besaßen sie fast eine Monopolstellung. (S. 19)

3. Das Osmanische Reich (Vorläufer des IS?)

„… wir sehen den christlichen Glauben eingeschränkt und in einem Winkel zusammengedrängt. Denn nachdem er den gesamten Erdkreis gewonnen hatte, ist er jetzt schon aus Asien und Afrika vertrieben und wird in Europa nicht in Ruhe gelassen. Groß ist das Reich, das die Tartaren und Türken diesseits von Don und Hellespont, die Sarazenen bei den Spaniern besetzt halten; klein ist das Gebiet, das auf Erden den Namen Christi bewahrt …“ zitiert nach Arno Borst; Lebensformen im Mittealter, Frankfurt/M. u.a. 1973,, S. 632

Peter Høeg: Fräulein Smillas Gespür für Schnee (1992)

„Im Kopenhagener Hafenviertel stürzt ein Junge vom Dach eines Lagerhauses. Todesursache laut Polizeibericht: ein Unfall. Smilla Jaspersen, die im selben Haus wohnt wie der Junge, sieht das anders und stellt ihre eigenen Nachforschungen an.

Der internationale Erfolg dieses literarischen Thrillers hat neben der faszinierenden Geschichte vor allem mit seiner Heldin zu tun: der wunderbar ruppigen, unangepaßten und zugleich zarten und verletzlichen Smilla.“
(aus dem Umschlagtext)

    Peter Høeg: Fräulein Smillas Gespür für Schnee

„Es friert, außerordentliche 18 Grad Celsius, und es schneit. In der Sprache, die nicht mehr meine ist, heißt der Schnee qanik, er schichtet sich zu Stapeln, fällt in großen, fast schwerelosen Kristallen und bedeckt die Erde mit einer Schicht aus pulverisiertem, weißem Frost.

Das Dezemberdunkel kommt aus dem Grab, das grenzenlos wirkt wie der Himmel über uns. In dieser Dunkelheit sind unsere Gesichter nur noch blaß leuchtende Scheiben, aber trotzdem spüre ich die Mißbilligung des Pastors und des Kirchendiensers, die sich gegen meine schwarzen Netzstrümpfe richtet und gegen Julianes Jammern, das noch dadurch verschlimmert wird, daß sie heute morgen ein paar Antabus genommen hat und der Trauer jetzt fast nüchtern begegnet. Sie denken, sie und ich hätten weder das Wetter noch die tragischen Umstände respektiert. Dabei sind die Strümpfe und die Tabletten auf ihre Weise ganz einfach eine Huldigung an die Kälte und an Jesaja.“

Hiermit beginnt der Roman Fräulein Smillas Gespür für Schnee des Dänen Peter Høeg, den ich als Taschenbuch vorliegen habe (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg – 13599 – 931. – 970. Tausend Oktober 1997, Copyright 1994 Carl Hanser Verlag, München Wien – Originalausgabe ‚Frøken Smillas fornemmelse for sne’, 1992 – aus dem Dänischen von Monika Wesemann) und Ende des letzten Jahres (‚zwischen den Jahren’) erneut gelesen habe. Bereits vor über neun Jahren hatte ich mich hier mit Fräulein Smillas Gespür für Schnee beschäftigt (dabei besonders für die Wörter für Schnee in der Sprache der Inuit, dem Inuktitut). – Die von der Ich-Erzählerin (Smilla Jaspersen) erwähnte Juliane ist die Mutter von Jesaja, dem Inuk-Jungen, der hier nach seinem tödlichen Sturz vom Dach des Lagerhauses zu Grabe getragen wird.

Mit dieser Smilla Jaspersen hat Peter Høeg eine ungewöhnliche Frauengestalt geschaffen – die Mutter (wie der getötete Jesaja) Inuk und Robbenfängerin, der Vater ein dänischer Arzt -, die ihre grönländische Herkunft nicht vergessen kann, die gleichzeitig aber mit der westlichen Zivilisation nicht zurecht kommt und so zwischen den Welten lebt. „Die Welt kann mich holen, wenn sie mich braucht.“ (S. 297) denkt sie sich in der Mitte des Buchs, ansonsten geht sie ihren eigenen Weg. Und wenn sie sich in eine ebenso unangepasste Person wie den Mechaniker zu verlieben scheint, so rationalisiert sie dies mit Worten wie: „Die Liebe kommt aus dem Überfluß, sie verschwindet, wenn man sich dem Instinktiven nähert, dem Hunger, dem Schlaf, dem Bedürfnis nach Sicherheit.“ (S. 462) – Nur zwei Beispiele fürs Denken und Verhalten dieser Smilla.

Ohne Zweifel ist diese Smilla eine bemerkenswerte Frau. Eine solch starke weibliche Persönlichkeit findet man nur selten in der Literatur, ebenso selten in der Wirklichkeit. Und das trotz ihrer Selbstzweifel und ihrem scheinbaren Scheitern in der Gesellschaft (ohne Abschluss eines Studiums, arbeitslos, kinderlos, ohne Beziehung und Freunde). Smillas Biografie ist geprägt vom Wechsel von der präindustriellen grönländischen Jägerkultur hin zur postindustriellen Gesellschaft Dänemarks. Und obwohl sie verletzlich im Inneren ist, so gibt sie sich unnachgiebig und hart nach außen. Der Roman ist aus der Sicht dieser Frau geschrieben und eröffnet so einen Blick in das Denken und die Gefühle von Smilla Jaspersen (siehe hierzu auch die Magisterarbeit von Michael Auth: Lauter lose Enden? Die Erzählstruktur in Peter Høegs Erzählung – als PDF-Datei).

Erstaunlich (oder vielleicht auch wieder nicht), dass ein Mann dieser Frau die Sprache gegeben hat: Der Autor „Peter Høeg, geboren am 7. Mai 1957 in Kopenhagen, studierte Literaturwissenschaft und trat als Tänzer und Schauspieler an dänischen und schwedischen Bühnen auf. Er schrieb Theaterstücke, einen Band Erzählungen und u.a. die Romane ‚Vorstellung vom zwanzigsten Jahrhundert’ und ‚Der Plan von der Abschaffung des Dunkels’. ‚Fräulein Smillas Gespür für Schnee’ wird [wurde 1997] von Bille August verfilmt, mit Julia Osmond in der Hauptrolle. […]“
(aus dem Kladdentext)

Hier eine ausführlichere Inhaltsangabe:

Kopenhagen, Anfang der 90er Jahre, kurz vor Weihnachten: Der kleine Jesaja fällt vom Dach des Hauses, in dem er mit seiner Mutter lebt. Für Passanten und Polizei war es ein tragischer Unfall. Doch Smilla Jasperson, ebenfalls Bewohnerin des Hauses, glaubt an Mord. Sie war mit dem kleinen Jesaja befreundet, der wie ihre Mutter und sie selbst, aus Grönland stammte. Sie hatte schon immer ein besonderes Gespür für Schnee, deshalb lassen sie die Fußspuren im frischen Schnee auf dem Dach des Hauses misstrauisch werden. Überdies weiß sie, dass Jesaja unter Höhenangst litt und deshalb niemals freiwillig auf das Dach gestiegen wäre. Weil sie die einzige Freundin war, die der kleine Jesaja in seinem Leben hatte, setzt sie alles daran, ihren Verdacht zu beweisen.

Sie beschließt, auf eigene Faust zu ermitteln. Ihre Aktivitäten stoßen allerdings sowohl bei Jesajas Mutter als auch bei den Behörden auf wenig Gegenliebe, und sie geben ihr zu verstehen, dass sie sich lieber aus der Angelegenheit heraushalten soll. Der einzige, der auch der Überzeugung ist, dass Jesaja Opfer eines Verbrechens wurde, ist ihr Nachbar, der Mechaniker. Dieser hilft Smilla und beschützt sie.

Es stellt sich heraus, dass Smilla einer weltweiten ökopolitischen Intrige auf die Spur gekommen ist. Sie entdeckt, dass Jesajas Vater 1966 bei einem mysteriösen Unfall auf dem Gletscher „Gela Alta“ ums Leben kam und seine Witwe seitdem eine Pension von einer undurchschaubaren Organisation erhält. Durch einen Arzt, der den kleinen Jungen zuerst obduzierte, bevor er an weiteren Untersuchungen gehindert wurde, erhält Smilla die Bestätigung, dass Jesaja ermordet wurde. Sie kann nicht mehr zurück und wird in die Intrige verwickelt, welche sie in die Verlassenheit der grönländischen Eiswüste führt und selbst in Lebensgefahr bringt.

Wer den Roman Fräulein Smillas Gespür für Schnee gern lesen und sich die Spannung erhalten möchte, der sollte die nächsten fünf Absätze ‚überspringen’.

Prof. Licht, der ihr beim Abhören eines Tonbandes, dass Smilla von Jesajas Mutter bekommen hat und auf dem die Stimme von Jesajas Vater ist, helfen soll, wird kurz nachdem sie ihn verlassen hat, getötet, wobei seine Mörder auch Smillas Leben beenden wollen. Smilla gelingt es allerdings, vom brennenden Hausboot, in dem der Professor seine Nachforschungen anstellte, zu entkommen.

