Kategorie-Archiv: Geistesblitze

Vom Denken und Dichten – Von Philosophie, Wissenschaft bis Religion

Von Klatsch, Klatschen und Klatschmohn

In einem Grimm’scher Märchen „kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas [ein Frosch] die Marmortreppe herauf gekrochen“. Und am Ende (nicht dem im Märchen): klatsch, gelang dem Frosch beim Sprung ins Wasser nur ein Bauchklatscher. Dabei wurde er klatschnass. Laut Duden ist dieses Klatschen unter Vielem „ein [helles] schallendes Geräusch durch das Aufschlagen von etwas [weichem] Schwerem auf etwas Hartes“ bzw. „(umgangssprachlich) (etwas Feuchtes o.Ä.) durch Werfen o.Ä. klatschend auf etwas auftreffen lassen.“

Blättert man im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm erfährt man, dass Klatschen „ein wesentlich mitteldeutsches Wort [ist], das erst seit dem 17. Jahrhundert erscheint“.

Nun die Brüder Grimm kannten Klatschen auch schon als Klatsch und Tratsch, dem Kaffeeklatsch, mit dem Damen (durchaus auch Herren vielleicht bei einem Bier als Bierklatsch?) über Bekannte und Nachbarn herziehen.

Sind wir schon bei Damen, so benennt Klatsch auch eine Damenhandtasche ohne Henkel aus dem Englischen kommend (Clutch).

Das Geräusch des Klatschens kennen wir besonders aber auch beim Applaus, den wir nach gelungener Vorführung den Aufführenden zukommen lassen, eben als Klatschen. Dabei kann das Klatschen durchaus auch tödlich sein. Fragt doch einmal die Fliege, der durch eine Fliegenklatsche das Leben ausgehaucht wurde.

Dann gibt’s da noch den Abklatsch, m., „‘(unvollkommene) Nachbildung, Nachahmung’, in der Druckersprache ‘Rohabzug, Probeabdruck’ (18. Jh.), weil dieser ohne Presse nur durch Klatschen und Klopfen mit der Bürste hergestellt wird, auch Bürstenabzug“.

So kommt man also vom Kuchenbacken (wieder einmal) auf Pobacken, wie eine meiner Ex-Schwägerinnen (armer Bruder) zu sagen pflegte. Eigentlich wollte ich nur etwas über Klatschmohn an dieser Stelle schreiben. Denn an mehreren Stellen in unserem Garten erblüht in diesen Tagen diese Pflanzenart aus der Familie der Mohngewächse (Papaveraceae). Meine Frau und ich, wir mögen diese zarten Blüten, die meist nur zwei bis drei Tage ihre scharlachrote Pracht zeigen. Aber kaum ist eine Pflanze verblüht, knospen schon die nächsten Blüten.

Und es summt und brummt in diesen Blüten. Bienen und Hummeln sind wie wild her hinter den Pollen des Klatschmohns. Die rot gefärbten Kronblätter werden von den rotblinden, dafür aber UV-Licht wahrnehmenden Bienen wegen ihrer starken UV-Reflexion wahrscheinlich blauviolett gesehen.

Warum heißt der Klatschmohn eigentlich Klatschmohn? Es soll das „Geräusch [sein], das entsteht, wenn die in einem gefalteten Blütenblatt befindliche Luft dieses beim Zerdrücken sprengt“. Womit wir wieder beim Klatschen wären und sich der Kreis für heute schließt.

Klatschmohn in AlbinZ Garten Juni 2014

Klatschmohn in AlbinZ Garten Juni 2014

Klatschmohn in AlbinZ Garten Juni 2014

Klatschmohn in AlbinZ Garten Juni 2014

siehe auch: Amselnest und Feldblumen

Idylle & Kitsch

Die Verbrüderung aller Menschen dieser Welt wird nur durch den Kitsch zu begründen sein.

Niemand weiß das besser als die Politiker. Ist ein Fotoapparat in der Nähe, stürzen sie sich sofort auf das erstbeste Kind, um es auf den Arm zu nehmen und auf die Wangen zu küssen. Der Kitsch ist das ästhetische Ideal aller Politiker, aller Parteien und aller politischen Bewegungen.

In einer Gesellschaft, in der verschiedene politische Richtungen nebeneinander existieren, deren Einfluß sich gegenseitig behindert und begrenzt, kann man der Inquisition durch den Kitsch noch entkommen; der einzelne kann seine Originalität wahren, der Künstler unerwartete Werke schaffen. Wo aber eine einzelne politische Bewegung alle Macht hat, befinden wir uns im Reich des totalitären Kitsches.

Sage ich totalitär, so bedeutet dies, daß alles, was den Kitsch beeinträchtigen könnte, aus dem Leben verbannt wird: jede Äußerung von Individualismus (jede Abweichung ist Spucke ins Gesicht der lächelnden Brüderlichkeit), jeder Skeptizismus (wer an Kleinigkeiten zu zweifeln beginnt, wird damit enden, das Leben an sich anzuzweifeln), jede Ironie (im Reiche des Kitsches ist alles unbedingt ernst zu nehmen), aber auch die Mutter, die ihre Familie verlassen hat oder der Mann, der die Männer den Frauen vorzieht und so die hochheilige Parole „Liebet und mehret euch“, in Frage stellt.

Unter diesem Gesichtspunkt kann man den sogenannten Gulag als Klärgrube betrachten, in die der totalitäre Kitsch seinen Abfall wirft. (S. 240 f.)

Bei der Vorstellung, die Welt des sowjetischen Kitsches könnte Wirklichkeit werden und sie [die Protagonistin des Romans] müßte darin leben, liefen ihr Schauer über den Rücken. Ohne einen Moment zu zögern, gäbe sie dem Leben in einem wirklich kommunistischen Regime den Vorzug, trotz all der Verfolgungen und Schlangen vor den Fleischereien. In einer wirklich kommunistischen Welt kann man leben. In der Welt des Wirklichkeit gewordenen kommunistischen Ideals, in dieser Welt der lächelnden Idioten, mit denen sie nie ein Wort hätte wechseln können, wäre sie binnen einer Woche vor Grauen gestorben (S. 242).

aus: Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, April 1987 – 5992 – 311. – 410. Tausend: Februar 1988 – aus dem Tschechischen von Susanna Roth)

    Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Milan Kundera widmet sich in seinem (auch heute noch) überaus lesenswerten Roman, der ebenso witzig wie geistreich ist, dem sozialistischen Ideal und sieht nichts anderes darin als propagiertes Idyll, ja Kitsch, totalitären Kitsch. Die Geschichte von Tomas und Teresa (bzw. von Sabina und Franz) spielt in Prag, der Hauptstadt der damaligen Tschechoslowakei, um die Zeit des Prager Frühlings, also vor und nach 1968. Es ist eine Liebesgeschichte, die von der damaligen Wirklichkeit in einem sozialistischen Land geprägt wurde.

Totalitäre Staaten neigen zu totalitären Kitsch. In sozialistischen Staaten offenbarte sich dieser als Sozialistischer Realismus, dem Versuch, der Kunst starke Wirklichkeitsnähe zu verleihen und auf Abstraktion und Ästhetisierung zu verzichten. Es ist nicht verwunderlich, wenn die Werke dieses Kunststiles derer des Nationalsozialismus sehr ähneln (bei den einen ist es der optimistisch nach vorn blickende Arbeiter, bei den anderen der Soldat, der Siegeswille ausstrahlt). Zu Kitsch verkommt so das ganze Leben, wenn kein Spielraum für Interpretationen bleibt, wenn Stereotype und Klischees jede Form der Originalität ablöst.

In einer Demokratie kann man lt. Kundera ‚der Inquisition durch den Kitsch noch entkommen’. Es gibt Auswege und Ausweichmöglichkeiten. Trotzdem ist auch hier der Kitsch allgegenwärtig, es ist ein alltäglicher Kitsch. Kitsch und Idylle sind die Rückzugsgebiete des Alltagsmenschen. Jeder schafft sich sein eigenes Idyll. Im Grunde ist der Kitsch (fast) jedermanns ästhetisches Ideal.

Und wenn dann noch Politiker die Bühne betreten (und sich am liebsten auch sofort auf das erstbeste Kind stürzen möchten), quillt der Saal über von Kitsch.

Kitsch lässt sich als Gemenge aus Euphemismen, Verharmlosungen, Vorurteilen, Klischees und Illusionen, Verlogenheit, Wirklichkeitsflucht und falscher Geborgenheit interpretieren. Viele Politiker erfüllen die ‚Kriterien’!

Zum Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins später etwas mehr.

53 Millionen Karteikarten digitalisiert und ‚umgezogen’

    53 Millionen Karteikarten = 35 271 Karteikästen = Aneinanderreihung von 12,5 km Länge = 850 Quadratmeter Stellfläche = 31 LKWs = eine handliche Festplatte mit 5 Terabyte

Vor knapp zwei Jahren hatte ich hier die beiden Standorte des DRK Suchdienstes in München und Hamburg kurz vorgestellt – Schwerpunkt München (ein TV-Team hatten den dortigen Suchdienst besucht) mit der so genannten ‚Zentralen Namenskartei’ (ZNK), bestehend aus rund 53 Millionen Karteikarten mit Informationen zu vermissten Soldaten und Zivilpersonen aus dem Zweiten Weltkrieg. Schon 1945 nahm der DRK Suchdienst seine Arbeit auf und widmete sich verzweifelter Familien, die auf der Suche waren nach Söhnen und Ehemännern, Verlobten und Brüdern. 53 Millionen Karteikarten erzählen das Schicksal von rund 30 Millionen Menschen, von zerrissenen Familien und jahrelanger Ungewissheit – oder vom Schicksal der Kinder, die in den Kriegswirren ihre Eltern verloren und nie wussten, woher sie wirklich kamen.

‚Zentrale Namenskartei’ (ZNK) des DRK Suchdienst

Auch heute noch gehen täglich Suchanfragen ein. Es sind jetzt die Enkel, die nach im 2. Weltkrieg vermissten Verwandten suchen.

