Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Literaturnobelpreis 2017 für Kazuo Ishiguro

    Ich füllte meine Kaffeetasse beinahe bis zum Rand. Dann machte ich mich, die Tasse vorsichtig in der einen, meinen großzügig beladenen Teller in der anderen Hand balancierend, auf den Weg zurück zu meinem Platz.
    Kazuo Ishiguro: Die Ungetrösteten (letzter Satz des Romans)

Vor 16 Jahren, 2001, hatte ich mir einen Roman von Kazuo Ishiguro gekauft: Die Ungetrösteten. in der Übersetzung von Isabell Lorenz – 1. Auflage September 1996 – Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg. Bis in der Herbst hinein hatte ich dann das rund 730 Seiten umfassende Werk gelesen:

Müde und erschöpft betritt der berühmte Pianist Ryder nach einem anstrengenden Flug sein Hotel. Am liebsten möchte er sich in den drei Tagen bis zu seinem großen Konzert einfach nur entspannen. Aber schon in der Lobby wird er von Menschen bedrängt, die ihn um den einen oder anderen Gefallen bitten: Hoffman, der Hotelmanager, fragt, ob Ryder sich nicht einmal die Musikaliensammlung seiner Frau ansehen könnte, die ihr ganzer Stolz ist. Stephan, Hofmmans Sohn, möchte ein fachmännisches Urteil über seine Klavierkünste. Der alte Page Gustav bittet Ryder, zwischen ihm und seiner Tochter Sophie zu vermitteln, mit der er seit Jahren nur noch über seinen kleinen Enkel Boris Kontakt hat.

Geschmeichelt begibt sich Ryder in ein nahe gelegenes Café, um dort mit Sophie und Boris zu reden. Zu seiner Verblüffung begrüßen ihn die beiden wie einen intimen Freund – und er ist sich plötzlich selbst nicht mehr sicher, ob man sich vielleicht tatsächlich von früher kennt.

Als Ryder verwirrt das Café verläßt, weiß er aus einmal nicht mehr, wo er sich befindet. Er glaubt zu träumen oder gar den Verstand zu verlieren, denn rätselhafte Mächte nehmen sein Schicksal in die Hand und schicken ihn auf eine Reise durch die Stadt so unüberschaubar und voller Sackgassen wie ein Labyrinth. Wie durch Geisterhand hetzt es ihn von hier nach da, mysteriöse Figuren kreuzen seinen Weg: Bekannte und Freunde, Lebende und Totgeglaubte, sie alle Ungetröstete, die sich von ihm als Künstler Hilfe oder gar Erlösung erhoffen – wie die Frau, die ihn bittet, auf der Beerdigung eines Hundes Klavier zu spielen, oder der alkoholabhänige Dirigent Leo Brodsky, der von Ryder verlangt, daß er seine ehemalige Geliebte wieder für ihn zurückerobert. Am Abend von Ryders Konzert kommen schließlich die Schicksale aller zusammen, und der große Pianist muß bitter erfahren, wie schnell gute Taten plötzlich vergessen sein können. (aus dem Kladdentext)

„‚Die Ungetrösteten‘ ist ein Meisterwerk, anspruchsvoll und von außerordentlicher Originalität, nicht nur, weil die Idee so meisterhaft ausgeführt ist, sondern in erster Linie, weil dieser Roman Grundlegendes über die menschliche Seele erzählt.“ („The Times“)

    Kazuo Ishiguro (2005)

Kazuo Ishiguro wurde 1954 in Nagasaki geboren. Er ist also mein Jahrgang. Mit fünf Jahren kam er mit seiner Familie nach England. Ishiguro studierte Amglistik und Philosopie und lebt heute als freier Schriftstelle in London. Sein Roman „Was vom Tage übrigblieb“ wurde 1993 von James Ivory verfilmt. Sein 2005 erschienener Roman Alles, was wir geben mussten über menschliche Klone als Organspender bzw. „Ersatzteillager“ galt für viele Kritiker als die wichtigste Erzählung des Jahres 2005. So schreibe Ishiguro gegenwärtig das vielleicht schönste Englisch. Der Roman wurde 2010 unter der Regie von Mark Romanek und mit Carey Mulligan, Andrew Garfield und Keira Knightley in den Hauptrollen verfilmt. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich den Film mit meiner Familie gesehen.

In der letzten Woche wurde nun Ishiguro den Nobelpreis für Literatur zugesprochen. Die Schwedische Akademie würdigte ihn als einen Schriftsteller, „der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat“

Es mag ein gewisses Gespür sein, das ich für hervorragende Literatur habe, bevor es z.B. durch eine Preisverleihung wie den Literaturnobelpreis gewürdig wird. Lange vor der Vergabe dieses nach wie vor wohl bedeutendsten Literaturpreises hatte ich Autoren wie den Ägypter Nagib Machfus, Jean-Marie Gustave Le Clézio oder den Peruaner Mario Vargas Llosa, übrigens einer meiner Lieblingsautoren, gelesen. Und Kazuo Ishiguro schließt in gewisser Hinsicht diesen Kreis. Vielleicht erlangt in den nächsten Jahren auch ein gewisser Javier Marías diese Ehre (nur so als kleiner Tipp von mir).

Ishiguros Roman „Die Ungetrösteten“ steht übrigens in dem Bücherregal am Kopfende meines Bettes. Dort befinden sich Bücher, die ich in der nächsten Zeit (erneut) zu lesen gedenke. Vielleicht war das ja ein gutes Omen, denn Ishiguro galt schon viele Jahre als Anwärter auf den Nobelpreis für Literatur.

Die Affäre Gauland

Anfang 1989 hatte der Leiter der Hessischen Staatskanzlei, Staatssekretär Alexander Gauland (damals CDU, heute AfD), den Leitenden Ministerialrat Rudolf Wirtz (SPD), langjähriger Leiter der Verbindungsstelle zwischen Landesregierung und Kirchen, gegen dessen Willen versetzt. Gauland begründete seine Entscheidung damit, dass Kirchenvertreter mit Wirtz’ Amtsführung nicht einverstanden gewesen seien.

Dagegen klagte Wirtz in Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht Wiesbaden. […] Gauland versicherte mehrmals an Eides statt, dass „Vertreter der Kirchen und Religionsgemeinschaften […] Vorbehalte hinsichtlich der Persönlichkeit und des Verhaltens“ von Wirtz geäußert hätten. Er nannte aber keine Namen, da die Bekanntmachung „dem Wohl des Landes Nachteile bereiten“ würde.