Smilla erhält, nachdem sie mit der ehemaligen Buchhalterin der „Greenland Minings“ gesprochen hatte, den Schlüssel zum Archiv der Firma, in dem alle Aufzeichnung über die „Gela Alta“-Expeditionen aufliegen. Dort findet sie auch einen Hinweis darauf, was das Ziel der Expeditionen nach „Gela Alta“ ist und dass eine weitere geplant ist.

Nachdem sie mit dem Mechaniker dessen Freund Lander aufsucht, bekommt sie die Möglichkeit, auf dem Expeditionsschiff der „Greenland Minings“ zu arbeiten. Die Expedition führt nach Grönland zum Gletscher „Gela Alta“, wo schon zwei Expeditionen durchgeführt wurden und bei denen jeweils mehrere Expeditionsteilnehmer ums Leben kamen.

Smilla erfährt, dass Dr. Loyen und Dr. Tørk, die Organisatoren der Expedition, auf der Suche nach einem energieerzeugenden Meteoriten sind, der in einem Gletscher versteckt ist. In dessen Schmelzwasser lebt allerdings ein mesozoischer Parasit, der prähistorische Polarwurm, der sich in den menschlichen Körper frisst und dort seine Eier ablegt. Durch die ausschlüpfenden Larven wird der Körper aufgefressen und getötet. Dr. Tørk ignoriert diese Gefahr jedoch und schicken immer wieder Taucher in das Schmelzwasser, um den Meteoriten zu bergen und damit Geld zu verdienen.

Smilla entkommt allen Anschlägen auf ihr Leben und schafft es, in die Höhle mit dem Meteoriten vorzudringen. Dort tötet sie Dr. Loyen und verletzt Dr. Tørk, den Chef von „Greenland Minings“. Dieser kann zwar flüchten, wird aber von Smilla verfolgt, die ihn aufs Packeis treibt, wo er schließlich stirbt. Der Mechaniker, der ebenfalls auf dem Schiff war, zündete in der Höhle eine Bombe, um weitere Forschungen am Meteoriten zu verhindern und die Gefahr durch den gefährlichen Polarwurm zu unterbinden.

Quelle: fundus.org

Der Roman spielt in den 90-er Jahren. An einer Stelle ist vom Dezember 1993 die Rede, obwohl Peter Høeg den Roman bereits 1992 veröffentlichte. Neben Kopenhagen (u.a. wird die Strandgade -> Christianshavn und der Strandvej erwähnt, ebenso Brønshøj in der Nähe von Kopenhagen mit der Kabbelejevej am Rande von Utterslev Mose – auch kommt das Hotel d’Angelterre vor, das in dem Film Der zerrissene Vorhang (1966) von Hitchcock zusehen ist) so ist die hohe See Schauplatz des Geschehens wie zum Schluss Grönland selbst (Smilla kommt aus Qaanaaq, das wir auch als Thule kennen).

Personen des Romans:

Smilla (eigentlich: Smillaaraq) Qaavigaaq Jaspersen (zum Namen s. S. 332 – Bio s. S. 112 ff.)
Ane Qaavigaaq, Mutter und Robbenfängerin
Jørgen Moritz Jaspersen, Vater und Arzt
Benja, Moritz’ Lebensgefährtin

Peter Føjl, Mechaniker und ‚Gehilfe’ (Taucher)
Jesaja Christiansen, Inuk-Junge
Juliane Christiansen, seine Mutter

Elsa Lübing, ehemalige Buchhalterin/Archivarin der Kryolithgesellschaft
Benedicte Clahn, dänische Mitarbeitern der R.A.F. 1946 in Deutschland

Ravn, Staatsanwalt
Nathalie Ravn, seine Tochter – Konsulatssekretärin (Tod durch Sprung vom Dach – S. 277)

Dr. Lagermann, Arzt
Frau Lagermann

Birgo Lander, Geschäftsmann und Freund des Mechanikers

Prof. Johannes Loyen, früherer Expeditionsleiter, Direktor des Instituts für arktische Medizin
Telling
Prof. Andreas Fine Licht, Leiter des “Arctic Museum“ (blind)

Schiffsbesatzung des Expeditionsschiff der „Greenland Minings“:
Kapitän Sigmund Lukas
(Nils) Bernard Jakkelsen, sein jüngerer Bruder
Urs, der Koch
Verlaine, Bootsmann
Hansen
Maurice
Sonne, Steuermann
Maria und Fernanda, Schiffsgehilfinnen
Kützow, Maschinenmeister

Dr. Andreas Tørk, Arzt und Expeditionsleiter 1994
Katja Claussen
Seidenfaden

Am Ende kommt bei diesem Roman eine Art Öko-Krimi heraus. Vielleicht etwas konstruiert, aber das sind ja fast alle Kriminalromane. Im Mittelpunkt steht Smilla Jaspersen. Allein wegen ihr macht das Lesen Spaß. Zudem ist das Buch Belletristik vom Feinsten – mit dieser Meinung stehe ich nicht allein da:

“Episch wie großes Kino.” (Frankfurter Rundschau)

„Irgendwann will man nur noch Smillas Stimme hören, so könnte sprechen, wovon sie wollte.“ (Stern)

„Mit dem Dänen Peter Høeg hat Europa einen neuen, bedeutenden Schriftsteller.“ (FAZ)

„Ein Buch, dessen Heldin unvergeßlich bleiben wird […]. Smilla ist nicht nur eine starke Frau, sie ist auch eine große Frauengestalt – eine der größten in der kleinkarierten Literatur dieser Jahre.“ (Sonntagsblatt)

„Eine aberwitzige Verbindung von Thriller und hoher Literatur.“ (Der Spiegel)

„Peter Høegs Erzähltalent ist sensationell.“ (Sächsische Zeitung)

„Smilla: Glaziologin, Misanthropin, Racheengel, Emma Peel und Jeanne D`Arc, Rambo und Greenpeace-Vorkämpferin in einer Person, sarkastisch, gelegentlich sentimental, mit Klugheit geschlagen. Schnee und Eis sind ihr lieber als die Liebe.“ (Die Zeit)

„Jede einzelne Szene, jeder Dialog ist ein Meisterwerk.“ (Prinz)

Begriffe aus der/den Sprache(n) der Inuit – die Bezeichnung Eskimo ist übrigens nicht völlig falsch, sondern wird als Oberbegriff verwendet – sind auch in unsere Sprache eingegangen. So dürfte jeder wissen, was ein Anorak ist. Im Grönländischen schreibt man diesen annoraaq. Wenn man vom Grönländischen bzw. den Sprachen der Inuit spricht, dann kommt man nicht umhin, die angeblich unzähligen Wörter für Schnee bzw. Eis in diesen Sprachen zu erwähnen. Im Roman kommen einige dieser Wörter vor und werden auch (meist) sofort erklärt. Ich glaube, ich habe alle Wörter gesammelt. Mit dieser kleinen Sammlung will ich enden. Fräulein Smilla hat mich doch zu mehr verleitet, als zunächst geplant (aber das kommt bei mir wohl öfter vor):

Qanik feinköringer Pulverschnee
Pirhuk der Wind trägt einen leichten Schnee heran
Kangirluarhuq große Blöcke aus Süßwassereis
Pujuq Nebel S. 458 ff.
Hiku Festeis (Kontinent aus gefrorenem Meer)
Hikuaq und Puktaaq Eisschollen
Ivuniq Oberfläche der Eisschollen als verwüstete Landschaft
Maniilaq Eisbuckel
Apuhinuq Schnee, vom Wind zu harten Barrikaden komprimiert
Agiuppiniq Schneefahnen, vom Wind über das Eis gezogen
Killaq Wake (nicht oder nur oberflächlich zugefrorene Stelle in der Eisdecke)
Sikussaq schwarze Stücke im Mosaikeis
Avangnaq Nordwind
Pirhirhuq Schneesturmwetter
Kanangnaq Nordostwind
Hikuliaq Neueis

siehe hierzu auch: Kate Bushs Gespür für Schnee

Martin Walser: Der Augenblick der Liebe (2004)

    Er habe sie noch nie so geliebt wie in diesem Augenblick, In diesem Augenblick, sagte sie, wieso denn das. Es ist der Augenblick der Liebe.
    Martin Walser: Der Augenblick die Liebe (S. 43)

Für Einsteiger in die Literatur von Martin Walser, so denke ich, ist der Roman Der Augenblick der Liebe aus dem Jahr 2004 doch noch etwas zu schwere Kost. Es ist der dritte und wohl letzte Roman um die Person des Dr. Gottfried Zürn, ehemaliger Immobilienmakler am Bodensee, der sich hier als Privatgelehrter ausgibt. Im Mittelpunkt steht die außergewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Zürn und einer um 40 Jahre jüngeren Doktorandin. Und es geht um den französischen Philosophen Julien Offray de La Mettrie, dessen Todestag sich 2001, dem Jahr, in dem der Roman spielt, zum 250. Male jährte. Als Hinweis für den Leser: Französisch-Kenntnisse sind angebracht, Englisch-Kenntnisse fast unumgänglich (Walser hat sich auch, oft mit seiner Tochter Alissa, als Übersetzer aus dem Englischen hervorgetan, z.B. für Theaterstücke von Edward Albee).

