Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Wigald Boning: Im Zelt – Von einem, der auszog, um draußen zu schlafen

Zelten – da denkt man an Sommerurlaub, romantische Abende am See, an Lagerfeuer, Luftmatratzen und Grillwürstchen. Vielleicht noch an Mücken. Was aber, wenn das Zelt zum Schlafplatz im Alltag wird? Und zwar über Herbst und Winter hinweg, bei Wind und Wetter, über 200 Nächte am Stück? Wigald Boning probiert es aus. Er sagt Matratze und Federbett ade und schläft draußen: auf Campingplätzen und in Flussbetten, auf Häuserdächern und Balkonen, am Strand und auf Parkbänken. Was er dabei erlebt und welcher Traum dabei in Erfüllung geht, erzählt er in diesem Buch.

Wigald Boning schläft draußen: Über ein halbes Jahr, von August bis März, im Zelt. Auf Campingplätzen, in Gärten und Parks, auf Dächern und Balkonen und ja, auch in Flussbetten. Dabei muss er feststellen, dass ein rotes Zelt beim Wildcampen eher ungeeignet ist, eine Woche Dauerregen die Moral erheblich sinken lässt und man in einer Sturmnacht niemals unter einem Baum zelten sollte. Aber er wäre nicht Wigald Boning, wenn er nicht all diesen Widrigkeiten trotzen würde – wozu auch das Kopfschütteln sämtlicher Freunde und Bekannten gehört.
(Kladdentext)

Wigald Boning zeltet im Bremer Weserstadion – SV Werder Bremen

Während ich das Buch Im Zelt: Von einem, der auszog, um draußen zu schlafen las, überlegte ich, wo ich in meinem bisherigen Leben in einem Zelt übernachtet habe. Ein großer Camper bin ich eigentlich nicht. Daher wunderte ich mich, dass ein Zelt doch schon häufig das Dach über meinem Kopf bildete. Meine Schwester hatte mit ihrem Mann in meiner Jugendzeit einen Stellplatz auf einem Campingplatz am Otterstedter See gleich hinter Bremen. Dort war ich natürlich öfter am Wochenende und schlief meist in einem Zelt. Dann war das Zelt öfter Begleiter auf Fahrradtouren durch Norddeutschland. Ich denke da eine Tour durch Ostfriesland, die mich und meinem Kumpel u.a. auch auf die ostfriesische Insel Norderney brachte. Bei einer Jugendherberge konnten wir unser Zelt aufschlagen. Überhaupt zeltete ich öfter auf Inseln, so 1990 u.a. am Mývatn auf Island und fünf Jahre zuvor schon auf der Isle of Skye in Schottland. Fehmarn (Anfang der 1980er Jahre) nicht vergessen (sicherlich später etwas mehr dazu).

Wigard Boning kennen sicherlich viele aus dem Fernsehen. Er hat sich durch manch kuriose Idee hervorgetan. Und so darf man sich nicht wundern, wenn er auf den Einfall kam, während seiner Touren für längere Zeit die Annehmlichkeiten von Hotelzimmern mit dem Zelt im Freien zu tauschen. Dass das auch Stoff für ein Buch sein könnte, war ihm dann wohl schon früh klar. Im Übrigen sammelt Wigard Boning Einkaufszettel und Nasenhaarschneider und ist als Botschafter für eine Initiative von Werder Bremen unterwegs. So nächtigte er auch eine Nacht im Bremer Weserstadion. Zuletzt war Boning mit seinem Roller dabei, die Alpen zu überqueren (dürfte wieder ein Buch dabei herausspringen).

Es ist ein durchaus amüsantes Buch und macht irgendwie Appetit, selbst einmal wieder ein Zelt in der freien Natur aufzuschlagen (es müssen dann ja nicht 200 Tage am Stück werden). Gerade jetzt in der sommerlichen Urlaubszeit ist es sicherlich ein Buch, das noch im Koffer (oder Rucksack) Platz finden dürfte.

Halldór Laxness: Salka Valka

Es hat etwas gedauert, aber endlich habe ich mich durch Halldór LaxnessSalka Valka gekämpft – aus dem Isländischen von Hubert SeelowSteidl Verlag, Göttingen 2011. Der Roman erschien erstmalig 1931-1932.

„Das Mädchen Salka und ihre Mutter können froh sein, daß ihnen jemand Obdach gewährt. Auf ihrem Weg vom Nordland in die Hauptstadt sind sie in einem Fischerdorf hängengeblieben, in dem es schon genug Armut gibt. Bei dem Jungen Arnaldur lernt Salka lesen und erkämpft sich mit der Zeit den Respekt des Ortes. Jahres später wird Arnaldur zum Anführer der isländischen ‚Bolschewisten‘, die im Ort die neue Zeit herbeikämpfen- Bald ist vieles anders – aber ist es auch besser?

Halldór Laxness hat eine urwüchsige Welt im Umbruch in eindringliche Bilder gefaßt. Mit seiner Titelheldin schuf er eine zupackende und kämpferische Frauenfigur, die in der Literatur ihresgleichen sucht. Der kleine Ort am Axlarfjord ist Schauplatz eines breitangelegten Gesellschaftsromans voll starker Charaktere und widerstreitender Gefühle.“
(aus dem Kladdentext)

    Halldór Laxness: Salka Valka

Mit dem Roman ‚Salka Valka‘ stand der spätere Nobelpreisträger Halldor Laxness (1902-1998) erst am Anfang seiner literarischen Entwicklung. Er ist noch keine dreißig Jahre alt, als er den Roman beendet, in dem er auf ein Motiv zurückgreift, das ihn lebenslang beschäftigt, ob in der „Islandglocke“, dem „Fischkonzert“ oder der „Atomstation“. Dies Motiv, dieser Leitgedanke heißt ganz schlicht und ganz maßlos: „Es ist so schwer, ein Mensch zu sein.“

