Kategorie-Archiv: Tatort

Tatort-TV-Reihe der ARD (seit 1970)

Tatort (1008) aus Wien (2017): Schock

Nein, der Tatort-Serie in der ARD bin ich nicht untreu geworden. Inzwischen gab es das große Jubiläum mit der 1000sten Folge, die den gleichen Titel wie die erste Folge aus dem Jahr 1970 trug: Taxi nach Leipzig. Und aktuell gab es am letzten Sonntag die 1008. Folge aus Wien: Schock.

Das Duo Eisner und Fellner soll diesmal einen Mord verhindern. Der hoch intelligente Entführer führt die Ermittler an der Nase herum. Das rätselhafte Tatmotiv lenkt die Aufmerksamkeit zu Problemen der sogenannten Generation Y.

Tatort aus Wien - Ermittlerduo Eisner und Fellner © ORF

Ein junger Mann veröffentlicht eine Videobotschaft im Internet. Er heiße David Frank und werde seine Eltern entführen, um zuerst sie und anschließend sich selbst zu töten. Er wolle mit seiner Aktion auf gesellschaftliche Missstände hinweisen. Worum genau es ihm gehe, sollen die Ermittler schrittweise und unter Beobachtung durch die Öffentlichkeit im Internet herausfinden. Seine Botschaft wird über soziale Medien rasch verbreitet und landet schließlich beim Bundeskriminalamt. Eisner wird zum Leiter der Besonderen Aufbauorganisation (BAO) ernannt, die den Drohungen der Videobotschaft nachgehen und die angekündigte Tat verhindern soll. In der BAO stört Eisner vor allem der Verfassungsschützer Gerold Schubert mit seinen Anmerkungen.

Der Ermittlungen ergeben, dass es sich bei David Frank um einen 22-jährigen Medizinstudenten handelt. Sein Vater Hans Georg ist Universitätsprofessor für Mathematik, seine Mutter Agnes eine Anwältin. Eisner und Fellner statten deren Villa einen Besuch ab, die Franks sind jedoch nicht anzutreffen. In einer erneuten Videobotschaft gibt David einen Hinweis auf die Universitätsdozentin für Soziologie, Sarah Adler. Sie behandelt in ihren Seminaren unter anderem Fälle junger Gewalttäter, insbesondere von Amokläufern, deren diffuse Motive und den Einfluss der Gesellschaft auf sie. Adler ist aber auch Autorin eines Buches mit dem Titel Völlig normal. Darin behandelt sie Leistungsdruck und schlechter werdende Zukunftsperspektiven. David Frank bezieht sich in seinen Botschaften mehrfach auf das Buch und kritisiert die darin beschriebenen gesellschaftlichen Missstände, beispielsweise dass die Gesellschaft nur wenige Sieger, jedoch viele Verlierer hervorbringe. Die Kriminalpsychologin Lisa Aichinger, die ebenfalls Mitglied der BAO ist, kennt Adler noch aus ihrer eigenen, gemeinsamen Studienzeit. Sie nimmt deren Befragung vor, erhält aber von ihr keine hilfreichen Hinweise, da die Soziologin sich wenig kooperativ zeigt. (Quelle: de.wikipedia.org)

Ein Livestream lockt das Einsatzkommando Cobra, Oberstleutnant Moritz Eisner und Kollegin Fellner im Tatort „Schock“ in die Universität Wien, in der die Spezialisten des BKA den Server ermittelt haben, von dem aus David Frank gerade sendet. Das Gelände wird mit Maschinenpistolen im Anschlag sichergestellt. Doch im Serverraum wartet nicht David Frank, sondern lediglich ein Zettel mit dem Text „SIE KÖNNEN MICH NICHT FINDEN ABER SIE KÖNNEN ES VERSUCHEN“ sowie einem liegenden A in einem Kreis auf die Polizisten – und eine Webcam. Live gehen Eisner und Fellner über die sozialen Netzwerke um die Welt, bloß gestellt von Frank, der ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Kriminalbeamten treibt. Als Krönung für ihren „Ermittlungserfolg“ gibt es tosenden Applaus von den im Gebäude befindlichen Studenten.

Die Kripo muss sich eingestehen, dass es David Frank versteht, mit den Medien zu spielen und seine gesellschaftskritischen Botschaften an die Öffentlichkeit zu tragen. Geschickt entzieht er sich jeder Verhaftung und ist nicht aufzuspüren. Je länger die Jagd auf ihn im Wiener Tatort „Schock“ dauert, desto klarer wird Moritz Eisner und Bibi Fellner, dass der Medizinstudent aus reichem Hause unmöglich auf eigene Faust handeln kann. Dass die Suche nach Komplizen aber ausgerechnet zu Eisners Tochter Claudia führt, damit hätte der Kommissar niemals gerechnet … (Quelle: tatort-fans.de)


Tatort (1008) aus Wien (2017): Schock

Video (ab 20 Uhr abrufbar) – verfügbar bis 29.01.2017 auch bei ard.de

Es geht um den Leistungsdruck auf die gegenwärtige Generation junger Menschen – bei schwindenden Zukunftsperspektiven. Das erfährt David am Beispiel seiner Freundin und das erklärt Eisners Tochter Claudia ihrem Vater: „Wir sind die Pflichterfüller-Generation“. Nach außen hin funktioniert die sogenannte Generation Y perfekt, doch sie droht am permanenten Druck zu zerbrechen. Es sind durchweg relevante Themen unserer Zeit. […] Wie weit darf man gehen, um auf Missstände aufmerksam zu machen? Gibt es eine Form von gerechtfertigter Gewalt? (Quelle: tittelbach.tv)

Man muss feststellen, dass der Leistungsdruck in der gesamten Gesellschaft größer geworden ist – also das Phänomen, sich mit anderen in Konkurrenz zu begreifen. Dabei gehen schnell Werte wie z.B. Solidarität verloren, nur noch höher, schneller und egoistischer zählt. Auch auf die Politik greift es über, wer lauter schreit, auch wenn es Unwahrheiten sind, wird zz. gefeiert. In dieser Tatort-Folge geht es nicht allein um den wachsenden Leistungsdruck auf unsere Jugend, sondern um die völlige Überforderung und Verheizung eines großen Teils der Bevölkerung für Ziele, die nur wenige je erreichen werden und das zum Preis der eigene Selbstverleugnung und Selbstausbeutung. Ein Thema, das auch hinter all den Oberflächenphänomenen unserer Tage steckt (Trump, Pegida, AfD, die Politikverdrossenheit der Bevölkerung).