Dies ist der erste Roman, den Martin Walser nach seiner Trennung von Suhrkamp in seinem neuen Verlag Rowohlt veröffentlicht hat (Ich habe diesen in 2. Auflage August 2004 – Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, vorliegen).

     Martin Walser: Der Augenblick der Liebe (2004)

Gottfried Zürn, bekannt aus Martin Walsers Romanen „Das Schwanenhaus“ und „Die Jagd“, Exmakler, Privatgelehrter mit Domizil am Bodensee, erhält Besuch von einer jungen Doktorandin. Sie interessiert sich für seine Aufsätze über den französischen Philosophen La Mettrie und überreicht ihm, er ist erstaunt und merkwürdig geschmeichelt, eine Sonnenblume. Er vernimmt sofort das Klirren erotischer Möglichkeiten. Sie, sphinxenhaft: „Es gibt nichts, wofür man nicht gestraft werden kann.“

Trotzdem, und weil er mit seiner Frau Anna längst im selben Wortschatz untergeht, folgt er der Doktorandin kurz darauf nach Kalifornien zu einem Kongreß über La Mettrie. Dort erfüllt sich ihre Prophezeiung – auf eine Weise, die gleich in mehrfacher Hinsicht zum Eklat führt. Sobald er drüben ist, wird in ihm Anna übermächtig, also zurück zu ihr. Sobald er zurück ist, muß er wieder hinüber. Aber das gestattet ihm das Buch nicht.

Eros, Ehe und Erlebnishunger sind die äußeren Markierungspunkte dieses Romans, das Verhältnis von Leben, Literatur und Todeslust ist sein geheimes Motiv.
(aus dem Kladdentext)

    Herr Zürn oder Herr Krall, wie hätten Sie’s gern? So fing sie an, so eröffnete sie.
    Gottlieb sagte: In welche Sauce wir den Daumen, den wir lutschen müssen, vorher tunken, ist egal. Oder nicht? Und sie: Es gibt nichts, wofür man nicht gestraft werden kann. Und er. Aber die Möglichkeiten klirren. Und sie: Wenn Sie so wollen. Und er: Ich will.

Nein, so beginnt nicht nur dieser Roman vom Martin Walser, so endet dieser auch – in einer Walser-typischen Ringkomposition. Nur sind die Personen andere. Er, das ist in beiden Fällen Gottfried Zürn, aber sie ist am Anfang jene Beate Gutbrod, Doktorandin aus Amerika, am Schluss dann seine Ehefrau Anna. Gottfried Zürn, Mitte sechzig, schöpft in beiden Fällen ‚die Möglichkeiten’ aus.

Zürn hat als Wendelin Krall vor Jahren zwei Aufsätze über den französischen Philosophen Julien Offray de La Mettrie (1709–1751) geschrieben, die Beate Gutbrod während der Recherche für ihre Dissertation gelesen hat. Da sie den Autor persönlich kennenlernen möchte, besucht sie Zürn. „Aus dieser Bekanntschaft entwickelt sich eine Liebesaffäre, die Gottlieb nach Amerika an die Berkeley-Universität führt, wo er als Gastdozent einen Vortrag über La Mettrie halten soll. Da ihn jedoch seine Stimme im Stich lässt, schafft es Gottlieb ähnlich wie Helmut Halm in Brandung nicht, seinen Text alleine vorzulesen, und muss sich von Beate vertreten lassen. Zudem wird der Inhalt seines Aufsatzes von den Mitgliedern der Universität, allen voran Rick Hardy, sehr zwiespältig aufgenommen. Wenig später verlässt Gottlieb Beate und fliegt zurück nach Europa, wo er das Eheleben mit seiner Frau Anna fortsetzt.“ (Quelle: de.wikipedia.org)

Wieder eine Liebesaffäre zwischen einer jungen Frau und einem älteren Herrn. Beate Gutbrod und Zürn – das klingt wie Ulrike von Levetzow und Goethe und wird auch gleich zitiert: da war der Altersunterschied nicht 40, sondern gar 55 Jahre (siehe hierzu natürlich Martin Walser: Ein liebender Mann). Während Beate bereits wieder in Kalifornien weilt und auf die Ankunft Zürns wartet, ereignet sich ein Schriftwechsel zwischen den beiden, der in teuren, sehr langen Telefonaten mündet:

Jetzt erlebte sie, daß es nicht darauf ankommt, mit welchem Innen- und Außenmaterial jemand seine Liebe erklärt; es kommt nur auf den erlebbaren Heftigkeitsgrad an. Und den erlebte sie jetzt. Die Verklausuliertheit, in der er sich verstrickte, war doch eine einzige Kapitulation: Er ergab sich ihr. Diese Fragerei nach dem WARUM war nichts als ein Wortkostüm, mit dem er auftrat, um sie herauszufordern. Sie sollte ihn übertreffen. Sie sollte noch lauter als er sagen, daß sie hin sei und wie hin sie sei. Das einzig Lernbare in diesem Verklausulierungsdickicht: Er war bedürftig. Er war unterernährt. Was ihm fehlte, war weniger wichtig, als daß ihm etwas fehlte. Aber er hielt es für möglich, daß sie ihm fehle. Und das war’s dann doch. (S. 85)

Um gewissermaßen dem Vorwurf, Altherrenphantasien zu verbreiten, ‚vorzubeugen’ (manche nennen es auch Methusalem-Komplex), flicht Walser ab Seite 228 gleich eine Debatte über Altersgeilheit, die Zürns Frau mit einer Kundin führt, mit ein. Zürns, d.h. Walsers Kommentar dazu: „Er hätte die Damen wirklich fragen müssen, warum ein Älterer, wenn er denn das war, was sie geil nannten, nicht einfach geil, sondern altersgeil war. Die haben da eine Ahnung parat. Du sollst nicht mehr, darfst nicht mehr. Die haben eine Moral, die sie ästherisch-sittlich drapieren.“ (S. 231)

Auch zum Alter äußert sich Walser: „Man kann nur jung oder alt sein. Er habe seit längerem geglaubt, er sei schon alt. Das war, wie er jetzt wisse, ein naseweises Anempfinden. Das einzigste, was ein wenig in die richtige Richtung ging, war eine Art Mitleid mit Alten. Jetzt weiß er, der Junge kann nichts empfinden von dem, was der Alte empfindet. Es gibt kein Verständnis für einander. Der Alte versteht den Jungen so wenig wie der ihn. Es gibt keine Stelle, wo Jugend an Alter rührt oder in Alter übergeht. Es gibt nur den Sturz. Aus. Nachher bist du drunten und kannst tun, was du willst, du reichst nicht zurück. Mit nichts. Durch nichts. Ob du lachst oder schreist, ist gleichgültig. So zu tun, als könne man sich auf diesen Sturz vorbereiten, ist unsinnig. Dieser Sturz gestattet kein Verhältnis.“ (S. 200) Und später ergänzt er: „Das Gerede vom Sturz ist Wortstroh. Das Hinab so bremsen, daß es kein Sturz wird, sondern ein Untergang.“ (S. 202)

Den eigentlichen Mittelpunkt bildet die „Auseinandersetzung mit La Mettrie, die den Roman um philosophische Überlegungen bereichert. Es geht dabei vor allem um die Themen der Erziehung als Ausbildung zum Gefangenen und um das Erziehungs-Nebenprodukt Schuldgefühle.“

    Das von Montaigne geerbte Anspruch: sich selbst zum Thema zu machen! […] Dein durch La Mettrie geschärftes Thema: die Erziehung als eine Ausbildung zum Gefangenen. Von Anfang an war kein Mensch und keine Institution daran interessiert, dich zu dir selbst kommen zu lassen. Die Erziehung als Zumutung. Aber dann hast du angefangen, deine Erzieher zu betrügen. Du hast mehr als eine Persönlichkeit entwickelt. Das tut jeder. Keiner ist nur das, was die Erziehung aus ihm machen wollte. […] (S. 127 f.)
    Von allen Persönlichkeiten, die du hast entwickeln müssen, hat sich keine so übermäßig entwickelt, wie die des Gefangenen. […] Jeder Versuch, dich frei zu fühlen oder gar zu benehmen, mündete bis jetzt im Schuldgefühl. Das angeborene oder anerzogene Gewissen. Ob angeboren oder anerzogen, es ist die mächtigste, wachsamste, unerbittlichste, unbetrügbarste Regung, deren du fähig bis. (S. 129)

„Die Interpretation Rick Hardys im Anschluss an den Vortrag – das Manuskript Gottfried Zürns ist vollständig wiedergegeben – ist dabei die zentrale Stelle des Romans: Hardy beschuldigt Gottlieb, er wolle unter dem Vorwand, über La Mettrie und dessen These von der Lebensfeindlichkeit von Schuldgefühlen zu sprechen, den Deutschen einen ‚Freispruch erschwindeln’, wobei Hardy einen überraschenden Zusammenhang zur Erinnerung an den Holocaust herstellt. Die anschließende Reflexion Gottliebs wirkt wie eine späte Selbstverteidigung Walsers, der sich während der Diskussionen rund um seine Romane Ein springender Brunnen und insbesondere Tod eines Kritikers selbst Vorwürfen des latenten Antisemitismus ausgesetzt sah:

    ‚La Mettrie behauptet, es gebe nichts Unmenschlicheres, nichts Lebensfeindlicheres als remords. Das würde natürlich auch für den Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit gelten. Aber das hat er [Zürn] nicht gesagt. Er müßte dann nachweisen, daß es eine Schuld gibt ohne Schuldgefühle. Kein bisschen weglügen, nichts verkleinern, und trotzdem kein Schuldgefühl, keine remords. […] La Mettrie hatte keine Erfahrung mit dem Gedächtnis. Inzwischen wacht das Gedächtnis über das Gewissen. Ob das lebensfeindlich ist, ist dem Gedächtnis egal.’