Nichts scheint bedeutungsloser zu sein als das Fischerdorf Oseyri am Axlarfjord, eingeschlossen von Meer und Bergen. Wie die Menschen hier leben und sterben, erzählt der Autor. An diesem Ort scheint es nie schönes Wetter zu geben. Es herrschen Kirche, Heilsarmee und der Kaufmann Johann Bogesen , der als Einziger in einem prächtigen Steinhaus residiert, während die Dorfbevölkerung in feuchten Häusern aus Torfsoden lebt, durch die eisige Winde pfeifen . Bargeld hatte nur er, der reiche Arbeitgeber in Sachen Fisch und Besitzer des einzigen Ladens, wo angeschrieben wird und Almosen verteilt werden. Damit steht der ganze Ort in seiner Schuld und in Sorge, am Ende des Lebens ihm auch noch die Kosten für die eigene Beerdigung schuldig bleiben zu müssen. Bogesen, herrscht zunächst uneingeschränkt. Selbstherrlich verkündet er, dass in seinem Ort zumindest nicht der Hunger herrscht. Doch die Kindersterblichkeit ist auch hier, wie überall in Island, hoch. Das Mädchen Salvör Valgerdur (Salka Valka) und ihre Mutter Sigurlina Jonsdottir, die aus dem Norden geflohen sind, finden hier nur langsam ihre neue Heimat. Die heranwachsende Salka erkennt bald, dass sie nicht in der beste aller Welten lebt, zumal Steinthor, ihr möglicher künftiger Stiefvater, sie im Alter von elf Jahren zu missbrauchen versucht, ehe er vor der Ehe mit ihrer Mutter flieht. Steinthor taucht immer wieder im Dorf auf. Er, der alles ‚Reine und Schöne‘ in ihr zerstören will, übt trotzdem eine eigenartige, ungute Faszination auf das Mädchen aus. Zunehmend wird Salka jedoch von Arnaldur Björnsson angezogen, der sie lesen und schreiben lehrt, bevor er nach Dänemark entschwindet. Als Arnaldur nach Oseyri zurückkehrt, bringt er die Ideen des Sozialismus mit, ist vom Gedanken der russischen Revolution infiziert. Als ‚Vaterlandsverräter‘ bringen die neuen Linken beträchtliche Unruhe in den Ort. Sie gründen einen Konsumverein und organisieren Streiks. Als Salka sich schließlich mit dem Revolutionär Arnaldur einlässt, hat ihre Liebe nur begrenzt Bestand, denn im Grunde ist Arnaldur ein Intellektueller und Träumer, der die abstrakte Menschheit mehr liebt als die Dorfbewohner, die im Konsumverein herumlungern und zum Streikbrechen neigen. Arnaldur sehnt sich nach dem Traumland USA und entschwindet schließlich mit finanzieller Hilfe Salkas. Verglichen mit diesem Elfenjungen fühlt sich Salka wie ein Trollweib. Sie sagt von sich: ‚Ich bin ein Missgeschick, weil es keine Geburtenkontrolle gab.‘

Halldor Laxness war selbst ein Zeit seines Lebens ein Weltenbummler und ein Wanderer zwischen den verschiedenen Weltanschauungen. In jungen Jahren ein Anhänger des Katholizismus, wandte er sich in später sozialistischen Ideen zu und empfand die Sowjetunion als Gegenentwurf zur bestehenden Weltordnung, in der Hunger und Armut herrschten. Seine Romane sind jedoch alles andere als dogmatische Ideenbücher. Der Mikrokosmos in dem Fischerort, der in den Umbruch gerät, erweist sich als äußerst differenziert analysiert und literarisch aufregend gestaltet. Laxness‘ Geschichten sind wie das Leben nicht berechenbar, sondern stecken voller Rätsel, Es geht ihm letztlich immer um Menschen auf der Suche nach der Wahrheit in einer Welt der Lüge und Erniedrigung. Menschen werden manipuliert durch Medien und Ideologien. Der Traum von einer neuen Welt kann so schnell zum Alptraum werden, sei es durch die Diktatur des Geldes oder die Diktatur des Proletariats, die letztlich zur Diktatur der Parteibürokratie und ihrer blutigen Diktatoren wird.

Laxness hat bereits in ‚Salka Valka‘ den politischen Budenzauber mit seinem eigenen, wunderbar grotesken Humor entlarvt, im Übrigen auch die Rolle der BANKEN!
(Quelle u.a. deutschlandfunk.de)

Wie schon früher so habe ich mir eine Liste der Personen gemacht, die diesen Roman besiedeln, der in dem kleinen Fischerdorf (wie so oft bei Laxness, ein fiktiver Ort) Oseyri am Axlarfjord spielt. Der Roman besteht übrigens aus zwei Teilen.

Personen:

Erster Teil – spielt in den Jahren des 1. Weltkrieges

Salvör Valgerdur Jonsdottir (isl. Salvör Valgerður Jónsdóttir), genannt Salka
Sigurlina Jonsdottir, Salkas Mutter
Sigurlinni, Salkas Bruder

Arnaldur (im Kof) Björn(sson), genannt Alli
Herborg, ‚Tante‘ von Arnaldur und Jon

Johann Bogesen, Kaufmann
Agusta (Gusta), Tochter von Bogesen
Angantyr (Tyri), Sohn von Bogesen
Stephensen, Geschäftsführer bei Bogesen

Gudmundur Jonsson, Kadett (der Heilsarmee) und Ruderer
Kapitän Anderson (Heilsarmee)
Thordis Sugurkarlsdottir, Kadettin der Heilsarmee („Todda Trampel“)

Hallgrimur Petersson

Propst und Frau
Arzt

Steinthor Steinsson (auf Marabud), zeitweise Lebenspartner von Salkas Mutter
Steinunn, Steinthors Tante
Eyjolfur, Steinunns Mann

Sveinn Palson, Sattler u.a.
Bibba, seine Tochter

Jukki (Joakim) von Kviar

Zweiter Teil – spielt in den 20er Jahren

Magnus ‚Bucher‘ bzw. Mangi Buchbinder
Sveinbjörg, seine Frau
Pfarrer Sofonias

Beinteinn Jonsson von Krokur
Gudvör, genannt Guja, seine Tochter

Kristofer Torfdal, Führer der ‚Bolschewisten‘ in Reykjavik

Katrinus Eiriksson, Vorarbeiter bei Bogesen

Jon Jonsson, Volksschullehrer

Klaus Hanson, Präsident der Nationalbank in Reykjavik
u.a.

Mit Salka Valka hat Halldór Laxness wieder eine bemerkenswerte Frauenfigur geschaffen. Salka ist keine „positive Heldin“. Sie macht schwere Fehler, sie trifft jedoch ihre Entscheidungen aufgrund des einfachen, gesunden Menschenverstandes. Stark und ohne Angst kämpft sie auch in aussichtslosen Situationen und bewahrt sich so immer ihre Würde. Sie ist keine Siegerin, aber auch kein Opfer, wie viele andere Gestalten in Laxness‘ Romanen. Sie führt voll Stolz ihr eigenes Leben.

Worte zum Wochenende (20. KW 2017): Donnerwetter mit Arno

Donnerwetter!

Soll so der ganze kommende Sommer werden? Heiße Luft aus Afrika, die auf kalte Strömungen aus dem Norden trifft. So wird es plötzlich richtig heiß, saugt sich voll mit Feuchtigkeit, um dann krachend die ‚atmosphärischen Spannungen‘ zu entladen? Bitte nicht …

Letzter Spieltag

Also ich glaube nicht, dass der SV Werder Bremen morgen am letzten Spieltag der Fußball-Bundesliga doch noch das schier Unmögliche schafft und sich einen Platz in den Gefilden Europas ergattert. Okay, Platz sieben oder gar sechs ist noch möglich. Aber dann muss es schon ein kleines Fußballwunder geben und Werder in Dortmund gewinnen. Und selbst dann …

Schauen wir auf das letzte Drittel der Tabelle, dann sehen wir dort, dass dem HSV ein Sieg gegen Wolfsburg gelingen muss, um nicht zum dritten Mal in vier Jahren in die Relegation gegen den Dritten der 2. Liga gehen zu müssen. Dort wartet voraussichtlich die Braunschweiger Eintracht. Dreimal ist Bremer recht, aber auch Hamburger? Sollte der HSV also am Ende tatsächlich absteigen?