Tatort (991) aus Stuttgart (2016): HAL

Die Tatort-Reihe der ARD zeichnet sich dadurch aus, dass neben ‚normalen‘ Kriminalfällen auch immer wieder gesellschaftspolitische Themen aufgegriffen werden. So wurde bereits in mehreren Fällen die Flüchtlingsproblematik angesprochen. Der neueste Fall aus Stuttgart HAL ist ein Experiment, mehr Science Fiction als Krimi, und spielt in der nahen Zukunft:

Februar 2017: Ein Kind entdeckt die Leiche einer Frau im Neckar. Die Kommissare Lannert und Bootz nehmen die Ermittlungen auf. Sie finden heraus, dass die Tote die Schauspielschülerin Elena Stemmle ist und sie zwei Nebenjobs nachging: sie arbeitete als Prostituierte für den Escortservice des Onlinedienstes Love Adventure und war zusätzlich als Probandin für das Unternehmen BlueSky mit Sitz in Stuttgart tätig.

Den Kommissaren liegt ein Video vor, das den Mord an Elena zeigt. Das Video belastet den BlueSky-Entwickler David Bogmann, da es nach den Lannert und Bootz vorliegenden Informationen über eine von ihm genutzte IP-Adresse ins Internet auf eine Darknetplattform hochgeladen und dann auf einer Tauschbörse für Snuff-Videos veröffentlicht wurde. Bogmann wird zum Verhör geladen und bestreitet zunächst, Elena gekannt zu haben. Die weiteren Ermittlungen ergeben jedoch, dass Bogmann Elena kannte und sie am Abend ihres Todes unter falschem Namen in ein Hotel gebucht hatte.

Bogmann entwickelt im IT-Unternehmen BlueSky ein gleichnamiges Sicherheitsprogramm, das verteilt arbeitet, mit künstlicher Intelligenz autonom lernt und agiert und zudem schon weit verbreitet ist, insbesondere schon auf vielen Smartphones ohne Wissen der Nutzer im Hintergrund läuft. Die Geschäftsführerin Mea Welsch und der Data Scientist Bogmann verlieren allerdings zunehmend die Kontrolle über ihre Software, das System überwacht Bogmann, Welsch und alle Personen im Umfeld der beiden und manipuliert Daten. Als das Computersystem sich durch die Ermittlungen von Lannert und Bootz beeinträchtigt sieht, überwacht es auch diese und beeinträchtigt die Ermittlungen. So legt es unter anderem das Dienstfahrzeug der Kommissare lahm.

Bogmann fühlt sich zunehmend von BlueSky verfolgt und versucht, das System abzuschalten. Als das nicht gelingt, dringt er in den Serverraum ein, um das System mit seiner Sportwaffe zu zerstören. BlueSky löst Alarm aus und meldet die Existenz einer weiteren Person – einer Putzfrau – im Serverraum, woraufhin die Einsatzleitung anordnet, den Serverraum zu stürmen. Hierbei wird Bogmann angeschossen und erliegt später seinen Verletzungen.

Bogmanns Vorgesetzte Welsch räumt daraufhin den Komissaren gegenüber ein, die Kontrolle über BlueSky verloren zu haben und zeigt den Ermittlern, dass das belastende Video eine computergenerierte Fälschung ist. Es gelingt Lannert und Bootz, von BlueSky eine Aufzeichnung des tatsächlichen Mordes an Elena zu erhalten, welche belegt, dass Elena nach dem Treffen mit Bogmann von ihrem Freund aus Eifersucht erwürgt wird. (Quelle: de.wikepedia.org)


Tatort (991) aus Stuttgart (2016): HAL

Der Filmtitel nimmt Bezug auf den Science-Fiction-Klassiker 2001: Odyssee im Weltraum, in dem das vollautomatische Computersystem HAL 9000 heißt. Ähnlich wie in dem Filmklassiker versucht auch hier das Computersystem, denjenigen, der es abschalten möchte, auszuschalten und letztlich zu töten. Auch andere Elemente z.B. die Eingangssequenz und die Schlussszene zitieren diesen Film. So hören wir das Lied Hänschen Klein. Das Programm BlueSky begrüßt David Bogmann fast ebenso wie HAL den David Bowman im Film.

Erwähnenswert ist zudem, dass diese Tatort-Folge mit Kapitelüberschriften wie „Die Verschollene“, „Der Prozess“ oder „Die Verwandlung“ versehen ist, die auf Werke von Franz Kafka anspielen und damit die kafkaeske Attitüde dieses Films verstärken, dessen Protagonist ein Opfer der Geister wird, die er gerufen hat.

Niki Stein, der bereits für über ein Dutzend anderer Tatorte das Buch geschrieben und dann auch Regie geführt hat, bleibt mit seiner Geschichte durchaus in der Gegenwart, denn er greift die Angst der Menschen vor allumfassender Überwachung auf. Der Software-Entwickler David Bogmann (Ken Duken) hat ein Programm entworfen, das die Kriminalitätsbekämpfung auf eine neue Stufe heben soll: BlueSky ist in der Lage, nicht nur die Mimik und die Körpersprache der Menschen sondern auch Verhaltensmuster zu analysieren. Auf diese Weise sollen vor allem potenzielle Terroristen an ihren Verbrechen gehindert werden.

    Die Maschine lebt. Das Gesichtserkennungsprogramm von Bluesky liefert in Windeseile Daten zu allen Besuchern, so auch von Kommissar Bootz (Felix Klare)

Ich fand diese Tatort-Folge durchaus logisch nachvollziehbar. Sicherlich ist die Technik noch nicht so weit gediehen, wie hier gezeigt. Aber der Weg wird aufgezeigt und damit die generelle Frage gestellt, wie der Mensch die Technik lenkt. Und die Technik den Menschen. Welchen Bildern vertrauen wir, wenn wir nicht mehr wissen, wer sie produziert hat? Wo hört die Kontrolle auf, wo beginnt die Manipulation?

Siehe hierzu auch die ausführliche Rezension auf tittelbach.tv.

Zudem weist dieser Tatort durchaus auch Humor auf. Wenn z.B. das über das Online-Portal Love Adventure gebuchte Callgirl dem Kunden zuletzt sagt: „Du kannst mich ja liken, wenn’s Dir gefallen hat!“. Facebook lässt grüßen. Oder: Das sagt Mutti und ist deshalb besonders wichtig, wenn es um die richtige Partnerwahl geht: „Einer fürs Image, viele für’n Sex“. (siehe auch zeit.de/zeit-magazin).