Zusammenfassen kann man die vorgetragene Position Martin Walsers zum Holocaust demnach wie folgt: Er akzeptiert die Schuld der Deutschen für die NS-Verbrechen ohne Wenn und Aber, jedoch fühlt er sich von den Schuldgefühlen in seinem Lebensdrang eingeschränkt. Diese Aussage ist natürlich sehr subjektiv, was jedoch typisch für die literarische Innerlichkeit ist, die sich wie ein roter Faden durch Martin Walsers Werk zieht. Letztendlich gesteht Walser auch ein, keine Möglichkeit gefunden zu haben, sein Geschichtsbewusstsein mit seinem Wunsch ganz in der Gegenwart zu leben zu versöhnen – dieser Luxus muss dem Intellektuellen verwehrt bleiben.“ (Quelle: de.wikipedia.org)

Der Roman gliedert sich in vier Kapitel:

Inhalt:
I. Kommen aber gehen
II. Zusammenfinden
III. Auseinanderkommen
IV. Kehre

Personenliste zum Roman:

Dr. Gottlieb Zürn, ehemaliger Makler, inzwischen Mitte 60 Jahre
Anna, seine Frau, führt das Immobilienmaklergeschäft weiter

Rosa, die älteste Tochter
Magda(lena), Tochter
Julia, Tochter
Regina, die jüngste Tochter

Beate J. Gutbrod ‚graduated Student’, Doktorandin
Madelon Pierpoint, Freundin
Glen O. Rosenne, Professor

Dr. Rick W. Hardy
Elaine, seine (Ex-)Frau

Dr. Rufus Douglas, Psychiater

und viele andere

Paul Schatz, Immobilienhändler und Konkurrent – stirbt in diesem Band
Jarl F. Kaltammer, Immobilienhändler und Konkurrent

„Hochkomisch, sprachmächtig: Martin Walsers neuer Roman über Liebe im Alter ist ein Vergnügen. Wenn Walser je komisch war, wenn er je die Funken des Witzes aus Konstellationen des Unangemessenen, Unpassenden geschlagen hat, hier tut er ’s stärker.“ (Tilman Krause, Literarische Welt)

„Dieser meisterhaft beschriebene Augenblick des Sichverliebens, dieses blitzartige Ineinanderfallen … Wie der Sprachkünstler Walser die beiden Erzählgeschosse miteinander verbindet, die Liebesaffäre eines alten Mannes mit einer jungen Frau im Licht des Atheisten La Mettrie deutet … das macht ihm keiner nach.“ (Ulrich Greiner, DIE ZEIT)

„Seite für Seite eröffnet Martin Walser uns ein Stilvergnügen, wie es nur wenige deutsche Autoren bieten können. Walser schreibt eben nicht nur die schönsten Sätze, er setzt sie auch in anregende Horizonte.“ (Andreas Isenschmid, NZZ am Sonntag)

„Und Walser erweist sich hier als eine aphoristisch eleganter, hinreißender Erzähler.“ (Klaus Walther, Freie Presse)

„Martin Walser hat einige beste Bücher geschrieben. Sein jüngstes Werk gehört dazu. ‚Der Augenblick der Liebe‘ ist ein schönes Buch – komisch, traurig, rabiat.“ (Andreas Köhler, NZZ)

„’Der Augenblick der Liebe‘ ist ein großer Roman. Walsers bedeutendeste literarische ‚Seelenarbeit’“ (Peter Mohr, Generalanzeiger)

„’Der Augenblick der Liebe‘, Walsers schönster Roman.“ (Martin Lüdke in ‚Literatur im Foyer‘, SWR)

Dem ist von meiner Seite nichts mehr hinzuzufügen.

Salman Rushdie: Die satanischen Verse

    „… daß er [Gibril] sich verändert hatte, und zwar in erschreckendem Ausmaß, denn er hatte seinen Glauben verloren.“
    Salman Rushdie: Die satanischen Verse (S. 47)

Die satanischen Verse (englischer Originaltitel The Satanic Verses) ist ein Roman des Schriftstellers Salman Rushdie, der von indischen Immigranten in Großbritannien handelt und teilweise vom Leben des Propheten Mohammed inspiriert ist. Das Erscheinen des Buches am 26. September 1988 löste eine Reihe von Protesten und Gewalttaten von Muslimen aus.

Salman Rushdie wurde 1947 in Bombay geboren und studierte in Cambridge Geschichte. 1983 erregte er mit dem Roman ‚Mitternachtskinder’ weltweit Aufsehen. Nur wenige Monate nach der Veröffentlichung des Romans ‚Die satanischen Verse’ im Jahr 1988 sprach der iranische Revolutionsführer Khomeini wegen Blasphemie eine Fatwa über Rushdie aus. Seither lebt der Autor, dessen Bücher vielfach ausgezeichnet wurden und in über zwei Dutzend Sprachen übersetzt vorliegen, an einem unbekannten Ort in England.
(aus dem Kladdentext)

    Salman Rushdie: Die satanischen Verse

Am 14. Februar 1989 rief Chomeini in einer Fatwa (verbunden mit einem Kopfgeld) alle Muslime zur Tötung des Schriftstellers Salman Rushdie auf, auf Grund der von ihm als blasphemisch erachteten Äußerungen gegen den Propheten Mohammed in Rushdies Roman „Die satanischen Verse“:

„Ich ersuche alle tapferen Muslime, ihn, gleich wo sie ihn finden, schnell zu töten, damit nie wieder jemand wagt, die Heiligen des Islam zu beleidigen. Jeder, der bei dem Versuch, Rushdie umzubringen, selbst ums Leben kommt, ist, so Gott will, ein Märtyrer.“ (Quelle: de.wikipedia.org)

Die Fatwa war auch Todesurteil für alle, die an der Veröffentlichung beteiligt waren und den Inhalt des Buchs kannten, das gegen den Islam, den Propheten und den Koran sei. So wurden auf mehrere Übersetzer des Buchs Anschläge verübt. Der italienische Übersetzer Ettore Capriolo wurde am 3. Juli 1991 in seiner Wohnung in Mailand durch Stiche verletzt und der japanische Übersetzer Hitoshi Igarashi am 11. Juli 1991 im Gebäude seines Büros an der Universität Tsukuba erstochen. Der norwegische Verleger, William Nygaard, wurde durch Schüsse schwer verletzt.

Ich habe den Roman Die satanischen Verse in folgender Auflage vorliegen: Knaur 60648 – vollständige Taschenbuchausgabe März 1997, Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München – ein Übersetzer ist aus verständlichen Gründen nicht genannt.

    Satan, zu einem vagabundierenden, rastlosen, unsteten Dasein verurteilt, kennt keine fest Bleibe; denn obgleich er, infolge seiner engelhaften Natur, über ein Reich zerfließender Wüstenei und Luft herrscht, so ist es doch gewißlich Teil seiner Strafe, daß er … ohne jeden angestammten Ort oder Raum ist, der es ihm gestatten würde, seinen Fuß darauf ruhen zu lassen.
    Motto zum Roman von Daniel Defoe: The History of the Devil

„Satanische Verse“ ist die Bezeichnung für eine Episode in der Biographie von Mohammed, die mit der 53. Sure „Der Stern“ (al-Nadschm) zusammenhängt. Dort geht es um die in der Kaaba in Mekka verehrten alten Gottheiten. Nach einer Überlieferung erlaubte Mohammed, die Göttinnen Al-Lat, Al-Uzza und Manat um Fürsprache anzurufen, widerrief die entsprechenden Verse jedoch bald, da sie nicht vom Erzengel Gabriel, sondern vom Satan eingegeben sein sollen.