Worte zum Wochenende (20. KW 2017 – WilliZBlog)

Arno Schmidt

Ich weiß gar nicht mehr, wieso ich dieser Tage auf Arno Schmidt gekommen bin. Ach, doch – da gab es diese Dokumentation über ihn unter dem Titel Mein Herz gehört dem Kopf auf arte.tv (leider nicht mehr verfügbar), die ich mir angeschaut habe. Ein Sonderling und Einzelgänger, der als Heimatvertriebene eine neue Bleibe suchte und diese schließlich im kleinen Heidedorf Bargfeld fand. In „Die Umsiedler“ beschäftigte er sich mit dem damaligen Tabuthema von Flucht und Vertreibung und schildert, wie wenig willkommen er, der mit seiner Frau aus Schlesien fliehen musste, sich in der Bundesrepublik fühlte. Kommt uns das Thema nicht bekannt vor?

Arno Schmidt wurde besonders durch sein 1970 erschienenes Monumentalwerk Zettel’s Traum (okay mit Deppelapostrophe – leitet sich allerdings aus dem Englischen ab) bekannt, ein Monster von über 1300 Seiten und dreispaltig in DIN A 3, das damals als Faksimile (des mit Schreibmaschine, die Randglossen und Streichungen von Hand verfassten Werkes) erschien, weil man es für nicht zu setzen erachtete. Erst im Oktober 2010 erschien im Suhrkamp Verlag die „Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe IV/1. Standardausgabe. Zettel’s Traum“ als gesetztes Buch. Friedrich Forssman arbeitete hieran zuvor etliche Jahre.

Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, der Ulysses und Finnegans Wake von James Joyce, Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz, Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil (um nur einige dieser kiloschweren literarischen Werke zu nennen), wer hat sie nicht gelesen. Genau: NICHT gelesen!

An Joyce Ulysses (in der Übersetzung von Hans Wollschläger) habe ich mich vor vielen Jahren einmal herangewagt, bin dann aber auf halber Strecke kläglich gescheitert. Sein Finnegans Wake habe ich mir als Finnegans Wehg. Kainnäh ÜbelSätzZung des Wehrkess fun Schämes Scheuss von Dieter H. Stündel zugelegt (enthält neben einer ‚Annäherung‘ auf Deutsch auch das Joyce’sche Original). Döblins Berlin Alexanderplatz kenne ich nur als Fernsehserie in 13 Episoden und einem Epilog (ca. 930 Min lang) von Rainer Werner Fassbinder mit Günter Lamprecht als Franz Biberkopf. Prousts Recherche habe ich als verfilmten Zweiteiler bisher noch ungesehen auf meinem Rechner. Musils Mann ohne Eigenschaften ist als E-Book vorhanden. Und nun auch noch Arno Schmidt?

Es gibt so Sachen, die man auf spätere Zeiten verlegt, wenn man nicht mehr durch Pflichten und sonstige Notwendigkeiten behindert ist, wenn man also ZEIT hat. Da kommt eigentlich nur das Rentenalter in Frage. Da dieses mir aus nicht mehr allzu großer Ferne entgegenwinkt, so werde ich dann meine Yamaha endlich auspacken – und mich mit Inbrunst auf all das Literarische stürzen, was bisher liegengeblieben ist.

Aber jetzt winkt erst einmal das Wochenende. Ich winke zurück …

Martin Walser wird 90

„Ja, der Walser …!” – Der Tonfall macht die Musik. Dem einen ist es ein Seufzer. Dem anderen entspringt dieser Ausruf einer unverhohlenen Bewunderung. Bewundernswert ist es auf jeden Fall, in diesem hohen Alter, Martin Walser wird heute 90 Jahre alt, noch so geistig rege zu sein. Und erst vor Kurzem erschien der Roman Statt etwas oder Der letzte Rank aus seiner Feder. Ob das sein letztes Werk sein wird? Eher nicht …

Ich habe mich in diesem Blog immer wieder mit Martin Walser beschäftigt. Ich habe so ziemlich alle seine Bücher, insbesondere natürlich seine Romane, gelesen. Und ich mag ihn immer noch. Natürlich ist er umstritten, wie sollte er es auch NICHT sein, wenn er sich immer so freimütig äußert. Und auch mir gefällt nicht immer alles, was er von sich gibt. Da sind jetzt seine Äußerungen zur AfD. Walser hält diese rechtspopulistische Partei für ungefährlich und armselig. „In zehn Jahren weiß kein Mensch mehr, wer oder was die AfD war“, sagte Walser in einem Interview. Zu bedenken sei allerdings, dass offenbar jede weitergehende Herausforderung durch ein Problem wie derzeit die Flüchtlinge jene mobilisiere, die sich in einer Gesellschaft „schon vorher als zu kurz gekommen fühlten“. Das machten dann Parteien wie die AfD zum Programm. – Mit Sicherheit macht man um solche Parteien zu viel Gewese.

Eintragung aus Martin Walsers Tagebuch: Orli Loks aus dem Roman „Das Einhorn“, Anselm Kristleins große Liebe
Eintragung aus Martin Walsers Tagebuch: Orli Loks aus dem Roman „Das Einhorn“, Anselm Kristleins große Liebe

Nun, den letzten Rank (die letzte Wendung, die der Verfolgte nimmt, um dem Verfolger zu entgehen) habe ich immer noch ungelesen auf meinem Schreibtisch liegen. Walsers runder Geburtstag sollte Anlass sein, das Lesen endlich nachzuholen. Alles Gute zum Geburtstag und vor allem noch weitere schaffensreiche Jahre!

Virus des Irrsinns

    Der Mond tritt aus der gelben Wolkenwand.
    Die Irren hängen an den Gitterstäben,
    Wie große Spinnen, die an Mauern kleben.
    Entlang den Gartenzaun fährt ihre Hand.
    In offnen Sälen sieht man Tänzer schweben.
    Der Ball der Irren ist es. Plötzlich schreit
    Der Wahnsinn auf. Das Brüllen pflanzt sich weit,
    Daß alle Mauern von dem Lärme beben.
    Mit dem er eben über Hume gesprochen,
    Den Arzt ergreift ein Irrer mit Gewalt.
    Er liegt im Blut. Sein Schädel ist zerbrochen.
    Der Haufe Irrer schaut vergnügt. Doch bald
    Enthuschen sie, da fern die Peitsche knallt,
    Den Mäusen gleich, die in die Erde krochen.

