Umberto Eco: Der Friedhof in Prag

Der neue Eco ist auf dem Markt. Der neue Roman von Umberto Eco heißt Der Friedhof in Prag und handelt von der ‚Entstehungsgeschichte’ der „Protokolle der Weisen von Zion“ – das wahrscheinlich weitest verbreitete Buch der Welt nach der Bibel … -, die Grundlage einer angeblichen Weltverschwörung der Juden sind. Adolf Hitler bezog sich als Rechtfertigung für die so genannte Endlösung der Judenfrage auf diese Protokolle – und auch die Hamas beruft sich auf diese in Artikel 32 ihrer Charta, um ihren Kampf gegen Israel zu begründen.

Nun Verschwörungstheorien, welcher Art auch immer, sind bei Eco nicht neu. In „Der Name der Rose“ geht es um ein Exemplar des verlorengegangenen „Zweiten Buches der Poetik“ des Aristoteles, in dem die Komödie behandelt wird (nach der Tragödie im ersten), ein für das Christentum gefährliches Buch, denn „Lachen töte die Furcht, ohne die es keinen Glauben geben könne. Wer den Teufel nicht mehr fürchte, brauche keinen Gott mehr: dann könne man auch über Gott lachen.“

In „Das Foucaultsche Pendel“ werden gleich verschiedenen Verschwörungstheorien kombiniert. Es geht um Tempelritter, Kabbalisten, den Heiligen Gral und um ein Dokument, das „einen Geheimplan der Tempelritter enthalte, mit dem sie erstens die Weltherrschaft erringen und sich zweitens für all das Unrecht rächen wollten, das sie bei der Auflösung des Ordens zu Beginn des vierzehnten Jahrhunderts erlitten hätten.“

Und in „Baudolino“ spielt neben der Legende vom Reich des Priesters Johannes der Heilige Gral auch eine gewisse Rolle – und damit die Vorstellung von Unsterblichkeit und Macht. Legenden und Verschwörungen allenthalben.

Zurück zum neuen Werk von Umberto Eco: Im Roman ist von einer Versammlung auf dem Friedhof von Prag die Rede, auf der Vertreter der 12 Stämme Israels die Fortschritte bei dem Plan zur Eroberung der Welt besprechen: alles gesammelt in den angesprochenen Protokollen! Alles ist aber nur ausgedacht … Fiktion, wie allerdings auch die Hauptfigur des Romans, Simone Simonini. Dafür stimmen aber (fast) alle anderen Personen und Bezüge im Buch.


Umberto Eco: Der Friedhof in Prag
siehe auch: Die Macht der Dummen (Interview mit Umberto Eco)

„Streng gehütete Geheimnisse des französischen Militärs sind an das Deutsche Reich verraten worden, und die Geheimdienste glauben sofort zu wissen: Das kann nur der jüdische Hauptmann Alfred Dreyfus gewesen sein. Zur gleichen Zeit ziehen Die Protokolle der Weisen von Zion immer weitere Kreise, jenes gefälschte ‚Dokument’ für die ‚jüdische Weltverschwörung’, das fatale Folgen haben wird.

Simone Simonini, ein Italiener in Paris und leidenschaftlicher Antisemit, weiß mehr von dieser gefährlichen Geschichte als jeder andere. Simonini ist wahrlich eine anrüchige Figur, steht mal bei der einen, mal der anderen politischen Macht im Dienst, bewegt sich geschickt zwischen Jesuiten und Freimaurern, Republikanern und Antiklerikalen, Bonapartisten und russischen Spionen. Dann aber sieht er sich immer tiefer verstrickt in die geheimen Pläne einer Verschwörergruppe, die mit einem Attentat auf die gerade im Bau befindliche Pariser Métro die Bevölkerung aufrütteln will, mit einem Attentat auf das große Symbol der modernen Zeit und der modernen Technik. Und die Bombenbauer haben ausgerechnet Simone Simonini erwählt, die Tat auszuführen. Nach einigem Zögern sagt er zu.

Umberto Eco hat einen Roman geschrieben, wir nur er es kann: Eine Geschichte, die tief in die Vergangenheit eindringt, und doch immer auch von unserer Gegenwart erzählt.“

„Ein Abt, der zweimal stirbt, ein paar unbekannte Tote im Pariser Abwasserkanal, geheime Militärpapiere und angebliche Verräter: das Paris der Belle Époque ist eine brodelnde Stadt, in der Geheimbünde und Verschwörer, Freimaurer und Antisemiten, Spione und Geheimpolizisten ihr dunkles Spiel treiben. […]“

(aus dem Kladdentext zu Umberto Eco: Der Friedhof in Prag – Roman – Deutsch von Burkhart Kroeber – Carl Hanser Verlag München – 1. Auflage 2011)

Impasse Maubert

Rue Maître-Albert

Impasse Maubert (von der Rue Frédéric Sauton aus)

Rue Maître-Albert (in der Nähe des Boulevard Saint German)

Simone Simonini, die Hauptfigur des Romans und der Verfasser der Tagebücher, die Grundlage des Romans sind, schreibt diese Tagebücher in einer Doppelwohnung in Paris, von wo aus er auch operiert (und in welchem Haus im Keller in einem Zugang zum Abwasserkanal sich die Leichen ansammeln). Die Adresse wird genannt:

„Am Ende machte der Korridor einen Knick nach rechts […], das das Licht aus einer Straße hereinfiel, die nicht die enge Impasse Maubert sein konnte. Und tatsächlich, als ich an eines der Fenster trat, sah ich, dass es die Rue Maître-Albert war.“ (S. 32)