Tatort (987) aus Bremen (2016): Der hundertste Affe

Die Hauptkommissare Inga Lürsen und Stedefreund werden in einen Krisenstab beordert: Erpresser fordern die Freilassung eines inhaftierten Biochemikers, der an gentechnisch verändertem Saatgut geforscht hat. Die Erpresser gehen nicht nur professionell vor, sondern scheinen auch zu allem bereit. Schon bald erkennen Lürsen, Stedefreund und ihre Kollegen, dass sie Bremen vor einem katastrophalen Anschlag bewahren müssen.

Bremen im Ausnahmezustand, die Kommissare Inga Lürsen und Stedefreund stehen unter Hochdruck: Eine Gruppe um die Umweltaktivistin Luisa Christensen droht, die Stadt zu terrorisieren. Sie fordert ein Bekenntnis des Wissenschaftlers Dr. Urs Render zu seinen Forschungen für einen Biotechnologiekonzern, aber Render schweigt. Die Erpresser sind zum Äußersten bereit, der eiligst einberufene Krisenstab um Leiter Helmut Lorentz und Kommissar vom Dienst Joost Brauer (Werner Wölbern) befürchtet das Schlimmste. Kann die eigenwillige BKA-Kollegin Linda Selb Inga Lürsen und Stedefreund beim Wettlauf gegen die Zeit helfen?

(Quelle: tatort-fundus.de)


Tatort (987) aus Bremen (2016): Der hundertste Affe (u.a. auch in 3D)

Dieser Tatort aus Bremen ist durch seine Optik auf zeitgemäß getrimmt: schnelle Schnitte und eine rasante Kamera, die aus der Höhe in die Tiefe fährt und manchmal ein bisschen zu hektisch Actiongefühl herbei wackelt. Sehenswert die allerlei ins Bild rückenden Wasser-Motive. Der allzu routinierten Arbeit der Bremer Ermittler Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) wird die Arbeit der ‚Gastarbeiter‘ entgegengehalten: voran der Leiter des Krisenstabs Lorenz (Barnaby Metschurat) und die ziemlich schräge BKA-Expertin Linda Selb (Luise Wolfram), eine hochintelligente Soziopathin. Beeindruckend auch Friederike Becht als alle moralische Maßstäbe über Bord werfende Öko-Aktivistin. Es gibt für mich aber noch einen anderen Grund, diese Tatort-Folge für sehenswert zu halten:

Was die Wohnstätte betrifft, in der ich jetzt fast 21 Jahre lebe, ist es das Haus in Tostedt. Als Wohnort ist es aber immer noch Bremen, wo ich in insgesamt drei Wohnungen über 25 Jahre lebte. Allein das ist schon immer ein Grund für mich, den Bremer Tatort zu sehen. Diesmal gab es mindestens gleich zwei Lokalitäten, die mich an meine Zeit in der Stadt an der Weser erinnerten. Ziemlich am Anfang gibt es diese aus der Vogelperspektive aufgenommene Filmsequenz über das Weser-Stadion hinweg zum Stadion-Bad. Klar war ich früher öfter bei Spielen des SV Werder Bremen live dabei. Aber ich kenne auch das Stadion-Bad mit seinem Sprungturm. Bis ganz nach oben (10 Meter) hatte ich es damals zwar nicht geschafft, war aber öfter aus fünf und wohl auch einmal aus 7 ½ Meter Höhe ins Wasser gehechtet. Heute würde ich nicht einmal mehr vom Dreier springen wollen.

Tatort (987) aus Bremen (2016): Der hundertste Affe – Stadionbad beim Weser-Stadion

Und in jungen Jahren war ich an den Wochenende oft mit meinen Mitmusikern (ich spielte Bass in einer Band – siehe den Beitrag: Schweine-Dachboden-und-Keller-Mucke) nach der Bandprobe am Samstagabend im Bremer Ostertorviertel unterwegs. Meist stärkten wir uns mit einem Giros Pita in dem kleinen Imbiss am Sielwall, um anschließend der Live-Musik bei einem gepflegten Bierchen im StuBu zu lauschen. Diesen Imbiss scheint es ja noch heute zu geben – wie eine Szene aus dem Bremer Tatort zeigt. Dabei dürfte es über 30 Jahre her sein, dass ich dort eingekehrt bin (im anderen Oval sind die Bremer Tatortkommissare Stedefreund und Lürsen zu sehen).

Tatort (987) aus Bremen (2016): Der hundertste Affe – Taverna Sielwall

siehe auch:
Herr Lehmann und die Bundeswehr
Ausflug nach Bremen 2014

WilliZ Krimi des Jahres 2015

Ich weiß: Im Fernsehen, besonders bei den Öffentlich-Rechtlichen, werden fast nur noch Krimis und Heimatfilme gesendet. Mancher Krimi ist dann auch noch eine Art Heimatfilm – und umgekehrt. Wenn man weder das eine noch das andere mag, wird man wahrscheinlich längst den Dauerauftrag für den ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice (früher GEZ genannt) widerrufen haben. Oder man guckt Sport (aber immer die Bayern mag auch selbst der Fußballbegeisterte nicht mehr sehen).

Ich mag Krimis. Und Krimis mit einem gewissen Lokalkolorit sind mir auch durchaus recht. Viele fragen sich natürlich, warum man sich das antun muss: Mord und Todschlag ohne Ende. Ich denke, der Mensch ist eine Bestie und in jedem steckt, wenn auch nur verborgen, das Raubtier. Wer hat nicht schon mal gedacht: Den (oder die) bring ich um! Fürchtete man nicht die Konsequenzen, dann würden viele Leichen die Straßen pflastern.

Aber im Ernst: Es ist die psychologische Komponente, die mich an Krimis interessiert. Fällt die mager aus, dann taugt der Krimi nicht viel. Gemetzel (z.B. à la Tatort-Schweiger) sind nicht mein Ding. Hat ein Krimi dann auch noch eine gewisse Portion Humor, dann finde ich auch das in Ordnung.