Was ist los auf unserem Planeten? Der Wahnsinn, so scheint’s, ist ausgebrochen. Nach einer Periode der scheinbaren Vernunft (ha, wann herrscht schon aller Orten wirklich Vernunft), wird seit wenigen Jahren der gesunde Menschverstand mit Füßen getreten. Der Irrsinn hat einen ersten Höhepunkt erreicht. Und wie ein Virus so breitet sich dieser über die ganze Welt aus.

Jeder, der heute noch halbwegs geistig gesund ist, fragt sich, wie es kommen konnte, dass ein Mann, der sich wie ein Fünfjähriger – entschuldigt bitte liebe Fünfjährige-, ich meine: wie ein völlig VERZOGENER Fünfjähriger gebärdet, der mächtigste Mann unseres Planeten werden kann. So geifert er wie ein bockiger Junge, wenn ihm etwas nicht passt und ignoriert unantastbare Tatsachen. Er ist einer, der mit Fünf-Wörter-Sätzen kommuniziert und allem Anschein nach an sekundärem oder gar funktionalem Analphabetismus ‚leidet‘ (er leidet weniger, dafür seine Umwelt) und daher nicht in der Lage ist, halbwegs komplexe Texte vorzulesen (Uh-Oh: Does Donald Trump Know How to Read?). Sein Wortschatz ist beschränkt und er wiederholt sich ständig. Dazu ist er ein Soziopath reinster Natur. Egoman. Einer, dessen Frauenbild vom Playboy-Magazin geprägt ist. Frauen sind Freiwild für ihn, den Spätpubertierenden, und dürfen begrapscht werden. Und ist er wirklich einer, der noch nicht einmal in der Lage ist, Türen zu öffnen (Can Donald Trump open doors?)?!

Ich weiß, ich schreibe hier nichts Neues. Alles ist an anderer Stelle – meist sehr ausführlich – besprochen wie im Spiegel: Trumps Amerika: Wenn Demokratien kippenÜber den bedrohlichen Präsidenten Donald Trump und die Medien

Donald Trump hat in den zweieinhalb Wochen seit seiner fürchterlichen Rede zur Amtseinführung gezeigt, dass er das tut, was er angekündigt hat: eine Mauer zwischen Mexiko und den USA in Auftrag geben; ausländerfeindliche Gesetze verfügen; Washington und Amerikas Verbündete und internationale Institutionen und damit die gesamte Weltpolitik erschüttern. Iran und Nordkorea haben bereits Drohungen erhalten, und all das ist nicht überraschend, denn dass Trumps Berater Stephen Bannon Kriege für sinnvoll hält, wussten Trumps Wähler.

Und Trump hat, zweitens, gezeigt, dass er vieles tut, was er nicht angekündigt hat. Er befiehlt, dass Wissenschaftler nicht forschen und veröffentlichen dürfen, was Trump nicht erforscht und veröffentlicht haben möchte; den Klimawandel hat es nicht zu geben, er meint das ernst. Er hat seine engste Vertraute „alternative Fakten“, also eine zweite Wahrheit neben der wahren, erfinden lassen. Trump nimmt seine Kinder mit zu Staatsterminen, holt den Schwiegersohn ins Weiße Haus, verschont Länder, in denen er Geschäfte macht, von seinem Einreiseverbot für Bürger mehrheitlich muslimischer Staaten, gibt seine Firmenbeteiligungen nicht auf, veröffentlicht nicht (obwohl es versprochen war) seine Steuererklärung und lässt seinen Sprecher sagen: „Das interessiert die Wähler nicht.“ Die Regulierung der Banken soll fallen, damit „meine Freunde“ (Trump) leichter an Geld kommen. Bereitet er die Bereicherung im Amt vor?

Und Trump hat, drittens, manches belegt, was wir von ihm wussten. Was ihn mehr als alles andere interessiert, ist, wie er wirkt: Nichts war ihm in den ersten zweieinhalb Wochen wichtiger als die Größe der Menschenmenge bei seiner Amtseinführung. Trump lügt chronisch und belegt das Tweet für Tweet. Trump verachtet die Presse („Oppositionspartei“, „Krieg gegen die Medien“) und die Justiz, namentlich „diesen sogenannten Richter“, der nicht so urteilte, wie sein Herrscher es wünschte. Demonstranten, die gegen Trump demonstrieren, nennt er „bezahlt“.

Eine 'echte' Männerfreundschaft kennt keine Grenzen und Mauern: Der osmanischer Sultan, der russischer Zar und das Trumpeltier :-(
Eine ‚echte‘ Männerfreundschaft kennt keine Grenzen und Mauern: Der osmanischer Sultan, der russischer Zar und das Trumpeltier 🙁

Natürlich ist er nicht der Einzige dieser Art auf der Welt. Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei führt sich wie ein osmanischer Sultan auf. Immerhin reduzieren sich sein Größenwahn und seine Machtgier vorwiegend auf sein Land. Schlimmer sind da die beiden Herren in Moskau, ich möchte sie den Zar und sein Zimmermann (Putin und Medwedew) nennen. Ihnen geht es, besonders dem Zaren, um die Destabilisierung Europas. Verschwörungstheorie hin, Verschwörungstheorie her. Ich denke, dass seine Unterstützung des Assad-Regimes in Syrien auch damit begründet ist, immer neue Flüchtlingsströme gen Europa bewegen zu lassen. Russische Cyber-Angriffe dürften belegt sein. Inwieweit Putin Schläfer, eine Art Untergrund-Truppe, in Deutschland angesiedelt hat, mag dahingestellt sein. Aber ausschließen kann man selbst das nicht. Erdoğans Geheimdienste operieren in Deutschland, um Landsleute, die nicht nach seiner Pfeife tanzen, drangsalieren.

Dass sich Putin und die Rechtspopulisten in Europa (besonders in Deutschland, Österreich, den Niederlande und Frankreich) bestens verstehen, ist unbestritten. Und nicht erst durch Trumps Wahl zum US-Präsidenten wittern AfD, FPÖ, Front National und wie sie alle heißen ‚Morgenluft‘. Putins Syrien-Krieg -> Flüchtlinge nach Europa -> Erstarken der Rechtspopulisten -> deren Zusammenarbeit mit Putin: Der Kreis schließt sich.