In den vergangenen 10 Jahren haben fleißige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Hamburg und München Karte für Karte dieser Zentralen Namenskartei digitalisiert. Wortwörtlich von A bis Z. 20 Millionen Suchanträge geben Auskunft über Namen, Geburtsort, militärischen Dienstort und vieles mehr. Hinzu kommen dann Karteikarten mit Angaben über Inhaftierung, Entlassung und Verbleib. Insgesamt 53 Millionen Karten haben sich in München seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs angesammelt. Das entspricht 31 voll geladenen LKW. Kurz vor Weihnachten 2013 ging nun die letzte Karte durch den Scanner. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten die Karten per Hand auf speziell dafür konstruierte Scanner gelegt. Oft mussten sie dafür die Unterlagen erst aus Klarsichtfolien holen oder Klammern entfernen. Bis zu 10 Scannerplätze waren parallel im Einsatz.

Scannen der ‚Zentralen Namenskartei’ (ZNK) des DRK Suchdienst

Nach über zehn Jahren Arbeit sind alle Karten digitalisiert und passen jetzt alle auf eine Festplatte mit 5 Terabyte. Abgesehen davon, dass die Karteikarten viel weniger Platz brauchen, ist die ZNK nun leichter und schneller zu bedienen. Gleichzeitig wird der Inhalt der Papierkarten aus der direkten Nachkriegszeit vor dem Verfall geschützt. Die digitale Ablage ist an die originale Karteikartenstruktur angepasst, und so können Fallbearbeiter wie gewohnt, aber jetzt schneller auf die Dokumente zurückgreifen.

Inzwischen sind die Originalkarten – die wichtige historische Dokumente sind – an den Suchdienst-Standort Hamburg umgezogen. Dort werden sie sicher verwahrt, aber weiterhin – z.B. für Forschungszwecke – zugänglich sein. Dabei wurden alle Karteikarten in 35 271 Kästen in Umzugskartons verpackt (was aneinandergereiht eine Strecke von 12,5 Kilometer ergibt) und über zwei Zwischenlager nach Hamburg verfrachtet, da Im Berliner Bundesarchiv kein Platz vorhanden war.

Quelle: drk.de, mittelbayerische.de und stuttgarter-nachrichten.de

Überwachung ohne Grenzen

Ich, ein harmloser und unpolitischer britischer Schriftsteller, der in Rom lebte, wußte recht gut, daß die CIA mein Telefon abhörte. Taten ihre Arbeit zweifellos im Namen der Freiheit, die Reisenden der Gedankenpolizei. (S. 87)

[…]

Ein Computer ist ein neutrales Gerät. Information ist eine neutrale Ware. Je mehr Informationen wir haben, desto besser. So sehe ich die Datenbanken und was es noch gibt.

Aber sobald der Staat sich der Computertechnologie bemächtigt, führt der Weg unausweichlich zur Sammlung von Informationen über die Bürger. Ich weiß nicht, ob das an sich schlecht ist, aber ich muß daran denken, was 1971 im sicheren, freien, demokratischen kleinen England geschehen ist …

Sie meinen die Volkszählung?

Sehen Sie sich nur an, was der Staat alles wissen wollte. Status des Haushaltsvorstandes, Beziehung zu anderen Mitgliedern des Haushalts, wie viele Automobile im Besitz des Haushaltes, besitzt die Küche einen Backofen, befindet sich die Toilette im Haus oder außerhalb, Herkunftsland, Herkunftsland der Eltern, frühere Anschriften, Ausbildung, Personenstand der Haushaltsmitglieder, Zahl der Kinder, und so weiter. Einige weigerten sich, das Formblatt auszufüllen, aber die überwiegende Mehrheit kam dem Ansinnen demütig nach. Achthundert Tonnen Papier, einhundertfünftausend beamtete und freiwillige Helfer, zehn Millionen Pfund Steuergelder. Aber nur fünfhundert gerichtliche Verfolgungen. Die Nichtbeantwortung der Fragen wurde mit einer Geldstrafe von maximal fünfzig Pfund geahndet. Alan Sillitoe, der Schriftsteller, gab sein Alter mit einhundertein Jahren an und wurde zu einer Geldbuße von fünfundzwanzig Pfund verurteilt. Ein Mann von dreiundsiebzig und eine Frau von sechsundsechzig waren nicht in der Lage, die mit ihrer Leidenschaft für die Geheimhaltung ihrer persönlichen Daten verknüpfte Geldstrafe zu bezahlen und gingen beide ersatzweise ins Gefängnis. Dann wurde vom Büro des Leiters des Statistischen Amtes zugegeben, daß ein Teil dieser geheimen Informationen an kommerzielle Organisationen zur Verwertung weitergegeben werde. Eine Firma brüstete sich damit, daß sie bis 1980 Einzelheiten über neunzig Prozent der gesamten Bevölkerung in ihren Datenbanken gespeichert haben würde. Die Polizei hat sowieso fast ungehinderten Zugang zu diesen gespeicherten persönlichen Daten. 152800 Menschen, die als Patienten in psychiatrischen Krankenanstalten waren, müssen sich damit abfinden, daß die intimsten Einzelheiten ihres Lebens in Dateien festgehalten sind. Intelligenzgrad, ob sie vor ihrer Einlieferung jemals im Gefängnis waren oder nicht, der Grad von Zwang, der notwendig war, um ihre Einlieferung zu bewerkstelligen, eine volle Diagnose des jeweiligen Leidens, spezielle Einzelheiten über Drogenabhängigkeit, Epilepsie, Alkoholismus …

Aber was an der Wahrheit ist so unheilvoll und finster? Und, was das angeht, an der Verletzung der Geheimhaltung? Wenn junge Leute an öffentlichen Orten ungeniert kopulieren, wer sind wir, daß wir uns gegen die Veröffentlichung unserer Biographien sträuben?

Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Aber überlegen Sie: der Staat ist nur ein Instrument. Alles hängt davon ab, wer die Kontrolle über dieses Instrument ausübt, das sich so leicht in eine Waffe umwandeln läßt. (S. 89 f.)

Der Text oben stammt aus dem 1978 erschienenen Buch 1985 von Anthony Burgess unter dem Titel ‚Staat und Superstaat: Ein Gespräch’. Schon damals gab es eine staatlich verordnete Sammelwut von Bürgerdaten im großen Stil – wie der Text offen legt.

Volkszählungen gab es irgendwie immer schon. Bei uns sorgte die Volkszählung von 1987 für Aufregung, die von vielen boybottiert wurde, weniger wegen der Gefahr der Deanonymisierung von Erhebungsdaten (die Erhebung der Daten erfolgte weitestgehend anonym) als vielmehr wegen einer „schleichende Einschränkung von Bürgerrechten“. Die Volkszählungsgegner verstanden den Boykottaufruf als „zivilen Ungehorsam für mehr Demokratie“. Das Ergebnis dieser Volkszählung entsprachen dann auch eher einem „Daten-GAU“.

Der Burgess-Text zeigt, dass ‚der Staat’ schon lange vor dem NSA-Überwachungsskandal seine Bürger ausgehorcht hat, und zwar eben nicht nur der totalitäre Staat. Hierzu passt ein Interview des ZDF morgenmagazins mit dem früheren Technik-Chef der NSA, William Binney, der das Verhalten des US-Geheimdienstes als „nicht verfassungsgemäß“ kritisiert. Über jeden Bürger Informationen sammeln zu können – dieses sei ein Schritt in die totalitäre Richtung. Genau, in die

William Binney hat es nach dem 11. September 2001, nach dem Angriff der Al Kaida nicht mehr lange bei der NSA ausgehalten. Der damalige Technische Direktor des US-Geheimdienstes quittierte seinen Dienst. „Das Problem begann, als wir angefangen haben, auch Einzelpersonen abzuhören; nicht mehr Gruppen wie etwa terroristische Milizen oder Drogenschmuggler. Da wurde mir klar, dass sich die NSA weg bewegt vom eigentlichen Zweck der Nachrichtensammlung“.

Nun Binney ist überzeugt, dass man die NSA kontrollieren kann: „Ja, sie kann kontrolliert werden. Aber man muss im Kongress und im Weißen Haus den Willen haben, das zu machen. Da muss sich die Philosophie der Art und Weise, wie unsere Regierung arbeitet, sehr verändern.“

So aber muss Snowden sich weiterhin in Russland aufhalten, wo er nur noch bis zum Sommer politisches Asyl genießt. Die Vereinigten Staaten verlangen seine Auslieferung und wollen ihn wegen Geheimnisverrats vor Gericht stellen. Da ist es wichtig, dass gerade von den Verbündeten und ‚Freunden’ Signale ausgesendet werden, die bezeugen, dass man Snowden zur Seite steht und mit den Machenschaften der US-Geheimdienste nicht einverstanden ist.

Die Philosophische Fakultät der Uni Rostock will Edward Snowden die Ehrendoktorwürde zukommen lassen. Man kann davon halten, was man will und die Verleihung für das falsche Mittel halten. Andere gehen da aber noch weiter: Vielleicht ist doch der Friedensnobelpreis die adäquate Würdigung, damit die USA-Administration endlich begreift, dass sie mit einer Kriminalisierung Snowdens und anderer Whistleblower auf dem Holzweg ist.

Edward Snowden – als neuer ‚James Bond’?!

Sicherlich typisch ist da der Weg, den man in den USA selbst einschlägt. Ich weiß nicht, ob man es peinlich nennen soll, aber Hollywood will Snowden zum Leinwandhelden krönen. Sony plant eine Verfilmung zu Snowden und dem NSA-Skandal. Vielleicht ist aber gerade DAS ein Anstoß, Obama (er guckt ja gern spannende Filme) & Co. zu bewegen, Snowden nicht weiter zu verfolgen und dafür endlich den NSA zu kontrollieren. Wer weiß?!

