Kate Bushs Gespür für Schnee

Es gibt manchen Musiker, manche Musikerin und Sängerin, die man im Laufe der Jahre schon einmal aus den Augen verlieren kann. Dazu gehört auch Kate Bush. So richtig vermag man sie nicht einzuordnen: Rock wäre etwas ‚zu viel’; es ist eher Pop mit diversen Anleihen aus Klassik, ‚Weltmusik’ und eben auch Rock – verbunden mit einer großen Experimentierfreudigkeit.

Eigentlich kein Wunder, wenn man Kate Bush aus den Augen verliert. Immerhin 12 Jahre dauerte es bis November 2005, bis sie ihr Doppelalum „Aerial“ veröffentlichte (Kate is back). Und dann mussten weitere sechs Jahre vergehen, bis Kate Bush zunächst Director’s Cut, dann auch im November 2011 50 Words of Snow auf den Markt brachte.

Zu „Director’s Cut“: Hierfür hat Kate Bush Original-Tonspuren von Tracks aus ihren Alben The Sensual World (1989) und The Red Shoes (1993) frisch aufgearbeitet. Alle Lead Vocals und alle Schlagzeug-Spuren der Songs sind neu aufgenommen worden. Drei Stücke wurden komplett neu eingespielt, darunter „This Woman’s Work“. (hierzu in einem späteren Beitrag etwas mehr).

Nun ich kenne Kate Bush vom Anfang her. Das war 1978 mit den beiden Platten ‘The Kick Inside’ und ‘Lionheart’. Besonders ein Lied fiel damals auf: ‘Wuthering Heights’ (deutsch: Sturmhöhe) nach dem Roman von Emily Brontë. Eine Stimme wie klares Kristall, wie eisiges Quellwasser!

Ich weiß, ich bin etwas spät dran mit einer Rezension des vor über einem Jahr, im November 2011, erschienenen Albums. Es ist viel geschrieben worden, durchaus viel Positives, denn es ist ohne Zweifel ein außergewöhnliches Album, selbst für Kate Bush.

Kate Bush: 50 Words of Snow (2011)

Der Name verrät es: Es geht also um Schnee und seine Synonyme, um Ersatzwörter mit gleicher Bedeutung oder doch Ähnlichkeiten. Und angeblich haben die Inuit, die Eskimos, viele Wörter für den Schnee, was nicht verwunderlich wäre, denn Schnee ist ihnen alltäglich wie den Wüstenbewohnern ihre Kamele (siehe Kamelliste – wenn es auch keine 50 Wörter für Kamele sind). Aber viel mehr Wörter sind es dann wohl doch nicht, nur dass in ihrer Sprache oft selbst so komplexe Wendungen wie “pulveriger Schnee, der bei leichtem Ostwind auf ein rotes T-Shirt fällt” zu einem Wort montiert wird, das aber nur in diesem Moment ein Wort ist und nie den Weg in ein Lexikon findet (Ähnlichkeiten gibt es im Deutschen wie mit Wörtern wie Donaudampfschifffahrtskapitänsmützenband … oder so).

Bleiben wir erst einmal beim Deutschen. Das Wort SCHNEE ist natürlich nicht so einfach aus den Wolken gefallen. Das gemeingermanische Wort (siehe englisch snow, niederländisch sneeuw, schwedisch snö) kommt von einer indogermanischen Wurzel *sneigwh– „schneien“ in den Bedeutungen „klebenbleiben“, „liegenbleiben“, „(sich) zusammenballen“ und „zusammenkleben“ – und *snoigwhos „Schnee“.

Und natürlich kennen wir auch weitere Wörter für Schnee, die dann tatsächlich in Wörterbüchern zu finden sind: Altschnee, Blutschnee, Eisschnee, Faulschnee (Schneematsch, engl. Slush), Kunstschnee, Nassschnee – dann Harsch,. Sulz, Griesel, Firn, Neu-, Papp-, Feucht- und Pulverschnee.

Kate Bushs Gespür für Schnee (und auch der Hinweis für die vielen Wörter der Inuit für Schnee) hat sie wohl von Fräulein Smilla geerbt. Immerhin ist der Roman inzwischen über zwanzig Jahre alt. Aber gerade wenn man Kinder hat und im Winter ‚die weiße Pracht’ gemeinsam beim Rodeln oder Schneemannbauen genießt, gewinnt man dieses Gespür schnell wieder. Und Kate Bush hat einen Sohn …

50 WORDS FOR SNOW

1 drifting
2 twisting
3 whiteout
4 blackbird braille
5 Wenceslasaire
6 avalanche

Come on man, you’ve got 44 to go,
come on man, you’ve got 44 to go.
Come on man, you’ve got 44 to go,
come on man, you’ve got 44 to go.

7 swans-a-melting
8 deamondi-pavlova
9 eiderfalls
10 Santanyeroofdikov
11 stellatundra
12 hunter’s dream
13 faloop’njoompoola
14 zebranivem
15 spangladasha
16 albadune
17 hironocrashka
18 hooded-wept

Come on Joe, you’ve got 32 to go,
come on Joe, you’ve got 32 to go.
Come on now, you’ve got 32 to go,
come on now, you’ve got 32 to go.
Don’t you know it’s not just the Eskimo.
Let me hear your 50 words for snow.

19 phlegm de neige
20 mountainsob
21 anklebreaker
22 erase-o-dust
23 shnamistoflopp’n
24 terrablizza
25 whirlissimo
26 vanilla swarm
27 icyskidski
28 robber’s veil

Come on Joe, just 22 to go,
come on Joe, just 22 to go.
Come on Joe, just you and the Eskimos,
Come on now, just 22 to go.
Come on now, just 22 to go,
Let me hear your 50 words for snow.