    Tatort – TV-Reihe der ARD (seit 1970)

Nun ist ein Jahr (nämlich 2015) wieder vorbei – und ich habe einmal gesichtet, welche Kriminalfilme mir im letzten Jahr besonders gefallen haben. Da gibt es eine fast unübersichtlich große Anzahl von Serie. An vorderster Front natürlich die ARD mit dem Tatort. 2015 hat der Tatort übrigens mit 40 Folgen einen neuen eigenen Rekord aufgestellt. So viele Folgen gab es bisher noch nie in einem Jahr. Drei Folgen ragten dabei für mich heraus:

Tatort (937): Das Haus am Ende der Straße – Frankfurt (Steier)
Tatort (964): Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes – Kiel (Borowski/Brandt)
Tatort (968): Wer bin ich? – Wiesbaden (Murot)


Tatort (937): Das Haus am Ende der Straße


Tatort (964): Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes – Kiel (Borowski/Brandt)

Die Frankfurter Episode war leider der letzte Fall mit dem Ermittler Steier (hervorragend von Joachim Król gespielt) und mehr Kammerspiel als Krimi – auch dank eines geradezu genialen Armin Rohde. Zum ‚stillen Gast‘ habe ich ja schon einiges geäußert. Axel Milberg ist der mir zz. liebste Tatort-Ermittler. Und Murot aka Ulrich Tukur – da reicht schon die Nennung des Namens Tukur: ein Tatort, der angenehm aus der Reihe fällt, soll plötzlich der Schauspieler, der den Kommissar spielt, ein Mörder sein – ein Spiel mit Identitäten (wie schon der Titel verheißt).

Was der Tatort für die BRD ist, das war vor der Wende der Polizeiruf 110 für die DDR. Wie gut, dass diese Serie nicht eingestellt wurde und jetzt auch Ermittler in den alten Bundesländern auf Tätersuche gehen wie z.B. Kommissar Hanns von Meuffels (hervorragend gespielt von Matthias Brandt) in München. Matthias Brandt ist übrigens der jüngste Sohn des früheren deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt und dessen Frau Rut:

Polizeiruf 110 (351): Kreise

Apropos Armin Rohde. Er ist nicht immer der Böse, sondern kann auch auf gut (ohne ein Gutmensch zu sein) und ermittelt selbst in Hamburg in der ZDF-Reihe Nachtschicht:

Nachtschicht (12): Wir sind alle keine Engel


Nachtschicht (12): Wir sind alle keine Engel

Wie gesagt: Mancher Kriminalfilm ist auch (fast) ein Heimatfilm. So gibt er mehrere Serien, die die Region, in der sie spielen, im Namen tragen:

Spreewald-Krimi (8): Die Sturmnacht
Alle Folgen zu dieser wirklich sehenswerten Serie gibt es jetzt als Spreewaldkrimi – Komplettbox – Folge 1-7 [4 DVDs]


Spreewald-Krimi (8): Die Sturmnacht

Der Usedom-Krimi (2): Schandfleck


Der Usedom-Krimi (2): Schandfleck

Stralsund (7): Es ist nie vorbei

Weitere sehenswerte Kriminalfilme waren die folgenden, die aus dem Vielerlei an Krimis durch ihre Thematik oder Machart herausragten:

Begierde – Mord im Zeichen des Zen
Das Dorf der Mörder
Die kalte Wahrheit


Die kalte Wahrheit

Kritiken zu all den im Fernsehen gesendeten Kriminalfilmen gibt es viele. Ein gutes Näschen für Fernsehproduktion haben die Kritiker von tittelbach.tv – der Fernsehfilm-Beobachter (daher auch fast durchweg die Links zu den Filmen auf diese Website führen). Und so findet sich hier auch eine Kritik zu einem TV-Film, den ich gewissermaßen als die Nummer eins der 2015 gesendeten Krimis erwählt habe (okay, die Erstsendung war ein Jahr zuvor, 2014 – aber hier darf es auch einmal eine 2015 wiederholte Ausstrahlung sein):

München Mord (2): Die Hölle bin ich

In der 2. Folge der ZDF-Reihe München Mord tauchen wir als Zuschauer „in das andere München der neureichen Glücksritter [ein]. Ein rachsüchtiger Krimineller übernimmt die Arbeit der Polizei. Die Charaktere machen ihrem bisherigen Image als Kommissarin ohne Selbstvertrauen, als Casanova-Cop und als „Psycho“ alle Ehre.“ Es ist ein Krimi mit viel Witz und ebenso viel Spannung, wobei das mir liebe Psychologische keineswegs auf der Strecke liegen bleibt. Das mag ich.


München Mord (2): Die Hölle bin ich

Also viel Holz für mehrere lange Winternächte. Wer denn mag: Viel Spannung und Spaß beim Gucken!

siehe auch: Williz Tatort-Sammlung

Tatort (307) aus München (1995): Im Herzen Eiszeit

Sicherlich ist es nicht unbedingt einer der besseren Tatort-Folgen aus München. Aber interessant ist er allemal. Die Münchner Kommissare Batic und Leitmayr ermitteln in ihrem 10. Fall Im Herzen Eiszeit, bei dem es um einen Mord unter den Tatverdächtigen eines alten Überfalles auf ein Geschäft von Rudolph Moshammer geht. Dabei führen die Ermittlungen zu einem privaten Rachefeldzug der Tochter des erschossenen Wachmannes.

Moshammer hat einen kurzen Auftritt (ohne seinem Yorkshire Terrier Daisy) und spielt sich natürlich selbst.

Hintergrund dieser Tatort-Folge ist die Hausbesetzerbewegung und neoanarchistischen Szene in München Anfang der 80-er Jahre. Die Hauptrolle spielt der Ex-Frontmann der Band Ton Steine Scherben Rio Reiser, der gut ein Jahr später verstarb. Er komponierte auch die Filmmusik und das Lied „Träume verwehn“. Angesichts seines politischen Engagements galt er als Idealbesetzung für die Figur des Kammermeier und bekam die Rolle vom Regisseur Hans Noever persönlich angeboten, denn in den 70er Jahren war Reisers Lied „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ in der Szene der Hausbesetzer bereits zur Hymne geworden.

Reinhard Kammermeier wird nach elf Jahren Haft aus der JVA entlassen, nachdem er als einziger der vier Täter verhaftet und verurteilt werden konnte. Er zieht wieder mit in seines Vaters Wohnung. Da dieser im Rollstuhl sitzt, war ihm oft die Nachbarin Susanne Koron behilflich. Reinhard, der im Gefängnis noch verschlossener geworden ist als er vorher schon war, weist die junge Frau zurück.

Franz Leitmayr in der Anarcho-Szene 1981

Intererssant ist sicherlich, etwas aus dem ‚Vorleben‘ eines der Münchener Kommissare, Franz Leitmayr, zu erfahren. Denn als die Ermittler alte Fernsehaufnahmen der Demonstrationen und Hausbesetzungen ansehen, ist auch Leitmayr zu sehen (im Bild links – rechts Rio Reiser als Reinhard Kammermeier). Als er dann später in den Polizeidienst eintrat, hat er natürlich seine früheren Kontakte zu der Anarcho-Szene verschwiegen, der böse Bub!


Tatort (307) aus München (1995): Im Herzen Eiszeit

Bereits ein Jahr zuvor im Tatort (300) … und die Musi spielt dazu (1994) hatten die Toten Hosen einen kurzen Gastauftritt. Da sage einer, der Bayerische Rundfank sei CSU-durchseucht.