George Orwell: 1984

    In gewisser Weise ließen sich diejenigen am leichtesten von der Parteidoktrin überzeugen, die ganz außerstande waren, sie zu verstehen. Diese Menschen konnte man leicht dazu bringen, die offenkundigsten Vergewaltigungen der Wirklichkeit hinzunehmen, da sie nie ganz die Ungeheuerlichkeit des von ihnen Geforderten begriffen und überhaupt nicht genügend an politischen Fragen interessiert waren, um zu merken, was gespielt wurde.
    (George Orwell: 1984, S. 144)

30 Jahre sind inzwischen seit dem Jahr 1984 vergangen. Und man kann sich fragen, was sich von dieser finsteren Zukunftsversion, die George Orwell in seinem Roman 1984 beschreibt, verwirklicht hat. Ich habe den Roman vorliegen als Ullstein Buch 3253 – Verlag Ullstein, Frankfurt/M – Berlin – Wien, April 1983, 900. – 11020. Tsd. – aus dem Englischen von Kurt Wagenseil (Original: Nineteen Eighty-Four).

    George Orwell: 1984

Denkt man nur an all die Überwachungskameras, die allerorten angebracht sind, und denkt man an den NSA-Abhörskandal, der Anfang Juni 2013 durch den ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden enthüllte wurde: Seit spätestens 2007 werden in großem Umfang die Telekommunikation und insbesondere das Internet durch Geheimdienste der USA und Großbritannien global und verdachtsunabhängig überwacht. Dann fragt es sich, ob wir inzwischen nicht wirklich in einem Überwachungsstaat leben. Besonders die so genannte Vorratsdatenspeicherung birgt eine Vielzahl von Gefahren für demokratische Gesellschaften. Denn dies steht im grundsätzlichen Widerspruch zu dem etwa in Deutschland höchstrichterlich festgelegten Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. Außerdem baut ein solches Überwachungssystem auf der Grundannahme auf, dass jeder Mensch grundsätzlich ein potenzieller Straftäter sei und daher überwacht werden müsse.

Ist Orwells 1984 also schon Realität? Immerhin gilt der Roman als häufig zitiertes Negativ-Beispiel und als Symbol eines zur Diktatur ausgearteten Überwachungsstaats. Orwell prägte auch den Begriff Big Brother (engl. Großer Bruder): Big Brother is watching you!

Mit atemberaubender Unerbittlichkeit zeichnet der Autor in diesem visionären Roman das erschreckende Zukunftsbild einer durch und durch totalitären Gesellschaft, die bis ins letzte detail durchorganisierte Tyrannei einer absolut autoritären Staatsmacht. Dieses Buch entstand unter dem Eindruck unkontrollierter Willkürherrschaft, des Nazismus, des Faschismus, des Stalinismus, aber auch der wirtschaftsimperialistischen Tendenzen bei den Industriemächten während des Zweiten Weltkrieges. Pessimistischer und grimmiger noch als in seinen anderen Büchern bringt Orwell hier seine Überzeugung zum Ausdruck, daß die Machtstruktur einer Gesellschaft auch durch Revolution nicht grundlegend verändert werden kann und daß die Zerstörung des Menschen durch eine perfektionierte Staatsmaschinerie unaufhaltsam ist. Seine düstere Zukunftsvision gewinnt dadurch einen beklemmenden Wirklichkeitsbezug, dem sich auch der Leser von heute nur schwer entziehen kann.
(aus dem Kladdentext)

„1984“ ist eigentlich nur ein Zahlendreher und bezieht auf das Jahr 1948 (der Roman erschien 1949). Laut Anthony Burgess (in den Essays zu seinem Roman 1985) beschreibt Orwell in seinem Roman ‚eigentlich’ das London der Nachkriegszeit. Auch in London gab es damals Versorgungsengpässe. Teile der Stadt waren in der Luftschlacht um England zerstört. Der ehemalige Sitz des ‚Ministry of Information’ in London entspricht der Beschreibung nach den vier Ministerien im Roman, wobei das ‚Ministry of Love’ im Buch keine Fenster enthält.

Kurz zum Inhalt: Die Welt ist in die drei verfeindeten Machtblöcke Ozeanien, Eurasien und Ostasien aufgeteilt, die sich in dauerhaftem Krieg miteinander befinden. Die Handlung des Romans spielt in Ozeanien, wo eine vom – nie wirklich sichtbaren – „Großen Bruder“ (Big Brother) geführte Parteielite („Innere Partei“) die restlichen Parteimitglieder („Äußere Partei“) und die breite Masse des Volkes (die „Proles“) unterdrückt. Die allgegenwärtige „Gedankenpolizei“ überwacht permanent die gesamte Bevölkerung. Mit nicht abschaltbaren Geräten, die zugleich alle Wohnungen visuell kontrollieren und abhören, schürt das Staatsfernsehen Hass auf einen unsichtbaren „Staatsfeind“ namens Emmanuel Goldstein, der angeblich die gegen die Partei gerichtete Untergrundorganisation der „Bruderschaft“ leitet. Dieser Hass wird den Menschen als Teil der allgegenwärtigen Propaganda täglich neu eingehämmert und dient dazu, die Bevölkerung durch das gemeinsame, allgegenwärtige und anscheinend übermächtige Feindbild zusammenzuschweißen und von ihrem entbehrungsreichen, von harter Arbeit geprägten Leben abzulenken. (Quelle und weitere Inhaltsangabe und zu den Figuren Winston Smith, Julia und O’Brien siehe de.wikipedia.org)

Nun der Superstaat Ozeanien ist nicht allein ein Überwachungsstaat. Es gibt auch andere Methoden der Machtausübung, die noch tiefere Wirkung zeigen. Da ist die Kontrolle bzw. Manipulation der Vergangenheit. Im Ministerium für Wahrheit wird ein gigantischer Aufwand betrieben, alle existierenden Dokumente der gegenwärtigen Parteilinie anzupassen. Was dem augenblicklichen Bild nicht entspricht, wird angepasst oder getilgt. Heute erleben wir diese ‚Verdammnis des Andenkens’ (Damnatio memoriae) meist darin, dass eine ‚Sache’ ausgesessen wird in der Hoffnung, dass bestimmte Fakten möglichst schnell vergessen werden. Oder es gibt ‚Manipulationen’ in der Form, dass z.B. von Politikern bestimmte Behauptungen aufgestellt werden, die schwer zu überprüfen sind oder eher noch einfach nicht überprüft werden. In Kombination mit einer Abart des Orwell’schen Zwiedenken (auch Doppeldenk), der Fähigkeit, in seinem Denken zwei widersprüchliche Überzeugungen aufrechtzuerhalten und beide zu akzeptieren, werden die Bürger getäuscht.

Aber Orwell geht noch weiter und kreiert eine neue Sprache, die eines Tages alle Bürger des Superstaates sprechen sollen: Neusprache bzw. Neusprech. „Neusprech“ bezeichnet die vom herrschenden Regime vorgeschriebene, künstlich veränderte Sprache. Das Ziel dieser Sprachpolitik ist es, die Anzahl und das Bedeutungsspektrum der Wörter zu verringern, um die Kommunikation des Volkes in enge, kontrollierte Bahnen zu lenken. Damit sollen sogenannte Gedankenverbrechen unmöglich werden. Durch die neue Sprache bzw. Sprachregelung soll die Bevölkerung so manipuliert werden, dass sie nicht einmal an Aufstand denken kann, weil ihr die Worte dazu fehlen.

Auch in unseren Zeiten gibt es einen allmählichen Wandel der Sprache, der weniger augenfällig ist als in „1984“ mit „Neusprech“. Dieser Wandel verläuft eher unterschwellig und wird außer durch die Politik besonders auch durch Medien, Wirtschaft usw. forciert. Ich denke dabei z.B. auch Wörter, die jährlich für das Unwort des Jahres nominiert werden und oft Euphemismen für unangemessene, sogar menschenverachtende Begriffe darstellen. Ich verweise hierbei erneut auf Neil Postman und sein Buch Wir amüsieren uns zu Tode. Und: Was bestimmte Fachtermini betrifft, da nimmt unser Wortschatz sicherlich noch zu. Der Wortschatz für allgemeine Begriffe minimiert sich dagegen zusehends.

Apropos Neil Postman und sein Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“. Dort schrieb er in einer Einleitung (ich wiederhole mich gern noch einmal):

„Orwell fürchtete diejenigen, die Bücher verbieten. Huxley befürchtete, daß es eines Tages keinen Grund mehr geben könnte, Bücher zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der Bücher lesen will.“ „Dieses Buch handelt von der Möglichkeit, daß Huxley und nicht Orwell recht hatte.“ (aus der Einleitung, S. 7f.)