Umstritten war zudem die Personalie Wolfgang Egerter, wissenschaftlicher Mitarbeiter der CDU-Fraktion und seit 1987 Bundesverdienstkreuzträger (überreicht durch Ministerpräsident Wallmann), der anstelle von Wirtz Kirchenkoordinator werden sollte. Die Opposition sah darin einen „schwarzen Filz“, auch Kirchenvertreter gingen nicht konform mit den Vorgängen. Insbesondere die extrem rechte Vergangenheit von Egerter in Form der Mitgliedschaft und seiner Funktionen im völkischen sudetendeutschen Witikobund wurden kontrovers in Medien, Politik und Glaubensgemeinschaften diskutiert.

Der Siegener Theologe Martin Stöhr, Präsident des Internationalen Rats der Christen und Juden, kritisierte 1992 die Kirchen für ihr Schweigen im Fall Gauland. Stöhr führte aus: „Der Fall Egerter war ein öffentlicher Skandal. Hier testete ein Politiker (Alexander Gauland), wie weit man in den letzten Jahren den Bogen nach rechts schlagen kann, ohne auf öffentlichen, das heißt auch auf kirchlichen Widerstand zu stoßen. Man kann weit gehen, zu weit wie heute mit Entsetzen zu sehen ist.“

Ein Briefverkehr der 5. Kammer des Hessischen Verwaltungsgerichts von 2000 belegt: „Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass diese Angabe [die Versicherung an Eides statt durch Alexander Gauland] unrichtig war. […]

Nach der Landtagswahl in Hessen 1991 wurde Wirtz durch den neuen Staatskanzleichef Hans Joachim Suchan (SPD) rehabilitiert und 1992 erneut in sein altes Amt bestellt. Das Land Hessen übernahm die Prozesskosten, es wurde Stillschweigen vereinbart und eine Entschädigung ausgehandelt. [Joschka] Fischer, Stellvertreter des Ministerpräsidenten, Umweltminister und Staatsminister für Bundesangelegenheiten, entschuldigte sich 1994 und die CDU nahm ihre damaligen Anschuldigungen gegen Wirtz zurück.

Es folgten noch eine Anfrage der CDU- und ein Berichtsantrag der FDP-Fraktion. Ein eingesetzter Petitionsausschuss des Hessischen Landtags unter der Leitung von Christoph Greiff (CDU) stellte 1995 öffentlich fest, dass Wirtz zu Unrecht entlassen wurde. (Quelle: de.wikipedia.org)

    Martin Walser: Finks Krieg

1996 erschien im Suhrkamp Verlag der Roman Finks Krieg von Martin Walser, der auf dieser Affäre Gauland aus den 1980/90er Jahren in Hessen basiert. Der Schriftsteller war mit dem Ministerialbeamten Rudolf Wirtz bekannt. Dieser sammelte für ihn in ca. 50 Aktenordnern das Material zum Fall. Walser widmete sich dann sechs Jahre der Ausarbeitung des Romans.

Ich habe mich etwas ausführlicher zu diesem Roman (Martin Walser: Finks Krieg) geäußert. Damals konnte ich nicht damit rechnen, dass mir (uns) der Name Gauland leider noch öfter über den Weg laufen würde. Schon zu damaligen Zeiten zeigte sich Gauland als ‚rechter‘ Geselle, der auch vor Meineid nicht Halt machte.

Urlaub auf der Hallig Hooge (4): Willi im windigen Gewühl

Jede schöne Zeit hat irgendwann einmal ein Ende. Und schon versinkt der Mensch wieder in der grauen Suppe des elenden Alltags, konkret gesprochen: Ich hatte Urlaub und muss wieder zur Arbeit, um den schnöden Mammon für die Brötchen zu verdienen, die ich mit meinen Lieben zum Leben brauche. Oh, Elend! Und dem Klagen kein Ende!

Willi rollt

Okay, ganz so schlimm ist es nicht, auch wenn gleich am ersten Arbeitstag das während meines Urlaubs Liegengebliebene der Erledigung heischte. Immerhin verdeutlicht es mir, dass meine Kollegen auf meine Hilfe angewiesen sind. Bestimmte Sachen gehen nicht ohne mich, ha!

Willi wässert

Erst kürzlich gestand mir ein Bekannter, der seit geraumer Zeit in Rente ist, dass er massive Probleme hatte, sich dem Rentnerdasein zu stellen. Da kann ich eigentlich nur lachen. Für mich war und ist der Broterwerb notwendiges Übel, auf das ich zugunsten anderer Beschäftigungen gern verzichten kann. Es gibt anderes und besseres als die tägliche Tretmühle. Selbstbestimmt wünsche ich mir das Leben. Was nicht ist, soll bald werden.

Willi im Wind

Willi vom Winde zerzaust

Ach, was lamentiere ich hier. Ich sprach eingangs vom Urlaub. Und einen Teil davon machte ich mit meiner Frau – wie schon bekannt sein dürfte – auf einer Hallig. Halligen, Inseln, Nordsee! Wer denkt da nicht an Wellen, Strände und Sturmgebraus! So mancher Windzug zerzauste mir das schütterwerdende Haar, bis es mir zu Berge stand. Im Sturm klebte mir die Jacke förmlich am Körper. Und das Donnern der aufgewühlten Wellen erhöhte deutlich den Harndrang. Da musste Willi für kleine Antons.

Willi muss mal für kleine Antons

Oh, Alltag, Du hast mich nun wieder.

Aber in wenigen Stunden beginnt wieder das Wochenende. Da werde ich froh sein, die erste Woche Arbeit hinter mich gebracht zu haben. Zu Hause liegt ein Maßband. Es misst Inches, also in Zoll. Und es war einmal 100 Daumenbreit lang. Inzwischen ist es auf 90 Zoll geschrumpft. Jeder Zoll eine Arbeitswoche. Und zu Hause kommt die Schere, schnipp-di-schnapp, und schon ist das Maßband wieder ein Stück kürzer.

