Martin Walser: Das Einhorn

Mit dem Roman Das Einhorn – dem zweiten Teil der Trilogie Anselm Kristleins, die mit dem “Sturz” abgeschlossen wurde – hat Martin Walser einen Liebesroman und gleichzeitig dessen Entstehungsgeschichte geschrieben. Der Vertreter und Werbefachmann Anselm Kristlein aus der Halbzeit ist Schriftsteller geworden. Er erhält den Auftrag, ein Buch über die Liebe zu schreiben. Sich selbst macht er zum Helden des Romans. Die literarische Erinnerung wird ihm zur Reise in die Wirklichkeit: Tätigkeiten, Orte und Personen aus seiner Vergangenheit tauchen auf. Vor allem aber Frauen, die ihn von sich selbst ablenken, die seine Erwartung, das Einhorn, übermächtig werden lassen.

Manches Buch, hält man es erst einmal in Händen, lässt einen so schnell nicht wieder los. So ist es mir mit Walsers Einhorn geschehen, dessen ca. 380 Seiten ich in diesen Tagen zum bereits vierten Mal gelesen habe. Dabei ist es gar nicht so ‚leicht’ zu lesen – und dank vieler Randnotizen, die ich mir bereits beim ersten Lesen gemacht hatte, kommt man durch den bildungsbürgerlichen Wörterdschungel deutlich schneller voran (bei manchen Worterklärungen musste ich fast lachen, zeigen sie mir auf, wie sehr sich der eigene Wortschatz im Laufe der Jahre geweitet hat). Und & aber auch: Es ist eines der wichtigsten Bücher meines Lebens.

War es im ersten Teil, Halbzeit, noch die (göttliche) ‚Mieze’, die Anselm Kristlein oft am Gängelband hielt, so ist es jetzt das ‚Einhorn’, sind es die ‚Erwartungen’, die den Romanhelden in vielerlei erotisch-exotisch-sexuelle Abenteuer führen (Anselms Einhorn ist immerhin ‚alkohollöslich’). War ‚Halbzeit’ ein Roman aus der Zeit Ende der fünfziger Jahre, so stehen wir mit ‚Einhorn’ am Anfang der 60er. „’Das Einhorn’ erschien 1966 im Suhrkamp Verlag; mein Exemplar ist das Suhrkamp taschenbuch 684 – 1. Auflage 1981 (Die Anselm Kristlein Trilogie – zweiter Band: Das Einhorn).

Jetzt könnte man darangehen und schauen, was sich im Laufe der fast 50 Jahre im Bezug auf ‚Liebe’, Sexualität und Partnerschaft geändert hat. Das ist sicherlich viel. Aber – wenigstens aus meiner Sicht – bezogen auf diesen Roman: eigentlich nichts. Wenn auch keiner heute mehr so schreibt, wie Walser damals geschrieben hat, das Buch ist auch heute noch ‚modern’, also zeitgemäß … oder ich bin altmodisch (kann ja auch sein): Denn in vielem erkenne ich mich wieder, was Walser da schreibt. Das heißt nicht, dass ich, wie Anselm Kristlein es tut, meine Frau betrüge. Aber was dem guten Anselm so durch den Kopf geht, könnte gut auch durch meinen Kopf gehen. So sind wir Männer nun mal (Manchmal frage ich mich heute allerdings, ob ich so bin, wie ich bin, weil ich früh schon das Buch gelesen habe, oder ob ich so bin, weil ich auch ohne Buch so wäre … Avete capito?).

Nun aus Anselm Kristlein ist ein Schriftsteller geworden. Und da sein Roman (analog der Roman ‚Halbzeit’) mehr Wirklichkeit als Fiktion enthält, Anselm auch ungern reale Namen zu ändern gedachte, sahen sich er und seine Familie geradezu genötigt, einen Wohnungswechsel vorzunehmen. So sind die Kristleins von Stuttgart nach München in die Marsstraße gezogen.


München: Marsstraße – Größere Kartenansicht

Hier ernährt er seine Familie u.a. durch Vortragsreisen (Themen: 1. Familie, Jagdwild der Werbung. 2. Werbung: Information oder Psychagogik? 3. Verdirbt das Image die Politik? 4. braucht Gott public relations?) und Auftritten bei Podiumsdiskussionen (Unterschied zu heute: die Diskussionen finden im Fernsehen statt). Er wird so zum Fachmann für Schicksalsfragen. Bis er eines Tages den Auftrag erhält, ein Buch über die Liebe zu schreiben. Auftraggeberin: Melanie Sugg, Schweizerin, Herausgeberin erotischer Literatur, Propagandistin einer „Neuen Sittlichkeit“. Was soll das denn sein? Ein Sachroman. „Nichts Erdachtes, etwas Genaues (öppis Gnaus), nach dem Leben …“ (S. 75 meiner Ausgabe) … und Anselm Kristlein als Held!

