Kategorie-Archiv: Weihnachten

Frohe Weihnachten allen Leut‘

Bierkalender (Advent) 2016 – Türchen 7 bis 12

Nach den ersten sechs Türchen hier die weiteren sechs, die so manche gelungene Überraschung bereithielten.

7. Ayinger Urweisse – 5,8 % Vol.

Nach dem Kirtabier am 5. Tag bereits ein weiteres Bier der Brauerei Aying – Franz Inselkammer KG – Privatbrauerei seit 1898: ein Weißbier oder wie man bei uns sagt: Weizenbier – das Ayinger Urweisse, das aus feinstem dunklem Weizen- und Gerstenmalz gebraut wird und durch die edle Bernsteinfarbe, eine außerordentliche Schaumfestigkeit und den unverkennbar obergärigen, hefigen und malzaromatischen Geschmack besticht.

Okay, ich trinke ein Weißbier lieber im Sommer, wenn es warm ist und ein Bier wie das Ayinger Urweisse mit seinem fruchtig-herben Körper mit Anklängen von Orangen- und Bananen-Aromen und mit einer prickelnden Rezenz und einer geringen Bittere erfrischt. Geschmacklich überzeugt dieses Bier durch die Verbindung von Weizenfrische und dunklem Malz.

8. Mittenwalder Weihnachtsbock dunkel 7,1 % Vol. – Brauerei Mittenwald – Privatbrauerei seit 1808

Ein Bier aus dem Werdenfelser Land. Da musste ich natürlich erst einmal an Grainau denken, wo ich mit meiner Familie mehrmals, zuletzt 2012, Urlaub gemacht habe. Während Grainau westlich von Garmisch-Partenkirchen liegt, findet man Mittenwald in etwa gleicher Entfernung östlich davon. Von hier stammt also dieser Weihnachtsbock dunkel, ein kräftig würziges Bier, das mindestens zwei Monate gelagert wurde. Also ein Bier für mich, den Liebhaber dunkler Bockbiere, der es kräftig und malzig mag, Deshalb auch etwas mehr …

Zunächst ist es die dunkelrote Farbe des Bieres bei einer hell-braunen Schaumkrone. Aber das kenne ich von anderen Bieren dieser Art. Der Geruch und auch der Antrunk verheißt viel Süße. Eine satt malzige Note sorgt dabei für das besondere Etwas. Erst nach und nach kommt der Hopfen zum Tragen und sorgt für die gewisse Würzigkeit. So ganz mögen sich Malz und Hopfen nicht zu tarieren. Das finde ich bei anderen Bieren gelungener. Trotzdem ist dieser Weihnachtsbock der erste wirkliche Höhepunkt aus meinem Adventskalender. Ich sollte bei einem weiteren Grainau-Urlaub unbedingt auch Mittenwald besuchen.

Übrigens ist die Brauerei Mittenwald Deutschlands höchstgelegene Privatbrauerei.

9. Ayinger Celebrator Doppelbock 6,7 % Vol. – dunkles bayerisches Starkbier

Mit dem neunten Türchen öffnete sich schon die dritte Flasche Bier der Ayinger Privatbrauerei aus dem Herzen Bayerns. Und da es sich um edlen Stoff handelt, so wird dieser auch nur in die kleineren 0,33-l-Flaschen abgefüllt: Ayinger Celebrator Doppelbock. Es ist ein Starkbier, das man eigentlich nur in der vierzigtägige Fastenzeit bis Ostern trinkt. Aber Traditionen hin und Traditionen her, man gönnt sich ja sonst nichts: Jetzt wird ein solches Starkbier (mit der Endung –ator) zu jeder Jahreszeit angeboten und darf auch in der Vorweihnachtszeit nicht fehlen.

Dieser vielfach ausgezeichnete Doppelbock ist das Dessertbier unter den Bieren aus Aying. Seine tiefe Mahagoni-Farbe tendiert ins Rubinrot. Der sensationell feste Schaum ist umgeben von nussig-karamelligem Duft und einem Hauch von Zedernholz. Ein samtweicher, voller Körper wird begleitet von würzigen Geschmacksnoten im Abklang. Für einen Liebhaber dunkler Bockbiere ist ein solches Bier natürlich ein Genuss und muss dabei mit Bedacht getrunken werden.

Bierkalender 2016: 7. bis 12. Türchen

10. Altfränkisch Klosterbier – Weißenoher Klosterbrauerei – 5,1 % Vol

Nördlich von Nürnberg liegt Weißenohe und dort die Weißenoher Klosterbrauerei, die durch ein umfangreiches Biersortiment herausragt. So gibt es hier spezielle Craftbiere und – man höre und staune: ein Cannabis-Bier. In meinem Adventskalender fand ich ‚nur‘ einen fränkischen Klassiker: ein altfränkisch Klosterbier.

Altfränkisch steht eigentlich für altmodisch, antiquiert. Was die Braukunst anbelangt, soll uns das aber nicht schrecken. Und so findet sich hier ein bernsteinfarbenes und vollmundiges Bier, in dem Malz und Hopfen wunderbar zusammen harmonisieren. Zur Brotzeit resp. zum Abendbrot passt das Bier bestens. Und es macht irgendwie neugierig auf weitere Biere dieser Brauerei (noch hat der Adventskalender 12 weitere Türchen).

11. Tucher Urbräu – Nürnberger Hell – 4,9 % Vol. – seit 1672

Biere von Tucher kenne ich von Aufenthalten in Nürnberg und aus früheren Zeiten her: Mein ehemaliger Schwager bevorzugte Tucher. Das Urbräu – Nürnberger Hell ist wohl Tuchers älteste Biersorte in bester Nürnberger Brautradition. Der Hallertauer Hopfen „Tradition“ verleiht dem Bier seine feine Bittere, während ausgewählte helle Malze für ein brillantes Farbenspiel im Glas und den vollmundigen Charakter mit süffig-milder, leicht süßlicher Note sorgen.

Auch wenn ich mich wiederhole: ich mag mehr die dunklen Biersorten, die hellen sind mir meist zu bitter – besonders, wenn die Biere aus Norddeutschland stammen. Die hellen Biere aus Bayern (und Franken gehört nun auch dazu) sind dagegen eher vollmundig, also süffig. Wie sagt man so schön: Dieses Bier lässt sich trinken, wenn’s auch keine eigentliche Besonderheit ist.

