Archiv für den Tag: 13. September 2011

Ernst Deutsch Theater: Friedrich Dürrenmatt – Die Physiker

Es ist schon eine finstere Komödie des finstersten Komödienschreibers (Dürrenmatt über sich selbst): Die Physiker. Eine Komödie in zwei Akten, die noch bis zum 24.09. am Ernst Deutsch Theater läuft.

Ensemble des Ernst Deutsch Theaters (aus dem Programmheft)
Ensemble des Ernst Deutsch Theaters (aus dem Programmheft)

Möbius: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“
(s. 85 – Diogenes – Neufassung 1980 – Copyright 1998)

Das ist wohl die Kernaussage aus Friedrich Dürrenmatts Komödie Die Physiker, die ich am letzten Freitag mit dem älteren meiner Söhne und seinem Freund in Hamburg angeschaut habe (siehe auch meinen Beitrag: Wiederaufgeführte Stücke: Friedrich Dürrenmatt – Die Physiker). Das, was wir wissen, lässt sich nicht mehr aus dieser Welt räumen. Das Wissen um die Atomkraft, das Know-how um den Bau einer Atombombe ist dokumentiert und unwiderrufbar. Gerade durch die Nuklearkatastrophe von Fukushima ist Dürrenmatts Stück wieder aktueller als je zuvor. Neuester ‚Zwischenfall’: Die Explosion eines Ofens für radioaktive Abfälle in der französischen Atomanlage in Marcoule.

Eintrittskarte Ernst Deutsch Theater
Eintrittskarte Ernst Deutsch Theater

Personen (mit den Darstellern vom Ernst Deutsch Theater):

Fräulein Dr. Mathilde von Zahnd – Irrenärztin (Cornelia Kempers)
Marta Boll – Oberschwester (Karen Friesicke)
Monika Stettler – Krankenschwester (Johanna Freyja Iacono-Sembritzki)
Uwe Sievers – Oberpfleger (Ralph Sporleder)
McArthur – Pfleger (—)
Murillo – Pfleger (Oliver Warsitz)
Herbert Georg Beutler, genannt Newton – Patient (Günter Schaupp)
Ernst Heinrich Ernesti, genannt Einstein – Patient (Konstantin Graudus)
Johann Wilhelm Möbius – Patient (Christoph Tomanek)
Missionar Oskar Rose (Oliver Warsitz)
Frau Missionar Lina Rose (Jessica Kosmalla)
Adolf-Friedrich – Kind von Lina Rose bzw. J. W. Möbius (Ben Münchow)
Wilfried- Kaspar – Kind von Lina Rose bzw. J. W. Möbius (Mischa Warken/Niclas Löwendorf)
Jörg-Lukas – Kind von Lina Rose bzw. J. W. Möbius (Jesko Kosmalla/Simon Friesicke)
Richard Voß – Kriminalinspektor (Hartmut Schories)
Guhl – Polizist (—)
Blocher – Polizist (Pascal Pawlowski)
Gerichtsmediziner (—)

Regie: Wolf-Dietrich Sprenger
Ausstattung: Achim Römer
Musik: Christoph Iacono

Ort: Salon einer bequemen, wenn auch etwas verlotterten Villa des privaten Sanatoriums ‚Les Cerisiers’. – Nähere Umgebung: Zuerst natürliches, dann verbautes Seeufer, später eine mittlere, beinahe kleine Stadt.

aus dem Kladdentext zum Buch:
„Dürrenmatt hat versucht, die paradoxe Situation darzustellen, in die das fortgeschrittenste Wissen, das der Kernphysik, geraten ist. Es gilt uns als Gipfel menschlicher Erkenntnis. Seine Formulierung hat auch die Hinrichtung der Welt möglich gemacht. Was machen die Entdecker, wenn sie Verantwortung für die Welt spüren? Gibt es Bewahrung der Welt vor dem Wissen? Bewahrung des Wissens vor dem Zugriff der Macht? Die Lösung der Frage führt – auf das Theater. Zum Versteckspiel, zur Maskerade.

Dürrenmatts Kernphysiker Möbius, der Entdecker der furchtbaren Formel, flüchtet, seine Familie preisgebend, ins Irrenhaus. Er spielt Irrsinn, er fingiert die Heimsuchung durch den Geist Salomos, um das, was er entdeckte, als Produkt des Irrsinns zu diffamieren. Maskerade wird da zu einem moralischen Akt.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Dürrenmatt führt seine Geschichte mit unerbittlicher Konsequenz zu einem Ende, welches die Türen dieses Irrenhauses aufsprengt, tödlich gefährdenden Explosionsstoff aus den eben noch schützenden Mauern entläßt in eine schutzlos preisgegebene Welt, und kein Zuschauer entzieht sich tiefster Betroffenheit. Was Dürrenmatt hier aus den Maskierungen gewinnt, wie er etwa das Geigenspiel Einsteins einsetzt, wie er die Positionen fortlaufend vertauscht: das ist nicht nur virtuos, es ist einzigartig. Dürrenmatts Komödie ‚Die Physiker’ wird im Theaterleben der Gegenwart Epoche machen.“ Irma Voser / Neue Züricher Zeitung

Die Aufführung der Komödie hat uns übrigens allen drei sehr gut gefallen. In der theatralischen Überspitzung überzeugt das Stück – live auf die Bühne gestellt – mehr als der reine Lesestoff zu Hause.

Was schrieb Dürrenmatt in seinen 21 Punkten zu diesem Stück?
(16) Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen.
(17) Was alle angeht, können nur alle lösen.