Huxleys „Schöne neue Welt“ ist eine andere Art eines dystopischen Roman (Anthony Burgess nennt solche Anti-Utopien in seinem Buch „1985“ Kakotopien, zu griech. κακός (kakós): schlecht). Natürlich kannte Orwell den aus den 1930-er Jahren stammenden Roman. Er glaubte aber nicht, dass es zu einer solchen Gesellschaft kommen könnte; wenn ja, dann hätte sie „keinen Bestand“. So schrieb er an zwei Stellen in „1984“ ( in der „Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus“):

Anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts gehörte die Vision einer zukünftigen unglaublich reichen, über Muße verfügenden, geordneten und tüchtigen Gesellschaftsordnung – einer schimmernden antiseptischen Welt aus Glas, Stahl und schneeweißem Beton – zum Vorstellungsbild nahezu jedes gebildeten Menschen. Wissenschaft und Technik entwickelten sich mit wunderbarer Geschwindigkeit, und die Annahme schien natürlich, daß sie sich immer weiterentwickeln würden. Das war jedoch nicht der Fall, teils infolge der durch eine lange Reihe von Kriegen und Revolutionen verursachten Verarmung, teils weil wissenschaftlicher und technischer Fortschritt von einem durch Erfahrung gestützten Denken abhingen, das in einer diktatorisch kontrollierten Gesellschaftsordnung keinen Bestand haben konnte. (S. 173)

Es war zweifellos möglich, sich eine Gesellschaftsordnung vorzustellen, in der Wohlstand im Sinne von persönlichen Besitz und Luxusartikeln gleichmäßig verteilt war, während die Macht in den Händen einer kleinen privilegierten Schicht lag. Aber in der Praxis würde eine solche Gesellschaftsordnung nicht lange Bestand haben […]

Noch einmal die Frage: Ist Orwells 1984 also schon Realität? Wie steht es mit Huxleys Prophezeiungen? Orwell mag vielleicht nur in Nord-Korea wirklich sein, denn sein Überwachungsstaat ist totalitär. Bei uns sind aber Tendenzen erkennbar, die sowohl Orwell wie Huxley Recht geben. Wir leben in einer Welt, in der das Vergnügen, die Unterhaltung und Ablenkung wichtige Elemente der Lebensgestaltung sind. Wir leben in einer Welt, in der wir mehr und mehr manipuliert werden, in der die Vergangenheit vielleicht nicht getilgt, aber den ‚heutigen Notwendigkeiten’ gern angepasst wird, indem uns nur Halbwahrheiten mitgeteilt werden. Und unser Privatleben wird ausgehorcht, um unser gesamtes Verhalten zu erforschen und damit Daten zu dessen Manipulation zu erhalten. Big Brother is watching you! Und Big Sister unterhält dich prächtig!

Huxleys Roman wurde mehrmals verfilmt. Die Ergebnisse waren eher bescheiden. Auch Orwells „1984“ wurde mehrmals verfilmt, einmal 1959, eher profan, und dann im Jahr 1984 selbst. Diese Verfilmung 1984 von Michael Radford mit John Hurt als Winston Smith, Suzanna Hamilton als Julia und Richard Burton als O’Brien in seiner letzten Filmrolle ist dagegen wirklich sehenswert, u.a. auch deshalb, weil sich der Film sehr eng an der Romanvorlage orientiert.


George Orwells 1984 – der Film (Trailer)

Aber das ist noch lange nicht alles. Der bereits erwähnte Roman „1985“ von Anthony Burgess (in Anspielung auf Orwells „1984“), den ich zur Zeit lese, enthält neben aufschlussreichen Essays zu Orwells „1984“ eine Art ‚Hochrechnung’ der Gegenwart (aus der Sicht von 1978, da erschien das Buch). Hauptthemen sind dabei die wachsende Macht der Gewerkschaften und der Islam. Dazu später mehr.

Aldous Huxley: Schöne neue Welt – Ein Roman der Zukunft

Neil Postman beruft sich in seiner Kritik am Medium Fernsehen Wir amüsieren uns zu Tode auf Aldous Huxley und seinen Roman Schöne neue Welt und schreibt in der Einleitung zu seinem Buch:

Orwell fürchtete diejenigen, die Bücher verbieten. Huxley befürchtete, daß es eines Tages keinen Grund mehr geben könnte, Bücher zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der Bücher lesen will.“ „Dieses Buch handelt von der Möglichkeit, daß Huxley und nicht Orwell recht hatte.“ (aus der Einleitung, S. 7f.)

Neben George Orwells finsterer Zukunftsversion „1984“ ist Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ eines der bekanntesten dystopischen Romane (Anthony Burgess nennt solche Anti-Utopien in seinem Buch „1985“ Kakotopien, zu griech. κακός (kakós): schlecht).

    Aldous Huxley: Schöne neue Welt - Ein Roman der Zukunft

Ich habe das Buch in einer Taschenbuchausgabe des Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main – Band 26 – 1321. – 1350. Tausend: August 1987 (Original: Brave new World, 1932) vorliegen und jetzt nach 26 Jahren zum 2. Mal gelesen (gewissermaßen als Ergänzung zu Postmans TV-Kritik). Die erste deutsche Ausgabe kam ebenfalls 1932 unter dem Titel „Welt – wohin?“ (Download dieser Erstveröffentlichung u.a. als PDF) heraus, die zweite 1950 unter dem geänderten Titel „Wackere neue Welt“ in der Übersetzung von Herberth E. Herlitschka. In dieser vom Verfasser autorisierten Fassung ist die Handlung nach Berlin und Norddeutschland verlegt. Auch einige Namen von Figuren der Handlung wurden verändert: Im Original sind viele Personen nach bekannten britischen Kapitalisten benannt, in der deutschen Ausgabe entsprechend nach deutschen Kapitalisten. 1978 erschien eine deutsche Übersetzung von Eva Walch, die wieder die originalen Orte und Namen verwendet. Inzwischen erschien im S. Fischer-Verlag eine neue Übersetzung von Uda Strätling, die auch die Eigennamen des Originals unverändert lässt.

„Die ‚schöne neue Welt’, die Huxley in diesem Roman beschreibt, ist die Welt einer konsequent verwirklichten Wohlstandsgesellschaft ‚im Jahre 632 nach Ford’, einer Wohnstandsgesellschaft, in der alle Menschen am Luxus teilhaben, in der Unruhe, Elend und Krankheit überwunden, in der aber auch Freiheit, Religion, Kunst und Humanität auf der Strecke geblieben sind. Eine totale Herrschaft garantiert ein genormtes Glück. In dieser vollkommen ‚formierten’ Gesellschaft erscheint jede Art von Individualismus als ‚asozial’, wird als ‚Wilder’ betrachtet, wer – wie einer der rebellischen Außenseiter dieses Romans – für sich fordert: ‚Ich brauche keine Bequemlichkeit. Ich will Gott, ich will Poesie, ich will wirkliche Gefahren und Freiheit und Tugend! Ich will Sünde!’

Huxley schrieb dieses Buch Anfang der dreißiger Jahre (des vorigen Jahrhunderts). In seinem Essayband ‚Dreißig Jahre danach’ (‚Brave New World Revisited’) konnte er seine Anti-Utopien an der inzwischen veränderten Welt messen. Er kommt darin zu dem Schluß: sozialer und technischer Fortschritt und verfeinerte Methoden der psychologischen Manipulation lassen erwarten, daß diese grausige Voraussage sich in einem Bruchteil der veranschlagten Zeitspanne verwirklichen werde.“
(aus dem Kladdentext)

„Alles in allem sieht es ganz so aus, als wäre uns Utopia viel näher, als irgend jemand es sich vor nur fünfzehn Jahren hätte vorstellen können. Damals verlegte ich diese Utopie sechshundert Jahre in die Zukunft. Heute scheint es durchaus möglich, daß uns dieser Schrecken binnen eines einzigen Jahrhunderts auf den Hals kommt; das heißt, wenn wir in der Zwischenzeit davon absehen, einander zu Staub zu zersprengen.“ (Aldous Huxley)

Aldous Huxley wurde am 26. Juli 1894 in Godalming/Surrey geboren. Er stammt aus einer angesehenen Gelehrtenfamilie, wurde in Eton erzogen und studierte in Oxford. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er als Journalist und Kunstkritiker. Unter dem Einfluß der buddhistischen Lehre und der politischen Ereignisse in Europa entwickelte er sich in den dreißiger Jahren vom amüsiert beobachtenden Satiriker zum leidenschaftlichen Reformator, der die Welt durch eine universale mystische Religion zu heilen versucht. Huyley starb im Jahre 1963.

Der Titel des Buchs bezieht sich auf einen Dialog im 8. Kapitel des Romans, in dem aus Shakespeares Drama Der Sturm zitiert wird (5. Akt, Vers 181-183): „O, wonder! How many goodly creatures are there here! How beauteous mankind is! O brave new world, that has such people in’t!“ (O Wunder! Was gibt’s für herrliche Geschöpfe hier! Wie schön der Mensch ist! O Schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!)

Zum Inhalt: Der Roman spielt um das Jahr 632 A.F., was dem Jahr 2540 traditioneller Zeitrechnung entspricht. Nach dem Ende des Neun-Jahre-Kriegs im Jahre 150 A.F. (2058 A.D.) wurde der überwiegende Teil der Menschheit in einem einzigen Weltstaat unter einer Weltregierung zusammengefasst. Zu diesem Zeitpunkt begann die „moderne Zivilisation“, in der sich Menschen nicht mehr auf natürliche Weise vermehren und von Eltern erzogen heranwachsen, sondern in staatlichen Brut- und Aufzuchtszentren geschaffen werden.

Dabei werden die Menschen in verschiedene Kasten eingeteilt: Die Alphas bilden die höchste Kaste und übernehmen die wichtigsten und verantwortungsvollsten Aufgaben. Die Epsilons hingegen, die niedrigste Kaste, entstehen, indem man den Embryos Sauerstoff entzieht und sie so zu geistig beschränkten Menschen heranzüchtet, die dementsprechend untergeordnete Aufgaben übernehmen. Die Anzahl der jeweiligen Kastenmitglieder richtet sich dabei nach den aktuellen staatlichen und wirtschaftlichen Bedürfnissen.

Zu Beginn macht der Direktor des „Central London Hatchery and Conditioning Centre“ (in der deutschen Übersetzung die „Brut- und Normzentrale Berlin-Dahlem“) eine Gruppe Studenten als neue Mitarbeiter mit dem Ablauf des Betriebs vertraut: Menschliche Embryonen und Föten entwickeln sich in künstlichen Gebärmuttern, genannt „Flaschen“. Weitere Stationen der Führung sind der Kindergarten, in dem Babys durch Lärm und Stromschläge konditioniert werden, Bücher und Blumen zu fürchten, ein Schlafsaal, in dem die Kinder durch „Schlaflernen“ mit moralischen Vorstellungen indoktriniert werden, und der Garten, wo Kinder angehalten werden, sich mit sexuellen Spielen zu vergnügen. Dort trifft die Gruppe auf Mustapha Mond (dt. Mustafa Mannesmann), den Weltaufsichtsrat für Westeuropa. Dieser erklärt den Studenten die Geschichte des Weltstaates und preist dessen Erfolge, wie etwa das Auslöschen starker Gefühle und die sofortige Befriedigung jedes Wunsches.