12. Schwarze Kuni – schwarzer Weizenbock mit feiner Hefe – 7,0 % Vol. – Brauerei Simon – Lauf a.d. Pegnitz, Bayern – privat gebraut – seit 1875

Lauf an der Pegnitz liegt in Mittelfranken. Mein Adventskalender hat es mit Bieren aus Franken. Das Wahrzeichen der Stadt Lauf ist der Kunigunden-Berg mit der Kunigunden-Kirche. Ihren Namen verdanken sie der Kaiserin Kunigunde, nach der auch der dunkle Weizen-Bock der Brauerei Simon benannt wurde: Schwarze Kuni.

Der Name ist für einen dunklen Weizenbock sicherlich etwas kurios. Aber Namen sind bekanntlich Schall und Rauch und dienen nur dem Wiedererkennen. Obwohl ich kein ganz so großer Freund von Weizen- bzw. Weißbieren bin, so bin ich mit diesem Bier gern bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen.

Okay, ein Weizenbock ist noch lange kein Weißbier, so wie ein Doppelbock kaum mit einem normalen Bier konkurrieren kann und soll. Die gute ‚schwarze Kuni‘ ist auch nicht mein erster Weizenbock. Aber was fasele ich da:

Im Geruch findet sich bereits eine deutliche Hefenote und Karamellsüße. Im Geschmack überwiegen zwar deutlich die Dunkelmalze, die aber mit dem Weizenmalz wunderbar harmonieren. Die 7% vol-Alkohol halten sich geschmacklich dagegen im Hintergrund. Das Bier ist stimmig, rund und weich am Gaumen und besticht durch einen lang anhaltenden Abgang. Die lange Reifezeit verleiht dem Bier Eleganz und Finesse. Es ist durchaus ein Craftbier ohne diesen Namen zu tragen. Lecker!
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Hier noch einmal ein Rückblick auf meinen Bieradventskalender aus dem Jahr 2014:

Bierkalender (Advent) 2014 – Türchen 1 bis 12
Bierkalender (Advent) 2014 – Türchen 13 bis 24

Noch sind 12 Türchen geschlossen. Aber es hat schon etwas, am Abend in den Keller zu gehen und zu schauen, welche gehopfte Überraschung da auf mich wartet. Es darf gern so weitergehen …

Weihnachtsmarkt in Hameln 2016

Eigentlich bin ich kein großer Weihnachtsmarktgänger. Aber hin und wieder verbinde ich gern eine Tagesreise in eine der Städte in Niedersachsen mit einem Besuch eines solchen Weihnachtsmarktes. Auf Einladung meiner Frau waren wir beide letztes Wochenende in Hameln. Allein die Altstadt ist sehenswert. Und in der Vorweihnachtszeit kommt ein besonderes Flair hinzu. Wenn dann die Sonne scheint, ist es trotz der Kälte noch ein wenig schöner. So besuchten wir also den Weihnachtmarkt von Hameln.

Im Mittelpunkt stehen bekanntlich immer die Fress- und Saufbuden. Da ich diesen süß-klebrigen Glühwein nicht mag, da hilft kein Schuss, hätte ich mir fast ein Glühbier angetan. Aber als ich von den Zutaten erfuhr, verzichtete ich auch darauf – und gönnte mir am Abend ein kühles Winterbier (ohne Zutaten). Dafür aßen meine Frau und ich Hamelner Handbrot: warm mit Käse und Schinken. Später gab es in einem Cafe in einer Seitenstraße noch Kaffee und Kuchen.

Der Weihnachtsmarkt gruppiert sich in Hameln im Wesentlichen um das Hochzeitshaus und die Marktkirche St. Nicolai. Außerdem sind Buden in der Osterstraße aufgebaut. Da es zwar sonnig, aber doch ziemlich kalt war, wärmten sich meine Frau und ich in der Marktkirche auf. Hier wagten wir dann auch den Aufstieg in den Kirchturm, fast bis zur Kirchturmspitze und wurden nach rd. 207 Stufen (meine Frau zählte) mit einen schönen Blick über Hameln belohnt.

Marktkirche St. Nicolai in Hameln

Von der Altstadt ist es nur einen Hasensprung entfernt zur Weser, die hier durch eine doppelte Insel geteilt wird. Hier befindet sich die einzige Staustufe der Oberweser. Sie ist gleichzeitig die älteste Staustufe des gesamten Flusses, hervorgegangen aus einem mittelalterlichen Mühlenstau.

Bierkalender (Advent) 2016 – Türchen 1 bis 6

Jedem sein Adventskalender, unabhängig von Alter und Geschlecht! Auch in diesem Jahr wurde ich von meiner Frau mit einem Adventskalender beglückt – wieder einem Bierkalender, der bisher eine größere Anzahl Biere enthielt, die ich nicht kannte. Anfangs etwas skeptisch, da dieser Bierkalender vom Hol ab-Getränkemarkt stammt, wurde ich bisher eines Besseren belehrt. Es begann mit einem hellen Bier aus Unterfranken:

1. Weiss Rössl – Urhell 4,9 % Vol. Weiss Rössl Bräu GmbH – Eltmann

Wie viele andere helle Bier aus Bayern so ist auch dieses Bier süffig, hat aber eine ganz eigene feine Hopfennote. Die Schaumkrone ist ziemlich stabil. Für eine ‚Brotzeit‘, also zum Abendbrot ist es bestens geeignet. Der Bierkalender hatte also schon einmal einen durchaus gelungenen Anfang.

Die Brauerei Weiss Rössl Bräu wurde 1744 gegründet und hat ihren Sitz in Roßdorf, einem Stadtteil von Eltmann in Unterfranken. Angeblich wurde die Brauerei 1989 von der Kaiser Bräu GmbH & Co. KG, Neuhaus/Pegnitz (Mfr) übernommen. Die Roßstadter Braustätte wurde dann 2001 geschlossen. Aber wie schon bei einigen Biermarken in Norddeutschland (Union in Bremen und Ratsherrn in Hamburg) muss die Brauerei ‚wiederbelegt‘ worden sein.

2. Weltenburger Kloster Winter-Traum – 5,4 % Vol.

Just an dem Tag, als ich mir einen Kasten Weltenburger Kloster Winter-Traum beim Händler meines Vertrauens kaufte, hatte ich in meinem Bierkalender eine Flasche dieses Gebräus, das ich bereits hier schon ausführlicher beschrieben habe. Ich wiederhole mich gern: Das ist ein Bier besonderer Note, wunderschön bernsteinfarben und mit 5,4 % Vol. etwas stärker als normale Biere, aber doch deutlich unter Bockbierniveau. Der Geschmack ist angenehm vollmündig, also süffig, mit ausgesprochen karamelliger Note dank erlesener Spezialmalze. Ich mag es leicht fein-herb und doch malzig. Der Winter-Traum deckt sich da ganz mit meinen Geschmacksvorstellungen.