Wigald Boning: Im Zelt – Von einem, der auszog, um draußen zu schlafen

Zelten – da denkt man an Sommerurlaub, romantische Abende am See, an Lagerfeuer, Luftmatratzen und Grillwürstchen. Vielleicht noch an Mücken. Was aber, wenn das Zelt zum Schlafplatz im Alltag wird? Und zwar über Herbst und Winter hinweg, bei Wind und Wetter, über 200 Nächte am Stück? Wigald Boning probiert es aus. Er sagt Matratze und Federbett ade und schläft draußen: auf Campingplätzen und in Flussbetten, auf Häuserdächern und Balkonen, am Strand und auf Parkbänken. Was er dabei erlebt und welcher Traum dabei in Erfüllung geht, erzählt er in diesem Buch.

Wigald Boning schläft draußen: Über ein halbes Jahr, von August bis März, im Zelt. Auf Campingplätzen, in Gärten und Parks, auf Dächern und Balkonen und ja, auch in Flussbetten. Dabei muss er feststellen, dass ein rotes Zelt beim Wildcampen eher ungeeignet ist, eine Woche Dauerregen die Moral erheblich sinken lässt und man in einer Sturmnacht niemals unter einem Baum zelten sollte. Aber er wäre nicht Wigald Boning, wenn er nicht all diesen Widrigkeiten trotzen würde – wozu auch das Kopfschütteln sämtlicher Freunde und Bekannten gehört.
(Kladdentext)

Wigald Boning zeltet im Bremer Weserstadion – SV Werder Bremen

Während ich das Buch Im Zelt: Von einem, der auszog, um draußen zu schlafen las, überlegte ich, wo ich in meinem bisherigen Leben in einem Zelt übernachtet habe. Ein großer Camper bin ich eigentlich nicht. Daher wunderte ich mich, dass ein Zelt doch schon häufig das Dach über meinem Kopf bildete. Meine Schwester hatte mit ihrem Mann in meiner Jugendzeit einen Stellplatz auf einem Campingplatz am Otterstedter See gleich hinter Bremen. Dort war ich natürlich öfter am Wochenende und schlief meist in einem Zelt. Dann war das Zelt öfter Begleiter auf Fahrradtouren durch Norddeutschland. Ich denke da eine Tour durch Ostfriesland, die mich und meinem Kumpel u.a. auch auf die ostfriesische Insel Norderney brachte. Bei einer Jugendherberge konnten wir unser Zelt aufschlagen. Überhaupt zeltete ich öfter auf Inseln, so 1990 u.a. am Mývatn auf Island und fünf Jahre zuvor schon auf der Isle of Skye in Schottland. Fehmarn (Anfang der 1980er Jahre) nicht vergessen (sicherlich später etwas mehr dazu).

Wigard Boning kennen sicherlich viele aus dem Fernsehen. Er hat sich durch manch kuriose Idee hervorgetan. Und so darf man sich nicht wundern, wenn er auf den Einfall kam, während seiner Touren für längere Zeit die Annehmlichkeiten von Hotelzimmern mit dem Zelt im Freien zu tauschen. Dass das auch Stoff für ein Buch sein könnte, war ihm dann wohl schon früh klar. Im Übrigen sammelt Wigard Boning Einkaufszettel und Nasenhaarschneider und ist als Botschafter für eine Initiative von Werder Bremen unterwegs. So nächtigte er auch eine Nacht im Bremer Weserstadion. Zuletzt war Boning mit seinem Roller dabei, die Alpen zu überqueren (dürfte wieder ein Buch dabei herausspringen).

Es ist ein durchaus amüsantes Buch und macht irgendwie Appetit, selbst einmal wieder ein Zelt in der freien Natur aufzuschlagen (es müssen dann ja nicht 200 Tage am Stück werden). Gerade jetzt in der sommerlichen Urlaubszeit ist es sicherlich ein Buch, das noch im Koffer (oder Rucksack) Platz finden dürfte.

Halldór Laxness: Salka Valka

Es hat etwas gedauert, aber endlich habe ich mich durch Halldór LaxnessSalka Valka gekämpft – aus dem Isländischen von Hubert SeelowSteidl Verlag, Göttingen 2011. Der Roman erschien erstmalig 1931-1932.

„Das Mädchen Salka und ihre Mutter können froh sein, daß ihnen jemand Obdach gewährt. Auf ihrem Weg vom Nordland in die Hauptstadt sind sie in einem Fischerdorf hängengeblieben, in dem es schon genug Armut gibt. Bei dem Jungen Arnaldur lernt Salka lesen und erkämpft sich mit der Zeit den Respekt des Ortes. Jahres später wird Arnaldur zum Anführer der isländischen ‚Bolschewisten‘, die im Ort die neue Zeit herbeikämpfen- Bald ist vieles anders – aber ist es auch besser?

Halldór Laxness hat eine urwüchsige Welt im Umbruch in eindringliche Bilder gefaßt. Mit seiner Titelheldin schuf er eine zupackende und kämpferische Frauenfigur, die in der Literatur ihresgleichen sucht. Der kleine Ort am Axlarfjord ist Schauplatz eines breitangelegten Gesellschaftsromans voll starker Charaktere und widerstreitender Gefühle.“
(aus dem Kladdentext)

    Halldór Laxness: Salka Valka

Mit dem Roman ‚Salka Valka‘ stand der spätere Nobelpreisträger Halldor Laxness (1902-1998) erst am Anfang seiner literarischen Entwicklung. Er ist noch keine dreißig Jahre alt, als er den Roman beendet, in dem er auf ein Motiv zurückgreift, das ihn lebenslang beschäftigt, ob in der „Islandglocke“, dem „Fischkonzert“ oder der „Atomstation“. Dies Motiv, dieser Leitgedanke heißt ganz schlicht und ganz maßlos: „Es ist so schwer, ein Mensch zu sein.“