Lenina Crowne (dt. Lenina Braun), eine Beta und Mitarbeiterin des Zentrums, wird von ihrer Freundin Fanny (dt. Stinni) kritisiert: Lenina treffe sich zu oft und ausschließlich mit Henry Foster (dt. Henry Päppler), dies widerspreche der staatlich gewünschten Promiskuität. Lenina gibt zu, sich von dem eigenbrötlerischen, extrem intelligenten, aber wegen eines „Fabrikationsfehlers“ körperlich unterentwickelten Alpha-Mann Bernard Marx (dt. Sigmund Marx) angezogen zu fühlen. Bernard leidet unter seiner relativen Kleinwüchsigkeit und kompensiert seinen Minderwertigkeitskomplex durch nonkonformistische Ansichten und aufrührerische Bemerkungen. Sein einziger Freund ist der gutmütige Alpha Helmholtz Watson (dt. Helmholtz Holmes-Watson), der Bernards rebellische Attitüde toleriert. In seiner Freizeit ist Bernard verpflichtet, an einer Orgy-Porgy-Gruppe teilzunehmen, die sich regelmäßig zu gemeinsamem Singen und Tanzen und anschließendem Gruppensex trifft, wobei sie die Droge „Soma“ konsumieren. (Quelle: de.wikipedia.org)

1998 wurde der Stoff als Geklonte Zukunft (Originaltitel erneut Brave New World) von Dan Wigutow Productions für das Fernsehen nach 1980 ein weiteres Mal verfilmt. In tragenden Rollen waren u. a. Peter Gallagher (Bernard Marx), Rya Kihlstedt (Lenina Crowne), Tim Guinee (John), Sally Kirkland (Linda), Miguel Ferrer (DHC) und Leonard Nimoy (Mustapha Mond) zu sehen. Ich habe den Film im englischen Original gesehen. Wie so oft in US-amerikanischen Verfilmungen endet diese mit einer Art Happy End (Bernard/Sigmund und Lenina werden Eltern und flüchten in ein so genanntes Reservat) und führt damit die Romanvorlage ad absurdum (Download des Films im engl. Original).

Ich habe die in Berlin und Norddeutschland spielende Übersetzung. Als Vorbemerkung schrieb der Übersetzer zur Ausgabe von 1932:

„Da die Handlung dieses utopischen Romans nicht an den Ort gebunden ist, erschien es dem Übersetzer ratsam, sie vom englischen auf deutschen Boden zu verpflanzen. Denn es ist ganz einerlei, ob einer seinen Somarausch in London oder in Berlin mit einer in Dahlem oder Blommsbury aufgenormten Beta erlebt. Die Wonnen, die den braven Weltstaatsbürger Päppler in der Dom-Diele erwarten, werden vermutlich denen, die Kollege Foster im Westminister Abbey Cabaret mit seiner Lenina genießt, zum Verwechseln ähnlich sein, und Unzufriedene, die normwidriger geistiger Überschuß keinen Gefallen an ihnen finden lässt, werden als gemeingefährliche Revoluzzer verbannt werden müssen, ob sie nun Sigmund oder, nach anderem berühmten Muster, Bernard heißen. Einen simplen John oder Michel aber wird hier wie dort nichts anderes übrigbleiben, als sich aufzuhängen.“ H.E.H.

Im Roman (entgegen der Verfilmung) endet die Geschichte mit dem Freitod von John (dt. Michel), genannt der „Wilde“. Zuvor war er in die Verbannung geschickt worden und suchte sich zum Leben einen verlassenen Leuchtturm aus. Witzigerweise befindet sich dieser Leuchtturm in der Nähe meines Wohnsitzes:

„Der Wilde hatte sich den alten Leuchtturm auf dem Hügelrücken zwischen Schneverdingen und Amelinghausen zur Einsiedelei erwählt. Das Gebäude war aus Eisenbeton und vorzüglich erhalten, fast zu komfortabel, wie der Wilde bei der ersten Besichtigung fand, fast mit zu viel Luxus ausgestattet.“ (S. 210 f.)

    Verbannung von John/Michel: Leuchtturm zwischen Schneverdingen und Amelinghausen

Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode

    „Wir beeilen uns sehr, einen magnetischen Telegraphen zwischen Maine und Texas zu konstruieren, aber Maine und Texas haben möglicherweise gar nichts Wichtiges miteinander zu besprechen. […] Wir beeilen uns, den Atlantischen Ozean zu durchkabeln, um die Alte Welt der Neuen ein paar Wochen näher zu rücken, vielleicht lautet aber die erste Nachricht, die in das große amerikanische Schlappohr hineinrinnt: Prinzessin Adelheid hat den Keuchhusten.“

Neil Postman (* 1931 in New York; † 2003 ebenda) war ein US-amerikanischer Medienwissenschaftler, insbesondere ein Kritiker des Mediums Fernsehen, und in den 1980er-Jahren ein bekannter Sachbuchautor. In Deutschland wurde besonders sein Buch Wir amüsieren uns zu Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie (mir liegt vor: S. Fischer – 5. Auflage. 82. – 110. Tausend, 1986 – aus dem Amerikanischen übersetzt von Reinhard Kaiser – Original: Amusing Ourselves to Death. Public Discourse in the Age of Show Business, 1985) bekannt.

    Neil Postman: Wir amüsieren und zu Tode

Orwell fürchtete diejenigen, die Bücher verbieten. Huxley befürchtete, daß es eines Tages keinen Grund mehr geben könnte, Bücher zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der Bücher lesen will.“ – „In 1984 […] werden die Menschen kontrolliert, indem man ihnen Schmerz zufügt. In Schöne neue Welt werden sie dadurch kontrolliert, daß man ihnen Vergnügen zufügt. Kurz, Orwell befürchtete, das, was uns verhaßt sei, werde uns zugrunde richten. Huxley befürchtete, das, was wir lieben, werde uns zugrunde richten.
Dieses Buch handelt von der Möglichkeit, daß Huxley und nicht Orwell recht hatte.“
(aus der Einleitung, S. 7f.)

„ […] kündigt [Postmans] Buch […] neuen, grundsätzlichen Meinungsstreit an. Denn diesmal kritisiert er die allmähliche Zerrüttung der Kulturtätigkeiten durch den gewerbsmäßigen Illusionismus, das totale Entertainment. Postmans These lautet, daß die Medien zunehmend nicht nur bestimmen, was wir kennenlernen und erleben, welche Erfahrungen wir sammeln, wie wir Wissen ausbilden, sondern auch, was und wie wir denken, was und wie wir empfinden, ja, was wir von uns selbst und voneinander halten sollen. Zum ersten Mal in der Geschichte gewöhnen die Menschen sich daran, statt der Welt ausschließlich Bilder von ihr ernst zu nehmen. An die Stelle der Erkenntnis- und Wahrnehmungsanstrengung tritt das Zerstreuungsgeschäft. Die Folge davon ist ein rapider Verfall der menschlichen Urteilskraft. In ihm steckt eine unmißverständliche Bedrohung: Er macht unmündig oder hält in der Unmündigkeit fest. Und er tastet das gesellschaftliche Fundament der Demokratie an. Wir amüsieren uns zu Tode.“
(aus dem Kladdentext)

Neil Postmans Buch beleuchtete Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts die Medienlandschaft der USA, besonders das Fernsehen. Was wir als ‚amerikanische Verhältnisse’ bezeichnen ist längst zu uns nach Europa herübergeschwappt. Von 50 TV-Sender und mehr werden wir in Deutschland 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche berieselt. Das Fernsehen ist lange schon zum Leitmedium bei uns geworden.

„Gegen das ‚dumme Zeug’, das im Fernsehen gesendet wird, habe ich nichts, es ist das beste am Fernsehen, und niemand und nichts wird dadurch ernstlich geschädigt. Schließlich messen wir eine Kultur nicht an den unverhüllten Trivialitäten, die sie hervorbringt, sondern an dem, was sie für bedeutsam erklärt. Hier liegt unser Problem, denn am trivialsten und daher am gefährlichsten ist das Fernsehen, wenn es sich anspruchsvoll gibt und sich als Vermittler bedeutsamer kultureller Botschaften präsentiert. Paradoxerweise verlangen Intellektuelle und Kritiker vom Fernsehen häufig genau dies.“ (S. 26 f.)

Postmans Kritik am Fernsehen gilt natürlich auch heute noch und lässt sich mit Einschränkungen auch auf das Internet ausweiten. Aber beginnen wir in einer Zeit, in der bereits Henry David Thoreau die anfangs erwähnte ‚Belanglosigkeit’ einer Mitte des 19. Jahrhundert aufkommenden neuen technischen Errungenschaft, die Telegrafie, erkannte.