3. Hemelinger dunkel – 5 % Vol.

Ich habe lange genug in Bremen gelebt (25 Jahre), um das Hemelinger Bier zu kennen und das ich meist als Hemelinger Spezial getrunken habe. Hemelingen ist ein Stadtteil von Bremen. Im Adventskalender fand ich am 3. Tag ein Hemelinger dunkel vor: Mild und malzig und wirklich „nicht gerade das Hellsten“. Sicherlich haut ein solches Bier keinen vom Hocker, aber als Liebhaber dunkler Biere, also solcher mit malziger Note, lässt es sich durchaus trinken.

Nun die Hemelinger Biere wurden schon früher außerhalb des Stadtteils Hemelingen in Bremen von der zu Beck & Co gehörenden Haake-Beck Brauerei gebraut, die 1921 sämtliche Aktien der Hemelinger Actien Brauerei übernahm. Beck & Co gehört mittlerweile selbst zur belgischen Anheuser-Busch InBev. Im Dezember 2008 wurden die Markenrechte an das Achimer Unternehmen Getränke Ahlers verkauft, produziert wurde aber zunächst weiterhin bei Beck & Co. Seit Februar 2012 wird das Hemelinger Bier im Hofbrauhaus Wolters in Braunschweig gebraut. So geht das …

Bierkalender 2016: 1. Bis 6. Türchen

4. Maria Ehrenberger Pilgerstoff – 5,2 % Vol. – Will Bräu – Hochstiftliches Brauhaus in Bayern GmbH & Co. KG , Motten

Auch der werte Pilger will verpflegt sein und schaut (nicht nur) gelegentlich ins Glas. Nun die Brauerei liegt direkt am Fuße der berühmten Pilgerstätte „Maria Ehrenberg“ in der Rhön, daher der Name Pilgerstoff. Dieser „präsentiert sich in einer klaren Optik von dunklem Bernstein, kräftigen Röstmalzaromen und einer samtig weichen Schaumkrone.“ Auch dieses Bier zeigt sich vollmundig, also süffig und ist untergärig gebraut.

Unwillkürlich musste ich gleich an das Kreuzberger Klosterbier denken, dass ich vor vielen Jahren auf dem Kreuzberg, ebenfalls in der Rhön gelegen, im dortigen Kloster genossen habe.

„Den Ehrenberg hinauf pilgert ein langer Zug,
erst zur Kirche dann zum Krug.“

Und das erinnert mich an die Erkenntnis, die ich auf frühen Radtouren durch Norddeutschland gewonnen hatte: Dort, wo die Kirche ist, da ist auch ein Gasthof. Als durstiger Radfahrer, der sein Ziel erreicht hat, braucht man nur Ausschau nach der Kirchturmspitze halten.

5. Ayinger Kirtabier naturtrüb 5,8 % Vol.

Beim Kirtabier handelt es sich um eine untergärige, naturtrübe Saisonspezialität, die nach alter Tradition eingebraut und zu Kirchweih, einem der wichtigsten bayerischen Feiertage, ausgeschenkt wird. Die warme, kupferbraune Farbe und der malzaromatische Geschmack des Ayinger Kirtabiers werden durch das Zweimaischverfahren mit Schüttung aus dreierlei Malzen hervorgebracht. Besonders ist das leichte Aroma nach Orangen, reifen Äpfeln und Nüssen – das richtige Bier für den goldenen Oktober.

Mich erinnert es an Craftbiere, die oft als naturtrübe, also mit Hefe versetzte Biere daherkommen und meist einen fruchtigen Geschmack offerieren. Das Dorf Aying liegt südlich von München.

6. Winterhopfen – Festbier 5,3 % Vol. – Landskron Brau-Manufaktur Görlitz

Das erste Viertel meines Adventskalenders endet mit diesem Bier, das uns nach Görlitz, der östlichsten Stadt Deutschlands in der Oberlausitz führt.

Das elegante, untergärige Festbier ist für den besonderen Genuss in der Winterzeit. Ein Bier mit ausgewogenem Aroma, in dem die Malznoten harmonisch mit floralen Hopfendüften gepaart sind. Es verspricht einen Genuss mit vollem runden Körper, in dem eine feine Hopfenbittere perfekt eingebunden ist, und das mit einem vollen Malzkörper ausklingt.

Es ist „edel-süffig“ und im Stile eines klassischen Exportbieres gebraut. Schaut man auf die Website der Brauerei, dann verspricht diese einige interessante Biere der Gourmet-Klasse. Craftbiere lassen grüßen.

Natürlich bin ich jetzt gespannt, was da noch an wundersamen ‚Hopfenkaltschalen‘ auf mich zukommen wird. Bisher gab es zwar keine riesigen Überraschungen, aber auch keine geschmacklichen Pleiten. Lasse ich mich weiterhin überraschen – und sage Prost!

Worte zum Wochenende (47. KW 2016): Advent, Advent

Nun ist es wieder soweit. Am Sonntag ist bereits der erste Advent und damit beginnt die Vorweihnachtszeit. Hektik kommt auf, weil bis zum Jahresende noch die zur Verfügung stehenden Gelder verbraten werden müssen (auf der Arbeit) und weil noch nicht alle Geschenke für die Lieben unter Dach und Fach gebracht worden sind (zu Hause). Da bleibt einem der Spekulatius im Hals stecken. Oder man verbrüht sich die Schnauze am viel zu heißen Glühwein. Ne, Leute, so nicht.

Worte zum Wochenende (47. KW 2016 – WilliZBlog)

Heute trifft sich meine Frau mit ‚ihren Damen‘, um Adventskränze zu flechten. Damit dies etwas leichter von der Hand geht, darf Glögg nicht fehlen. Immerhin ist eine ‚der Damen‘ aus Finnland stammend. Da trinkt man das Zeug traditionell in der Adventszeit (daher auch finnischer Glühwein genannt).