Nichts scheint bedeutungsloser zu sein als das Fischerdorf Oseyri am Axlarfjord, eingeschlossen von Meer und Bergen. Wie die Menschen hier leben und sterben, erzählt der Autor. An diesem Ort scheint es nie schönes Wetter zu geben. Es herrschen Kirche, Heilsarmee und der Kaufmann Johann Bogesen , der als Einziger in einem prächtigen Steinhaus residiert, während die Dorfbevölkerung in feuchten Häusern aus Torfsoden lebt, durch die eisige Winde pfeifen . Bargeld hatte nur er, der reiche Arbeitgeber in Sachen Fisch und Besitzer des einzigen Ladens, wo angeschrieben wird und Almosen verteilt werden. Damit steht der ganze Ort in seiner Schuld und in Sorge, am Ende des Lebens ihm auch noch die Kosten für die eigene Beerdigung schuldig bleiben zu müssen. Bogesen, herrscht zunächst uneingeschränkt. Selbstherrlich verkündet er, dass in seinem Ort zumindest nicht der Hunger herrscht. Doch die Kindersterblichkeit ist auch hier, wie überall in Island, hoch. Das Mädchen Salvör Valgerdur (Salka Valka) und ihre Mutter Sigurlina Jonsdottir, die aus dem Norden geflohen sind, finden hier nur langsam ihre neue Heimat. Die heranwachsende Salka erkennt bald, dass sie nicht in der beste aller Welten lebt, zumal Steinthor, ihr möglicher künftiger Stiefvater, sie im Alter von elf Jahren zu missbrauchen versucht, ehe er vor der Ehe mit ihrer Mutter flieht. Steinthor taucht immer wieder im Dorf auf. Er, der alles ‚Reine und Schöne‘ in ihr zerstören will, übt trotzdem eine eigenartige, ungute Faszination auf das Mädchen aus. Zunehmend wird Salka jedoch von Arnaldur Björnsson angezogen, der sie lesen und schreiben lehrt, bevor er nach Dänemark entschwindet. Als Arnaldur nach Oseyri zurückkehrt, bringt er die Ideen des Sozialismus mit, ist vom Gedanken der russischen Revolution infiziert. Als ‚Vaterlandsverräter‘ bringen die neuen Linken beträchtliche Unruhe in den Ort. Sie gründen einen Konsumverein und organisieren Streiks. Als Salka sich schließlich mit dem Revolutionär Arnaldur einlässt, hat ihre Liebe nur begrenzt Bestand, denn im Grunde ist Arnaldur ein Intellektueller und Träumer, der die abstrakte Menschheit mehr liebt als die Dorfbewohner, die im Konsumverein herumlungern und zum Streikbrechen neigen. Arnaldur sehnt sich nach dem Traumland USA und entschwindet schließlich mit finanzieller Hilfe Salkas. Verglichen mit diesem Elfenjungen fühlt sich Salka wie ein Trollweib. Sie sagt von sich: ‚Ich bin ein Missgeschick, weil es keine Geburtenkontrolle gab.‘

Halldor Laxness war selbst ein Zeit seines Lebens ein Weltenbummler und ein Wanderer zwischen den verschiedenen Weltanschauungen. In jungen Jahren ein Anhänger des Katholizismus, wandte er sich in später sozialistischen Ideen zu und empfand die Sowjetunion als Gegenentwurf zur bestehenden Weltordnung, in der Hunger und Armut herrschten. Seine Romane sind jedoch alles andere als dogmatische Ideenbücher. Der Mikrokosmos in dem Fischerort, der in den Umbruch gerät, erweist sich als äußerst differenziert analysiert und literarisch aufregend gestaltet. Laxness‘ Geschichten sind wie das Leben nicht berechenbar, sondern stecken voller Rätsel, Es geht ihm letztlich immer um Menschen auf der Suche nach der Wahrheit in einer Welt der Lüge und Erniedrigung. Menschen werden manipuliert durch Medien und Ideologien. Der Traum von einer neuen Welt kann so schnell zum Alptraum werden, sei es durch die Diktatur des Geldes oder die Diktatur des Proletariats, die letztlich zur Diktatur der Parteibürokratie und ihrer blutigen Diktatoren wird.

Laxness hat bereits in ‚Salka Valka‘ den politischen Budenzauber mit seinem eigenen, wunderbar grotesken Humor entlarvt, im Übrigen auch die Rolle der BANKEN!
(Quelle u.a. deutschlandfunk.de)

Wie schon früher so habe ich mir eine Liste der Personen gemacht, die diesen Roman besiedeln, der in dem kleinen Fischerdorf (wie so oft bei Laxness, ein fiktiver Ort) Oseyri am Axlarfjord spielt. Der Roman besteht übrigens aus zwei Teilen.

Personen:

Erster Teil – spielt in den Jahren des 1. Weltkrieges

Salvör Valgerdur Jonsdottir (isl. Salvör Valgerður Jónsdóttir), genannt Salka
Sigurlina Jonsdottir, Salkas Mutter
Sigurlinni, Salkas Bruder

Arnaldur (im Kof) Björn(sson), genannt Alli
Herborg, ‚Tante‘ von Arnaldur und Jon

Johann Bogesen, Kaufmann
Agusta (Gusta), Tochter von Bogesen
Angantyr (Tyri), Sohn von Bogesen
Stephensen, Geschäftsführer bei Bogesen

Gudmundur Jonsson, Kadett (der Heilsarmee) und Ruderer
Kapitän Anderson (Heilsarmee)
Thordis Sugurkarlsdottir, Kadettin der Heilsarmee („Todda Trampel“)

Hallgrimur Petersson

Propst und Frau
Arzt

Steinthor Steinsson (auf Marabud), zeitweise Lebenspartner von Salkas Mutter
Steinunn, Steinthors Tante
Eyjolfur, Steinunns Mann

Sveinn Palson, Sattler u.a.
Bibba, seine Tochter

Jukki (Joakim) von Kviar

Zweiter Teil – spielt in den 20er Jahren

Magnus ‚Bucher‘ bzw. Mangi Buchbinder
Sveinbjörg, seine Frau
Pfarrer Sofonias

Beinteinn Jonsson von Krokur
Gudvör, genannt Guja, seine Tochter

Kristofer Torfdal, Führer der ‚Bolschewisten‘ in Reykjavik

Katrinus Eiriksson, Vorarbeiter bei Bogesen

Jon Jonsson, Volksschullehrer

Klaus Hanson, Präsident der Nationalbank in Reykjavik
u.a.

Mit Salka Valka hat Halldór Laxness wieder eine bemerkenswerte Frauenfigur geschaffen. Salka ist keine „positive Heldin“. Sie macht schwere Fehler, sie trifft jedoch ihre Entscheidungen aufgrund des einfachen, gesunden Menschenverstandes. Stark und ohne Angst kämpft sie auch in aussichtslosen Situationen und bewahrt sich so immer ihre Würde. Sie ist keine Siegerin, aber auch kein Opfer, wie viele andere Gestalten in Laxness‘ Romanen. Sie führt voll Stolz ihr eigenes Leben.

Worte zum Wochenende (20. KW 2017): Donnerwetter mit Arno

Donnerwetter!

