Archiv für den Tag: 23. März 2011

Enter the Void

Enter the Void ist ein französischer Spielfilm aus dem Jahr 2009. Gaspar Noé schrieb das Drehbuch und führte Regie.

„Nach dem Unfalltod ihrer Eltern haben Oscar (Nathaniel Brown) und Linda (Paz de la Huerta) sich geschworen, immer und ewig zusammen zu bleiben. Jahre später schlägt Oscar sich in Tokio als Drogendealer durch und spart, um für die Nachreise seiner Schwester aus den Staaten aufkommen zu können. Dass diese – endlich in Tokio angekommen – in einem Striplokal jobbt und mit ihrem Boss schläft, lässt erste Risse durch das innige Verhältnis laufen. Einmal noch stehen die Geschwister auf dem Balkon von Oscars düster-chaotischem Apartement und blicken gemeinsam ins Neon-Zwielicht Tokios. Dann begibt sich der junge Mann auf einen Trip, der ihn jenseits aller leiblichen Grenzen führen wird und der in seinem Bett beginnt. Dort halluziniert er sich auf Dimethyltryptamin (kurz: DMT) durch die Nacht, bis sein Kumpel Alex (Cyril Roy) auftaucht und ihn zum Treffpunkt eines Deals navigiert. Gerade eben noch kann der zugedröhnte Oscar den hastigen Schritten seines Freundes und dessen Ausführungen zum tibetanischen Buch der Toten folgen – dann kommt es zur Katastrophe. Die Spelunke „The Void” erweist sich als Falle und kurz darauf sinkt Oscar von Polizeikugeln durchbohrt zu Boden. Während sein Körper zurückbleibt, erhebt sich seine Seele zur transzendentalen Odyssee…“

aus: filmstarts.de


Enter the Void – deutscher Trailer (siehe auch HD-Version)

Letzten Freitag traf sich meine Frau mit ‘ihren Damen’ zu einer Tupper-Party. Und meine beiden Söhnen waren bei einem Freund zur LAN-Party. Ich hatte also ‚sturmfreie’ Bude – und nutze den Abend, mir den Film Enter The Void (Limited Edition) (inkl. DVD) [Blu-ray] anzuschauen.

Regisseur Gaspar Noé sorgt mit diesem Film einmal nicht für einen Skandal, auch wenn dieser Film nicht gerade gewaltfrei zu nennen ist. Man könnte ihn unter das Motto „Sex and Drugs and … Tibetisches Totenbuch“ stellen. Das ist eine etwas merkwürdige Mischung, sicherlich, aber es trifft den Kern des Films. Und es ist ein Film aus drei ‚subjektiven Perspektiven’. Zunächst erleben wir den Film aus der Sicht von Oscar, den einen Protagonisten des Films. Die erste halbe Stunde des Films ist in Echtzeit, also ohne Schnitt gedreht – bis auf die Momente, in denen Oscar blinzelt und die durch so genannte Hypercuts imitiert werden und der minutenlangen DMT-Ekstase, einem pulsierenden Fraktalgebilde, das in diesem Zusammenhang an Mandala-ähnliche Gebilde erinnert.

Nachdem Oscar erschossen wurde, wechselt die Sicht. Oscar bzw. Oscars Geist (und damit der Zuschauer) sieht sich jetzt von hinten und steht so dem Zuschauer gewissermaßen im Weg. Zuletzt „löst sich die Kamera vom Kadaver und gleitet schwerelos in die Nacht, durchdringt Materie und folgt den Hinterbliebenen.“ Es beginnt eine körper- und schrankenlose Reise meist mit einer Sicht aus der Vogelperspektive, ob nun in Räumen oder über die neon-beleuchteten Stadt Tokio. Diese Reise ähnelt stark dem Zwischenzustand des Werdens aus dem Tibetisches Totenbuch: Das persönliche Karma und die Taten des Lebens Oscars werden durchlebt. Und es ist eine „bewusst ermüdende Irrfahrt zwischen Tod und Wiedergeburt, bis endlich ein Wiedereinstiegspunkt gefunden ist.“ Zuletzt erleben wir Oscars Wiedergeburt durch seine Schwester.

Also ein buddhistischer Film? Nach buddhistischer Lehre ist das Leben Leiden. Und die Protagonisten dieses Films leiden. Eine bedrückende Atmosphäre lastet auf dem Film. Ziel des Buddhismus ist es, den vermeintlichen Kreislauf der Wiedergeburten zu durchbrechen, um in das Nirwana einzutreten. Nirwana als das „Verlöschen“ oder als Eintritt in die „Leere“. Enter the Void?

Enter the Void ist nichts für müde Augen und müde Geister. Schon die eröffnenden Credits als nahezu unleserliche, hysterische Collage aus Farben und Schrifttypen gehen gewaltig auf die Augen. Dafür entschädigen die Kamerafahrten über ein bonbonfarbenes Tokio nur wenig. Sehr explizit ist manche Sexszene. Gaspar Noé entfaltet einen sehr eigenwilligen, atemberaubenden Stil, der manchem Zuschauer schon früh den Nerv rauben wird. Und doch fesselt der Film, wenn man sich auf ihn einlässt. Ein filmisches Halluzinogen mit spiritueller Verbrämung? Ohne Zweifel hat der Film eine Nachhaltigkeit, die jedem so genannten Blockbuster abgeht.