Ich werde mich emotionell auf das Nordderby HSV gegen SV Werder vorbereiten, das am Samstag stattfindet. Man spricht aus gegebenem Anlass bei diesem Klassiker des Nordens inzwischen auch gern vom Kellerduell. Auch Krisengipfel ist schön. Ich sehe mich schon am Samstagabend frustriert an den Griffelfortsätzen (Processus styloideus ulnae) knabbernd am Boden liegen (an den Fingern zu knabbern wage ich nicht, die sind schon wund). Und sollten die Bremer vielleicht doch tatsächlich Punkte aus Hamburg entführen, dann droht der Derby-Effekt. Ich mag gar nicht daran denken.

Werder Bremen: Alles für den Derbysieg!

Nun denn, ich wünsche ein schönes erstadventliches Wochenende!

Frohe Weihnachten 2015

 

 

 

Frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr 2016

Alle Jahre wieder …: Allen Freunden, Bekannten, Verwandten und Besuchern meines Weblogs wünsche ich ein geruhsames Weihnachtsfest 2015 und einen gelungenen Start ins Neue Jahr 2016.

Mögen die Geschenke zahlreich, besonders aber sinnvoll sein, die Weihnachtsgans nicht allzu fett und der Tannenbaum feuerfest.

Fliegender Weihnachtsmann

Fröhliche Weihnachten 2014 - Euer Willi

Fliegender Weihnachtsmann

Ian Anderson liest aus Sir Walter Scott: Marmion

Vor acht Jahren gab es hier einen Beitrag u.a. mit dem Titel „Weihnachtliches mit Onkel Ian“, in dem Ian Anderson von der Gruppe „Jethro Tull“ etwas der jetzigen Weihnachtszeit Gemäßes vortrug. Hier noch einmal aus gegebenen Anlass und weil ich es natürlich schön finde:

Apropos Weihnachten! Da habe ich doch auch etwas Nettes und komme so auch wieder auf unser eigentliches Thema zurück: Vielleicht kennt Ihr es ja bereits. Der Herr Anderson, wenn seine Singstimme auch nicht mehr das Wahre ist …, wenn er spricht, so finde ich die Stimme noch voll in Ordnung (wenn sie hier auch etwas kratzig klingt):

Es handelt sich hierbei um einen Radio-Beitrag zu einer Sendung namens „A Toss the Feathers Christmas Special 2004“ und wurde eben vor sechs Jahren über den amerikanischen Sender Public Radio International ausgestrahlt. Neben „Another Christmas Song“ und „Ring Out Solstice Bells” (am Ende) liest Ian Anderson aus Sir Walter Scott’s „Marmion“– Dichtung in sechs Gesängen (A Tale of Flodden Field in six Cantos) etwas Weihnachtliches vor:

INTRODUCTION TO CANTO SIXTH

Heap on more wood!-the wind is chill;
But let it whistle as it will,
We’ll keep our Christmas merry still.
Each age has deem’d the new-born year
The fittest time for festal cheer: 5
Even, heathen yet, the savage Dane
At Iol more deep the mead did drain;
High on the beach his galleys drew,
And feasted all his pirate crew;
Then in his low and pine-built hall, 10
Where shields and axes deck’d the wall,
They gorged upon the half-dress’d steer;
Caroused in seas of sable beer;
While round, in brutal jest, were thrown
The half-gnaw’d rib, and marrow-bone, 15
Or listen’d all, in grim delight,
While scalds yell’d out the joys of fight.
Then forth, in frenzy, would they hie,
While wildly-loose their red locks fly,
And dancing round the blazing pile, 20
They make such barbarous mirth the while,
As best might to the mind recall
The boisterous joys of Odin’s hall.

And well our Christian sires of old
Loved when the year its course had roll’d, 25
And brought blithe Christmas back again,
With all his hospitable train.
Domestic and religious rite
Gave honour to the holy night;
On Christmas eve the bells were rung; 30
On Christmas eve the mass was sung:
That only night in all the year,
Saw the stoled priest the chalice rear.
The damsel donn’d her kirtle sheen;
The hall was dress’d with holly green; 35
Forth to the wood did merry-men go,
To gather in the mistletoe.
Then open’d wide the Baron’s hall
To vassal, tenant, serf, and all;
Power laid his rod of rule aside, 40
And Ceremony doff’d his pride.
The heir, with roses in his shoes,
That night might village partner choose;
The Lord, underogating, share
The vulgar game of ‘post and pair.’ 45
All hail’d, with uncontroll’d delight,
And general voice, the happy night,
That to the cottage, as the crown,
Brought tidings of salvation down.

The fire, with well-dried logs supplied, 50
Went roaring up the chimney wide:
The huge hall-table’s oaken face,
Scrubb’d till it shone, the day to grace,
Bore then upon its massive board
No mark to part the squire and lord. 55
Then was brought in the lusty brawn,
By old blue-coated serving-man;
Then the grim boar’s head frown’d on high,
Crested with bays and rosemary.
Well can the green-garb’d ranger tell, 60
How, when, and where, the monster fell;
What dogs before his death he tore,
And all the baiting of the boar.
The wassel round, in good brown bowls,
Garnish’d with ribbons, blithely trowls. 65
There the huge sirloin reek’d; hard by
Plum-porridge stood, and Christmas pie:
Nor fail’d old Scotland to produce,
At such high tide, her savoury goose.
Then came the merry maskers in, 70
And carols roar’d with blithesome din;
If unmelodious was the song,
It was a hearty note, and strong.
Who lists may in their mumming see
Traces of ancient mystery; 75
White shirts supplied the masquerade,
And smutted cheeks the visors made;
But, O! what maskers, richly dight,
Can boast of bosoms half so light!
England was merry England, when 80
Old Christmas brought his sports again.
‘Twas Christmas broach’d the mightiest ale;
‘Twas Christmas told the merriest tale;
A Christmas gambol oft could cheer
The poor man’s heart through half the year. 85

Eine deutsche Übersetzung habe ich leider bisher nicht gefunden (wahrscheinlich gibt es auch keine), so dürft Ihr Euch selbst mit dem Schottischen herumschlagen (leider spricht Ian Anderson alles mehr oder weniger englisch aus. Schade eigentlich … Oder er kann nicht richtig schottisch).

Weihnachten mit Willi und überhaupt

Nun, min Deerns un Jungs, is ja wieder mal soweit: Weihnachten steht vor der Tür. Aber kein Walhalla-Marsch … Wir lassen das Fest auch so hinein. Soll ja nicht draußen erfrieren.

Weihnachten ist nun einmal viel, viel Arbeit. Muddern huckt in der Küche und backt fleißig Kekse, damit alle was zum Spachteln haben. Und Opa sägt den letzten Tannenbaum im Garten um, soll ja inner guten Stube den Weihnachtsbaum machen, mit Engeln dran, Lametta und so … und natürlich viele Kerzen. Und Vaddern muss noch kräftig arbeiten, damit das Weihnachtsgeld stimmt für die vielen Geschenke, die es zu kaufen gibt.