Soll so der ganze kommende Sommer werden? Heiße Luft aus Afrika, die auf kalte Strömungen aus dem Norden trifft. So wird es plötzlich richtig heiß, saugt sich voll mit Feuchtigkeit, um dann krachend die ‚atmosphärischen Spannungen‘ zu entladen? Bitte nicht …

Letzter Spieltag

Also ich glaube nicht, dass der SV Werder Bremen morgen am letzten Spieltag der Fußball-Bundesliga doch noch das schier Unmögliche schafft und sich einen Platz in den Gefilden Europas ergattert. Okay, Platz sieben oder gar sechs ist noch möglich. Aber dann muss es schon ein kleines Fußballwunder geben und Werder in Dortmund gewinnen. Und selbst dann …

Schauen wir auf das letzte Drittel der Tabelle, dann sehen wir dort, dass dem HSV ein Sieg gegen Wolfsburg gelingen muss, um nicht zum dritten Mal in vier Jahren in die Relegation gegen den Dritten der 2. Liga gehen zu müssen. Dort wartet voraussichtlich die Braunschweiger Eintracht. Dreimal ist Bremer recht, aber auch Hamburger? Sollte der HSV also am Ende tatsächlich absteigen?

Worte zum Wochenende (20. KW 2017 – WilliZBlog)

Arno Schmidt

Ich weiß gar nicht mehr, wieso ich dieser Tage auf Arno Schmidt gekommen bin. Ach, doch – da gab es diese Dokumentation über ihn unter dem Titel Mein Herz gehört dem Kopf auf arte.tv (leider nicht mehr verfügbar), die ich mir angeschaut habe. Ein Sonderling und Einzelgänger, der als Heimatvertriebene eine neue Bleibe suchte und diese schließlich im kleinen Heidedorf Bargfeld fand. In „Die Umsiedler“ beschäftigte er sich mit dem damaligen Tabuthema von Flucht und Vertreibung und schildert, wie wenig willkommen er, der mit seiner Frau aus Schlesien fliehen musste, sich in der Bundesrepublik fühlte. Kommt uns das Thema nicht bekannt vor?

Arno Schmidt wurde besonders durch sein 1970 erschienenes Monumentalwerk Zettel’s Traum (okay mit Deppelapostrophe – leitet sich allerdings aus dem Englischen ab) bekannt, ein Monster von über 1300 Seiten und dreispaltig in DIN A 3, das damals als Faksimile (des mit Schreibmaschine, die Randglossen und Streichungen von Hand verfassten Werkes) erschien, weil man es für nicht zu setzen erachtete. Erst im Oktober 2010 erschien im Suhrkamp Verlag die „Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe IV/1. Standardausgabe. Zettel’s Traum“ als gesetztes Buch. Friedrich Forssman arbeitete hieran zuvor etliche Jahre.

Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, der Ulysses und Finnegans Wake von James Joyce, Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz, Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil (um nur einige dieser kiloschweren literarischen Werke zu nennen), wer hat sie nicht gelesen. Genau: NICHT gelesen!

An Joyce Ulysses (in der Übersetzung von Hans Wollschläger) habe ich mich vor vielen Jahren einmal herangewagt, bin dann aber auf halber Strecke kläglich gescheitert. Sein Finnegans Wake habe ich mir als Finnegans Wehg. Kainnäh ÜbelSätzZung des Wehrkess fun Schämes Scheuss von Dieter H. Stündel zugelegt (enthält neben einer ‚Annäherung‘ auf Deutsch auch das Joyce’sche Original). Döblins Berlin Alexanderplatz kenne ich nur als Fernsehserie in 13 Episoden und einem Epilog (ca. 930 Min lang) von Rainer Werner Fassbinder mit Günter Lamprecht als Franz Biberkopf. Prousts Recherche habe ich als verfilmten Zweiteiler bisher noch ungesehen auf meinem Rechner. Musils Mann ohne Eigenschaften ist als E-Book vorhanden. Und nun auch noch Arno Schmidt?

Es gibt so Sachen, die man auf spätere Zeiten verlegt, wenn man nicht mehr durch Pflichten und sonstige Notwendigkeiten behindert ist, wenn man also ZEIT hat. Da kommt eigentlich nur das Rentenalter in Frage. Da dieses mir aus nicht mehr allzu großer Ferne entgegenwinkt, so werde ich dann meine Yamaha endlich auspacken – und mich mit Inbrunst auf all das Literarische stürzen, was bisher liegengeblieben ist.

Aber jetzt winkt erst einmal das Wochenende. Ich winke zurück …

Martin Walser wird 90

„Ja, der Walser …!” – Der Tonfall macht die Musik. Dem einen ist es ein Seufzer. Dem anderen entspringt dieser Ausruf einer unverhohlenen Bewunderung. Bewundernswert ist es auf jeden Fall, in diesem hohen Alter, Martin Walser wird heute 90 Jahre alt, noch so geistig rege zu sein. Und erst vor Kurzem erschien der Roman Statt etwas oder Der letzte Rank aus seiner Feder. Ob das sein letztes Werk sein wird? Eher nicht …

Ich habe mich in diesem Blog immer wieder mit Martin Walser beschäftigt. Ich habe so ziemlich alle seine Bücher, insbesondere natürlich seine Romane, gelesen. Und ich mag ihn immer noch. Natürlich ist er umstritten, wie sollte er es auch NICHT sein, wenn er sich immer so freimütig äußert. Und auch mir gefällt nicht immer alles, was er von sich gibt. Da sind jetzt seine Äußerungen zur AfD. Walser hält diese rechtspopulistische Partei für ungefährlich und armselig. „In zehn Jahren weiß kein Mensch mehr, wer oder was die AfD war“, sagte Walser in einem Interview. Zu bedenken sei allerdings, dass offenbar jede weitergehende Herausforderung durch ein Problem wie derzeit die Flüchtlinge jene mobilisiere, die sich in einer Gesellschaft „schon vorher als zu kurz gekommen fühlten“. Das machten dann Parteien wie die AfD zum Programm. – Mit Sicherheit macht man um solche Parteien zu viel Gewese.