„Der Angriff des Telegraphen auf die aus dem Buchdruck erwachsene Definition von Urteilsbildung hatte drei Stoßrichtungen: Er verschaffte der Belanglosigkeit, der Handlungsunfähigkeit und der Zusammenhanglosigkeit Eingang in den Diskurs. Entfesselt wurden diese bösen Geister des Diskurses dadurch, daß die Telegraphie der Idee der kontextlosen Information Legitimität verlieh, also der Vorstellung, daß sich der Wert einer Information nicht unbedingt an ihrer etwaigen Funktion für das soziale und politische Entscheiden und Handeln bemißt, sondern einfach daher rühren kann, daß sie neu, interessant und merkwürdig ist. Der Telegraph machte aus der Information eine Ware, ein ‚Ding’, das man ohne Rücksicht auf seinen Nutzen oder seine Bedeutung kaufen und verkaufen konnte.“ (S. 85)

Zuvor waren es die Druckpresse, der Buchdruck, die den Diskurs bestimmten: „Ich möchte die Zeit, in der der amerikanische Geist unter der Souveränität der Druckpresse stand, das Zeitalter der Erörterung nennen. Die Erörterung ist zugleich Denkweise, Lernmethode und Ausdrucksmittel. Fast alle Eigenschaften, die wir einem entfalteten Diskurs zuordnen, wurden durch den Buchdruck verstärkt, der die stärkste Tendenz zu einer erörternden Darstellungsweise aufweist: die hochentwickelte Fähigkeit zu begrifflichem, deduktivem, folgerichtigem Denken, die Wertschätzung von Vernunft und Ordnung; der Abscheu vor inneren Widersprüchen, die Fähigkeit zur Distanz und zur Objektivität; die Fähigkeit, auf endgültige Antworten zu warten.“ (S. 82)

Mit der Zeit bestimmten Bilder, weniger das geschriebene Wort die Medienlandschaft: Manches Bild sagte plötzlich mehr aus als viele Worte:

„Die neuen Bildformen mit der Photographie in vorderster Linie traten nicht als bloße Ergänzung von Sprache auf, sie waren vielmehr bestrebt, die Sprache als unser wichtigstes Instrument zur Deutung, zum Begreifen und Prüfen der Realität zu ersetzen. […] Dadurch, daß das Bild in den Mittelpunkt des Interesses trat, wurden die überkommenden Definitionen der Information, der Nachricht und in erheblichen Umfang der Realität selbst untergraben.“ (S. 95)

„‚Bilder’, so hat Gavriel Salomon geschrieben, ‚muß man erkennen, Wörter muß man verstehen’. Damit will er sagen, daß die Photographie die Welt als Gegenstand präsentiert, während die Sprache sie als Idee präsentiert.“ (S. 93)

Es geht dabei nicht um Falschinformationen, sondern um Desinformationen: „Desinformation ist nicht dasselbe wie Falschinformation. Desinformation bedeutet irreführende Information – unangebrachte, irrelevante, bruchstückhafte oder oberflächliche Information -, Information, die vortäuscht, man wisse etwas, während sie einen in Wirklichkeit vom Wissen weglockt. […] Unwissenheit läßt sich allemal beheben. Aber was sollen wir tun, wenn wir die Unwissenheit für Wissen halten?“ (S. 133 f.)

„Wenn ein Volk sich von Trivialitäten ablenken läßt; wenn das kulturelle Leben neu bestimmt wird als eine endlose Reihe von Unterhaltungsveranstaltungen, als gigantischer Amüsierbetrieb, wenn der öffentliche Diskurs zum unterschiedslosen Geplapper wird, kurz, wenn aus Bürgern Zuschauer werden und ihre öffentlichen Angelegenheiten zur Varieté-Nummer herunterkommen, dann ist die Nation in Gefahr – das Absterben der Kultur wird zur realen Bedrohung.“ (S. 190)

Wie kann man dem aber entgegenwirken? „Das Problem besteht … nicht darin, was die Leute sehen. Es besteht darin, daß wir sehen. Und die Lösung müssen wir darin suchen, wie wir sehen.“ (S. 194)

Postman setzt dabei auf die Schulen und die Erziehung: „Schon immer galt die Schule in Amerika als Patentlösung für alle bedrohlichen sozialen Konflikte, und ein solcher Vorschlag beruht natürlich auf einen naiven Vertrauen in die Wirksamkeit von Erziehung.“ (S. 197)

… und weiter: „Die Lösung, die ich hier vorschlage, ist die gleiche, die Aldous Huxley vorgeschlagen hat. Und ich kann es nicht besser als er. Er meinte mit H. G. Wells, daß wir in ein Wettrennen zwischen der Bildung und der Katastrophe eingetreten sind, und immer wieder hat er in seinen Schriften betont, wie dringlich es sei, die Politik und die Epistemologie der Medien begreifen zu lernen. Letzten Endes wollte er uns zu verstehen geben: Die Menschen in Schöne neue Welt leiden nicht daran, daß sie lachen, statt nachzudenken, sondern daran, daß sie nicht wissen, worüber sie lachen und warum sie aufgehört haben, nachzudenken.“ (S. 198)

Computer spielten vor knapp dreißig Jahren noch nicht die Rolle, die sie heute spielen samt Internet und all den sozialen Medien. In vielem lässt sich Postmans Kritik am Fernsehen auch auf das Internet übertragen. Besonders die sozialen Medien strotzen geradezu von Belanglosigkeiten und unnötigem Wissen. Auf der anderen Seite bietet das Internet aber die Möglichkeit, schnell an Informationen zu kommen, die man z.B. für die Arbeit, aber auch privat benötigt. Hier gilt natürlich, was für Medien anderer Art (Bücher eingeschlossen) ebenso gilt: Informationen sind an anderer Stelle auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.

Es ist wenig, was Postman zu Computern schreibt, u.a.: „ … daß die Speicherung gewaltiger Datenmengen und ihre lichtgeschwinde Abrufbarkeit zwar für große Organisationen von hohem Wert sind, daß sie den meisten Menschen aber bei wichtigen Entscheidungsfindungen wenig geholfen und mindestens ebenso viele Probleme hervorgebracht wie gelöst haben.“ (S. 196) – Der erste Halbsatz ließ mich aufhorchen, denn da kam mir natürlich sogleich der NSA-Skandal in den Sinn.

Neil Postmans Buch ist auch heute noch aktuell, wenn sich die ‚Akzente’ auch deutlich verschoben haben. Es regt auf jeden Fall zum Nachdenken an – und darin besteht ja der Lösungsansatz, den Postman vertritt: das Erkennen der Gefahr für Kultur und Demokratie, die durch ein Überangebot an belanglosen Informationen hervorgerufen wird. Ich habe es auf jeden Fall mit großem Interesse erneut gelesen.

Zu Huxleys ‚Schöne neue Welt’ und Orwells ‚1984’ sowie zu den Verfilmungen beider Romane komme ich demnächst zu sprechen.

Siehe auch meine Beiträge:
Jugendkriminalität und das geschriebene Wort
Die Philosophie der Uhr

Die Philosophie der Uhr

„Wer ein Buch liest, wer vor dem Fernseher sitzt oder wer auf seine Armbanduhr schaut, der interessiert sich im allgemeinen nicht dafür, wie diese Vorgänge sein Denken organisieren und kontrollieren, und erst recht nicht dafür, welche Vorstellung von der Welt das Buch, der Fernseher oder die Uhr ihm nahe legen. Aber es gibt Menschen, die diese Dinge registriert haben, vor allem in unserer Zeit. Und einer der hellsichtigsten unter ihnen war Lewis Mumford. Er gehört nicht zu denen, die bloß deshalb auf die Uhr sehen, weil sie wissen wollen, wie spät es ist; sehr viel mehr interessiert er sich dafür, wie die Uhr die Vorstellung von einem ‚Moment’ und einer Abfolge von Momenten hervorbringt. Er beschäftigt sich mit der Philosophie der Uhr, mit der Uhr als Metapher, ein Thema, über das unsere Wissenschaften bisher wenig zu sagen hatten und die Uhrmacher schon gar nichts. „Die Uhr’, so erklärt Mumford, ‚ist ein Antriebsmechanismus, dessen >Produkt< Sekunden und Minuten sind.’ Die Uhr, die dieses Produkt erzeugt, löst die Zeit aus unserem Erlebniszusammenhang heraus und nährt damit den Glauben an eine unabhängige Welt mathematisch meßbarer Sequenzen. Die Gliederung der Zeit in eine Abfolge von Momenten ist, wie sich herausstellt, nicht gott- oder naturgegeben. Der Mensch selbst hat sie hervorgebracht, indem er sich mittels einer von ihm geschaffenen Maschine mit sich selbst unterhält.

In seinem großen Buch >Technics and Civilization< hat Mumford dargestellt, wie uns die Uhr, beginnend im 14. Jahrhundert, zunächst zu pünktlichen Zeit-Messern, dann zu Zeit-Sparern und heute schließlich zu Dienern der Zeit gemacht hat. Im Zuge dieser Entwicklung haben wir gelernt, der Sonne und den Jahreszeiten unseren Respekt zu entziehen, denn in einer Welt, die aus Sekunden und Minuten besteht, ist die Autorität der Natur abgeschafft. Mit der Erfindung der mechanischen Uhr, so kann Mumford zeigen, hörte die Ewigkeit auf, Maßstab und Fluchtpunkt menschlichen Erlebens und Handelns zu sein. Es mag manchen überraschen, aber das unerbittliche Ticken der Uhren hat vielleicht mehr zur Schwächung der Allmacht Gottes beigetragen als sämtliche Traktate der Philosophen der Aufklärung; die Uhr erzeugte eine neue Form des Austauschs zwischen den Menschen und Gott, wobei Gott offenbar der Verlierer blieb. Vielleicht hätte Moses ein weiteres Gebot erlassen sollen: Du sollst dir keine mechanischen Nachbildungen der Zeit machen.“

aus: Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, 1986, S. 20 f .

Die Philosophie der Uhr

Zu dem Buch von Neil Postman komme ich noch. In diesen zwei Absätzen befasste sich Postman mit den Gedanken Lewis Mumfords zur ‚Philosophie der Uhr’. Die Zeit ist ein besonderes Phänomen. Und der Mensch hat sie sich Untertan gemacht, in dem er sie in berechenbare Einheiten zerstückelte. Welche Veränderungen damit einhergehen, ist den meisten Menschen heute nicht bewusst, auch wenn wir alle das ‚Diktat der Zeit’ kennen. Unser tägliches Leben ist von der Zeit geprägt, die uns die Uhren dieser Welt vorgeben. Höchstens an unseren freien Tagen versuchen wir uns von diesem ‚Diktat’ zu befreien, was aber meist nur unzureichend gelingt. Selbst am Wochenende oder während des Urlaubs bestimmt die Zeit unseren Tagesrhythmus.

Vielleicht sollten wir es einmal wagen, ohne Blick auf die Uhr einen Tag zu verbringen und dabei einfach einmal wieder ‚in den Tag hineinzuleben’.