Um ungestört an diesem Buch arbeiten zu können, vermittelt die Verlegerin Anselm Kristlein eine Unterkunft in einem Gästehaus am Bodensee, das zu einer Villa des Industriellen Blomich gehört. Aber zur Ruhe findet er hier natürlich nicht. Manches amouröse Abenteuer bahnt sich an. Bei einem Fest, zu dem neben Kristlein viele illustre Gäste geladen sind, will Blomich seine gerade einmal 23-jährige Freundin Rosa vorstellen, gewissermaßen ‚in die Gesellschaft’ einführen. Man kann sich denken, dass Kristleins Tour d’Amour bei dieser Rosa nicht endet.

Bemerkenswert sexistisch (oder nicht?) ist, wie Martin Walser manches dieser Abenteuer sprachlich verarbeitet und z.B. Anselm klassifizieren lässt: Da gibt es den „Typ Nummer Eins: Große Erstickerin. Die Frau, die gacksend in die Binsen geht. Drucksend die Augen verdreht. Stumm schreiend die Kiefer aufklappt. …“(S. 198). Oder: „Rosa, mit Deinen Schreilauten bleibst Du für immer die größte Vokalistin, begründest mir den Typ Zwei: die Schreierin.“ (S. 209) Wie das geht? Man lese es selbst …

Orli Laks aus dem Roman „Das Einhorn“, Anselm Kristleins große Liebe
aus: Martin Walser: Leben und Schreiben: Tagebücher 1963-1973
Orli Laks aus dem Roman „Das Einhorn“, Anselm Kristleins große Liebe

Durch einen Beinaheunfall beim Segeln auf dem Bodensee lernt Anselm Kristlein dann die junge Niederländerin Orli Laks lernen, die mit ihrem Freund Urlaub auf einem Zeltplatz am Bodensee macht. Ihr Auftritt ist für unseren ‚Held’ eine ‚Erscheinung’: „Dann muß ihn um 11 Uhr 59 das Bewußtsein verlassen haben. Es ist mir auch unbekannt, ob er seitdem das Bewußtsein wieder erlangte.“ – „… der Film ist stehen geblieben, … das Bild zittert und ruckt, der Ton ist verstorben …“ (S. 285).

Später nach Wochen des Zusammenseins mit ihr prüft Anselm seine Erinnerung, prüft, was von jener Orli noch übrigblieb. Das Schreiben bestätigt den Verlust, die verlorene Zeit bleibt verloren. Und die Suche nach „Wörtern für Liebe“ gerät zum Nachruf auf das Unwiederbringliche – einer natürlichen Form des Liebesromans.

Die Zeit mit Orli (ihr Freund ist sang- und klanglos abgereist) ist für Anselm eine Zeit der Anfechtungen, aber „ihm genügt es, mit Dir herumzulaufen. Am liebsten barfuß. Am liebsten durch Gras.“ (S. 325) Und doch genügt das nicht. Wer Anselm Kristlein aus ‚Halbzeit’ kennt, ahnt schnell, dass es mit Orli nicht gut gehen kann. Schon ist von Heirat die Rede (dabei ist Anselm ja verheiratet und hat fünf Kinder), bis … ja bis Orli wohl selbst erkennt, dass es so nicht weitergehen kann und Anselm über Nacht, während er schläft, verlässt.

Zurück bleibt ein geschlagener Held, ein Antiheld, der in die Arme seiner Familie heimkehrt. Und noch eins: „Nicht Erstickerin, nicht Schreierin, Orli ist Stöhnerin. Wehmutterhaft. Innig. Und klagend. Stöhnerin Orli …“ (S. 376). Und was wird aus Orli? Aus Orli Diana Laks wird am 3. Januar 1963 eine Mrs. Booty in Cambridge (Massachusetts).

Was für ein Buch – für damalige Zeiten (1966)! Ein Liebesroman? Vielleicht zu einem Teil, zum anderen schildert es die Wege und Irrwege auf der Suche nach Liebe in einer Gesellschaft, die vom Erfolgs- und Gewinnstreben geprägt ist und in der sich für die Liebe keine Sprache mehr finden lässt: Der Protagonist Anselm versucht vergeblich, ein Buch zu schreiben über eine Liebe, die dieses Gesellschaftssystem sprengt. Oder wie Urs Jenny auf der Rückseite des Bucheinbandes schreibt: „’Das Einhorn’ ist ein witzig ironisches und glaubhaft pathetisches Buch über die Liebe.“

Übrigens wurde der Roman 1978 durch den österreichische Regisseur Peter Patzak mit Peter Vogel und Gila von Weitershausen als Ehepaar Kristlein verfilmt (als DVD Das Einhorn erhältlich).


Miniausschnitt: Das Einhorn – Regie: Peter Patzak – mit Peter Vogel (Anselm) + Lucie Visser (Orli)

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!

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