Eintragung aus Martin Walsers Tagebuch: Orli Loks aus dem Roman „Das Einhorn“, Anselm Kristleins große Liebe
Eintragung aus Martin Walsers Tagebuch: Orli Loks aus dem Roman „Das Einhorn“, Anselm Kristleins große Liebe

Nun, den letzten Rank (die letzte Wendung, die der Verfolgte nimmt, um dem Verfolger zu entgehen) habe ich immer noch ungelesen auf meinem Schreibtisch liegen. Walsers runder Geburtstag sollte Anlass sein, das Lesen endlich nachzuholen. Alles Gute zum Geburtstag und vor allem noch weitere schaffensreiche Jahre!

Virus des Irrsinns

    Der Mond tritt aus der gelben Wolkenwand.
    Die Irren hängen an den Gitterstäben,
    Wie große Spinnen, die an Mauern kleben.
    Entlang den Gartenzaun fährt ihre Hand.
    In offnen Sälen sieht man Tänzer schweben.
    Der Ball der Irren ist es. Plötzlich schreit
    Der Wahnsinn auf. Das Brüllen pflanzt sich weit,
    Daß alle Mauern von dem Lärme beben.
    Mit dem er eben über Hume gesprochen,
    Den Arzt ergreift ein Irrer mit Gewalt.
    Er liegt im Blut. Sein Schädel ist zerbrochen.
    Der Haufe Irrer schaut vergnügt. Doch bald
    Enthuschen sie, da fern die Peitsche knallt,
    Den Mäusen gleich, die in die Erde krochen.

Was ist los auf unserem Planeten? Der Wahnsinn, so scheint’s, ist ausgebrochen. Nach einer Periode der scheinbaren Vernunft (ha, wann herrscht schon aller Orten wirklich Vernunft), wird seit wenigen Jahren der gesunde Menschverstand mit Füßen getreten. Der Irrsinn hat einen ersten Höhepunkt erreicht. Und wie ein Virus so breitet sich dieser über die ganze Welt aus.

Jeder, der heute noch halbwegs geistig gesund ist, fragt sich, wie es kommen konnte, dass ein Mann, der sich wie ein Fünfjähriger – entschuldigt bitte liebe Fünfjährige-, ich meine: wie ein völlig VERZOGENER Fünfjähriger gebärdet, der mächtigste Mann unseres Planeten werden kann. So geifert er wie ein bockiger Junge, wenn ihm etwas nicht passt und ignoriert unantastbare Tatsachen. Er ist einer, der mit Fünf-Wörter-Sätzen kommuniziert und allem Anschein nach an sekundärem oder gar funktionalem Analphabetismus ‚leidet‘ (er leidet weniger, dafür seine Umwelt) und daher nicht in der Lage ist, halbwegs komplexe Texte vorzulesen (Uh-Oh: Does Donald Trump Know How to Read?). Sein Wortschatz ist beschränkt und er wiederholt sich ständig. Dazu ist er ein Soziopath reinster Natur. Egoman. Einer, dessen Frauenbild vom Playboy-Magazin geprägt ist. Frauen sind Freiwild für ihn, den Spätpubertierenden, und dürfen begrapscht werden. Und ist er wirklich einer, der noch nicht einmal in der Lage ist, Türen zu öffnen (Can Donald Trump open doors?)?!

Ich weiß, ich schreibe hier nichts Neues. Alles ist an anderer Stelle – meist sehr ausführlich – besprochen wie im Spiegel: Trumps Amerika: Wenn Demokratien kippenÜber den bedrohlichen Präsidenten Donald Trump und die Medien

Donald Trump hat in den zweieinhalb Wochen seit seiner fürchterlichen Rede zur Amtseinführung gezeigt, dass er das tut, was er angekündigt hat: eine Mauer zwischen Mexiko und den USA in Auftrag geben; ausländerfeindliche Gesetze verfügen; Washington und Amerikas Verbündete und internationale Institutionen und damit die gesamte Weltpolitik erschüttern. Iran und Nordkorea haben bereits Drohungen erhalten, und all das ist nicht überraschend, denn dass Trumps Berater Stephen Bannon Kriege für sinnvoll hält, wussten Trumps Wähler.

Und Trump hat, zweitens, gezeigt, dass er vieles tut, was er nicht angekündigt hat. Er befiehlt, dass Wissenschaftler nicht forschen und veröffentlichen dürfen, was Trump nicht erforscht und veröffentlicht haben möchte; den Klimawandel hat es nicht zu geben, er meint das ernst. Er hat seine engste Vertraute „alternative Fakten“, also eine zweite Wahrheit neben der wahren, erfinden lassen. Trump nimmt seine Kinder mit zu Staatsterminen, holt den Schwiegersohn ins Weiße Haus, verschont Länder, in denen er Geschäfte macht, von seinem Einreiseverbot für Bürger mehrheitlich muslimischer Staaten, gibt seine Firmenbeteiligungen nicht auf, veröffentlicht nicht (obwohl es versprochen war) seine Steuererklärung und lässt seinen Sprecher sagen: „Das interessiert die Wähler nicht.“ Die Regulierung der Banken soll fallen, damit „meine Freunde“ (Trump) leichter an Geld kommen. Bereitet er die Bereicherung im Amt vor?

Und Trump hat, drittens, manches belegt, was wir von ihm wussten. Was ihn mehr als alles andere interessiert, ist, wie er wirkt: Nichts war ihm in den ersten zweieinhalb Wochen wichtiger als die Größe der Menschenmenge bei seiner Amtseinführung. Trump lügt chronisch und belegt das Tweet für Tweet. Trump verachtet die Presse („Oppositionspartei“, „Krieg gegen die Medien“) und die Justiz, namentlich „diesen sogenannten Richter“, der nicht so urteilte, wie sein Herrscher es wünschte. Demonstranten, die gegen Trump demonstrieren, nennt er „bezahlt“.

Eine 'echte' Männerfreundschaft kennt keine Grenzen und Mauern: Der osmanischer Sultan, der russischer Zar und das Trumpeltier :-(
Eine ‚echte‘ Männerfreundschaft kennt keine Grenzen und Mauern: Der osmanischer Sultan, der russischer Zar und das Trumpeltier 🙁

Natürlich ist er nicht der Einzige dieser Art auf der Welt. Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei führt sich wie ein osmanischer Sultan auf. Immerhin reduzieren sich sein Größenwahn und seine Machtgier vorwiegend auf sein Land. Schlimmer sind da die beiden Herren in Moskau, ich möchte sie den Zar und sein Zimmermann (Putin und Medwedew) nennen. Ihnen geht es, besonders dem Zaren, um die Destabilisierung Europas. Verschwörungstheorie hin, Verschwörungstheorie her. Ich denke, dass seine Unterstützung des Assad-Regimes in Syrien auch damit begründet ist, immer neue Flüchtlingsströme gen Europa bewegen zu lassen. Russische Cyber-Angriffe dürften belegt sein. Inwieweit Putin Schläfer, eine Art Untergrund-Truppe, in Deutschland angesiedelt hat, mag dahingestellt sein. Aber ausschließen kann man selbst das nicht. Erdoğans Geheimdienste operieren in Deutschland, um Landsleute, die nicht nach seiner Pfeife tanzen, drangsalieren.