Jugendkriminalität und das geschriebene Wort

In einer vor Kurzem vom Center for Crime and Justice am King’s College in London durchgeführten Studie wurden 120 verurteilte Straßenräuber gefragt, warum sie ihre Straftaten begangen hatten. Ihre Antworten sagten eine Menge über das moderne britische Straßenleben aus. Nervenkitzel. Spontaner Impuls. Status. Und finanzieller Gewinn – in ebendieser Reihenfolge. Genau das sorglose, gefühllose Verhalten, das man oft bei Psychopathen antrifft.
Erleben wir also die Entstehung einer sub-psychopathischen Minderheit, für die die Gesellschaft nicht existiert? Einer neuen Spezies von Individuen, für die es weitgehend keine sozialen Normen gibt, die keinen Respekt vor den Gefühlen anderer haben und gleichgültig gegenüber den Folgen ihres Handelns sind? […] Den Ergebnissen einer neueren, von Sara Konrath und ihrem Team am Institute for Social Research der University of Michigan durchgeführten Studie zufolge lautet die Antwort auf diese Fragen Ja.
(Kevin Dutton: Psychopathen, 2013)

Von Erasmus im 16. Jahrhundert bis hin zu Elizabeth Eisenstein im 20. Jahrhundert sind fast alle Gelehrten, die sich mit der Frage befaßt haben, wie sich das Lesen auf die geistige Verfassung eines Menschen auswirke, zu dem Schluß gelangt, daß es die Rationalität fördert; daß der sequentielle, aussagebestimmte Charakter des geschriebenen Wortes das unterstützt, was Walter Ong die „analytische Verarbeitung von Wissen“ nennt. Wer sich auf das geschriebene Wort einläßt, der macht sich eine Denkweise zu eigen, die hohe Ansprüche an die Fähigkeit, zu klassifizieren, Schlüsse zu ziehen und logisch zu denken, stellt. Dazu gehört, daß man imstande ist, Lügen, Irrtümer und übermäßige Verallgemeinerungen zu erkennen oder eine mißbräuchliche Verwendung der Logik und des gesunden Menschenverstandes aufzudecken. Dazu gehört auch, daß man Gedanken zu gewichten, Behauptungen zu vergleichen und gegeneinander abzuwägen und eine allgemeine Aussage mit einer anderen zu verbinden vermag. Um dies zu erreichen, muß man einen gewissen Abstand von den Wörtern selbst gewinnen, was durch den isolierten, unpersönlichen Text selbst unterstützt wird. Deshalb bricht ein guter Leser nicht in lauen Beifall aus, sobald er auf einen treffenden Satz oder auf eine geistreiche Wendung stößt. Hierzu ist das analytische Denken zu konzentriert und zu distanziert.
(Neil Postman: Wir amüsieren und zu Tode, 1985)

Es ist nichts Neues, dass die Alten über die junge Generation stöhnt. Junge Menschen neigen nun einmal dazu, sich von den Älteren zu unterscheiden, was diese oft mit Unverständnis quittieren. Trotzdem muss nicht ausdrücklich betont werden, dass die heutige junge Generation nicht schlechter oder besser ist als z.B. meine Generation. Aber es gibt Hinweise, dass sich bestimmte Trends entwickelt haben, die sich zumindest bei einer Minderheit der Jungen zunehmend negativ auswirken.

Zwischen den Texten von Kevin Dutton und Neil Postman liegen fast 30 Jahre. Auf den ersten Blick haben beide Texte nichts miteinander gemeinsam. Ich denke aber, doch …

Es ist erst wenige Wochen her, da vermeldeten die Medien einen Rückgang der Jugendkriminalität. Allerdings sei die Jugendgewalt deutlich brutaler geworden. Das deckt sich durchaus mit der Aussage von Kevin Dutton, der von einer möglichen „Entstehung einer sub-psychopathischen Minderheit“ spricht, die skrupel- und gewissenloser gegen ihre Mitmenschen vorgeht.

Ein Grund hierfür könnte die unzureichende Urteilsbildung in einer Zeit sein, die zunehmend von der Unterhaltungsindustrie geprägt ist (hierzu und zu dem Buch von Neil Postman komme ich später noch einmal ausführlicher zu sprechen). Dazu gehört auch, dass gerade ein Großteil der jungen Menschen weniger liest. Die positiven Auswirkungen des Lesens beschreibt Neil Postman sehr eingehend. Daraus lassen sich die negativen Folgen des Nichtlesens ableiten.

Natürlich gibt es jede Menge Schund zu lesen. Was in irgendwelchen Bestsellerlisten auftaucht, muss nicht unbedingt gut sein. Aber immer ist es nicht nur nach meiner Meinung besser zu lesen als gar nicht.

Neil Postman schreibt: „Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert.“ Und was fürs Fernsehen gilt, gilt u.a. auch für ein Medium wie das Internet. Es sind Bilder, die längst das Wort abgelöst haben. Selbst wenn Wörter ein Bild umrahmen (wer liest den Text denn noch), so ist es das Bild, das sich uns einprägt. Postman weiter: „Fernsehen wurde nicht für Idioten erschaffen – es erzeugt sie“.

Wen wundert’s da noch, wenn manch jugendlicher ‚Idiot’ des Nervenkitzels wegen zum brutalen Straftäter wird. Es sind nicht nur die so genannten Ballerspiele, es ist die kritiklose Spaßgesellschaft insgesamt, in der dank einer geldgierigen Unterhaltungsindustrie der einzelne zu verblöden droht.

Kevin Dutton: Psychopathen

Es ist schon wieder einige Tage her, da habe ich das Buch Psychopathen: Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann – aus dem Englischen von Ursula Pesch (Deutscher Taschenbuch Verlag – dtv premium 24975 – deutsche Erstausgabe 2013) von Kevin Dutton zu Ende gelesen (Originaltitel: The Wisdom of Psychopaths – Lessons in Life from Saints, Spies and Serial Killers).

    Kevin Dutton: Psychopathen

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es geht in dem Buch in erster Linie um Psychopathie und nicht um psychische Störungen, insbesondere Psychosen. Psychopathie bezeichnet eine schwere Persönlichkeitsstörung, die bei den Betroffenen mit dem weitgehenden oder völligen Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen einhergeht. Wer ein Psychopath ist, lässt sich an der Psychopathie-Checkliste (PCL) von Robert D. Hare ablesen.

Kevin Dutton ist promovierter Psychologe und Professor am Calleva Research Centre for Evolution and Human Science der Universität Oxford. Er ist Mitglied der Royal Society of Medicine und der Society for the Scientific Study of Psychopathy. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. Autor des Bestsellers „Gehirnflüsterer. Die Fähigkeit, andere zu beeinflussen.“ (Kladdentext)


Kevin Dutton: Psychopathen

Wer ist ein Psychopath?
Psychopathen gelten landläufig als schwer gestörte Menschen. Die Psychopathy Checklist , kurz PCL, ist heute ein gängiges Instrument zur Einschätzung von solchen Persönlichkeiten. Wer mehr als 75 Prozent der Merkmale auf dieser Liste besitzt, gilt als Psychopath. Es ist nicht überraschend, dass sich die größte Dichte an Psychopathen in den Hochsicherheitstrakten findet. Kevin Dutton hat einige von ihnen kennengelernt. Aber auch viele „normale“ Menschen haben das eine oder andere Merkmal von dieser Liste. Und dienen der Gesellschaft, indem sie besondere Aufgaben besonders gut erfüllen.

Das wundert nicht, wenn man erfährt, welche Eigenschaften dazugehören: Kaltblütigkeit, Durchsetzungsstärke, Konzentrationsfähigkeit, Furchtlosigkeit, rasche Auffassungsgabe, Energie, Charisma.

Natürlich sind Sie kein Psychopath. Vielleicht sind Sie eine Führungskraft oder ein sehr spiritueller Mensch. Sie haben Charme, Sie sind unerschrocken und risikofreudig, können harte Entscheidungen treffen. Sie sind sehr aufmerksam und können sich gut auf ein Ziel konzentrieren. Sie werden feststellen, dass das Eigenschaften sind, die Sie mit Psychopathen teilen. Selbstredend sind diese Eigenschaften nützlich, wenn man ein Serienmörder werden will. Aber auch im Gerichtssaal, in der Wirtschaft oder im OP. Oder im Leben eines Heiligen. Jede Medaille hat zwei Seiten. »Eine meisterhafte, sehr lesbare und unterhaltsame Darstellung der Psychopathie und ihrer Manifestationen im Alltag. Manche seiner Ideen werden kontrovers diskutiert werden, aber es ist ein höchst anregendes Buch für alle, die die ›psychopathische‹ Welt, in der sie leben, besser verstehen wollen.« Prof. Dr. Robert Hare, Erfinder der Psychopathy Checklist

Nach Ansicht von Kevin Dutton kann man sehr wohl fragen, was man von Menschen lernen kann, die solche Eigenschaften besitzen und sie nicht zerstörerisch, sondern konstruktiv einsetzen. Dazu muss man sich in eine psychologische Achterbahn begeben und eintauchen in eine eigene Welt, die bevölkert ist von Mördern, Helden, Bankern, Anwälten und Filmstars.
(aus dem Kladdentext)

Ohne Zweifel ist dieses Buch von Kevin Dutton ein sehr aufschlussreiches, auch lehrreiches Buch, auch wenn ich es am Ende ziemlich ‚einseitig’ finde. Im Wesentlichen sollen Struktur- oder Funktionsdefizite in verschiedenen Hirnregionen Ursache für Psychopathie sein. Es „wurde eine Dysregulation der Amygdala-Funktion beschrieben. Man vermutet, dass dadurch wichtige soziale Lernfunktionen beeinträchtigt sind. Außerdem konnte auch eine Hippocampus-Dysfunktion belegt werden.“ (Quelle: de.wikipedia.org)

Das erklärt aber nur unzureichend den Unterschied zwischen Psychopathen wie Serienmördern und „normalen“ Menschen, die ebenfalls das eine oder andere Merkmal der Psychopathie-Checkliste und im positiven Sinne Kaltblütigkeit, Durchsetzungsstärke, Konzentrationsfähigkeit, Furchtlosigkeit usw. besitzen.