Inhaltsangabe:

I Der Engel Gibril
II Mahound
III Ellohenn Deeohenn
IV Aischa
V Eine Stadt: Sichtbar, aber ungeschaut
VI Rückkehr nach Jahilia
VII Der Engel Asrael
VIII Die Teilung des Arabischen Meers
IX Eine wunderbare Lampe

Der Roman beginnt damit, dass zwei indische, aus Bombay stammende Muslime, Saladin (Salahudin) Chamcha und Gibril Farishta, nach der Explosion eines von Extremisten entführten Jumbo Jets an der Ostküste von England ohne Fallschirm vom Himmel fallen, überleben und glauben, verwandelt, wiedergeboren zu sein. Gibril, ein beliebter Bollywood-Schauspieler und Darsteller von Gottheiten, erhält nach dem Absturz einen Heiligenschein. Saladin, ein nicht minder erfolgreicher, seine Herkunft verleugnender Stimmenimitator, verwandelt sich äußerlich langsam in ein „Ungeheuer“ mit Fell, Hörnern und Schwanz, nimmt also ein teufelsähnliches Aussehen an. Aufgrund dieses Aussehens von der Polizei verfolgt, wird Saladin vom Liebhaber seiner englischen Ehefrau in London in einem bengalischen Café versteckt, wo er trotz seines zunehmend veränderten Aussehens gute Freunde findet und zum Symbol des Widerstands gegen fremdenfeindliche Gruppierungen wird. Gibril andererseits gelingt es, sein ehemaliges Leben weiterzuführen, wird aber zunehmend von der Vorstellung geplagt, die Inkarnation des gleichnamigen Erzengels zu sein, entfremdet sich von seiner Umwelt und wird geisteskrank. Saladin erhält nach einigen Leiden sein ursprüngliches Aussehen zurück, trifft auf seine Nemesis und wird von ihr während gewalttätiger Unruhen aus dem brennenden Café gerettet. Bevor er zu sich selbst findet, rächt sich Saladin mit „satanischen Versen“ (Verzweiflungstaten auslösender Telefonterror) an Gibril, der ihn nach ihrer wundersamen Rettung aus dem explodierten Flugzeug im Stich gelassen hatte.

In den Erzählstrang um Gibril und Saladin verwoben ist die Geschichte des Propheten Mohammed, der im Roman Mahound heißt, und dessen Kampf gegen die Göttin Al-Lat und das vorislamische Mekka. Gibril ist gleichzeitig Zuschauer, Werkzeug und Akteur zweier weiterer Handlungsstränge des Romans: Der von Wundern und Unglücken begleiteten Haddsch eines kleinen südindischen Dorfes gegen den Widerstand seines säkularen Zamindars (Großgrundbesitzer) sowie eines im Exil lebenden Imams, zu dessen unfreiwilligem Werkzeug Gibril wird („Reise nach Jerusalem“ und Vernichtung von Aischa). Diese Erzählstränge sind als „Träume“ Gibrils beziehungsweise des Erzengels Gabriel gestaltet.

Personen des Romans mit Zeit und Ort

I. Bombay – London (im Roman auch Ellohenn Deeohenn genannt) usw. um das Jahr 1961„ein Jahr, das man auf den Kopf stellen konnte …“ (S. 62)

Dara Singh – Buta Singh – Man Singh und Tevleen (Frau), Terroristen im Flugzeug AI-420 („Bostan“))

Gibril Farishta, indische Schauspieler (Götterrollen), (Erzengel Gabriel, auch als Asrael, der Würgeengel) – geboren als Ismail Najmuddin (Stern des Glaubens) in Poona – stirbt zuletzt durch Freitod

Najmuddin Sen., Vater, stirbt als sein Sohn 20 Jahre alt ist (Essensläufer)
Naima Najmuddin, Mutter

Babasaheb Mharte (nimmt Gibril in jungen Jahr auf)

Rekha Merchant, Gibrils frühere Geliebte, Nachbarin in Everest-Vilas/verheiratete Geschäftsfrau – nimmt sich mit ihren Kindern das Leben durch Sprung vom Dach eines Hochhauses

John Maslama, Vertreter des ‚universellen Glaubens’, wie ihn Kaiser Akbar entwickelt hat; später Besitzer des Hot-Wax-Nachtclubs usw.

Alleluja Cone, Gibrils blonde Frau, Bergsteigerin, Besiegerin des Mount Everest (stirbt am Ende durch Sprung von Dach eines Wolkenkratzers – wie Rekha Merchant)
Alicja Cone, ihre Mutter
Otto Cone (früher: Cohen aus Warschau), ihr Vater
Elena Cone, ihre Schwester
(Professor Boniek, späterer Lebenspartner von Alicja)

Pimple Billimoria, extrascharfe Sexbombe und Starlet, Gibrils ‚letzte Verflossene‘

Saladin Chamcha, eigentlich: Salahuddin Chambachawala, indische Rundfunksprecher (Stimmenimitator), will perfekter Engländer sein (mutiert zeitweise zum Teufel)

Changez Chambachawala, sein Vater, reich durch Kunstdünger etc.
Nasreen Chambachawala, seine Mutter
Nasreen II, 2. Frau von Changez
Ayah Kasturba, Kindermädchen

Mimi Mamoulian, weibl. Gegenstück zu Saladin (als Rundfunksprecherin), Jüdin
Billy Battuta, pakistanischer Playboy, Supertanker-Besitzer etc., Hochstapler
(Aileen Struwwelpeter)

Pamela Chamba, geb. Lovelace, Saladins Frau – lebt mit Saladin in einer fünfstöckigen Villa in Notting Hill
Zeeny Vakil, Saladins Geliebte in Bombay
Jamshed „Jumpy“ Joshi, Pamelas Geliebter

Café Shaandaar in der Brickhall High Street, London:
Muhammed Sufyan, Eigentümer
Hind Sufyan, seine Frau
Mishal, Tochter
Anahita, Tochter
Hanif Johnson, Rechtanwalt

Dr. Uhuru Simba (eigentlich Sylvester Roberts aus New Cross)
(Pinkwalla, der Didschäy (eigentlich Sewunker))
Inspektor Stephan Kinch, für die Nachbarschaftspflege zuständiger Beamter

Hal Valance, Schöpfer der Aliens Show / Filmbranche
S. S. „Whisky“ Sisodia, indischer Filmproduzent (stottert leicht) – wird später ‚erschossen‘ aufgefunden (stirbt gleichzeitig mit Alleluja Cone)
(Jeremy Bentham, Musicalgenie)

George Miranda, marxistischer Filmemacher, Freund Zeenys
Swatilekha, Bengalin, später Georges Freundin
Bhupen Ghandi, Dichter und Journalist, Freund Zeenys

Eugene Dumsday, Bekanntschaft aus dem Flugzeug, Fußsoldat im christlichen Heer des Herrn
(Jalandri, mausähnliche, ziegenbärtige Geisel im Flugzeug)

Rosa Diamond, 88-jährige Frau, wohnt am Strand, wo Gibril und Saladin angeschwemmt werden
Henry Diamond, ihr verstorbener Mann (Don Enrique), beide lebten in Argentinien

Hyacinth Phillips, Krankengymnastin (Saladin als Patient)
Orphia Phillips, ihre Schwester (U-Bahn-Aufzugführerin)
Uriah Moseley, Freund Orphias (U-Bahn-Aufzugführer)
Rochelle Watkins, Bahnhofsschönheit (Nachfolgerin von Orphia, u.a. als U-Bahn-Aufzugführerin)

II. Vorzeit in Jahilia, Stadt gänzlich aus Sand erbaut – Quelle von Zamzam, neben dem Haus des Schwarzen Steins – die Oase Yathrib

Die drei Göttinnen (S. 136):
Uzza – Göttin der Schönheit und Liebe
Manat – die Schicksalsgöttin
Ilat (Al-Lat, die Göttin) – Muttergöttin (Lato bei den Griechen) — Allahs Gegenstück

Mahound (Mohammed)
Khalid, der Wasserträger
Salman, ‚Tippelbruder’ aus Persien
Bilal, von Mahound freigekaufter Sklave

Die 12 Frauen Mohammeds:
Aischa
Sawdah
Hafsah
Umm Salamah, die Makhzumitin
Ramlah
Zainab bint Jahsh
Juwairiyah
Rehanah, die Jüdin
Safia
Maimunah
Maria, die Koptin (aus Ägypten)
Zainab bint Khuzaimah

Karim Abu Simbel, Grande von Jahilia
Hind, seine Frau

Baal, der Satiriker

III. Im Exil

Imam, ein Verbannter/Mann im Exil (Khomeini)
Khalid, sein Sohn
Bilal X, amerikanischer Sänger und Konvertit
Salman Farsi, diensthabender Wächter

IV. ein kleines indisches Dorf namens Titlipur

Bibiji, heilige Frau, die 240 Jahre alt wurde
Aischa, fallsüchtiges Waisenkind

Mirza Said Akhtar, Zamindar (Großgrundbesitzer)
Mishal, seine Frau

Osman, ein Unberührbarer mit ‚Bum-Bum’-Ochse
Srinivas, der Spielzeugfrabrikant

Ich habe den Roman in diesen Tagen erneut gelesen, während die dschihadistisch-salafistische Terrororganisation IS weiter Teile des Irak und Syriens besetzt und dort ein mörderisches Regime eingerichtet hat. Ihr Anführer, Abu Bakr al-Baghdadi, regiert als selbst ernannter Kalif, womit der Anspruch auf die Nachfolge des Propheten Mohammed als politisches und religiöses Oberhaupt aller Muslime verbunden ist.