Dass sich Putin und die Rechtspopulisten in Europa (besonders in Deutschland, Österreich, den Niederlande und Frankreich) bestens verstehen, ist unbestritten. Und nicht erst durch Trumps Wahl zum US-Präsidenten wittern AfD, FPÖ, Front National und wie sie alle heißen ‚Morgenluft‘. Putins Syrien-Krieg -> Flüchtlinge nach Europa -> Erstarken der Rechtspopulisten -> deren Zusammenarbeit mit Putin: Der Kreis schließt sich.

Natürlich hat dieser Rechtsruck seine Gründe. Zum einen war immer schon ein rechtsextremes Potential in der Bevölkerung vorhanden (man schätzt für Deutschland mit mindestens 10 %), das allerdings meist brach lag. Und sicherlich spielt das Flüchtlingsproblem eine sehr große Rolle. Die Politikverdrossenheit spiegelt sich schon seit vielen Jahren in einer ständig sinkenden Wahlbeteiligung wider. Wenn z.B. Frau Merkel jetzt zum 4. Mal als Kanzlerkandidatin antritt, dann trägt das nicht dazu bei, Begeisterung für Politik zu erzeugen. Die etablierten Parteien haben Probleme mit ihrer Glaubwürdigkeit, besonders dann, wenn ausrangierte Politiker in der Wirtschaft hochdotierte Posten bekommen. Statt Parteien könnten es zukünftig ‚Bewegungen‘ sein wie die von Emmanuel Macron in Frankreich. Unsere Demokratie mit ihrem Parteiensystem hat dringend eine Erneuerung nötig.

Hoffen wir, das solche Gestalten wie Trump „doch bald enthuschen […] den Mäusen gleich, die in die Erde krochen“ – wie in dem Gedicht von Georg Heym.

Dietmar Bittrich: 99 deutsche Orte, die man knicken kann

Der große Weltreisende bin ich nicht. Ich habe einmal nachgeschaut und feststellen müssen, dass ich am nördlichsten (Husavik) und westlichsten (Keflavik – internationaler Flughafen) bisher auf Island war. Den östlichsten Punkt habe ich in Rumänien (Hauptstadt Bukarest) und den südlichsten in Tunesien (Oase Ksar Ghilane in der Wüste Grand Erg Oriental, also einem Teil der Sahara) erreicht. Aber immerhin …

In Deutschland bin ich schon ganz schön rumgekommen, wenn auch nicht gerade „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“. Dann eher (sinngemäß) doch von der Mosel bis zur Oder, von der Zugspitze bis nach Fehmarn. Natürlich habe ich dabei viele Städte, Gegenden und natürlich auch Kirchen, Schlösser und Museen gesehen.

Zu Weihnachten bekam ich nun dieses Buch geschenkt: Dietmar Bittrich: 99 deutsche Orte, die man knicken kann.

    Dietmar Bittrich: 99 deutsche Orte, die man knicken kann

Deutschland ist voller scheußlicher Sehenswürdigkeiten. Ausländische Touristen werden gezwungen, sie abzuklappern. Müssen wir das etwa auch? Mitnichten. Hier ist das zeitsparende Schonprogramm. Dietmar Bittrich hat sich die 99 berühmtesten Highlights angetan und beschreibt mit Witz und Bosheit, warum man sie alle knicken kann. (aus dem Kladdentext)

Das Buch enthält „alles Schlechte über Neuschwanstein, den Kölner Dom, Berlin, den Schwarzwald, Sylt, den Spreewald, die Schlösser, die Museen, all die sogenannten Welterbestätten… Nichts davon muss man gesehen haben!“ In dem Buch wird verraten, weshalb! „Mit Witz und Bosheit beschreibt Bittrich, warum die gehypten Sehenswürdigkeiten nichts taugen.“ – Von führenden Reiseleitern empfohlen!

Alle diese Orte bekommen reichlich ihr Fett weg. Zum Schloss Neuschwanstein (auch das habe ich mit meiner Familie besucht) schreibt Bittrich u.a.:

„[…] Der ummauerte Schlosshof gilt immer noch als Deutschlands beste Gelegenheit zur Begegnung mit unbewaffneten Angehörigen asiatischer Völker. Obendrein ist dieses Schloss der erste Bau, der in Deutschland einen Energiepass erhalten hat. Sein energiesparender historischer Küchenofen (Rumford-Herd im Erdgeschoss) vermochte bereits 1886 den Bratspieß durch Eigenwärme in Bewegung zu setzen. Die warme Abluft wurde verlustfrei der Heizung zugeführt. […]“.

Im diesem Stile geht es weiter und neben den bereits genannten Sehenswürdigkeiten sind es Orte wie Heidelberg, Potsdam und seine Schlösser, Weimar als größte deutsche Seniorenresidenz, natürlich (im Lutherjahr) die Wartburg und Eisenach und Luthers satanische Verse, Trier und die römischen Altertümer, Aachen, das mittlere Rheintal mit den Trassen des donnernden Güterverkehrs, Würzburg, Hamburgs Speicherstadt und Hafencity, München mit Hofbräuhaus und Englischem Garten, der Bodensee, der Königssee, Bremen, der Harz, Garmisch und die Zugspitze als bayerisches Trauma, Husum und das Wattenmeer als Weltnaturödnis, die Lüneburger Heide („Alles ist lila und unfruchtbar. Zulöten als Überlebensmöglichkeit.‘) usw., deren Besichtigung wir uns ersparen sollten.