Tatorte (969/970) aus Hamburg: Showdown im ‚Metronom‘

Ach ja, gleich zum Jahresanfang diese zwei Schweiger-Tatorte. Zunächst aber zwei Nachrichten, die ich loswerden muss, eine gute und eine schlechte. Zunächst die gute Nachricht: Schweiger verschont uns knapp zwei Jahre als Kriminalhauptkommissar Nikolas „Nick“ Tschiller. Dafür gibt es Anfang Februar Tschiller: Off Duty in den Kinos. Wer sich das antun möchte, bitte … Ansonsten darf man voraussichtlich bis zum Januar 2018 warten. Dann wird dieser Kinofilm auch im Fernsehen gesendet. – Die schlechte Nachricht: Wer den Schluss der insgesamt vierten Folge Tschiller-versus-Clanchef-Firat-Astan („Fegefeuer“) gesehen hat, ahnt es bereits: Film- und reale Tochter von Tschiller-Schweiger (Luna Schweiger) übt mit ihrem suspendierten Vater das Schießen. Schweiger sorgt für Nachwuchs … – auch bei der Tatort-Serie?

    aus Tatort Hamburg: Willkommen in Hamburg (2013)

Apropos Schweiger-Tochter: In Folge drei Tschiller-gegen-Astan („Der große Schmerz“) wird die Ex-Frau unseres immer irgendwie gequält dreinschauenden Kommissars vom Bösewicht Astan erschossen, als sich diese schützend vor ihre Tochter stellt. Tschiller hat gerade Ladhemmung. Es wäre für den Zuschauer sicherlich erlösend gewesen, hätte Astan die Tochter getroffen (dann wäre aber nichts mit dem Tatort-Nachwuchs). Im Teil vier nun beteuert dieser Astan gegenüber Tschiller mehrmals, dass er dessen Frau eigentlich nicht erschießen wollte. Und zuletzt rückt er endlich damit heraus: Er wollte die Tochter töten! Ein Witz? Hätte er doch nur …

Überhaupt sind beide Tatort-Folgen ein Witz, denn was sich hier der Autor zusammengereimt hat, ist dermaßen an den Haaren herbeigezogen, das selbst James Bond gegen Tschiller wie ein Sängerknabe wirkt. Zwar holt sich der Hamburger Ermittler eine blutige Nase, wird unter Wasser gedrückt und gewürgt. Sobald aber auf ihn geschossen wird, scheint ihn ein Schild der Unantastbarkeit zu schützen. Keine Kugel kann ihn etwas antun.

Und wenn’s der Film erfordert, dann wird nicht lang gefackelt und die Handlung macht Sprünge, um dort zu landen, wo der Autor die Protagonisten haben will, auch wenn’s logisch nicht nachvollziehbar ist. Hohle Story, banale Psychologie, coole Action – so fasst tittelbach.tv die Tschiller-Doppelfolge zusammen. Action gibt es genug, aber Mord und Totschlag ist eben nicht alles, was einen guten Tatort ausmacht.

Immerhin sorgt Tschillers Mitstreiter Yalcin Gümer (gespielt von Fahri Ogün Yardım) mit einigen auflockernden, allerdings für einen Hauptkommissar auch recht proletenhaften Sprüchlein für einen gewissen Humor.

Und zum Ende zu gibt es noch eine dicke Überraschung, der Showdown im Zug, einem Metronom, der zwischen Bremen und Hamburg verkehrt und mit dem auch ich wochentags zur Arbeit unterwegs bin. Allerdings wird auch hier getrickst. Von dem Gleis in Sprötze (Gleis 1 – siehe Bild), von dem Astan und Tschiller den Zug besteigen, fährt der Zug eigentlich in Richtung Bremen und nicht wie im Film nach Hamburg. Übrigens liegt Sprötze nur 5 Bahnminuten bzw. eine Station von Tostedt entfernt, meinem Wohnort.

Tatort (970) aus Hamburg: Fegefeuer - Showdown im Metronom

Alle vier TschillerFolgen gibt es zz. ab 20 Uhr noch in der ARD-Mediathek zu sehen:

Willkommen in Hamburg (2013) – verfügbar bis 10.01.2016
Kopfgeld (2014) – verfügbar bis 10.01.2016
Der große Schmerz (2016) – verfügbar bis 08.01.2016
Fegefeuer (2016) – verfügbar bis 10.01.2016

Tatort (964) aus Kiel: Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes

An der Kieler Förde wird eine verwirrte Frau aufgefunden. Ihre Äußerungen lassen befürchten, dass der berüchtigte Frauenmörder Kai Korthals wieder aufgetaucht ist: „Er kommt überall rein. Er kommt durch die Wand.“

Kommissarin Brandt informiert ihren Kollegen Borowski über den Serienkiller, mit dem sie einst selbst Traumatisches erlebt hat.

Borowski kommt der neue Fall ungelegen. Er ist frisch verliebt und möchte heiraten. Doch als seine Braut spurlos verschwindet, muss er sich fragen, ob der Mörder seinetwegen zurückkehrt ist.
Quelle u.a.: Das Erste*Tatort

Zweiteiler hatten wir bereits in der Tatort-Reihe der ARD. Aber die Fortsetzung einer Folge drei Jahre später, das ist neu: Der Verbrecher Kai Korthals schlich sich 2012 als stiller Gast in Wohnungen fremder Frauen, er putzte sich die Zähne mit ihren Zahnbürsten, aß von ihrem Brot, führte Beziehungen mit Partnerinnen, die von diesen Beziehungen nichts wussten. Dann brachte er sie um. Zwar wurde er von Borowski und seiner Assistentin Brandt dingfest gemacht, konnte dann aber am Schluss der Folge schwer verletzt entkommen.

ARD*Mediathek: Borowski und der stille Gast (Video tgl. ab 20 Uhr)
27.11.2015 | 89:00 Min. | Verfügbar bis 29.12.2015 | Quelle: Das Erste

Nun ist er also wieder zurück. Und es ist noch eine Person zurückgekehrt, eine alte Bekannte, von Borowski geliebt, mit der er aber oft auch zerstritten war: Frieda Jung, die Polizeipsychologin, in den ersten 14 Borowski-Folgen von 2002 bis 2010 beratend an seine Seite gestellt (in meinem Beitrag Tatort (941) aus Kiel: Borowski und die Kinder von Gaarden (2015) bin ich bereits näher auf diese Beziehung zwischen ihr und Borowski eingegangen). Borowski und Frieda Jung sind jetzt ein Paar und gedenken zu heiraten.