Ich gestehe, zu wenig vom Islam zu wissen, um mir ein genaues Urteil zu erlauben. Aber wie schon immer in der Geschichte, so sehe ich in der Ausdehnung des IS in erster Linie einen Machtanspruch, der sich besonders auch an wirtschaftlichen Interessen orientiert (sic!), dem die Religion nur als Vorwand dient. Und es ist die Bestie Mensch, die zu solchen Gräueltaten, wie sie der IS verübt, fähig ist.

Salman Rushdie entstammt einer muslimischen Familie. Sein Roman ist u.a. die Geschichte eines Glaubensverlustes, den er allerdings nicht vernunftmäßig zu begründen sucht, sondern in einer Sprache, die mit der orientalischen Lust am Fabulieren „ein fulminantes Gewirr fantasievoller, grotesker und wahnwitziger Geschichten auf[türmt]. Weit ausschweifend denkt er sich fortwährend neue Nebenfiguren und –handlungen aus. Mühelos springt er zwischen Indien, Arabien und England, surrealer Wirklichkeit, Wahnvorstellungen und Trauminhalten hin und her.“ (Quelle: dieterwunderlich.de)

Es geht als um Glaube wie um Zweifel. „Es geht aber auch um die Gegensätze Gut und Böse, Liebe und Hass, Rache und Vergebung, Wahn und Rationalität, Kompromisslosigkeit und Pragmatismus, Orient und Okzident. Salman Rushdie warnt davor, dass die junge, urbane Elite Indiens ihre Identität verliert, wenn sie die traditionellen religiösen, kulturellen und sozialen Bindungen zugunsten zweifelhafter Werte der globalen, westlich geprägten Massenkultur aufgibt. Zugleich wendet er sich gegen jede Art politischer oder religiöser Bevormundung.“

Manchmal erinnert mich der Roman an feinfühlig-satirisch burleske Werke wie die von Cervantes (Don Quijote) und Rabelais (Gargantua und Pantagruel). Aber natürlich blitzt auch immer wieder die Fantasiewelt aus Tausendundeiner Nacht auf. Und ich muss an Nagib Machfus denken, dessen Kairo-Trilogie das Leben in Ägypten zwischen den beiden Weltkriegen beleuchtet und gegen den ebenfalls in einer Fatwa ein Todesurteil wegen Gotteslästerung verhängt worden war.

Der Roman ist ein Werk gegen jene Humorlosigkeit iranischer Ajatollahs, die in ihrem Glaubenseifer alles niedermachen, und gegen das Brandschatzen selbst ernannter Kalifen. In seiner überquellenden Fabulierlust ist es vor allem ein Werk, das zu Menschlichkeit, zu Verständnis und Toleranz aufruft.

„Dieser Roman ist das überaus vielstimmige, Geschichte und Gegenwart durcheinanderwirbelnde, von Einfällen überbrodende und trotz eines ‚Happy-End’ letztlich tieftraurige Manifest eines endgültigen Glaubensverlustes. Seinen literarischen Rang gewinnt das Buch durch eine scheinbar paradoxe Entscheidung seines Autors. Denn Rushdie erzählt diesen Glaubensverlust nicht im Sinne rationaler Welterfahrung: er benutzt vielmehr alle ihm zu Gebote stehenden Mittel des Phantastischen und des Wunderbaren, um sein Pandämonium der entgöttlichen Welt zu veranschaulichen.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Theo Löbsack: Die manipulierte Seele

    Wenn es wahr ist, daß Freude und Leid, Liebe und Haß, Aggression, Güte und ähnliche Regungen für unser Menschsein bezeichnend sind, und wenn dieses Menschsein bisher für eine gezielte Veränderung unzugänglich war, so wissen wir heute: Diese Gewißheit gibt es nicht mehr.
    Denn Gefühle wie Zuneigung und Wut, Angst und Wonne lassen sich seit jüngster Zeit auch unabhängig von äußeren Umständen mit der Präzision eines chirurgischen Eingriffs im Gehirn künstlich hervorrufen. Damit scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis wir sogar Vertrauen und Hoffnung, ja den Glauben an etwas in Form einer chemischen Substanz ins Gehirn träufeln oder als Medikament zu uns nehmen können.
    (aus der Einleitung zum Buch)

Die Möglichkeiten, das menschliche Verhalten durch chemische Substanzen oder chirurgische eingriffe und gezielte Stromstöße im Gehirn zu manipulieren, sind in den letzten Jahrzehnten auf beängstigende Weise gewachsen. Beruhigungsmittel, leistungssteigernde, bewußtseinserweiternde, geistig und sexuell anregende Drogen haben einen ebenso erfolgreichen wie bedenklichen Siegeszug angetreten. Ist diese Entwicklung aufzuhalten? Wann darf die Persönlichkeit eines Menschen beeinflußt oder gar verändert werden? Gibt es überhaupt Umstände, die dies rechtfertigen? – Theo Löbsack informiert sehr gründlich über alle medizinischen, psychologischen und moralischen Aspekte dieses überaus komplexen Problems. Neben aktuellen Zahlen und statistischen Ergebnissen bezieht er auch die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse in seine Darstellung ein.
(aus dem Kladdentext)

    Theo Löbsack: Die manipulierte Seele

Natürlich ist dieses populärwissenschaftliche Sachbuch nicht mehr auf dem letzten Stand. Geht man von aktuellen Schätzungen aus, wonach sich das Wissen der Welt etwa alle fünf bis zwölf Jahre verdoppelt, wobei sich diese Rate noch beschleunigt, dann präsentiert ein 35 Jahre altes Buch nur noch einen Bruchteil des heutigen Wissens. Auch erscheint mir der Autor der ‚alten Schule’ anzugehören, nicht nur stilistisch, obwohl er für die damalige Zeit sicherlich aufgeschlossen und tolerant erscheint. In seiner Einleitung zum Buch schreibt er weiter:

Wir, die wir eingespannt sind in den entnervenden Betrieb einer auf Leistung bedachten Welt, die wir an Verklemmungen und Verdrängungen leiden, die wir vielfach schon zur bloßen Funktion herabgewürdigt sind, wir haben vieles von unserem ursprünglichen Menschsein hergeben müssen. Um so mehr aber sehnen wir uns nach ihm zurück. Gilt uns die persönliche Freiheit noch etwas? Dann dürfte es beispielsweise nicht sein, daß wir einen Mitmenschen als gefährlich, asozial oder kriminell bezeichnen, weil er etwa bestimmte Drogen einnimmt, weil er sich mit Hilfe chemischer oder anderer Mittel künstlich in ein Reich begibt, in dem er – ganz für sich und ohne seine Mitwelt zu belästigen – dieses Menschsein wieder zu spüren vermeint. Wir sollten vielmehr versuchen, solch Verhalten zu verstehen und die Möglichkeiten, die uns die moderne Pharmakologie, die Gehirn- und Seelenforschung erschlossen haben, unserem westlichen Kulturerbe nutzbar zu machen, bevor die technische Zivilisation dieses Erbe vollends überwuchert.

Dieses Buch will vor allem informieren. Es will zum Verständnis einer Entwicklung beitragen, deren Gefahren und Verlockungen uns heute gleichermaßen bewegen. Darüber hinaus will es schlicht zum Nachdenken anregen.
(aus der Einleitung zum Buch)

Ich habe Theo Löbsack: Die manipulierte Seele als dtv Sachbuch 1712 – Deutscher Taschenbuch Verlag, München, Oktober 1981 (1979 revidierte Neuausgabe) vorliegen und während meines Sommerurlaubs nach langen Jahren erneut gelesen.