Und die Kinners machen jetzt schon große Augen, die voller Erwartung sind und da der Dinge harren, die auf den Gabentisch kommen. Soll ja was Ordentliches sein.

Und Gustav, die Weihnachtsgans, guckt ganz trübe, als wisse sie, dass sie bald mit Äpfeln gefüllt in den Ofen wandert.

Dann plötzlich ist soweit: Der Weihnachtsmann klopft anner Tür: Ho, ho. ho … und so. Und die Kinners, sonst so frech, machen auf schüchtern, so als könne sie kein Elb-Wässerchen trüben. Vielleicht schneit es ja auch mal wieder, wäre nicht schlecht.

Schon sagen die Kinners ein Gedicht auf: Lieber, guter Weihnachtsmann, schau mich nicht so böse an … und all den Kram. Und der Weihnachtsmann fuchtelt mit der Rute herum: Wart ihr auch immer alle brav?

Na klar doch …

Und dann gibt ’s Geschenke … Jede Menge … Vaddern ist ja kein zauseliger Knauser, der sich lumpen lässt. Alles vom Feinsten. Und zuletzt, wenn der Weihnachtsmann längst bei den Nachbarskinnern ist, wird die Gans aufgefahren. Bischen fett … was soll’s! Vaddern und Opa trinken zur Verdauung nen ordentlichen Köm.

Und um zwölwe ist dann Sendeschluss und alles geht ab in die Daunen. Und das war ’s dann auch schon fast wieder.

Ja, das ist so was … mit Weihnachten bei uns! Oder wie wir sagen: Wiehnachten!

Wenn ’s auf Weihnachten zugeht …

Es ist unverkennbar: Es geht langsam, aber sicher auf Weihnachten zu. Viele Häuser und Läden sind weihnachtlich geschmückt. Und mancher Mensch wird zunehmend rührselig. Für mich gibt es dazu bisher keinen Grund. Zwar setzt bei mir auf der Arbeit wieder jenes Dezemberfieber ein – Haushälter in öffentlichen Verwaltungen werden wissen, wovon ich spreche -, das unzweifelhaft andeutet, dass es dem Jahresende entgegen geht und die verbliebenen Haushaltsmittel unbedingt ausgegeben werden müssen. Aber viel hat das mit Weihnachten nicht zu tun. Und das Wetter ist auch noch alles andere als weihnachtlich.

Dabei bedeutet mir Weihnachten durchaus einiges, ohne sentimental zu werden. Wer Kinder hat, wird vielleicht den Grund erraten, weshalb ich Weihnachten für eine schöne Zeit halte. Natürlich mag ich auch nicht den ganzen Rummel, diesen Konsumterror – und diesen scheußlichen Kitsch. Vielleicht ist es gar nicht einmal Weihnachten als solches, sondern die winterliche Zeit, in der es abends früh dunkel wird und der Tag morgens lange braucht, bis er ‚in die Puschen kommt’, wie man hier sagt. Und wenn wenigstens etwas Schnee liegt, dann dämpft das manchen Lärm. Und es ist vielleicht auch das Jahresende, dem wir entgegenschreiten: Es geht etwas zu Ende, um neu zu beginnen, etwas, was wir manchmal auch für unser Leben wünschen.

    Tannenbaum bei AlbinZ anno 2009

Weihnachten also als Zeit der Besinnung, wenn es die allgemeine weihnachtliche Hektik zulässt. Man muss es einfach zulassen. Es ist auch eine Zeit der Rückschau. Wir ziehen Bilanz und analysieren das alte Jahr, die Fehler, die wir gemacht haben und im nächsten nicht wiederholen möchten. Wir blicken aber auch auf das Gute, das uns das zu Ende gehende Jahr gebracht hat, wenn es vielleicht auch nicht viel genug war.

Als Vater von zwei inzwischen erwachsenen Söhnen wusste ich Weihnachten immer zu schätzen. Es war schön zu sehen, wie sich die beiden kindlich freuen konnten. Und dieses Jahr Weihnachten kommen wir zusammen, um nicht allein Geschenke ‚auszutauschen’, sondern ‚uns’ – um beieinander zu sitzen und miteinander zu sprechen. Da mag das Essen noch zu gut schmecken, das ist nicht das Wichtigste.

Nun, noch sind es knapp zwei Wochen bis zum Heiligabend. Mein Ältester kommt bereits am 21. zu uns, mein jüngerer Sohn und ich haben ab 23. frei. So kommen wir also bald unter einem Dach zusammen. Darauf freue ich mich: z.B. morgens am Frühstückstisch zusammenzusitzen, zu klönen und zu lachen. Oder abends ‚unterm Tannenbaum’ gemeinsam einen guten Film sehen. Dann ist auch für mich Weihnachten!

Alle Jahre wieder: „Die heiße Schlacht am kalten Buffet“

Die Adventszeit ist ja bekanntlich auch die Zeit der Betriebsweihnachtsfeiern. Ich bin kein großer Freund von solchen Veranstaltungen, aber es ist nicht gut, sich immer nur zu ‚drücken‘. Heute ist es nun wieder einmal so weit: In der Firma, in der ich meine Brötchen verdiene, findet eine dieser Betriebsfeier statt … mit kalten Buffet und so. Und unweigerlich musste ich mich an ein altes Lied von Reinhard Mey erinnern, das dieser Anfang der 70-er Jahre veröffentlicht hatte …

Vor der Schlacht am kalten Buffet Die Schlacht am kalten Buffet
Die heiße Schlacht am kalten Buffet (Willi mittendrin)

Hier der Text. Es scheint so, als hätte sich in den vielen Jahren nicht viel verändert:

Die heiße Schlacht am kalten Büffet

Gemurmel dröhnt drohend wie Trommelklang
Gleich stürzt eine ganze Armee
Die Treppe herauf und die Flure entlang
Dort steht das kalte Büffet.
Zunächst regiert noch die Hinterlist,
Doch bald schon brutale Gewalt,
Da spießt man, was aufzuspießen ist,
Die Faust um die Gabel geballt.
Mit feurigem Blick und mit Schaum vor dem Mund
Kämpft jeder für sich allein,
Und schiebt sich in seinen gefräßigen Schlund
Was immer hineinpaßt hinein.