Klaus Borowski (Axel Milberg) und Frieda Jung (Maren Eggert)
Klaus Borowski (Axel Milberg) und Frieda Jung (Maren Eggert)

Weil der preisgekrönte Autor Sascha Arango, der bereits die erste Folge mit dem stillen Gast verfasst hatte, ein Spezialist für menschliche Abgründe und die Philosophie des Verbrechens, sich nicht wiederholen wollte, hat er dem Verhalten des Frauenmörders neue Muster und Motive zugrunde gelegt. Zwar hat Korthals der geisteskranken Frau das Baby aus dem Bauch geschnitten, was später deren Tod zur Folge hat, doch weitere Menschen kommen nicht zu schaden. „Ich bin kein schlechter Mensch“. Damit es besonders bizarr wird, wendet sich Kai Korthals plötzlich dem Zuschauer zu und spricht ihn direkt an: „Sie glauben, ich bin abartig. Ich muss weg. Aber Sie sind nicht besser als ich, sie haben es nur besser.“ (Quelle: tittelbach.tv)


Tatort (964) aus Kiel (2015): Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes

ARD*Mediathek: Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes (Video tgl. ab 20 Uhr)
29.11.2015 | 89:00 Min. | UT | Verfügbar bis 29.12.2015 | Quelle: Das Erste

Kai Korthals hat sein Schema verändert: „Er beschleicht die Frauen nicht mehr, er holt sie zu sich“, stellt Kommissarin Brandt fest. Auch wenn sich dieser mörderische Voyeur äußerlich weniger unter Kontrolle zu haben scheint als in seiner Killer-Hochphase, Darsteller Lars Eidinger spricht von „Verschärfung seines geistigen Zustands“, so ist doch mehr Empathie im Spiel: Korthals ist nicht mehr der eiskalte Psycho, allenfalls ein von seiner kranken Seele Getriebener. Und er ist Vater geworden. Doch weil das Kind zu sterben drohte, musste er es den Ärzten überlassen. Jetzt will er es zurück. Korthals hat Frieda Jung in seiner Gewalt, aber er will nicht töten. Er will tauschen: Frieda Jung gegen das Kind.

„Weh tut es erst, wenn es persönlich wird“, hat Borowski früher gesagt – jetzt weiß er, was das bedeutet. Mehr noch als in „Borowski und der stille Gast“ entwickelt sich das Sequel zu einem Psychoduell zwischen Korthals und dem Kommissar. Mehr denn je überschreitet Borowski Grenzen – er ermittelt am Rande der Selbstjustiz, belügt seine Kollegin und bringt seinen Gegenspieler zwischenzeitlich in seine Gewalt. Zwei Getriebene, ein wütender Psychopath und ein nicht minder wütender Melancholiker. Borowski setzt seine Karriere aufs Spiel. „Als Kriminalist habe ich die Möglichkeit, ein Verbrechen nachzuvollziehen, zu erleben, ohne es selbst begangen zu haben“, philosophiert Borowski zu Beginn des Films über seine Rolle als Kommissar und seine Lust als Kind, Verbrecher werden zu wollen: „Ich wollte immer Verbrecher werden. Ich habe sechs Semester forensische Anthropologie studiert, dann wurde mir klar, dass man Verbrecher und Psychologe werden kann: Man wird Beamter!“

Die Atmosphäre dieser Tatort-Folge wirkt durchgängig befremdlich und steigert sich gelegentlich ins Bedrohliche. Objekte wie eine Kuckucksuhr oder die Mechanik eines Fahrstuhls, der eine besondere Bewandtnis für die Geschichte haben wird, verselbständigen sich.

Was wäre ein Tatort mit Borowski aber ohne diesen besonderen, vielleicht typisch norddeutschen Humor, ich würde fast sagen: Borowski’schen Humor. So lernt Borowski beim Abendessen in Friedas Wohnung deren Mutter Constanze Jung kennen, eine Hippiefrau mit Wohnsitz Ibiza. Skeptisch fragt sie den Verlobten ihrer Tochter aus: „Und Sie waren schon immer Beamter, Klaus?“ Der kontert: „Nein, zuerst war ich Kind.“

Aber auch Korthals beweist einen gewissen Humor, als er Borowski gegrüßt: „Willkommen auf der dunklen Seite, mein Freund.“

Am Schluss muss man sich fragen, wie es mit Borowski als Kieler Ermittler weitergehen soll. Seinem Chef hatte er seinen Dienstausweis vor die Füße geworfen, ihn später sogar niedergeschlagen. Es ist Borowskis Kollegin Brandt, die es als erste begriffen hat, welches Spiel Borowski treibt und ihn bestaunend nur noch als eine „geniale Sau“ gezeichnet kann. Eines steht bereits fest: Klaus Borowski bleibt uns erhalten!

Und noch eines steht fest: Mit Borowski und Frieda Jung ist es zu Ende. Für sie war das alles einfach zu viel des Guten. Am Ende der Folge schauen sich Borowski und seine Frieda einen Rohbau an, sie wollten zusammenziehen – vor dem Korthals-Fall. „Da ist viel Raum für Kreativität und Entspannung. Die Lebensfreude springt einen hier ja an – finden Sie nicht?“, sagt die Klischee-Maklerin. „Ich glaube, es ist zu groß für uns“, sagt Borowski. Und meint damit mehr als die Immobilie.

siehe auch: spiegel.de/kultur/tv

Übrigens: Inzwischen wird spekuliert, ob es sogar eine 3. Kieler Tatortfolge mit ‚dem stillen Gast‘ geben könnte. Angeblich liegen entsprechende Pläne hierzu bereits vor.

Außerdem: Der 1000. Tatort ist bereits in Arbeit: „Taxi nach Leipzig“ hieß der erste ausgestrahlte Tatort aus dem Jahr 1970 – und genauso lautet auch der Titel der 1000. Episode. Damals ermittelte der NDR Kommissar Paul Trimmel alias Walter Richter, nun sind es die Ermittler Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Klaus Borowski (Axel Milberg). Zu sehen ist die Jubiläumsfolge in der ARD kommendes Jahr im Oktober, die ersten Szenen werden bereits gedreht – in Salzgitter und Braunschweig.

Tatort (007) aus Köln: Kressin stoppt den Nordexpress (1971)

Die Kriminalfilmreihe Tatort in der ARD gibt es nun schon seit fast 45 Jahren. Unter den ersten Folgen waren gleich drei, in denen der Zolloberinspektor Kressin (gespielt von Sieghardt Rupp) bundesweit ermittelte, so beispielsweise in Köln, Hamburg oder Bonn. Auch im angrenzenden Ausland war Kressin tätig, wie Lüttich in Belgien oder Kopenhagen in Dänemark.