Natürlich hat dieser Rechtsruck seine Gründe. Zum einen war immer schon ein rechtsextremes Potential in der Bevölkerung vorhanden (man schätzt für Deutschland mit mindestens 10 %), das allerdings meist brach lag. Und sicherlich spielt das Flüchtlingsproblem eine sehr große Rolle. Die Politikverdrossenheit spiegelt sich schon seit vielen Jahren in einer ständig sinkenden Wahlbeteiligung wider. Wenn z.B. Frau Merkel jetzt zum 4. Mal als Kanzlerkandidatin antritt, dann trägt das nicht dazu bei, Begeisterung für Politik zu erzeugen. Die etablierten Parteien haben Probleme mit ihrer Glaubwürdigkeit, besonders dann, wenn ausrangierte Politiker in der Wirtschaft hochdotierte Posten bekommen. Statt Parteien könnten es zukünftig ‚Bewegungen‘ sein wie die von Emmanuel Macron in Frankreich. Unsere Demokratie mit ihrem Parteiensystem hat dringend eine Erneuerung nötig.

Hoffen wir, das solche Gestalten wie Trump „doch bald enthuschen […] den Mäusen gleich, die in die Erde krochen“ – wie in dem Gedicht von Georg Heym.

Dietmar Bittrich: 99 deutsche Orte, die man knicken kann

Der große Weltreisende bin ich nicht. Ich habe einmal nachgeschaut und feststellen müssen, dass ich am nördlichsten (Husavik) und westlichsten (Keflavik – internationaler Flughafen) bisher auf Island war. Den östlichsten Punkt habe ich in Rumänien (Hauptstadt Bukarest) und den südlichsten in Tunesien (Oase Ksar Ghilane in der Wüste Grand Erg Oriental, also einem Teil der Sahara) erreicht. Aber immerhin …

In Deutschland bin ich schon ganz schön rumgekommen, wenn auch nicht gerade „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“. Dann eher (sinngemäß) doch von der Mosel bis zur Oder, von der Zugspitze bis nach Fehmarn. Natürlich habe ich dabei viele Städte, Gegenden und natürlich auch Kirchen, Schlösser und Museen gesehen.

Zu Weihnachten bekam ich nun dieses Buch geschenkt: Dietmar Bittrich: 99 deutsche Orte, die man knicken kann.

    Dietmar Bittrich: 99 deutsche Orte, die man knicken kann

Deutschland ist voller scheußlicher Sehenswürdigkeiten. Ausländische Touristen werden gezwungen, sie abzuklappern. Müssen wir das etwa auch? Mitnichten. Hier ist das zeitsparende Schonprogramm. Dietmar Bittrich hat sich die 99 berühmtesten Highlights angetan und beschreibt mit Witz und Bosheit, warum man sie alle knicken kann. (aus dem Kladdentext)

Das Buch enthält „alles Schlechte über Neuschwanstein, den Kölner Dom, Berlin, den Schwarzwald, Sylt, den Spreewald, die Schlösser, die Museen, all die sogenannten Welterbestätten… Nichts davon muss man gesehen haben!“ In dem Buch wird verraten, weshalb! „Mit Witz und Bosheit beschreibt Bittrich, warum die gehypten Sehenswürdigkeiten nichts taugen.“ – Von führenden Reiseleitern empfohlen!

Alle diese Orte bekommen reichlich ihr Fett weg. Zum Schloss Neuschwanstein (auch das habe ich mit meiner Familie besucht) schreibt Bittrich u.a.:

„[…] Der ummauerte Schlosshof gilt immer noch als Deutschlands beste Gelegenheit zur Begegnung mit unbewaffneten Angehörigen asiatischer Völker. Obendrein ist dieses Schloss der erste Bau, der in Deutschland einen Energiepass erhalten hat. Sein energiesparender historischer Küchenofen (Rumford-Herd im Erdgeschoss) vermochte bereits 1886 den Bratspieß durch Eigenwärme in Bewegung zu setzen. Die warme Abluft wurde verlustfrei der Heizung zugeführt. […]“.

Im diesem Stile geht es weiter und neben den bereits genannten Sehenswürdigkeiten sind es Orte wie Heidelberg, Potsdam und seine Schlösser, Weimar als größte deutsche Seniorenresidenz, natürlich (im Lutherjahr) die Wartburg und Eisenach und Luthers satanische Verse, Trier und die römischen Altertümer, Aachen, das mittlere Rheintal mit den Trassen des donnernden Güterverkehrs, Würzburg, Hamburgs Speicherstadt und Hafencity, München mit Hofbräuhaus und Englischem Garten, der Bodensee, der Königssee, Bremen, der Harz, Garmisch und die Zugspitze als bayerisches Trauma, Husum und das Wattenmeer als Weltnaturödnis, die Lüneburger Heide („Alles ist lila und unfruchtbar. Zulöten als Überlebensmöglichkeit.‘) usw., deren Besichtigung wir uns ersparen sollten.

„ […] Wir müssen keine eingerüsteten Kirchtürme anstaunen oder in Filzpantoffeln durch schwülstige Schlösser schlurfen. Wir brauchen keine modernden Landschaftsparks abzuwandern oder Industriedenkmale toll zu finden. Wir können uns all das sparen. All das, was Reiseführer und Tourismusbüros uns als Highlight oder Kleinod unterjubeln wollen. Das Brandenburger Tor, die Dresdner Frauenkirche, die Altstadt von Bamberg, das Kloster Maulbronn. Geschenkt. Dass sich das lange Anstehen in Neuschwanstein nicht lohnt, ist längst bekannt. Dass Rüdesheim nichts anderes ist als ein dreihundert Meter langer Besäufnistresen unter bemoosten Plastikdächern, hat sich ebenfalls herumgesprochen. Aber auch Wattenmeere, Fachwerkstädte, Erzbergwerke – das meiste ist zum Gähnen. Und was tatterige Kulturkommissionen zum Welterbe ausrufen, ist erst recht
hundertprozentig verzichtbar. […]“.

Okay, dieses Buch ist äußerst polemisch und geht böse mit vielem um, das wir vielleicht lieben gelernt haben. Aber wie so oft, so ist immer auch ein Quäntchen Wahrheit daran, was Bittrich schreibt. Ich habe auf jeden Fall immer wieder beim Lesen schmunzeln müssen. Und die eine oder andere Sehenswürdigkeit, den einen oder anderen Ort hat er vergessen. Mir kommt spontan Oberammergau in den Sinn. Als ich dort vor vielen Jahren mit meinen Lieben einmal vorbeischaute, überkam mich das Grauen. So viel Kitsch auf einer Stelle ist mir nie wieder untergekommen. Auch wie hier die Touristen in Bussen angekarrt und in riesigen Gasthäusern abgefüttert wurden, fanden wir ‚merkwürdig‘. So irrte ein älterer Herr durch ein Restaurant und fragte mehr sich selbst als andere: „Wo ist meine Reisegesellschaft?“. Dieser Spruch ist bei uns längst zu einem ‚geflügelten Wort‘ geworden.