29 creaky-creaky
30 psychohail
31 whippoccino
32 shimmerglisten
33 Zhivagodamarbletash
34 sorbetdeluge
35 sleetspoot’n
36 melt-o-blast
37 slipperella
38 boomerangablanca
39 groundberry down
40 meringuerpeaks
41 crème-bouffant
42 peDtaH ‚ej chIS qo‘
*
43 deep’nhidden
44 bad for trains
45 shovelcrusted
46 anechoic
47 blown from polar fur
48 vanishing world
49 mistraldespair
50 snow

* KB: „Klingon. The language they speak in Star Trek.“

50 Words For Snow – Kate Bush Ft. Stephen Fry from John Vallis on Vimeo.

Eigentlich habe ich vorgegriffen: Der Titelsong, der eigentlich keiner ist, ist eine musikalisch untermalte Rezitation von Synonymen für das Wort Schnee, die vom englischen Schauspieler Stephen Fry vorgetragen werden. Es sind viele Phantasiewörter dabei, die sowohl Wörter aus der englischen, französischen, italienischen u.a. Sprachen mischen.

Das Album selbst „beginnt am Flügel. Drei dunkle Akkorde klingen, eine verschwiegene Kaskade, pianissimo und trotzdem raumgreifend. Dann setzt der Gesang an – doch nicht von Kate Bush, sondern Albert McIntosh, ihrem 13-jährigen Sohn. Überraschung! Der Knabe ist eine Schneeflocke, die aus dem Himmel fällt, der Erde entgegen. Ein verschneiter Wald wird erkennbar, dann eine winterliche Wiese mit Pferden darauf. Sieh nach oben, Mutter, ich komme!“ (Quelle: rollingstone.de) – „Wie Schneekristalle tanzen Pianoakkorde. Eine Knabenstimme erklimmt musikalische Gipfel. Eine Flocke klagt über eine laute Welt. Mahnt die Erdbewohner. ‚Ich will, dass ihr mich fangt’.“ (Quelle: faz.net). „Snowflake“ heißt das fast zehnminütige Stück – wie Schneeflocken unverwandt vom Himmel fallen, klingen oft, fast unendlich in ihrer abgewandelten Wiederholung die Klavierakkorde …


Kate Bush – Snowflake

Ich denke, man/frau kann schon vieles zu Winter, Kälte, Dunkelheit und Einsamkeit erzählen. Kate Bush gelingt eine exzentrische, gar irritierende, fast immer dunkel-schöne Kontemplation über den Winter. Manchmal etwas zu lang geraten, aber auch so äußert sich der Winter uns – endlos.

In „Lake Tahoe“ wird uns die Geschichte einer Frau, die einst im Lake Tahoe mit ihrem Hund ertrank, erzählt. Einige, wenn auch gewollte Dissonanzen, nur wenige Töne, stören und scheuchen den Hörer immer wieder kurz auf. Dann „Misty“ – wieder fast nur am Flügel gespielt – noch etwas länger – ist „eine Begegnung mit dem Schneemann, der in der Wärme nicht leben kann, so wie sie nicht in der Kälte. ‚So kalt. Ich spüre ihn in meiner Hand schmelzen’. Am nächsten Morgen ist er nicht mehr da, das Laken nass – und Blätter und trockenes Gras, mit dem er geschmückt war. Sie findet den Schneemann im Nebel nicht mehr wieder. Eine Liebe, die nicht sein kann und längst im Meer der Zeit versunken ist.“

In dem Stück „Wild Man“ besingt Kate Bush einen Yeti, der von Menschen gejagt wird, die ihm sein Geheimnis entreißen wollen.

Aus dem Rahmen fällt ein Stück, ja man kann es Lied nennen: „Snowed In at Wheeler Street“, ein Duett mit Elton John. Es „gerät etwas prätentiös“, auch wenn Elton John sich müht, die Jahrhunderte wehrende Geschichte der zwei Königskinder nicht allzu theatralisch klingen zu lassen. Vielleicht ein Zugeständnis dem Mainstream gegenüber.

Kate Bush gönnt sich hier ein sehr intimes Album. Da hält sie die hochtönende Knabenstimme ihres Sohnes Albert McIntosh fest, bevor diese in den Stimmbruch gerät. Auch Partner und Vater des Sohnes, Dan McIntosh, trägt einige Gitarrenakkorde bei. Und neben Kate Bush selbst am Flügel sind es Bassist Danny Thompson, der ein paar Akzente am Kontrabass setzt, und Steve Gadd, der Besen und Schlagwerk mit äußerster Zurückhaltung bedient.

Wer, wenn nicht Kate Bush, kommt auf die Idee, winterlichen Hauch in unsere Wohnzimmer wehen zu lassen. Eigentlich ist das schon unerhört, was sie sich da leistet: Viel Geklimper auf dem Klavier mit wenigen zarten Klangeffekten, mit dem sie die allgemein gültigen Konventionen der Popmusik weitestgehend hinter sich lässt. Es ist ein „gleichzeitig fremdartiges und tief vertrautes Winterwunderland“, was uns Kate Bush da liefert. Da darf es ruhig noch etwas länger Winter bleiben.

Weitere Videos mit den ‚Segmenten’ der Stücke dieses Albums finden sich auf dem Account von Kate Bush bei Youtube: KateBushMusic

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!

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