Kressin tritt stets in smarter James-Bond-Manier auf, mit coolen Sprüchen und begleitet von hübschen Mädchen. Seinem Charme und Charisma können nur die wenigsten Damen widerstehen. Mit reichlich Haargel, lässiger Kleidung und sportlicher Figur stellt er sich allen Herausforderungen. Obwohl meist in Geldnöten, so ist Kressin nicht bestechlich.

Neulich lief die siebte Tatort-Folge von bisher über 950: Kressin stoppt den Nordexpress im hr-fernsehen. Dort werden jeden Samstagabend gegen 21 Uhr 45 zz. viele alte Folgen aus Deutschlands beliebtester Krimireihe wiederholt.

    Tatort – TV-Reihe der ARD (seit 1970)

Da ich ‚Tatort‘ von Anfang an kenne, interessierte mich natürlich diese Folge aus der Anfangszeit:

Die in Schweden gefassten Schwerverbrecher Brockhoff und Katolli werden in Begleitung der Kriminalbeamten Kaufhold und Markowski mit der Eisenbahn – genauer: dem Nordexpress über Kopenhagen und Puttgarden – von Malmö nach Deutschland überführt, erscheint ein Transport im Flugzeug doch hinsichtlich möglicher Befreiungsaktionen zu heikel. Genau dies jedoch führt der zwielichtige Gangsterboss Sievers im Schilde: Er hat in einem abgelegenen Anwesen eine erkleckliche Schar von Spezialisten zusammengezogen, die emsig die eisenbahntechnischen Aspekte zur Durchführung einer Befreiung der beiden proben: Das Führen einer Lokomotive, die Pflichten eines Zugführers, die Feinheiten des Zugpostfunks, sogar ein Speisewagenkellner ist zugange. Sie alle sollen in einer generalstabsmäßig geplanten Operation die Kontrolle über den Nordexpress erringen und ihn an einer dafür vorgesehenen Stelle auf freier Strecke zum Halten bringen – natürlich in einer Weise, die die restlichen Fahrgäste bis zur eigentlichen Befreiung ahnungslos lässt.

Unterdessen wird Zollfahnder Kressin, der die Ermittlungen in einem Fall von Porno-Schmuggel in Kopenhagen dazu nutzt, sich nebenher mit seiner Freundin Birgit zu vergnügen, von seinem Vorgesetzten dringend nach Köln zurückgerufen; auf dessen Anweisung gleichfalls per Bahn, da eine Flugreise kurzfristig nicht ohne weiteres verfügbar ist. Den letzten Ausschlag für die Bahnreise jedoch gibt eine blonde, junge Frau, die Kressin im Reisebüro auffällt, als sie eine Fahrkarte für den Nordexpress löst. Zufälligerweise sieht er dieselbe Frau später mit einem schweren Koffer aus einem Sex-Shop kommen. Im Zug arrangiert er einen Sitzplatz neben ihr im selben Abteil, ihr Koffer reist unbeobachtet im Nachbarabteil mit. Kressin, Hansdampf in allen Gassen, verwickelt natürlich umgehend Pernille, so der Name der jungen Frau, in ein Gespräch.


Tatort Folge 7: Kressin stoppt den Nordexpress (1971)
(Video bei youtube in besserer Qualität)

Also ganz in James-Bond-Manier überwältigt Kressin den falschen Lokführer und stoppt den Zug, damit die Polizei die Gangster verhaften kann. Und man wird es sich fast denken können. Der Koffer jener Pernille enthält Porno-Heftchen, die sie nach Deutschland zu schmuggeln gedachte (damals war das durchaus lukrativ). Kressin drückt natürlich ein Auge zu.

Kressin würde heute mit seiner Macho-Art wohl kaum bei Frauen landen, zu plump, zu abgeschmackt und sexistisch wirkt und ist das. So ist diese Folge aus dem Jahr 1971 durchaus auch ein Rückblick auf Verhaltensmuster der damaligen Zeit. Interessant sind vor allem aber die Einblicke in den Eisenbahnbetrieb der 1970er-Jahre. Es werden Aspekte der Stellwerks- und Zugleittechnik sowie des Fahrdienstes beleuchtet. Daneben sind der Eisenbahnfährbetrieb Rødby-Puttgarden und zahlreiche mittlerweile historische Lokomotiven und Reisezugwagen – wenngleich auch nicht immer in ganz stimmigen Zusammenstellungen – zu sehen.

Kressin (Sieghardt Rupp) mit Freundin Birgit (Gitte Hænning) im dänischen Pornoladen

Und der Auftritt der damals sehr populären, aus Dänemark stammenden Schlagersängerin Gitte Hænning zu Beginn des Films als Kressins Freundin Birgit zeigt, dass nicht erst heute Schlagersternchen, z.B. Roland Kaiser als Schlagersänger Roman König in einem Münster-Tatort – und demnächst die unsäglich atemlose Helene Fischer mit brünetter Perücke und Pistole im neuesteen Til-Schweiger-Tatort (Sendetermin 22. November 2015), die Plattform Tatort zu nutzen verstehen.

Wie auch immer: Sie war mehr amüsant als spannend diese in die Jahre gekommene Tatort-Folge, aber sie ist durchaus empfehlenswert für junge Tatort-Fans.

Tatort (957) aus Salzgitter (2015): Verbrannt

Die Macher der Tatort-Folge Verbrannt wurden sicherlich durch hehre Absichten geleitet, als sie eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 2005, den Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh aus Sierra Leone, der in Dessau in Polizeigewahrsam verbrannt ist, ins Tatort-Format überführten. Ort der Handlung ist Salzgitter, wo die Bundespolizisten Falke und Lorenz ermitteln. So sehr die Flüchtlingsthematik höchst aktuell ist, so sehr erweist sich die Verarbeitung zu einem Kriminalfilm als ziemlich ‚tückisch‘. Aber zunächst kurz etwas zum Inhalt:

    Tatort – TV-Reihe der ARD (seit 1970)