Bei der heißen Schlacht am kalten Büffet,
Da zählt der Mann noch als Mann,
Und Auge um Auge, Aspik um Gelee,
Hier zeigt sich, wer kämpfen kann, hurra!

Da blitzen die Messer, da prallt das Geschirr
Mit elementarer Wucht
Auf Köpfe und Leiber, und aus dem Gewirr
Versucht ein Kellner die Flucht.
Ein paar Veteranen im Hintergrund
Tragen Narben auf Hand und Gesicht,
Quer über die Nase und rings um den Mund,
Wohin halt die Gabel sticht.
Ein tosendes Schmatzen erfüllet den Raum,
Das rülpst und das grunzt und das quiekt.
Fast hört man des Kellners Hilferuf kaum,
Der machtlos am Boden liegt.

Da braust es noch einmal wie ein Orkan,
Ein Recke mit Übergewicht wirft sich auf‘s Büffet im Größenwahn,
Worauf es dann donnernd zerbricht.
Nur leises Verdauen dringt noch an das Ohr,
Das Schlachtfeld wird nach und nach still.
Aus den Trümmern sieht angstvoll ein Kellner hervor,
Der längst nicht mehr fliehen will.
Eine Dame träumt lächelnd vom Heldentod,
Gebettet in Kaviar und Sekt,
Derweil sie, was übrigzubleiben droht,
Blitzschnell in die Handtasche steckt.

Das war die Schlacht am kalten Büffet,
Von fern tönt das Rückzugssignal,
Viel Feind‘, viel Ehr‘ und viel Frikassee
Na denn: „Prost“ bis zum nächsten Mal – hurra!
Das war die Schlacht am kalten Büffet
Und von dem vereinnahmten Geld
Geh‘n zehn Prozent, welch‘ noble Idee,
Als Spende an „Brot für die Welt“ – hurra!


Reinhard Mey: Die heiße Schlacht …

Weihnachten 1932 in Wasserburg/Bodensee

Die Bescherung fand, weil auf das Klavier nicht verzichtet werden konnte, im Nebenzimmer statt. Das heißt, Josef und Johann hatten erst Zutritt, als der Vater am Klavier Stille Nacht, heilige Nacht spielte. Der Einzug ins Nebenzimmer geschah durch zwei Türen: von der Wirtschaft her zogen, ihre Gläser in der Hand, die vier letzten Gäste hinter Elsa herein. Hanse Luis, der Schulze Max, Dulle und Herr Seehahn. Durch die Tür vom Hausgang her zogen Josef, Johann, Niklaus und der Großvater ein. Zuletzt Mina, die Prinzessin und die Mutter, sie kamen aus der Küche.

Immer an Weihnachten trug Herr Seehahn am grünen Revers seiner gelblichen Trachtenjacke den Päpstlichen Hausorden, den er bekommen hatte, weil er als Marinerevolutionär in München zum päpstlichen Nuntius, den er hätte gefangen nehmen sollen, gesagt hatte: Eminenz, wenn Sie mit mir kommen, sind Sie verhaftet, wenn Sie die Hintertür nehmen, sind Sie mir entkommen.

Wasserburg/Bodensee

Dulle war wohl von allen am weitesten von seiner Heimat entfernt. Dulle war aus einem Ort, dessen Name in Johanns Ohren immer klang, als wolle man sich über Dulle lustig machen. Niemals hätte Johann in Dulles Gegenwart diesen Namen auszusprechen gewagt. Buxtehude. Dulle sprach anders als jeder andere im Dorf. Er hauste in einem Verschlag bei Frau Siegel, droben in Hochsträß, direkt an der frisch geteerten Landstraße. Dulle war Tag und Nacht unterwegs. Als Fischerknecht und als Durstiger. Oder hinter Fräulein Agnes’ Katzen her. Adolf behauptete, Dulles Verschlag, Wände und Decke, sei tapeziert mit Geldscheinen aus der Inflation. Hunderttausenderscheine, Scheine für Millionen, Milliarden, Billionen. Eine Zeitung habe, sagte Adolf, 1923 sechzehn Milliarden Mark gekostet. Immer wenn Johann von dieser Inflation etwas hörte, dachte er, das Land hat Fieber gehabt damals, 41 oder 42 Grad Fieber müssen das gewesen sein.

Der Schulte Max war nirgendwo her beziehungsweise überall her, eben vom Zirkus. Er nächtigte im Dachboden des von zugezogenen Fischerfamilien bewohnten Gemeindehauses, und zwar auf einem Lager aus alten Netzen.

Verglichen mit den Schlafstätten von Dulle und Schulze Max, war das, was Niklaus droben im Dachboden als Schlafstatt hatte, eine tolle Bleibe. Niklaus hatte ein richtiges Bett so mit alten Schränken umstellt, daß eine Art Zimmer entstand. Niklaus war für Johann interessant geworden, als Johann ihm einmal zugeschaut hatte, wie er seine Fußlappen über und um seine Füße schlug und dann in seine Schnürstiefel schlüpfte. Die Socken, die Mina ein Jahr zuvor für Niklaus gestrickt und unter den Tannenbaum gelegt hatte, hatte er einfach liegen lassen. Als Mina sie ihm in die Hand drückten wollte, hatte er den Kopf geschüttelt. Niklaus sprach selten. Mit Nicken, Kopfschütteln und Handbewegungen konnte er, was er sagen wollte, sagen. Wenn er meldete, daß Freifrau Ereolina von Molkenbuer drei Zentner Schwelkoks und Fräulein Hoppe-Seyler zwei Zentner Anthrazit bestellt hatten, merkte man, daß er keinerlei Sprachfehler hatte. Er sprach nicht gern. Sprechen war nicht seine Sache.

Unterm Christbaum lagen für Josef und Johann hellgraue Norwegerpullover, fast weiß und doch nicht weiß, silbergrau eigentlich. Mit graublauen, ein bißchen erhabenen Streifen. Aber auf der Brust zwei sehr verschiedene Muster, eine Verwechslung war zum Glück ausgeschlossen. Josef zog seinen sofort an. Johann hätte seinen lieber unterm Christbaum gesehen, aber weil alle sagten, er solle seinen doch auch probieren, zog er ihn an. Johann mußte, als er spürte, wie ihn dieser Pullover faßte, schnell hinaus, so tun, als müsse er auf den Abort, aber er mußte vor den Spiegel der Garderobe im Hausgang, er mußte sich sehen. Und er sah sich, silbergrau, fast bläulich erhabene Streifen, auf der Brust in einem Kreis ein Wappen. Königssohn, dachte er. Als er wieder hineinging, konnte er nicht ganz verbergen, wie er sich fühlte. Mina merkte es. Der steht dir aber, sagte sie.