Ian Anderson liest aus Sir Walter Scott: Marmion

Vor einigen Jahren gab es hier einen Beitrag u.a. mit dem Titel „Weihnachtliches mit Onkel Ian“, in dem Ian Anderson von der Gruppe „Jethro Tull“ etwas der jetzigen Weihnachtszeit Gemäßes vortrug. Hier noch einmal aus gegebenen Anlass und weil ich es natürlich schön finde:

Es handelt sich hierbei um einen Radio-Beitrag zu einer Sendung namens „A Toss the Feathers Christmas Special 2004“ und wurde eben vor inzwischen zwölf Jahren über den amerikanischen Sender Public Radio International ausgestrahlt. Neben „Another Christmas Song“ und „Ring Out Solstice Bells” (am Ende) liest Ian Anderson aus Sir Walter Scott’s „Marmion“– Dichtung in sechs Gesängen (A Tale of Flodden Field in six Cantos) etwas Weihnachtliches vor:

INTRODUCTION TO CANTO SIXTH

Heap on more wood!-the wind is chill;
But let it whistle as it will,
We’ll keep our Christmas merry still.
Each age has deem’d the new-born year
The fittest time for festal cheer: 5
Even, heathen yet, the savage Dane
At Iol more deep the mead did drain;
High on the beach his galleys drew,
And feasted all his pirate crew;
Then in his low and pine-built hall, 10
Where shields and axes deck’d the wall,
They gorged upon the half-dress’d steer;
Caroused in seas of sable beer;
While round, in brutal jest, were thrown
The half-gnaw’d rib, and marrow-bone, 15
Or listen’d all, in grim delight,
While scalds yell’d out the joys of fight.
Then forth, in frenzy, would they hie,
While wildly-loose their red locks fly,
And dancing round the blazing pile, 20
They make such barbarous mirth the while,
As best might to the mind recall
The boisterous joys of Odin’s hall.

And well our Christian sires of old
Loved when the year its course had roll’d, 25
And brought blithe Christmas back again,
With all his hospitable train.
Domestic and religious rite
Gave honour to the holy night;
On Christmas eve the bells were rung; 30
On Christmas eve the mass was sung:
That only night in all the year,
Saw the stoled priest the chalice rear.
The damsel donn’d her kirtle sheen;
The hall was dress’d with holly green; 35
Forth to the wood did merry-men go,
To gather in the mistletoe.
Then open’d wide the Baron’s hall
To vassal, tenant, serf, and all;
Power laid his rod of rule aside, 40
And Ceremony doff’d his pride.
The heir, with roses in his shoes,
That night might village partner choose;
The Lord, underogating, share
The vulgar game of ‘post and pair.’ 45
All hail’d, with uncontroll’d delight,
And general voice, the happy night,
That to the cottage, as the crown,
Brought tidings of salvation down.

The fire, with well-dried logs supplied, 50
Went roaring up the chimney wide:
The huge hall-table’s oaken face,
Scrubb’d till it shone, the day to grace,
Bore then upon its massive board
No mark to part the squire and lord. 55
Then was brought in the lusty brawn,
By old blue-coated serving-man;
Then the grim boar’s head frown’d on high,
Crested with bays and rosemary.
Well can the green-garb’d ranger tell, 60
How, when, and where, the monster fell;
What dogs before his death he tore,
And all the baiting of the boar.
The wassel round, in good brown bowls,
Garnish’d with ribbons, blithely trowls. 65
There the huge sirloin reek’d; hard by
Plum-porridge stood, and Christmas pie:
Nor fail’d old Scotland to produce,
At such high tide, her savoury goose.
Then came the merry maskers in, 70
And carols roar’d with blithesome din;
If unmelodious was the song,
It was a hearty note, and strong.
Who lists may in their mumming see
Traces of ancient mystery; 75
White shirts supplied the masquerade,
And smutted cheeks the visors made;
But, O! what maskers, richly dight,
Can boast of bosoms half so light!
England was merry England, when 80
Old Christmas brought his sports again.
‘Twas Christmas broach’d the mightiest ale;
‘Twas Christmas told the merriest tale;
A Christmas gambol oft could cheer
The poor man’s heart through half the year. 85

Eine deutsche Übersetzung habe ich leider bisher nicht gefunden (wahrscheinlich gibt es auch keine), so dürft Ihr Euch selbst mit dem Schottischen herumschlagen (leider spricht Ian Anderson alles mehr oder weniger englisch aus. Schade eigentlich … Oder er kann nicht richtig schottisch).

    Ian Anderson (1976): Seasons Greetings

Willi will i

Ich erinnere mich noch an die Bundestagswahl Ende 1972, als Willy Brandt in seinem Amt als Bundeskanzler bestätigt wurde und die SPD mit 45,8 % der abgegebenen Wählerstimmen erstmals stärkste Bundestagsfraktion. Ein Ergebnis, wovon Sigmar Gabriel und Co. heute nur träumen können. An der Wand eines Hauses in der Bremer Innenstadt hatte ein Unbekannter ein Graffito hinterlassen mit der Inschrift: Willy will i – auf Hochdeutsch: Ich will Willy! Und es waren eben nicht wenige, die Willy (Brandt) wollten.

Willi unterm Volk

Nein, ich will das gar nicht auf mich beziehen. Eher hätte die Überschrift „Willi ist wieder da“ lauten sollen, denn ich habe mich fast fünf Wochen rar gemacht. Nicht, dass es mir an Themen gefehlt hätte. Da war ja die Wahl in den USA – dessen Ergebnis nicht nur mich sprachlos gemacht hatte. Und als Fan des SV Werder Bremen gab es in diesen letzten Wochen auch nichts zu lachen. Aber nein, das war es nicht.

Eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich so sprachlos diese fünf Wochen blieb. Es war eher Faulheit, ein Maß von Gleichgültigkeit. Noch eher waren es die Sachen, die auf dem Zettel standen und endlich erledigt werden mussten, sodass keine Zeit für weitere Späße blieb.

Jetzt also dieses Lebenszeichen, damit keiner denkt, der Willi liegt in den letzten Zügen, macht schlapp, will nichts mehr von mir und dir wissen.

Obwohl … ein Quäntchen Trägheit kann nie schaden. Und ich muss ja auch nicht gleich übertreiben: Also ich lebe noch … und wünsch‘ Euch ‘was!

Martin Walser: Ein sterbender Mann

    Den Wörtern kündige ich. Sie haben nicht geholfen.
    Martin Walser: Ein sterbender Mann (S. 278)
    oder doch
    Eine Mauer aus Wörtern gegen jede Art Wirklichkeit.
    Martin Walser: Ein sterbender Mann (S. 287)

Nachdem ich mittendrin beim Lesen von Martin Walsers neuen Roman Ein sterbender Mann (1. Auflage Januar 2016 – Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg) eine längere Pause gemacht hatte, hätte ich eigentlich wieder von vorn beginnen müssen. Denn der Roman wirkt reichlich unsortiert, in dem es durch- und nebeneinander geht. Es ist eine grob zusammengezimmerte Posse, kapriziös Walser’sches Ego-Theater, eine krachlederne Literaturbetriebskomödie, eine herrliche Persiflage der Gelassenheitsratgeber. Ich musste mich also wieder finden und habe den Roman dann auch so zu Ende gekriegt.

