Von Archaismen und Neologismen

Wie vieles im Leben, so ist auch die Sprache etwas Wandelbares. Und so wie Tier- und Pflanzenarten leider für immer aussterben, so verschwinden auch Wörter mit der Zeit. Aber dank eines Darwinismus in der Linguistik entstehen immer wieder neue Arten, d.h. Wörter, die unseren Wortschatz erweitern, zumindest den Schwund der Wörter, die untergegangenen, kompensieren.

Wörter, bei denen die Gebrauchshäufigkeit abnimmt bzw. die als altmodisch empfunden werden, nennt man Archaismen. Untergegangene Wörter haben dagegen bereits das Zeitliche gesegnet (welch ein Archaismus). Wortneuschöpfungen nennt man sprachwissenschaftlich Neologismen. Interessant dabei ist, dass es zu diesem Thema bisher wenig Literatur gibt. Besonders das Problem des Wortunterganges im Deutschen ist sehr stiefmütterlich behandelt.

Untergegangene Wörter

1. Komme ich zunächst auf die untergegangenen Wörter zu sprechen. Es gibt hierzu ein kleines Büchlein als Taschenbuch: Kleines Lexikon untergegangener Wörter. Wortuntergang seit dem Ende des 18. Jahrhunderts – hrsg. von Nabil Osman, mit einem Verzeichnis vieler Wörter, die heute nicht mehr im Sprachgebrauch zu finden sind. Hier nur einige Beispiele und deren Bedeutung:

Tändelwoche – Flitterwoche
Brast – Gram (stellt fast selbst einen Archaismus dar), Sorgen
strack, z.B. stracker Weg – gerade, noch als schnurstracks vorhanden
Absatz – in der Bedeutung von Kontrast
anhaltsam – ununterbrochen, beharrlich, anhaltend
anheute – heute
Aufkunft – Genesung (auch: Aufkommen, Anfang)

Es gibt dabei eine größere Menge an Wörtern, die heute poetisch klingen, während ihre jetzigen Statthalter (Archaismus für Stellvertreter) eher prosaisch klingen, z.B. Kleine für Kleinheit, Süße für Süßigkeit. Auch klingen die alten Monatsnamen sehr poetisch:

Brachmonat – Juni
Christmonat – Dezember
Erntemonat – August
Hornung – Februar
Heumonat – Juli
Lenzmonat – März
Ostermonat – April
Windmonat – November
Wintermonat – November
Wonnemonat – Mai

Heute sprechen wir höchstens noch vom Wonnemonat Mai, was sprachwissenschaftlich eigentlich eine Tautologie respektive ein Pleonasmus (weißer Schimmel) ist.

Es gibt viele Gründe für den Untergang von Wörtern, hier nur einige: Misslungene Verdeutschung – Scherz- und Schimpfwörter – Euphemismen – Sprachökonomie – Etymologische Isolierung und Semantisches Verblassen des Grundwortes (was man auch immer darunter verstehen mag).

2. Für die Archaismen, also den bedrohten Wörtern, gibt es im Internet bereits eine Aktion Artenschutz. Wer in meinem Alter ist, dürfte mit den folgenden Wörtern sicherlich noch keine Erklärungsschwierigkeiten haben. Aber es wird deutlich, was Ursache der Bedrohung sein könnte. Aber schauen wir einmal:

Kreiswehrersatzamt
Bandsalat
Butterberg

Diese Wörter sind bedroht, weil deren Existenzgrundlage abhanden gekommen ist oder kommen wird. Wer noch ein Tonbandgerät kennt, weiß was Bandsalat ist. Heute kennen wir das höchstens noch von VHS-Video-Kassetten her.

Backfisch
Brummi
Damenwahl

Das sind Wörter, die z.B. heute durch andere Wörter ersetzt sind (Backfisch = Girlie, Teenie, Kid o.ä.) oder deren Euphemismus nicht mehr tragbar ist (Brummi -> Laster = LKW). Und der Damenwahl fehlt die Grundlage, die Damen, die wählen.

Bückware (Ware, die unterm Ladentisch verkauft wird)

Dieses Wort und ähnliche hatten bis 1990 lediglich eine regionale Verbreitung (DDR, späterhin neue Bundesländer genannt). Da hier etwas real Existierendes untergegangen ist, so droht auch einer bestimmten Wortgruppe der Untergang.

Interessant ist auch, wie bestimmte Begriffe durch Markennamen ersetzt wurden. Klebstoff, Klebestreifen, Papiertaschentuch, Suppenwürze oder Getreideflocken kennt kein Mensch, aber Uhu, Pattex, Tesa, Tempo, Maggi oder Kellegg’s. Es kann dabei allerdings passieren, dass ein Markenname durch einen anderen ersetzt wird.

3. Neologismus sind Wortneuschöpfungen, die nicht immer sehr originell sind. In der Uni Tübingen werden solche Wörter gesammelt. Die meisten dürften dabei Eintagsfliegen sein. Aber es gibt natürlich Wörter, die unser Leben bestimmen. Die neuen Techniken machen es besonders möglich. Dabei übernehmen wir zunehmend Wörter aus dem englischen Sprachraum: Hard- und Software, Computer (Rechner tut es eigentlich auch), Videorekorder (eigentlich schon wieder ein Archaismus) usw. Und dann die berühmt-berüchtigten 2-bis-4-Buchstaben-Wörter, die natürlich Abkürzungen von Begriffen sind, die keiner mehr im vollen Wortlaut benennen kann: PC, DVD, GPS, HTML – und tausend mehr.

Die extreme Zunahme von Neologismen spiegelt den technischen Wandel, der uns förmlich überrollt. Auch wenn ich nicht gerade auf Kriegsfuß (Archaismus!) mit der neuen Technik stehe (wenigstens nicht mit allem), so liebe ich es geradezu, Zugriff auf alte Wörter zu nehmen, denn für mich stellen sie einen eigenen Wortschatz dar.

Zuletzt: Interessant ist hierbei natürlich die Frage, wie sehr uns das Luther-Deutsch geprägt hat. Aber das ist ein Thema für sich.

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!