Hier ein Blick ins Inhaltsverzeichnis, der uns aufzeigt, worum es in diesem Buch geht. Besonders die heutigen Erkenntnisse in der Hirnforschung mit all ihren Disziplinen dürften das hier Beschriebene überholt haben. Und wenn es um Drogen geht, so sind synthetische Drogen wie Crystal Meth auf dem Vormarsch. Trotzdem ist dieses Buch, betrachtet man es als Einstieg in diese Materie, auch heute noch interessant und lesenswert:

Inhaltsverzeichnis

Einbruch ins innerste Ich (anstelle eines Vorworts)

I. Der Mensch im Massenzeitalter
Neurose und Verbrechen
Die innere Leere
Invasion der Wünsche
Immer mehr Erdbewohner: Die Seelenbelastung wächst

II. Verborgene Kräfte in uns
Sekundär-Gedächtnisse
Sinnesleistungen, die verblüffen

III. Physik der Seele
Stationen der Hirnforschung: von Mumienschädeln und „protoplasmatischen Küssen“
Das Gehirn als Zielsuch-Maschine
Was das Gehirn sich nicht gefallen läßt
Sauerstoffmangel und künstliche Unterkühlung
Der Eingriff mit dem Zielgerät

IV. Gehirnwäsche
Was ist die „Persönlichkeit?“
Pawlows Versuche
Die „ultraparadoxe Phase“
Die „Kampf-Erschöpfung“ und das Mittel der Isolierung

V. Die manipulierte Seele
Liebesgefühle auf Kommando
Wut- und Wonnezentren im Gehirn

VI. Chemie der Seele
Hunger und Durst auf chemischen Befehl
Die gefährlichen Paradiese
Tabak, Kaffee und Tee
Opium oder das Geheimnis des Glücks
Der Haschisch-Rausch: ein Ozean aus Tönen
Coca vertreibt die Müdigkeit
Die Sucht oder die Flucht aus der Wirklichkeit
Schmerz und Wehleid

VII. Über sich hinauswachsen
„Psycho-Energizer“
Die Gedächtnis-Pille
Chemische Siebenmeilen-Stiefel
Die Leistung steigt im elektrischen Feld
Über sich hinauswachsen – auch sexuell?
Liebe im LSD-Rausch

VIII. Seelenarznei und Legalität
Mittel, die die Zunge lösen
Gefährliche Kombination: Arznei und Alkohol
Psychopharmakon und Strafrecht

IX. Hilfe für die Ruhelosen
Der Verfolgungswahn verliert seine Schrecken
Lassen sich Verbrechen voraussagen?
Gegen Lampenfieber und Examensangst
Schattenseiten
Darf die Persönlichkeit verändert werden?

X. Das geweitete Bewußtsein
Meskalin und die mexikanischen Zauberpilze
LSD – die „Wasserstoffbombe“ für die Seele
Reisen in die Vergangenheit
Vom blauen Windstoß und ungelösten Welträtseln
„Transzendentales Leben“ auf dem Hängeboden
LSD in der Psychiatrie
Was geschähe, wenn …?

XI. Die Seele darf nicht verkümmern

Anhang

Wenn ich mir eines wünschen dürfte, dann wäre es ein Buch wie dieses – allerdings auf einen möglichst neuesten Stand. Löbsack besaß die Fähigkeit, komplizierte naturwissenschaftliche Zusammenhänge in einer auch für den Laien verständlichen Form darzustellen, wofür er einige Auszeichnungen erhielt. Es ist ein interessantes Feld – das Wissen um unser Gehirn. Und nicht umsonst haben sich viele Wissenschaftler aufgemacht, um immer mehr von dem Organ zu erforschen, von seinem Aufbau und seiner Funktionsweise, aber auch von seinen Erkrankungen.

„Löbsacks Buch liest sich wie ein spannender Abenteuerroman – und in der Tat kann es ja kein aufregenderes Abenteuer geben als die Entdeckung der menschlichen Seele.“ (Die Weltwoche)

Margaret Atwood: Der Report der Magd

    Da Rahel sah, daß sie dem Jakob kein Kind gebar,
    beneidete sie ihre Schwester und sprach zu Jakob:
    Schaffe mir Kinder; wo nicht, so sterbe ich.
    Jakob aber ward sehr zornig auf Rahel und sprach:
    Bin ich doch nicht Gott, der dir deines Leibes Frucht nicht geben will.
    Sie aber sprach: Siehe, da ist meine Magd Bilha:
    Gehe zu ihr, daß sie auf meinem Schoß gebäre, und ich doch
    Durch sie aufgebaut werde.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts haben fanatische religiöse Sektierer im Norden der USA die sogenannte Republik Gilead installiert, deren oberstes Ziel die Sicherung des Fortpflanzung ist, nachdem die ‚europiden Rassen’ seit Jahren einen drastischen Geburtenrückgang zu verzeichnen hatten. Perfid Machtstrukturen sollen die größtmögliche Ausbeutung der weiblichen Gebärfähigkeit gewährleisten; dazu gehören die totale Entmündigung der Frauen und ihre Klassifizierung in Hausfrauen, Gebärmaschinen und Dienerinnen. Wer nicht funktioniert oder sich widersetzt, wird zur ‚Unfrau’ erklärt und in die Kolonien zur Giftmüllbeseitigung abgeschoben. Eine dieser jungen, zu Reproduktionszwecken rekrutierten Frauen, der sogenannten Mägde, die den männlichen Führungskräften von Gilead als Zweitfrau zugewiesen werden, ist Desfred, die Hauptfigur und Erzählerin des Romans. Sie wird am Ende aus Gilead entkommen können.
(aus dem Kladdentext)

‚Desfred’ ist wie ‚Desglen’ und ‚Deswarren’ ein Patronymikum (… ‚die von Fred’), das aus dem Possessivartikel im 2. Fall (Genitiv) und dem Namen des betreffenden Herrn gebildet wird (im englischen Original als ‚Offred’, ‚Ofglen’ bzw. ‚Ofwarren’). Solche Namen wurden von den Frauen bei ihrem Eintritt in eine Verbindung mit dem Haushalt eines spezifischen Kommandanten angenommen und, wenn sie ihn verließen, wieder aufgegeben.

Margaret Atwood hat mit ihrem spannenden und beklemmenden Roman Der Report der Magd ein Beispiel einer negativen Utopie gegeben, dem die Kritik den visionären Rang von Orwells ‚1984’ und Huxleys ‚Brave New World’ attestiert hat. Margaret Atwood, 1939 in Ottawa geboren, zählt zu den prominentesten Autorinnen der kanadischen Gegenwartsliteratur. Sie schreibt Gedichte, Romane, Prosastücke, Kritiken und Essays. ‚Der Report der Magd’ ist ihr wohl größter Romanerfolg und wurde von Volker Schlöndorff 1990 unter dem Titel Die Geschichte der Dienerin verfilmt. Margaret Atwood wird in diesem Jahr 75 Jahre alt.

    Margaret Atwood: Der Report der Magd

Während meines Sommerurlaubs habe ich den Report der Magd (Original: The Handmaid’s Tale, 1985) nach langen Jahren erneut gelesen. Ich habe den Roman als Taschenbuch 5987 – aus dem Amerikanischen von Helga Pfetsch – Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, April 1989, vorliegen.

Was wäre, wenn uns christliche Fundamentalisten regieren würden? In ihrem Anspruch, die wahren Werte zu vertreten, würden diese nicht Halt machen, ihre Vorstellung von einer christlichen Religion notfalls auch mit radikalen und intoleranten Mitteln durchzusetzen. Der Roman von Margaret Atwood gibt uns einen Vorgeschmack darauf. Natürlich wird ähnlich wie beim islamischen Fundamentalismus, der sich im Terror wie zz. dem des Islamischen Staates offenbart, auch hier Religion als Vorwand benutzt, um nichts anderes als Macht und Einfluss zu gewinnen. In den Chefetagen nimmt man es dann nicht mehr so genau mit christlichen (oder islamischen) Werten. Religion diente schon immer den Oberen zur Ausbeutung.

Margaret Atwood hat sicherlich nicht ohne Grund die USA als Schauplatz ihres Romans gewählt. Hier versucht eine religiöse Rechte, heute u.a. die Tea Party-Bewegung, Einfluss auf die Politik des Landes zu gewinnen. Ich denke, dass es vielleicht nicht gerade ein Gilead wie im Roman sein wird, was ihre Anhänger wollen, wenn sie könnten … Aber es dürfte genügend Menschen geben, die unter deren Politik zu leiden hätten.

„Wer diesen Roman zu lesen anfängt, wird ihn nicht aus der Hand legen können. Mit Sicherheit ist es das kühnste Buch, das Margaret Atwood bisher geschrieben hat: ein großer utopischer Roman, der wie Orwells ‚1984’ und Huxleys ‚Schöne Neue Welt’ als Prophezeiung und Warnung Bestand haben wird.“ (The Sunday Star, Toronto)

Isaac B. Singer: Feinde, die Geschichte einer Liebe

Vor geraumer Zeit schrieb ich (Heute Ruhetag (39): Scholem Alejchem – Anatewka):

Wer Kafka verstehen will, muss sich auch mit seinem Judentum auseinandersetzen. So wurde Kafka – aber nicht nur er allein – für mich zum Ausgangspunkt, mich mit jüdischer, speziell mit jiddischer Literatur zu beschäftigen. Als Einstieg boten sich da die Erzählungen und Romane von Isaac B. Singer an, der 1978 als erster und bisher einziger jiddischer Schriftsteller für sein Gesamtwerk den Literaturnobelpreis erhielt. Auch in Deutschland wurde besonders sein Roman „Feinde – die Geschichte einer Liebe“ aus dem Jahr 1966 (1974 in Deutschland erschienen) bekannt, der 1989 durch Paul Mazursky verfilmt wurde. 1983 wurde Singers Kurzgeschichte „Yentl, the Yeshiva Boy“ mit Barbra Streisand in der Hauptrolle als Yentl verfilmt; dem Film stand Singer allerdings sehr kritisch gegenüber. Isaac Bashevis Singer beschreibt u.a. das jüdisch-polnische Leben im Schtetl, später das Leben der Juden in den USA. Es ist eine wundersame Welt mit einem ganz eigenen Humor, die sich da dem Leser auftut. Singers Werk steht im Spannungsfeld zwischen Religion und Moderne, Mystizismus und rationaler Einsicht.