„ […] Wir müssen keine eingerüsteten Kirchtürme anstaunen oder in Filzpantoffeln durch schwülstige Schlösser schlurfen. Wir brauchen keine modernden Landschaftsparks abzuwandern oder Industriedenkmale toll zu finden. Wir können uns all das sparen. All das, was Reiseführer und Tourismusbüros uns als Highlight oder Kleinod unterjubeln wollen. Das Brandenburger Tor, die Dresdner Frauenkirche, die Altstadt von Bamberg, das Kloster Maulbronn. Geschenkt. Dass sich das lange Anstehen in Neuschwanstein nicht lohnt, ist längst bekannt. Dass Rüdesheim nichts anderes ist als ein dreihundert Meter langer Besäufnistresen unter bemoosten Plastikdächern, hat sich ebenfalls herumgesprochen. Aber auch Wattenmeere, Fachwerkstädte, Erzbergwerke – das meiste ist zum Gähnen. Und was tatterige Kulturkommissionen zum Welterbe ausrufen, ist erst recht
hundertprozentig verzichtbar. […]“.

Okay, dieses Buch ist äußerst polemisch und geht böse mit vielem um, das wir vielleicht lieben gelernt haben. Aber wie so oft, so ist immer auch ein Quäntchen Wahrheit daran, was Bittrich schreibt. Ich habe auf jeden Fall immer wieder beim Lesen schmunzeln müssen. Und die eine oder andere Sehenswürdigkeit, den einen oder anderen Ort hat er vergessen. Mir kommt spontan Oberammergau in den Sinn. Als ich dort vor vielen Jahren mit meinen Lieben einmal vorbeischaute, überkam mich das Grauen. So viel Kitsch auf einer Stelle ist mir nie wieder untergekommen. Auch wie hier die Touristen in Bussen angekarrt und in riesigen Gasthäusern abgefüttert wurden, fanden wir ‚merkwürdig‘. So irrte ein älterer Herr durch ein Restaurant und fragte mehr sich selbst als andere: „Wo ist meine Reisegesellschaft?“. Dieser Spruch ist bei uns längst zu einem ‚geflügelten Wort‘ geworden.

Ian Anderson liest aus Sir Walter Scott: Marmion

Vor einigen Jahren gab es hier einen Beitrag u.a. mit dem Titel „Weihnachtliches mit Onkel Ian“, in dem Ian Anderson von der Gruppe „Jethro Tull“ etwas der jetzigen Weihnachtszeit Gemäßes vortrug. Hier noch einmal aus gegebenen Anlass und weil ich es natürlich schön finde:

Es handelt sich hierbei um einen Radio-Beitrag zu einer Sendung namens „A Toss the Feathers Christmas Special 2004“ und wurde eben vor inzwischen zwölf Jahren über den amerikanischen Sender Public Radio International ausgestrahlt. Neben „Another Christmas Song“ und „Ring Out Solstice Bells” (am Ende) liest Ian Anderson aus Sir Walter Scott’s „Marmion“– Dichtung in sechs Gesängen (A Tale of Flodden Field in six Cantos) etwas Weihnachtliches vor:

INTRODUCTION TO CANTO SIXTH

Heap on more wood!-the wind is chill;
But let it whistle as it will,
We’ll keep our Christmas merry still.
Each age has deem’d the new-born year
The fittest time for festal cheer: 5
Even, heathen yet, the savage Dane
At Iol more deep the mead did drain;
High on the beach his galleys drew,
And feasted all his pirate crew;
Then in his low and pine-built hall, 10
Where shields and axes deck’d the wall,
They gorged upon the half-dress’d steer;
Caroused in seas of sable beer;
While round, in brutal jest, were thrown
The half-gnaw’d rib, and marrow-bone, 15
Or listen’d all, in grim delight,
While scalds yell’d out the joys of fight.
Then forth, in frenzy, would they hie,
While wildly-loose their red locks fly,
And dancing round the blazing pile, 20
They make such barbarous mirth the while,
As best might to the mind recall
The boisterous joys of Odin’s hall.

And well our Christian sires of old
Loved when the year its course had roll’d, 25
And brought blithe Christmas back again,
With all his hospitable train.
Domestic and religious rite
Gave honour to the holy night;
On Christmas eve the bells were rung; 30
On Christmas eve the mass was sung:
That only night in all the year,
Saw the stoled priest the chalice rear.
The damsel donn’d her kirtle sheen;
The hall was dress’d with holly green; 35
Forth to the wood did merry-men go,
To gather in the mistletoe.
Then open’d wide the Baron’s hall
To vassal, tenant, serf, and all;
Power laid his rod of rule aside, 40
And Ceremony doff’d his pride.
The heir, with roses in his shoes,
That night might village partner choose;
The Lord, underogating, share
The vulgar game of ‘post and pair.’ 45
All hail’d, with uncontroll’d delight,
And general voice, the happy night,
That to the cottage, as the crown,
Brought tidings of salvation down.

The fire, with well-dried logs supplied, 50
Went roaring up the chimney wide:
The huge hall-table’s oaken face,
Scrubb’d till it shone, the day to grace,
Bore then upon its massive board
No mark to part the squire and lord. 55
Then was brought in the lusty brawn,
By old blue-coated serving-man;
Then the grim boar’s head frown’d on high,
Crested with bays and rosemary.
Well can the green-garb’d ranger tell, 60
How, when, and where, the monster fell;
What dogs before his death he tore,
And all the baiting of the boar.
The wassel round, in good brown bowls,
Garnish’d with ribbons, blithely trowls. 65
There the huge sirloin reek’d; hard by
Plum-porridge stood, and Christmas pie:
Nor fail’d old Scotland to produce,
At such high tide, her savoury goose.
Then came the merry maskers in, 70
And carols roar’d with blithesome din;
If unmelodious was the song,
It was a hearty note, and strong.
Who lists may in their mumming see
Traces of ancient mystery; 75
White shirts supplied the masquerade,
And smutted cheeks the visors made;
But, O! what maskers, richly dight,
Can boast of bosoms half so light!
England was merry England, when 80
Old Christmas brought his sports again.
‘Twas Christmas broach’d the mightiest ale;
‘Twas Christmas told the merriest tale;
A Christmas gambol oft could cheer
The poor man’s heart through half the year. 85

Eine deutsche Übersetzung habe ich leider bisher nicht gefunden (wahrscheinlich gibt es auch keine), so dürft Ihr Euch selbst mit dem Schottischen herumschlagen (leider spricht Ian Anderson alles mehr oder weniger englisch aus. Schade eigentlich … Oder er kann nicht richtig schottisch).

    Ian Anderson (1976): Seasons Greetings