Vielleicht muss man ein bestimmtes Alter erreicht haben, so wie ich, noch keine 74 wie der Held des Romans, Theo Schadt, und erst recht noch keine 89 Jahre wie Walser, aber jenseits der sechzig, um dieses Buch entsprechend würdigen zu können. Ich mag Walser schon seit vielen Jahren. Vielleicht ist es in den letzten Jahren etwas viel geworden mit den alten Herren und ihrer Liebe zu bedeutend jüngeren Frauen. Aber hier gelingt Walser wieder einmal ein Werk, zu dem, so scheint’s, nur er im Stande ist.

    Martin Walser: Ein sterbender Mann (2016)

Theo Schadt, 72, Firmenchef und auch als „Nebenherschreiber“ erfolgreich, wird verraten. Verraten ausgerechnet von dem Menschen, der ihn nie hätte verraten dürfen: Carlos Kroll, seinem engsten und einzigen Freund seit neunzehn Jahren, einem Dichter. Beruflich ruiniert, sitzt Theo Schadt jetzt an der Kasse des Tangoladens seiner Ehefrau, in der Schellingstraße in München. Und weil er glaubt, er könne nicht mehr leben, wenn das, was ihm passiert ist, menschenunmöglich ist, hat er sich in einem Online-Suizidforum angemeldet. Da schreibt man hin, was einem geschehen ist, und kriegt von Menschen Antwort, die Ähnliches erfahren haben. Das gemeinsame Thema: der Wunsch, mit allem Schluss zu machen.

Eines Tages, er wieder an der Kasse, löst eine Kundin bei ihm eine Lichtexplosion aus. Seine Ehefrau glaubt, es sei ein Schlaganfall, aber es waren die Augen dieser Kundin, ihr Blick. Sobald er seine Augen schließt, starrt er in eine Lichtflut, darin sie. Ihre Adresse ist in der Kartei, also schreibt er ihr – jede E-Mail der Hauch einer Weiterlebensillusion -, und nach über dreißig Ehejahren zieht er zu Hause aus. Sitte, Anstand, Moral, das gilt ihm nun nichts mehr. Doch dann muss er erfahren, dass sie mit dem, der ihn verraten hat, in einer öffenen Beziehung lebt. Ist sein Leben eine verlorene, nicht zu gewinnende Partie?

Martin Walsers neuer Roman über das Altsein, die Liebe und den Verrat ist beeindruckend gegenwärtig, funkelnd von sprachlicher Schönheit und überwältigend durch seine beispiellose emotionale Kraft.

(aus dem Kladdentext)

„Walser lässt nichts aus. Er zelebriert krudeste Männerfantasien und spielt mit ihnen, er scheint überhaupt keine Scheu zu haben vor Kolportage, vor Klischees und der Nachmittag-Talkshows im Unterschichts-Fernsehen. Er mixt diese Bestandteile aber so unverfroren und zauberkunststückhaft und verbindet sie bruchlos mit letzten existenziellen Fragestellungen, dass man immer wieder frappiert ist.“ So steht’s in der Süddeutschen.

Obwohl es ein Roman ganz und gar Walser’scher Art ist, so wirkte die Sinologin Thekla Chabbi über einen schöpferischen Anteil hinaus mit. Sie selbst schätzt diesen Anteil einmal auf „knapp 30 Prozent“. Dem widerspricht Walser allerdings. Inzwischen wissen wir, dass die Briefe jener Aster, der Suizidalen aus dem Forum, und auch ein in Algerien spielendes Kapitel von Frau Chabbi stammen (Quelle u.a. welt.de). Sich auf diese Weise in das Werk von Martin Walser zu ’schleichen‘: Respekt!

Der Roman spielt etwa von Mitte (August) 2014 bis Februar 2015 in München. Die wichtigsten Personen:

Theo Schadt, 72 Jahre alt, der ‚Verschönerer‘
Iris, seine Ehefrau
Mafalda, seine Tochter
Axel, deren Ehemann

Carlos Kroll, rd. 52 Jahre alt
Dr. Anke Müller (11 Jahre älter), die ‚Mittelmeerische‘
Melanie Sugg, schweizer Verlegerin (‚Porno-Poesie‘)
Oliver Schumm, der Konkurrent

Sina Baldauf (Tangotänzerin)

Suizid-Forum:
Franz von M. (Nickname von Theo Schadt)
Aster -> ‚Rede auf die in der Gruft‘ [Nickname von Sina Baldauf]
Fliesenbourg, der Suizidheilige

„Herr Schriftsteller“, Theos Selbstgesprächskulisse

Wie ich schon sagte, es geht kunterbunt, kreuz und quer im Roman durcheinander. Iris Radisch fasst es in der Zeit noch einmal wie folgt zusammen:

Der Erzähler, Theo Schadt, ist zwar im Bestsellergeschäft äußerst erfolgreich (Auflagen von 800.000 Exemplaren sind für ihn eine Kleinigkeit), wird jedoch im Zweitberuf als Verkäufer medizinischer Patente von seinem Freund und Geschäftspartner, dem feinsinnigen Lyriker Carlos Kroll, hintergangen. Der Verrat des feinsinnigen Dichters, der – kleiner schlüsselromanhafter Hinweis für den Literaturbetrieb – mit einer Ärztin in einer Villa am Starnberger See logiert, macht aus dem Bestsellerautor einen Selbstmordkandidaten. Der Todeswunsch wird jedoch gemildert durch den anregenden E-Mail-Verkehr mit einer Leidensgenossin, die er in einem anonymen Suizidforum kennenlernt. Weitere Besserung seiner durch den feinsinnigen Dichter vom Starnberger See herbeigeführten Lage ergibt sich durch den coup de foudre, der dem Erniedrigten im Tangoladen seiner Gattin Iris widerfährt, als die schöne Sina Baldauf dort einkauft. Dann die hässliche Nachricht: Dickdarmkrebs, dem Erzähler bleibt nur noch eine kurze Lebensfrist. Dennoch ist Zeit für eine ausführliche Rückblende: Preisverleihung an den feinsinnigen Starnberger-See-Dichter im Münchner Lyrik-Kabinett, Auftritt der Lyrik-Kabinett-Chefin im Silberkleid, seitenlanges Zitieren der schlechten Gedichte des feinsinnigen Widersachers zum Beweis für dessen larmoyante Nichtswürdigkeit („Sprachgewänder weben / gegen die Kälte der Welt“ und so weiter).