Führungsmerkmale: Psychopathische Merkmale:
Charisma Oberflächlicher Charme
Selbstsicherheit Größenwahn
Fähigkeit, zu beeinflussen Manipulation
Überzeugungskraft Hochstapelei
Visionäres Denken Erdichten komplizierter Geschichten
Fähigkeit, Risiken einzugehen Impulsivität
Handlungsorientierung Erlebnishunger
Fähigkeit, schwierige Entscheidungen zu treffen Gefühlsarmut

Die Weisheit des Psychopathen (S. 159): Führungsmerkmale und ihre psychopathischen Äquivalente

Letztere sind Psychopathen mit Methode, die fähig sind, in die entsprechende Rolle zu schlüpfen, wenn die Situation es verlangt, und sie anschließend wieder ablegen. Dutton spricht von der SOS-Mentalität: den „psychischen Fähigkeiten, sich ins Zeug zu legen (Strive), Hindernisse zu überwinden (Overcome) und erfolgreich zu sein (Succed).“

„Ich nenne dies Fähigkeiten die sieben Siegermerkmale – sieben Grundprinzipien der Psychopathie, die uns, wenn wir sie in Maßen und mit der gebotenen Sorgfalt und Aufmerksamkeit nutzen, dabei helfen können, genau das zu bekommen, war wir wollen; uns helfen können, den Herausforderungen des modernen Lebens zu begegnen, statt auf sie zu reagieren, uns vom Opfer zum Sieger werden lassen, ohne uns in einen Schurken zu verwandeln:

1. Skrupellosigkeit
2. Charme
3. Fokussierung
4. Mentale Härte
5. Furchtlosigkeit
6. Achtsamkeit
7. Handeln.“
(S. 230)

Nur wie werde ich ein Psychopath mit Methode, also ein Mensch, der sich lediglich der psychischen Fähigkeiten eines Psychopathen bedient? Darauf gibt Dutton keine klare Antwort. Er meint, dass man es durch eine Art Training erreichen könnte. Vielleicht sollte man seinen Gehirnskasten mit dem Hämmerchen an den entsprechenden Stellen leicht malträtieren?! Vielleicht hilft auch eine Erhöhung des Dopamin– und Serotonin-Spiegels? Beide Werte sind bei Psychopathen erhöht. Es wäre zu schön, wenn man sich von heute auf morgen vom eher unsicheren zum völlig coolen Typen entwickeln könnte. Kein Lampenfieber mehr bei Vorstellungsgesprächen, Vorträgen u.ä.

Wenn ich sage, Duttons Buch wäre ziemlich ‚einseitig’, so deshalb, weil er bestimmte andere Faktoren unterschlägt. Ich bin nicht unbedingt Freudianer, aber tiefenpsychologische Prozesse spielen auch bei der Psychopathie eine gewisse Rolle. Hinzu kommen mit Sicherheit Umwelteinflüsse, die die Psychopathie ‚begünstigen’. Im Grunde steht die Wissenschaft doch noch ziemlich am Anfang der Erforschung dieser schweren Persönlichkeitsstörung.

Auf jeden Fall kann ich das Buch jedem empfehlen, der sich mit der menschlichen Natur, besonders mit deren zwanghaften und kranken Seite, auseinandersetzen möchte. In meist auch dem Laien verständlichen Worten ist es ein Abriss des heutigen Wissens zum Thema Psychopathie.

„Der unwiderstehliche Kevin Dutton ist wieder da. Diesmal mit einem pietätlosen Aufriss der hellen und dunklen Seiten der geheimnisvollen Psychopathen. Er liefert eine mitreißende Mischung von Wissenschaftlichem und Persönlichen und informiert und unterhält die Leser gleichermaßen.“ (Prof. Dr. Scott Lilienfeld, Präsident der Society for the Study of Psychopathy)

„… ein überraschendes, fesselndes und scharfsinniges Buch. Kevin Dutton hat eine Fülle von Wissen über diese charmanten, kalten und furchtlosen Menschen zusammengeführt, die einerseits so anziehend sind und andererseits so abschreckend. Er tut das in einem extrem lesbaren Stil mit einer Fülle von spannenden Geschichten …“ (Philip Pullman)

siehe auch meinen Beitrag: Psychopathie: Die Geschichte von den zwei Beerdigungen

Weiteres zum Buch und zum Psychopathen-Test

außerdem: Raubtiere ohne Kette (spiegel.de) und Der ganz normale Wahnsinn (3sat.de)

sowie Interview mit Kevin Dutton: „Ein blöder Psychopath bringt es zu gar nichts“

Querbeet (6): Morbus Alzheimer

Die Woche ist noch nicht herum. Aber es zeichnet sich ab, dass ich mir meine ‚Ungeduld’ hätte schenken können. Der angekündigte Hammer (Überprüfung der Arbeitsplatzbeschreibungen durch den BRH) hat sich zumindest für mich als harmlos erwiesen (die angekündigten Interviews fanden nicht statt). So kann ich wieder aufatmen …

Nun ich habe Euch nicht vergessen, auch wenn ich manchmal glaube, so langsam, aber sicher vergesslich zu werden. Aber wer kennt das eigentlich nicht: Man geht in die Küche oder in den Keller, wollte dort etwas holen oder erledigen …, steht plötzlich da und weiß nicht mehr, was man wollte. Zwar soll es helfen, wenn man zum Ausgangspunkt (dorthin, wo man den ‚Entschluss’ gefasst hatte, etwas in Küche oder Keller zu ‚tun’) zurückkehrt. Aber auch das hilft nicht immer.

Ja, die Vergesslichkeit. Mit zunehmendem Alter ist zu befürchten, dass die kleinen grauen Zellen im Gehirnskasten nach und nach verkalken. Meine Eltern haben viele Jahre lang Knoblauchpillen zu sich genommen. Aber am Ende hat das gegen Alzheimer und Demenz auch nur wenig geholfen. Meine Frau betreibt immer wieder Gedächtnistraining in der Gruppe beim Ortsverein des DRK. Aber ob das wirklich hilft, wird sich zeigen müssen.

    Morbus Alzheimer

Als ich in jungen Jahren in beruflicher Ausbildung war, da habe ich eines ziemlich schnell gelernt: Man muss nicht alles wissen, man muss nur wissen, wo man etwas möglichst schnell (in Nachschlagewerken, Gesetzestexten usw.) findet. Natürlich muss man dann noch das Gefundene richtig interpretieren und anwenden. Heute hilft uns da besonders das Internet. Wenn ich auf der Arbeit (aber natürlich auch zu Hause) ein Problem habe, dann gucke ich im Internet nach – und finde dort auch in der Regel eine Lösung. Nichts gegen ‚schlaue’ Bücher, aber bis man dort das Notwendige findet, dauert es meist etwas lang (oder findet es nicht). Immer wieder muss ich meine Kollegen, die mich mit Fragen löchern, darauf hinweisen, dass sich ihre Fragen vielleicht durch eine Suche im Internet klären lassen.

Apropos Internet … und Vergesslichkeit. Ich habe zu dem Thema (klar, im Internet) recherchiert und bin dabei auf folgenden Text (Quelle: sackstark.info) gestoßen, der mir durchaus plausibel erscheint und uns nachdenklich machen sollte:

Wächst im digitalen Zeitalter die Vergesslichkeit?
Korea ist ein Land, das ganz auf digitale Technik setzt. Dort hat man angeblich an jüngeren Menschen zwischen 20 und 30 Jahren beobachtet, daß sie zunehmend an Vergeßlichkeit wegen der Informationsflut leiden, mit der sie am Arbeitsplatz und in der Freizeit konfrontiert sind. Um die Flut zu bewältigen, tritt das Erinnern zurück; das Gedächtnis wird an die Geräte delegiert, von denen man schließlich immer abhängiger werde: Man muß sich nicht mehr erinnern, wenn man nur noch suchen muß. Angeblich würden bereits manche Südkoreaner ärztliche Behandlung suchen, wenn die Symptome der Vergeßlichkeit stärker werden, die Mediziner die «digitale Alzheimer-Krankheit» oder «digitale Demenz» nennen.

Digitale Demenz durch digitale Helferlein
Die Telefonnummer der Freunde sind im Handy gespeichert. Den Weg zum Urlaubsziel zeigt das Navigationssystem. Der Termin für den Kinobesuch ist im persönlichen digitalen Assistenten eingetragen. Nachdenken und Gedächtnisarbeit nehmen viele kleine digitale Helferlein ab – und sorgen damit für ein Problem: Wir werden vergeßlich.

.... querbett

Also schon in jungen Jahren beginnen wir, an Vergesslichkeit zu leiden. Morbus Alzheimer und Demenz in ihrer digitalen Ausprägung als Folge nachlassender Gedächtnisleistung. Und immer mehr werden wir mit Informationen zugeschüttet, die uns eigentlich nicht interessieren. So abgelenkt durch Datenmüll vergessen wir schnell die wesentlichen Dinge.

Wie auch immer: Ich interpretiere mein Gehirn als eine Art Speicher wie beim Rechner der Festplatten- und Arbeitsspeicher. Die Kapazität ist beschränkt. Und mit dem Alter – Alzheimer her, Demenz hin – versagen vielleicht auch noch kleinere Speichereinheiten. Auf jeden Fall kann ich mir nicht alles merken. Und so muss ich eindeutig Prioritäten setzen, was die Belegung dieses ‚Speichers’ betrifft. Das gilt besonders für die Informationsflut, die tagtäglich über uns hineinstürzt. So interessiere ich mich möglichst nur für die Dinge, die mich ‚interessieren’, und nicht für die, die ich für interessant halten soll.

Und gegen Vergesslichkeit hilft dann vielleicht auch noch die eine oder andere verspeiste Knoblauchzehe – und hin und wieder Gedächtnistraining.