Rue Maître-Albert auf der Höhe der Impasse Maubert

Umberto Ecos neuer Roman ist ziemlich überfrachtet. Fürs Hamburger Abendblatt enthält er „zu viel des Bösen“. Und die Süddeutsche Zeitung verlangt ein Extra-Studium, „denn der historische Hintergrund ist nur mit Begleitliteratur verständlich“. Außerdem wäre der ‚Friedhof in Prag’ „als Roman bestenfalls ein Fehlschlag von Rang“. „Und die eigentliche Geschichte ist langweilig.“ (Quelle: sueddeutsche.de)

Langweilig finde ich den Roman nun nicht gerade, allerdings schon für reichlich verwirrend. Eco versucht akribisch alle Fakten, die für die Geschichte notwendig erscheinen, vorzutragen und gerät dabei vom Hundertsten ins Tausendste. Und da alles aus der Sichtweise des Simone Simonini, einen von Neurosen zerfressenen, hasserfüllten Egoisten, einen gierigen, skrupellosen Gourmand (abendblatt.de), geschrieben ist, fragt man sich als Leser oft, ob man sich noch ‚im richtigen Buch’ befindet. Obwohl der Romanheld dermaßen negativ besetzt ist, versucht man sich als Leser in ihn hineinzuversetzen – und erzeugt so etwas wie Sympathie für ihn, für den eigentlich wirklich keine Sympathie zu bezeugen ist. Trotzdem bietet der Roman, auch ohne vertiefte Kenntnisse, einen gelungenen Einblick in die Wirren des 19. Jahrhunderts. Es sind eher die Wirren der Zeit als die des Romans.

Auf jeden Fall gibt der Roman viel Stoff zum Nachdenken. Hier einige Beispiele, z.B. wenn der Großvater von Simon Simonini, einen Antisemiten erster Klasse, sagt: „Der sich selbst überlassene Mensch ist zu schlecht, um frei zu sein. Das bisschen Freiheit, das er braucht, muss durch einen Souverän garantiert sein.“ (S. 61) Manchmal bin ich versucht, dem zuzustimmen.

Simon Simonini selbst erkennt: „Ich habe immer Leute gekannt, die fest daran glaubten, dass irgendwelche verborgenen Feinde eine große Verschwörung planen, […] wer weiß, wie viele andere Leute es noch auf dieser Welt gibt, die sich von einer Verschwörung bedroht fühlen. Hier haben wir eine Form, die jeder nach Belieben mit einem Inhalt füllen kann. Jedem sein Komplott. […] Wonach strebt jeder, und zwar umso mehr, je elender und vom Glück verlassener er sich fühlt? Nach Geld, und zwar leicht verdientem, nach Macht (was für eine Lust, einen deinesgleichen herumkommandieren und erniedrigen zu können!) und nach Rache für erlittenes Unrecht (und jeder hat mindest einmal im Leben ein Unrecht erlitten, so klein es auch sein mag). […] Warum, so fragt sich ein jeder, warum bin gerade ich vom Glück benachteiligt (oder zumindest nicht so begünstigt, wie ich es wollte), warum sind gerade mir Belohnungen vorenthalten worden, die weniger Verdienstvolle erhalten haben? Weil niemand auf den Gedanken kommt, dass seine Missgeschicke mit seiner eigenen Beschränktheit zu tun haben könnten, deshalb muss jeder einen Schuldigen finden.“ (S. 94f.)

Bis zum heutigen Tag hat diese Aussage Gültigkeit, wenn es heute vielleicht auch nicht mehr die Juden sind, denen man die schlimmste Weltverschwörung zutraut, sondern (aus Sicht nicht nur der Rechtsextremen) die Islamisten, Araber, Moslems – alle hinein in einen Sack und draufgeschlagen!

Oder Lagrange vom französischer Geheimdienst – er beschreibt gewissermaßen auch die Arbeit des Verfassungsschutzes unserer Tage: „… die einzigste Art, eine subversive Sekte zu kontrollieren, ist, ihre Führung zu übernehmen […] von zehn Mitgliedern einer Geheimorganisation seien drei unsere mouchards [Informanten] […], sechs seien vertrauensselige Dummköpfe und einer sei gefährlich.“ (S. 202)

Jedem sein Komplott, jedem sein Feind: „Damit der Feind erkennbar und furchterregend ist, muss er im Hause sein oder jedenfalls an der Schwelle des Hauses. […] Wir brauchen einen Feind, um dem Volk eine Hoffnung zu geben. Jemand hat gesagt, der Patriotismus sei die letzte Zuflucht der Kanaillen – wer keine moralischen Prinzipien hat, wickelt sich gewöhnlich in eine Fahne, und die Bastarde berufen sich stets auf die Einheit ihrer Rasse. Die nationale Identität ist die letzte Ressource der Entrechteten und Enterbten. Doch das Identitätsgefühl gründet sich auf den Hass, Hass auf den, der nicht mit einem identisch ist. Daher muss man den Hass als zivile Leidenschaft kultivieren.“ So spricht Ratschkowski im Roman, Mitglied der Ochrannoje Otdelenie, Sicherheitsabteilung, der Dienst für vertrauliche Nachrichten, des russischen Innenministeriums (S. 401)

Entgegen früherer Vorsätze, hegt Umberto Eco diesmal durchaus pädagogische Absichten. Nur ob die greifen, glaube ich nicht. Wer aus dem rechten Spektrum wird seinen Roman lesen? Und wenn, wer wird sich schon vom Besseren belehren lassen?! Mir hat der Roman auf jeden Fall sehr gut gefallen. Umberto Eco ist einfach eine ‚Marke für sich’ und er ist mehr noch als ein Dan Brown für Intellektuelle.

Viele weitere Informationen befinden sich auf umberto-eco.de (z.B. ein ausführliches Personenverzeichnis) – siehe auch den Blog auf eco-online.de

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!

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