Außerdem: Briefe des Erzählers an Sina Baldauf und umgekehrt, Briefe an die Gattin Iris, Botschaften an die Selbstmordfreundin vom Suizidforum und umgekehrt, Briefe des Erzählers an sich selbst. Dazwischen ein Traumtagebuch. Dazwischen eine Messmer-artige Sentenzensammlung zum Thema Altwerden und Sterbenmüssen.

Man kann nur jung sein oder alt. Er erinnert sich an das Mitleid, das er hatte mit jedem Alten. Jetzt weiß er: Es gibt kein Verständnis für einander. Der Alte versteht den Jungen ebenso wenig wie der ihn. Es gibt keine Stelle, wo Jungsein an Altsein rührt oder in Altsein übergeht. Es gibt nur den Sturz. (S. 190)

Plötzlich ein Anruf von Sina Baldauf, die – Überraschung – nebenbei auch mit dem feinsinnigen Widersacher Kroll liiert ist: Der Widersacher Kroll sei tot, vergiftet in ihrer Wohnung. Der Münchner Kriminalhauptkommissar Steinfeld verhaftet zunächst den Erzähler. Doch dann bekennt sich die Doktorin vom Starnberger See zur mörderischen Tat. Am Ende überschlagen sich die Todesfälle. Gattin Iris nimmt sich das Leben, gefolgt von der Suizidforumsfreundin, die – Überraschung – niemand anderes ist als die Briefgeliebte Sina Baldauf. […]

Am Ende ist der sterbende Mann umgeben von lauter toten Frauen. Aber was soll’s: Die Frauen haben ohnehin alle so geschrieben wie der maliziöse Theo Schadt, so stakkatohaft drängend, so kontrolliert unkontrolliert, so enthemmt pointensicher, so wunderbar walserhaft, dass an eine Eigenexistenz der Damen nicht ernsthaft zu denken war. Ihr Massensterben ist ein schöner Beweis für die These, dass der Weg, auf dem der männliche Romanheld vorankommt, mit weiblichen Leichen gepflastert sein sollte. Und siehe da: Der Tumor des Erzählers ist am Romanende tatsächlich zurückgegangen.

Ich habe in den letzten Wochen zwei Interviews mit Martin Walser gesehen. In dem einen, schon einige Jahre zurückliegend, wirkte er körperlich wie geistig frisch. In dem anderen, erst vor einige Monaten aufgezeichnet, hat er körperlich doch rapide nachgelassen. Das war wohl die Folge einer längeren Krankheit. Hoffen wir es, denn geistig zeigte er sich trotz seiner fast 90 Jahre von seiner besten Seite. Überhaupt: Auch wenn er bekanntlich nicht anders kann: lesen und schreiben – so überrascht uns Walser immer wieder noch und doch mit einem neuen Roman. Diese sind vielleicht nicht mehr so lang geraten, aber immer noch von Walsers Sprachgewalt beherrscht.

Martin Walser schreibt also immer noch. Er kann’s nicht lassen, obwohl er vor geraumer Zeit den Verlust seines Tagesbuchs mit Skizzen und Notizen zu beklagen hatte, dass sich wohl bis heute nicht angefunden hat. Trotz der verlorenen Aufzeichnungen hat er Material genug (und sicherlich längst ein neues Tagebuch), um sein Alterswerk fortzusetzen. Übrigens fragte der Spiegel damals, was er aus dem Verlust lerne. Walser antwortete: »Nur zweiter Klasse fahren! Die Fahrgäste sind anders als die in der ersten. Es gibt die natürliche Reaktion, das, was man gefunden hat, auch abzugeben. Bei denen, die erster Klasse fahren, gibt es eine andere psychische Disposition. Selbst wenn die Leute mit dem Gefundenen nichts anfangen können, behalten sie es.« Aber woher weiß Walser, daß der unehrliche Finder seines Tagebuchs nichts mit ihm anfangen kann? Spätestens in zehn Jahren könnte er es meistbietend versteigern lassen. Anonym selbstverständlich. Das bringt mehr als ein Finderlohn. Vier Jahre sind ja seitdem fast schon vergangen. (Quelle: ossietzky.net)

Gern rätseln Leser, wie viel Autor in den Protagonisten eines Romans stecken, hier also: wieviel Walser steckt in Theo Schadt. Da mag man spekulieren wie man will. Eines fand ich dann aber doch aufschlussreich. Im Roman heißt es auf S. 108 zu Theo Schadt: Er könnte immer erst wieder atmen, wenn er einen Satz fertig hätte. Hier ist zu Martin Walser (Ich bin nicht Walser) zu lesen gewesen:

„Walser hatte die Angewohnheit, beim Schreiben bis zum Ende eines Satzes den Atem anzuhalten.“ (Jörg Magenaus Martin Walser – Eine Biographie S. 227) Aus Angst, ihm könne die Luft ausgehen, bildete er kürzere Sätze.

Mag Walser die Luft nicht ausgehen. Und mag der Titel des Romans nicht so etwas wie Programm sein.

Der Roman eines Verrats – da will der, um den es geht, micht mehr leben. Er ist dem Tod so nah wie noch nie. Dann passiert etwas, jetzt will er leben wie noch nie. Diese Erfahrung: Je näher du dem Tod bist, desto schöner ist es zu leben. Oder genauer gesagt: desto schöner wäre es zu leben.

Ein Roman der hellsten Dissonanz.

„In der schönsten und klarsten Sprache, die in Deutschland zurzeit geschrieben wird, verdichtet Marin Walser Erfahrung und Empfindung.“ Denis Scheck

Worte zum Wochenende (20. KW 2016)

Eigentlich habe ich keine Lust mehr. Nein, dieses dumme Geseire dieser allzu besorgten Bürger, das täglich im Netz abgeladen wird, berührt mich nicht. Es ärgert mich nicht. Stammtischgeschwafel gab es immer schon und wird es weiterhin geben. Die ‚sozialen Netze‘ bieten leider auch solchen Hohlköpfen die Plattform, um über die Grenzen des Stammtischs und ihrer geistigen Horizonte hinaus ihren Dreck in die Welt zu tragen. Ich habe keine Lust mehr, mich auf so viel Dummheit einzulassen. Gut zu wissen, dass manche Hassrede nicht ohne Konsequenz bliebt. Am ehesten schmerzt es eben, wenn es das Portemonnaie trifft.

Worte zum Wochenende (20. KW 2016 – WilliZBlog)

Aber auch sonst bin ich ziemlich lustlos und froh, dass es endlich wieder Wochenende wird. Ist es das Wetter, ist es ein Rest von Frühjahrsmüdigkeit? Oder ist es die Arbeit, die mich schlaucht? Vielleicht habe ich zu viel um die Ohren und finde nicht den Absprung ins süße Nichtstun. Und jünger werde ich natürlich auch nicht (wer schon)!

Manchmal muss man sich geradezu zwingen, um einmal für längere Zeit alles liegen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Zwinge ich mich … 😉