Isaac Bashevis Singer wurde 1904 in Radzymin (andere Quellen: in Leoncin) in Polen geboren und wuchs in Warschau auf. Er erhielt die tradionelle jüdische Erziehung und besuchte das Rabbinerseminar. Mit 22 Jahren begann er für eine jiddische Zeitung in Warschaz Geschichten zu schreiben, zuerst auf hebräisch, dann auf jiddisch. 1935 emigrierte er in die USA und gehörte dort bald zum Redaktionsstab des ‚Jewish Daily Forward’. Für den Roman ‚Feinde, die Geschichte einer Liebe’ erhielt er 1974 den National Book Award. 1978 wurde ihm für sein Gesamtwerk der Nobelpreis für Literatur verliehen. Singer starb 1991 in Florida.

    Isaac B. Singer: Feinde, die Geschichte einer Liebe

Herman Broder, der als Jude in Polen nur knapp der Verfolgung durch die Nationalsozialisten entging, lebt zurückgezogen und noch immer von Ängsten gepeinigt mit seiner Frau Jadwiga in Coney Island bei New York. Jadwiga, das polnische Bauernmädchen, hatte ihn vor den Deutschen versteckt und so sein Leben gerettet; vor allem aus Dankbarkeit für diese Tat wurde sie von Broder geheiratet. Daneben liebt er die schöne, eigenwillig-exaltierte Mascha, weiß diese Verbindung aber vor Jadwiga zunächst geheimzuhalten. Da taucht Tamara auf, seine erste Frau, von der Zeugen berichtet hatten, sie sei im KZ umgekommen. Hilflos und unentschlossen steht Herman zwischen diesen drei Frauen, bis er schließlich alle drei auf mysteriöse Weise ‚verläßt’. Die verzweifelte Fatalität einer solchen Konstellation erscheint in Singers intensiver Darstellung als äußerste dramatische Zuspitzung der allgemeinen Ausweglosigkeit seines von tiefer Resignation und abgründigem Pessimismus gezeichneten ‚Helden’. Broders Geschichte ist, wie der Autor betont, nicht die des typischen Flüchtlings – doch auch der vermeintlich kuriose ‚Einzelfall’ weist zurück auf den Schock und das Trauma der Vernichtung, das alle diese Überlebenden zeichnet, auch wenn sie ihm äußerlich entkamen.
(aus dem Kladdentext)

In diesen Tagen habe ich den kleinen Roman Feinde, die Geschichte einer Liebe, Deutsch von Wulf Teichmann (amerikanische Originalausgabe: Enemies, A Love Story) – Deutscher Taschenbuch Verlag, München – dtv 1216 – ungekürzte Ausgabe – 2. Auflage November 1978: 13. – 17. Tsd. – erneut gelesen.

Als Vorbemerkung schrieb Singer:

Wenn ich auch nicht das Privileg hatte, durch die Hölle von Hitlers Massenvernichtungen gegangen zu sein, so habe ich doch jahrelang in New York mit Flüchtlingen zusammengelebt, die diese Feuerprobe durchgemacht haben. Darum möchte ich gleich sagen, daß dieser Roman keineswegs die Geschichte des typischen Flüchtlings, seines Lebens und seiner Kämpfe ist. Wie in den meisten meiner erzählenden Werke wird in diesem Buch ein Ausnahmefall dargestellt – mit einzigartigen Helden und einer einzigartigen Verflechtung der Ereignisse. Die Figuren sind nicht nur Nazi-Opfer, sondern auch Opfer ihrer eigenen Persönlichkeiten und Schicksale. Wenn sie in das allgemeine Bild passen, so deswegen, weil die Ausnahme die Regel bestätigt. In der Literatur ist die Ausnahme tatsächlich die Regel.

Der Roman wurde erstmals 1966 in ‚The Jewish Daily Forward’ unter dem Titel ‚Sonim, die Geschichte fun a Liebe’ veröffentlicht. Aliza Shevrin und Elizabeth Shub haben ihn ins Amerikanische übersetzt, und Rachel Mac Kenzie und Robert Giroux haben die Übersetzung redigiert. Mein Dank gilt ihnen allen. I.B.S.

Der Roman beginnt wie folgt (Erstes Kapitel – 1):

Herman Broder drehte sich um und machte ein Auge auf. Halb noch im Traum fragte er sich, ob er in Amerika sei, in Tzivkev oder in einem deutschen Lager. In der Phantasie versetzte er sich sogar in das Versteck auf dem Heuboden in Lipsk. Alle diese Orte verschmolzen gelegentlich in seinem Geist. Er wusste zwar, daß er in Brooklyn war, aber er hörte Nazis schreien. Sie stocherten mit ihren Bajonetten herum und versuchten, ihn aufzustöbern, während er sich immer tiefer ins Heu preßte. Eine Bajonettklinge streifte seinen Kopf.

Ganz wach zu werden, erforderte einen Willensakt. „Genug!“ sagte er sich und setzte sich auf. Es war mitten am Morgen. Jadwiga war schon eine ganze Weile angezogen. Im Spiegel an der Wand gegenüber dem Bett erblickte er sich – langgezogenes Gesicht, seine wenigen ihm noch verbliebenen Haare, einst rot, jetzt gelblich und mit grauen Strähnen. Unter buschigen Brauen blaue Augen, bohrend und dennoch sanft, schmale Nase, eingefallene Wangen, die Lippen dünn.

Herman wachte immer mitgenommen und zerzaust auf, als hätte er die ganze Nacht gerungen. An diesem Morgen hatte er sogar eine blaue Beule an der Stirn. Er berührte sie. „Was ist das?“ fragte er sich. Kam das vielleicht von dem Bajonett in seinem Traum? Bei dem Gedanken mußte er lächeln. Wahrscheinlich war er in der Nacht auf dem Weg zum Klo gegen die Kante der Schranktür gebumst.

Vor jetzt auch schon wieder vierzig Jahren schrieb Horst Bienek in der Zeit (In der Fremde daheim) zu dem Roman:

Das Buch ist „ein aufrichtiger, verzweifelttragischer, schonungsloser Roman der amerikanischen Gegenwart. Hier hat ein Autor den Mut und die gestalterische Kraft, zwanzig Jahre nach dem Ende der Vernichtungshöllen (das Buch ist 1965 entstanden), nicht mehr von der Banalität des Bösen zu sprechen, sondern über die Banalität der Opfer zu schreiben; von Menschen, die Helden oder Märtyrer waren im Getto, im Gefangenenlager, im KZ oder einfach in einem Versteck, in jedem Fall von wenigen Noch-einmal-Davongekommenen, die nach der ‚Außerordentlichkeit des Lebens’, wie Buber sagt, dessen sie sich oft gar nicht bewußt waren, wieder zurückkehren in den Alltag mit seinen banalen, aufgebauschten und nichtsdestoweniger existentieller. Problemen – vor denen sie genauso hilflos dastehen wie vorher.“ – „… all seine Figuren [sind] im Ostjudentum verwurzelt; sie leben zwar in New York, aber diese Stadt ist für sie nichts anderes als Kulisse – sie denken, fühlen, ja, sie leben noch so wie damals in Tzivkev, in Lemberg oder Lipsk, …“.


Größere Kartenansicht
Coney Island zwischen Neptune und Mermaid Avenue (‚Herman Broders’ Welt)

Ich weiß nicht, wie es heute ist, ob nach dem Schtetl, dem jüdisch-polnische Leben, das die Nazis vernichtet haben, auch diese ‚Singer’sche’ Welt in Coney Island zwischen Neptune Avenue und Mermaid Avenue und anderswo in Amerika untergegangen ist: Isaac B. Singer hat in wunderbaren Erzählwerken diese beiden Welten für uns eingefangen, die das Lesen lohnen.

„In diesem großen und ruhigen Roman wird viel über das Leben, das Schicksal, Gott nachgedacht und spekuliert, doch in einer ganz unaufdringlichen, selbstverständlichen art und Weise. Die Erinnerung ist gleichzeitig eine individuelle und eine kollektive, und mit dieser Erinnerung muß man lebe: ‚Ja, die bösen Geister spielen eben mit uns,’ Singer bleibt stets konkret, anschaulich, figurenreich und detailgenau; da ist das Raunen einer langen Leidensgeschichte in der Gestaltung nacherlebbarer und unpathetischer Schicksale aufgegangen.“ (Die Weltwoche)