Grainau 2017 (4): Der Serpentinen-Sisyphos

Während unseres Weihnachtsurlaubs 2017 in Grainau wollten wir am 26. Dezember die Partnachklamm besuchen. Von dem Olympia-Skistadion mit der großen Olympiaschanze führt eine Straße entlang dem Gebirgsfluss Partnach bis zur Klamm. Eine Klamm ist ein im Festgestein eingeschnittenes, schmales Tal und bezeichnet eine besonders enge Schlucht im Gebirge mit teilweise überhängenden Felswänden. Durch die Überhänge ist die Breite des Tals in der Höhe teilweise geringer als am ganz vom Fluss oder Bach ausgefüllten Talgrund.

Eingang zur Partnachklamm – 26.12.2017 © Jan Albin
Eingang zur Partnachklamm – 26.12.2017

Leider war die Partnachklamm wegen Eisbruchs geschlossen. Schade, denn gerade im Winter ist es ein besonderes Erlebnis, durch eine mit Eis bedeckte Klamm zu gehen. So entschlossen wir uns, mit der Graseckbahn, die nur wenige Meter vom Eingang zur Klamm entfernt startet, hoch zum Forsthaus Graseck zu fahren. Von rund 750 m kamen wir so in wenigen Minuten in kleinen Kabinen auf gut 900 m Höhe.

Und ich ahnte es schon: Meine Lieben wollten weiter zum Berggasthof Eckbauer, der auf 1236 m Höhe liegt. Die Strecke waren wir vor 10 Jahren schon einmal gegangen. Im Sommer und in entgegengesetzter Richtung!

Bergan zum Berggasthof Eckbauer – 26.12.2017 © Jan Albin
Bergan zum Berggasthof Eckbauer – 26.12.2017

Es ging also bergan eine Serpentine hoch, auf einem schlangenförmig in mehreren engen Kehren angelegten durch Eis sehr glatten Weg am Berghang entlang. So wurden aus den 336 m Höhenunterschied ein Vielfaches an Laufstrecke. Eine Kehre nach der anderen. Dachte ich, wir hätten gleich den Gipfel des Berges erreicht, wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Wenigstens gab es dann ab und wann eine Bank zum Verschnaufen.

Pause auf dem Weg zum Berggasthof Eckbauer – 26.12.2017 © Jan Albin
Pause auf dem Weg zum Berggasthof Eckbauer – 26.12.2017

Und weiter ging’s. Kehre folgte auf Kehre. Ich begann die Kehren rückwärts zu zählen: Noch sind es höchstens zehn, dann neun, dann acht. War ich bei null, da sah ich: da kommen noch jede Menge weiterer Kehren. Ich fühlte mich irgendwie wie Sisyphos, der als Strafe der Götter endlos einen Felsblock einen steilen Hang hinaufzurollen hatte. Ihm entglitt der Stein jedoch stets kurz vor Erreichen des Gipfels und er musste immer wieder von vorne anfangen. Für mich war eine solche Kehre der Gipfel.

Albert Camus schrieb in seinem philosophischen Essay Der Mythos des Sisyphos: „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ – Liebster Camus, das Leben ist absurd und vieles so sinnlos. Es ist sicherlich schön, eine Aufgabe zu haben, wenn sie uns auch endlos zu sein scheint. Aber Glück ist das nicht. Ich kam mir wie ein Serpentinen-Sisyphos vor. Und noch eine Kehre, eine Kurve, die mir ein neues Teilstück eines steinigen, jetzt eisbedeckten Pfades offenbarte.

Berggasthof Eckbauer – 26.12.2017 © Lukas Albin
Berggasthof Eckbauer – 26.12.2017

‚Glücklich‘ war ich erst, als das Ziel, der Berggasthof Eckbauer, erreicht war. Klar, hier gibt es eine schöne Rundumsicht. Und stärken kann sich der müde Wanderer hier auch. Um ehrlich zu sein: ich war erst wirklich froh, als ich in einer der 75 halboffenen 2er-Gondeln der Eckbauerbahn saß, die mich in 14 Minuten zurück nach Garmisch-Partenkirchen (Talstation gleich neben dem Olympia-Skistadion) brachte.

Damit war ich mit meinen Lieben wieder am Ausgangspunkt angelangt. Drei Tage später ging es noch einmal zum Berggasthof Eckbauer mit der Eckbauerbahnbahn hoch. Und eine Wanderung gab es auch. Während meine Söhne die Eckbauerabfahrt zum Rodeln benutzten, schnallten sich meine Frau und ich Schneeschuhe, die wir in der Touristeninformation in Grainau ausgeliehen hatten, unter die Wanderstiefel. Leider gibt es von unserer Wandertour bergab durch den verschneiten Wald keine Bilder. Ich darf aber bestätigen, dass es richtig Spaß gemacht hat. Am Ende also doch noch ein glücklicher Mensch, dieser Serpentinen-Sisyphos.

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!

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