Dieser Pullover waren aus dem Allgäu gekommen, von Anselm, dem Vetter genannten Großonkel.

Zu jedem Geschenk gehörte ein Suppenteller voller Plätzchen, Butter-S, Elisen, Lebkuchen, Springerle, Zimtsterne, Spitzbuben, Makronen.

Die Mutter sagte zu Mina hin und meinte die Plätzchen: Ich könnt ’s nicht. Johann nickte heftig, bis Mina bemerkte, daß er heftig nickte. Er hatte letztes Jahr von Adolfs Plätzchenteller probieren dürfen. Bruggers Plätzchen schmeckten alle gleich, von Minas Plätzchen hatte jede Sorte einen ganz eigenen Geschmack, und doch schmeckten alle zusammen so, wie nur Minas Plätzchen schmecken konnten. In diesem Jahr lag neben Johanns und Josefs Teller etwas in Silberpapier eingewickeltes Längliches, und aus dem Silberpapier ragte ein Fähnchen, darauf war ein rotes Herz gemalt und hinter dem Herz stand –lich. Über dem Herz stand: Die Prinzessin grüßt. Josef probierte schon, als Johann noch am Auspacken war. Nougat, sagte er. Richtig, sagte die Prinzessin. Toll, sagte Josef. Johann wickelte seine Nougatstange unangebissen wieder ein.

Für Mina und Elsa gab es Seidenstrümpfe. Beide sagten, daß das doch nicht nötig gewesen wäre. Für Mina lag noch ein Sparbuch dabei. Mit einem kleinen Samen, sagte die Mutter. Bei der Bezirkssparkasse. Die gehe nicht kaputt. Mina sagte kopfschüttelnd: O Frau, vergelt ’s Gott! Für die Prinzessin lagen mehrere Wollstränge in Blau unter dem Baum. Sie nahm sie an sich, salutierte wie ein nachlässiger Soldat mit dem Zeigefinger von der Schläfe weg und sagte: Richtig. Und zu Johann hin: Du weißt, was dir bevorsteht. Johann sagte auch: Richtig! Und grüßte zurück, wie sie gegrüßt hatte. Er mußte immer abends die Hände in die Wollstränge stecken, die die Prinzessin dann, damit sie nachher stricken konnte, zum Knäuel aufwickelte. In jeder feien Minute strickte sie für ihren Moritz, den sie einmal im Monat in Ravensburg besuchen durfte; aber allein sein durfte sie nicht mit dem Einjährigen. Die Mutter des Siebzehnjährigen, der der Kindsvater war, saß dabei, solange die Prinzessin da war. Nach jedem Besuch erzählte die Prinzessin, wie die Mutter des Kindsvaters, die selber noch keine vierzig sei, sie keine Sekunde aus den Augen lasse, wenn sie ihren kleinen Moritz an sich drückte. Die Prinzessin, hieß es, sei einunddreißig. Sie hatte jedem etwas neben den Teller gelegt, und jedesmal hatte sie ihr Herz-Fähnchen dazugesteckt. Für Elsa eine weiße Leinenserviette, in die die Prinzessin mit rotem Garn ein sich aufbäumendes Pferd gestickt hatte. Für Mina zwei Topflappen, in einem ein großes rotes A, im anderen ein ebenso großes M. Für Niklaus hatte sie an zwei Fußlappen schöne Ränder gehäkelt. Für Herrn Seehahn gab es ein winziges Fläschchen Eierlikör. Für die Mutter einen Steckkamm. Für den Vater ein Säckchen mit Lavendelblüten. Für den Großvater ein elfenbeinernes Schnupftabakdöschen. Johann, sagte sie, geh, bring ’s dem Großvater und sag ihm, Ludwig der Zweite, habe es dem Urgroßvater der Prinzessin geschenkt, weil der den König, als er sich bei der Jagd in den Kerschenbaumschen Wäldern den Fuß verstaucht hatte, selber auf dem Rücken bis ins Schloß getragen hat. Alle klatschten, die Prinzessin, die heute einen wild geschminkten Mund hatte, verneigte sich nach allen Seiten. Johann hätte am liebsten nur noch die Prinzessin angeschaut. Dieser riesige Mund paßte so gut unter das verrutschte Glasauge. Für Niklaus lagen wieder ein Paar Socken und ein Päckchen Stumpen unterm Baum. Die Socken, es waren die vom vorigen Jahr, ließ er auch diesmal liegen. Die Stumpen, den Teller voller Plätzchen und die umhäkelten Fußlappen trug er zu seinem Platz. Im Vorbeigehen sagte er zur Prinzessin hin: Du bist so eine. Sie salutierte und sagte: Richtig. Dann ging er noch einmal zurück, zum Vater hin, zur Mutter hin und bedankte sich mit einem Händedruck. Aber er schaute beim Händedruck weder den Vater noch die Mutter an. Schon als er seine Rechte, der der Daumen fehlte, hinreichte, sah er weg. Ja, er drehte sich fast weg, reichte die Hand zur Seite hin, fast schon nach hinten. Und das nicht aus Nachlässigkeit, das sah man. Er wollte denen, die ihn beschenkt hatten, nicht in die Augen sehen müssen. Niklaus setzte sich wieder zu seinem Glas Bier. Nur an Weihnachten, an Ostern und am Nikolaustag trank er das Bier aus dem Glas, sonst aus der Flasche. Johann sah und hörte gern zu, wenn Niklaus die Flasche steil auf der Unterlippe ansetzte und mit einem seufzenden Geräusch leertrank. Wie uninteressant war dagegen das Trinken aus dem Glas. Niklaus setzte auch jede Flasche, die angeblich leer aus dem Lokal zurückkam und hinter dem Haus im Bierständer auf das Brauereiauto wartete, noch einmal auf seinen Mund; er wollte nichts verkommen lassen.