Graue Herbsttage. Die Ermittlungen in einer niedersächsischen Kleinstadt setzen Kommissar Falke gehörig zu. Zunächst prügelt er einen vermeintlichen Kontaktmann eines internationalen Schleuserrings krankenhausreif. Und als sich dann herausstellt, dass die Polizeiaktion ein einziges Missverständnis war und es sich bei dem Schwarzafrikaner um einen unbescholtenen Asylbewerber handelt, ist dieser bereits tot – verbrannt in seiner Zelle. Das schlechte Gewissen sitzt dem Kommissar im Nacken. Obwohl die Bundespolizei nicht zuständig ist, will Falke unbedingt die Klärung der Todesursache selbst in die Hand nehmen. Ganz zum Leidwesen von Katharina Lorenz: Der Gewaltausbruch ihres Kollegen bei der Festnahme hat bei ihr Spuren hinterlassen. Als sie Falke später mitteilt, dass sie den Polizeidienst quittieren wird, reagiert er zunächst fassungslos. Der eigene Ausraster, ein Polizeipräsidium, in dem mal eben über Nacht ein Mann unter mysteriösen Umständen zu Tode kommt und alle Kollegen dicht halten – und dann auch noch das! Es sind die Tage um den 3. Oktober – aber Deutschland zu feiern, dafür gibt es keinen Grund. In diesem Nest stinkt es gewaltig. (Quelle: tittelbach.tv)


Tatort (957) aus Salzgitter (2015): Verbrannt

Diese Tatort-Folge entpuppt sich am Ende als ein Fall von institutionellem Rassismus. Der Leiter der Polizeidienststelle hat seine Beamten (die Jungs, die „den Dreck wegmachen“ müssen) zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammengeschweißt, aus der ein Entkommen unmöglich ist. Es herrscht eine geradezu klaustrophobische Stimmung, die im Film sehr gut wiedergegeben wird. Dabei bleiben die Probleme des Einzelnen nicht unberücksichtigt. Eine junge Beamtin (überzeugend gespielt von Annika Kuhl) ist endlich bereit, eine Aussage zu machen, doch dann verlässt die allein erziehende Mutter der Mut.

Da die Handlung ziemlich begrenzt ist, bleibt Zeit, „die Befindlichkeiten der Kommissare hinreichend auszuloten.“ „Tückisch“ ist dabei, es soll ja eben ein Tatort-Krimi sein und bleiben, dass falsche Fährten (z.B. die Tür hinter dem erst kürzlich bewegten Schrank) gelegt werden. Auch die Auflösung mit dem zugespielten Video erweist sich als mehr oder weniger konstruiert. Aber es bleibt trotzdem ein „Film, der eine klare Haltung bezieht, es sich aber nicht zu einfach macht. Ein stimmungsstarker, dokumentarisch wirkender ‚Tatort‘, ganz aus der Perspektive der Kommissare erzählt“, sodass der Zuschauer nicht wie oft üblich meist mehr weiß als die Ermittler.

Übrigens berührt auch der nächste Tatort Kollaps, der am Sonntag (18.10.2015) aus Dortmund kommt, die Flüchtlingsfrage, die wir so schnell nicht beantwortet bekommen werden.

Tatort (600) aus Bremen: Scheherazade (2005)

Es sind jetzt 14 Jahre her, dass sich die Terroranschläge vom 11. September ereigneten. Vier Jahre danach wurde in der ARD die Tatort-Folge (600) Scheherazade ausgestrahlt, die diese Anschläge thematisierte.

Zu den Anschlägen vom 11. September haben sich viele Verschwörungstheorien entwickelt. Deren Vertreter gehen meist davon aus, dass die US-Regierung und/oder ihre Geheimdienste die Anschläge wissentlich zugelassen oder selbst durchgeführt haben. Eine dieser Theorien, nämlich die These von einer „kontrollierten Sprengung“ (controlled demolition) der eingestürzten WTC-Gebäude mit heimlich platzierten und gezündeten Explosivstoffen, ist Ausgangspunkt der Tatort-Folge aus Bremen mit den Ermittlern Inga Lürsen und Nils Stedefreund. Hinzu kommt, dass mehrere der Attentäter zuvor in Hamburg lebtenund dort zu einer Gruppe islamistischer Studenten an der Technischen Universität Hamburg-Harburg gehörten. Sie sollen nach Zeugenaussagen dort als „Hamburger Terrorzelle“ seit Frühjahr 1999 die Anschläge auf das WTC und das Pentagon zu planen begonnen haben.

    Tatort – TV-Reihe der ARD (seit 1970)

Völlig verängstigt taucht eine junge Frau im Kommissariat von Inga Lürsen und Stedefreund auf. Nach einer langen Nacht, kurz bevor ein Täter endlich gestehen will, platzt sie mitten in das Verhör. Der Täter schweigt wieder.

Hauptkommissarin Inga Lürsen ist genervt und müde. Manu berichtet von einem brutalen Mord an ihrem Freund, aber Inga Lürsen glaubt ihr nicht. Für sie ist Manu eine Märchenerzählerin wie Scheherazade. Bereits vor Jahren hat sie Manu mit einem Geständnis überführt, für Totschlag im Drogenmilieu, und schon damals erzählte Manu oft Geschichten und nur selten die Wahrheit. Aber Manu lässt nicht locker, sie beharrt darauf, dass ihr Freund in den Terror um den 11. September verwickelt war. Nur Stedefreund – fasziniert von dieser Frau – ist bereit, sich auf ihre Behauptungen einzulassen. Er überredet Inga Lürsen, gemeinsam mit Manu zu der Wohnung zu fahren, in der die Leiche liegen soll; doch die Kommissare finden nichts – keine Leiche, keine Spuren, keinerlei Hinweise auf Manus Geschichte. Aber Stedefreund will der Geschichtenerzählerin glauben.

Nur für Inga scheint der Fall ganz klar, bis plötzlich ihre alte Liebe auftaucht, und dann muss auch sie sich für eine Wahrheit entscheiden.


Tatort (600) aus Bremen: Scheherazade (2005)

Nun die Tatort-Serie beschäftigt sich immer wieder mit aktuellen Themen. So wagte man sich in Bremen gut drei Jahre nach den Ereignissen vom 11.09.2001 an den brisanten Stoff. Christian Jeltsch schrieb das Buch. Er zeichnete auch für andere Vorlagen mit aktuellen politischen Motiven verantwortlich. Regie führten Peter Henning und Claudia Prietzel. Erwähnenswert ist auch die hervorragende Kameraarbeit von Ngo The Chau, der hierfür den Deutschen Fernsehpreis 2005 (Beste Kamera) und den Deutschen Kamerapreis (Fernsehspiel) bekam.

Am Ende bleibt dieser Fall zwangsläufig ungeklärt. Auch von dem Toten gibt es keine Spur. Aber der Zuschauer weiß, dass hier ‚höhere Interessen‘ eine Rolle spielen. Was als Zufall erschien, war von langer Hand geplant. Natürlich ist alles Fiktion. Aber wie die Wirklichkeit aussieht, wissen nur die wenigsten.