Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm

Jedes Kind in Deutschland kennt sie, die Märchen der Gebrüder Grimm. Und so lange es noch die Deutsche Mark (DM) als Zahlungsmittel gab, waren sie heißbegehrt, denn sie zierten den 1000-DM-Schein. Jacob und Wilhelm Grimm waren aber nicht nur Sammler von Märchen, sondern taten sich besonders als Sprachwissenschaftler hervor. Das Deutsche Wörterbuch von ihnen ist zwar nicht wie Märchenbücher und Duden in vielen Haushalten zu finden, dafür ist es einfach mit 33 Bänden zu umfangreich (und selbst im Taschenbuchformat mit 30 kg reichlich schwer – außerdem kostet das Werk rund 500 Euro), aber für einen deutschen Philologen bzw. Germanisten unentbehrlich. Sicherlich gibt es aber auch darüber hinaus Interessierte.

Gebrüder Grimm

Das Internet macht es möglich, denn das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm ist natürlich auch online aufzublättern. Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Werk – zum Schlagwort Märchen:

MÄRCHEN, n. kleine mär, kleine erzählung: fabula mergin DIEF. 221b.
1)  das wort schlieszt sich zunächst, wie seine in der schriftsprache ältere schwesterform märlein (s. d.) an mär in der bedeutung 2 an, als im gegensatz zur wahren geschichte stehend: mährchen, welche allen völkern in ihrer kindheit die wahre geschichte ersetzen und sie zu kriegerischen thaten begeistern. SCHLOSSER weltg. 4, 492; und zu wahrheit selbst:

auch für ein liebend herz ist die gemeine
natur zu eng, und tiefere bedeutung
liegt in dem mährchen meiner kinderjahre,
als in der wahrheit, die das leben lehrt.
         SCHILLER Piccol. 3, 4.
2)  mährchen, in allgemeinster bedeutung, eine kunde, nachricht, die der genauen beglaubigung entbehrt, ein bloszes weiter getragenes gerücht:
[…]

3)  mährchen auch von einer person als gegenstand einer solchen erzählung:
[…]

4)  mährchen, in schärferem sinne, für etwas bewust gelogenes, erfundenes: was für mährchen plaudern sie mir denn da? LENZ 1, 223; wärme mir einer das verdroschne mährchen von redlichkeit auf, wenn der bankerott eines taugenichts und die brunst eines wollüstlings das glück eines staats entscheiden. SCHILLER Fiesko 1, 3; kalte pflicht gegen feurige liebe! und mich soll das mährchen blenden? kab. u. liebe 3, 4; aber auf die länge kann dieses mährchen nicht halten. GÖTHE 14, 144;
[…]

was singst du hier für heuchelei
von lieb und stiller mädchentreu?
wer mag das mährchen hören!
         GÖTHE 1, 214; 
[…]

 als komödie gedacht: meine frau ist verwegen genug, das mährchen, so lang es nur gehen will, durchzuspielen. GÖTHE 14, 218.
5)  mährchen ferner für ein bloszes phantasiegebild, eine einbildung dessen was sein oder geschehen könnte: wundersam bin ich beunruhigt, zwischen schuld und neugier; ich mache mir hundert grillen und mährchen was alles daraus erfolgen könnte. GÖTHE 23, 19;
[…]

6)  mährchen, für eine mit dichterischer phantasie entworfene erzählung:

ich will euch erzählen ein mährchen, gar schnurrig.
         BÜRGER 66a (der kaiser und der abt);
besonders eine erzählung aus der zauberwelt: er war ein ungemeiner liebhaber von mährchen und wundergeschichten. WIELAND 11, 73;
[…]

mährchen, noch so wunderbar,
dichterkünste machens wahr.
         GÖTHE 1, 175;

das buch, das buch voll mährchen und geschichten.
         FREILIGRATH dicht. 2, 178;
kinder mit mährchen abspeisen; und daher, mit anspielung auf den sinn 4 oben:

nicht die kinder blos, speist man
mit mährchen ab.
         LESSING 2, 275;

7)  mährchen endlich auch von personen, zuständen und handlungen einer solchen erzählung: es war, als wenn er ein mährchen erlebte. GÖTHE 20, 154;  [usw.]

aus: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 16 Bde. [in 32 Teilbänden]. Leipzig: S. Hirzel 1854-1960. — Quellenverzeichnis 1971.

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!