Der Vater ging zum Tannenbaum und holte ein blaues Päckchen, golden verschnürt, gab es der Mutter. Sie schüttelte den Kopf, er sagte: Jetzt mach ’s doch zuerst einmal auf. Eine indische Seife kam heraus. Und Ohrringe, große, schwarz glänzende Tropfen. Sie schüttelte wieder den Kopf, wenn auch langsamer als vorher. Für den Großvater lag ein Nachthemd unter dem Baum. Er sagte zu Johann, der es ihm bringen wollte: Laß es nur liegen. Als letzter packte der Vater sein Geschenk aus. Lederne Fingerhandschuhe, Glacéhandschuhe, sagte der Vater. Damit könnte man fast Klavier spielen, sagte er zu Josef. Und zog sie an und ging ans Klavier und ließ schnell eine Musikmischung aus Weihnachtsliedern aufrauschen. Hanse Luis klatschte Beifall mit gebogenen Händen; das war, weil er seine verkrümmten Handflächen nicht gegen einander schlagen konnte, ein lautloser Beifall. Er sagte: Was ischt da dagege dia Musi vu wittr her. Er konnte sich darauf verlassen, daß jeder im Nebenzimmer wußte, Radio hieß bei Hanse Luis Musik von weiter her. Dann stand er auf und sagte, bevor er hier auch noch in eine Bescherung verwickelt werde, gehe er lieber. Es schneie immer noch, er solle bloß Obacht geben, daß er nicht noch falle, sagte die Mutter. Kui Sorg, Augusta, sagte er, an guate Stolperer fallt it glei. Er legte einen gebogenen Zeigefinger an sein grünes, randloses, nach oben eng zulaufendes Jägerhütchen, das er nie und nirgends abnahm, knickte sogar ein bißchen tänzerisch ein und ging. Unter der Tür drehte er sich noch einmal um, hob die Hand und sagte, er habe bloß Angst, er sei, wenn es jetzt Mode werde, statt Grüßgott zu sagen, die Hand hinauszustrecken, dumm dran, weil er so krumme Pratzen habe, daß es aussehe wie die Faust von denen, die Heil Moskau schrieen. Und dann in seiner Art Hochdeutsch: Ich sehe Kalamitäten voraus, Volksgenossen. Und wieder in seiner Sprache: Der sell hot g’seet: No it hudla, wenn ’s a ’s Sterbe goht. Und mit Gutnacht miteinand war er draußen, bevor ihm die Prinzessin, was er gesagt hatte, in Hochdeutsch zurückgeben konnte. Elsa rannte ihm nach, um ihm die Haustür aufzuschließen. Dann hörte man sie schrill schreien: Nicht, Luis … jetzt komm, Luis, laß doch, Luiiiis! Als sie zurückkam, lachte sie. Der hat sie einreiben wollen. Johann staunte. Daß Adolf, Paul, Ludwig, Guido, der eine Helmut und der andere und er selber die Mädchen mit Schnee einrieben, sobald Schnee gefallen war, war klar; nichts schöner, als Irmgard, Trudl oder Gretel in den Schnee zu legen und ihnen eine Hand voll Schnee im Gesicht zu zerreiben. Die Mädchen gaben dann Töne von sich wie sonst nie. Aber daß man so eine Riesige wie Elsa auch einreiben konnte! Hanse Luis war einen Kopf kleiner als Elsa. Kaum war Elsa da, erschien Hanse Luis noch einmal in der Tür und sagte: Dr sell hot g’sell, a Wieb schla, isch kui Kunscht, abe a Wieb it schla, desch a Kunscht. Und tänzelte auf seine Art und war fort. Die Prinzessin schrie ihm schrill, wie gequält nach: Ein Weib schlagen, ist keine Kunst, aber ein Weib nicht schlagen, das ist eine Kunst. Der Dulle hob sein Glas und sagte, Ohne dir, Prinzessin, tät ich mir hier im Ausland fühlen.

Die Bescherung war vorbei, jetzt also die Lieder. Schon nach dem ersten Lied, Oh du fröhliche, oh du selige, sagte der Schulze Max zur Mutter, die beiden Buben könnten auftreten. Der Vater hatte die Glacéhandschuhe wieder ausgezogen und spielte immer aufwendigere Begleitungen. Nach Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Frau’n sagte der Schulte Max zu Dulle: Auf diese Musikanten trinken wir noch ein Glas. Wenn du einverstanden bist. Dulle nickte heftig. Dann gehen wir aber, sagte der Schulze Max. Dulle nickte wieder. Wieder heftig. Der Schulze Max: Wir wollen überhaupt nicht anwachsen hier. Dulle schüttelte den Kopf ganz heftig. Der Schulze Max: Heute schon gar nicht, stimmt ’s? Dulle nickte so heftig, daß er danach seine Brille wieder an ihren Platz hinaufschieben mußte. Der Schulze Max: Auch eine Wirtsfamilie will einmal unter sich sein, stimmt ’s? Dulle nickte wieder, hielt aber, damit er heftig genug nicken konnte, schon während des Nickens die Brille fest. Der Schulze Max: Und wann möchte, ja, wann muß eine Familie ganz unter sich sein, wenn nicht am Heiligen Abend, stimmt ’s? Dulle nahm, daß er noch heftiger als zuvor nicken konnte, seine Brille ab. Der Schulze Max: Und was haben wir heute? Dulle, mit einer unglaublich zarten, fast nur noch hauchenden Stimme: Heilichabend. Der Schulze Max, sehr ernst: Daraus ergibt sich, sehr, sehr verehrte Frau Wirtin, daß das nächste Glas wirklich das letzte ist, das letzte sein muß.

aus: Martin Walser: Ein springender Brunnen (suhrkamp taschenbuch 3100 – 1. Auflage 2000 – S. 92- 96, S. 98-101)

Santa, reich mal die Buddel ‘rüber

Wie die Zeit vergeht: Jetzt sind wir schon mittendrin in der Weihnachts- bzw. Vorweihnachtszeit. Alles Volkstraurige, Gebüße und Totensonntägliche haben wir hinter uns gelassen, um verstärkt an Weihnachtsgeschenke zu denken (kaufen wäre auch nicht schlecht), Kekse zu backen und bald zu essen (bevor sie hart und ungenießbar sind) – und alles in Weihrauch- und Kerzengestank zu ersticken.

    Ian Anderson 2003 - Christmas Song

Aus allen Lautsprecherboxen dröhnt Weihnachtsmusik. Da will ich nicht hintanstehen und habe das Lied ‘Christmas Song’ von Ian Anderson (Jethro Tull) ausgegraben. Zu beachten ist die Textpassage, in der darauf hingewiesen wird, dass der weihnachtliche Geist nicht das ist, was man trinkt (that Christmas spirit is not what you drink) – in diesem Sinne wünsche ich eine schöne Vorweihnachtszeit:


Video: Ian Anderson 2003 – Christmas Song