Anthony Burgess: 1985

    […], daß die zwölf Apostel die erste Gewerkschaft gewesen seien, daß Christus für das Prinzip der Koalitionsfreiheit den Tod erlitten habe, und daß das Königreich des Himmels eine proletarische Demokratie bedeute. (S. 245 f.)

„1984“ hieß der Welterfolg von George Orwell, eine düstere Zukunftsvision, in der sich drei totalitäre Staaten die Macht auf Erden teilten und entwürdigende Praktiken schufen, um den Bürger zu entmündigen und total zu überwachen, jede freiheitliche Regung im Keim zu ersticken.
1984 wird ganz anders sein, behauptet Anthony Burgess und geht mit George Orwell ins Gericht. Er weist ihm nach, daß dieses 1948 unter dem unmittelbaren Eindruck des Zweiten Weltkrieges und der Stalin-Ära entstandene Werk sehr kurzsichtig war und eine Zukunft an die Wand malte, die (gottlob!) nie eine Chance hatte, Wirklichkeit zu werden, weil sich seit 1945 ganz andere Entwicklungen abzeichneten.
„1985“ nennt Burgess seinen eigenen „kakotopischen’ Entwurf, seine Utopie unter schlechtesten Vorzeichen. Die Gewerkschaften haben die Macht im Staate und unterdrücken allen Individualismus. Arbeiter-Englisch gilt als Hochsprache, Bill, der symbolische Arbeiter, prangt an allen Wänden. Colonel Lawrence mit seiner Streikbrecherarmee „Freie Briten“ ist allgegenwärtig. König Charles regiert huldvoll seine Fish-and-chips essenden Untertanen – und ganz England gehört längst den Ölscheichs.
Eine brillante und bitterböse Satire auf die Trends der Gegenwart im Stil seiner Romane „Clockwork Orange“ und dem Nachfolgeband „The Clockwork Testament“.

(aus dem Kladdentext)

    Anthony Burgess: 1985

In dem Film Inside Llewyn Davis der Coen-Brüder kehrt der Titelheld Anfang der 1960-er Jahre, nachdem ein Vorspielen bei einem bekannten Musikproduzenten erfolglos verlief, zurück nach New York und meldet sich bei der Matrosen-Gewerkschaft der Handelsmarine. Er bezahlt ausstehende Beiträge mit seinem letzten Geld, um wieder in See stechen zu können. Allerdings muss er dafür seine Lizenz vorlegen. Seine Schwester hat er aber seine alten Unterlagen wegwerfen lassen. Das Geld für eine neue Lizenz hat Davis nicht. Ohne Nachweis keinen Job. Das ist, was Burgess meint. Besonders in den USA (auf der britischen Insel war es bis 1980 ähnlich) bekam man keine Arbeit ohne Mitgliedschaft bei der entsprechenden Gewerkschaft.

Was Burgess nicht ahnen konnte: Ein Jahr nach dem Erscheinen des Buchs 1978 kam Margaret Thatcher an die Macht und unterband sehr bald jegliche Tendenz zum Syndikalismus, wie ihn Burgess befürchtete.

Ich habe das Buch 1985, das sich zunächst mit Orwells Roman „1984“ in Essays und Interviews auseinandersetzt, dann den eigentlichen Roman enthält als Heyne-Buch Nr, 5981 – Wilhelm Heyne Verlag, München, 1982 – Deutsche Übersetzung von Walter Brumm (Original: 1985) vorliegen.

Inhalt:

Erster Teil
1984 – ein kritischer Essay
– Katechismus
– Absichten
– 1948: Gespräch mit einem alten Mann
– Engsoz ins Auge gefaßt
– Kakotopia
– Staat und Superstaat: Ein Gespräch
– Bakunins Kinder
– Uhrwerk-Orangen
– Der Tod der Liebe

Zweiter Teil
1985 – ein Roman
– 1. Das Julnachtsfeuer
– 2. Tucland das Prächtige
– 3. Du warst im Fernsehen
– 4. Aus
– 5. Kultur und Anarchie
– 6. Freie Briten
– 7. Ertappt
– 8. Das Gerichtsurteil
– 9. Eine Schau von Metall
– 10. Zwei Welten
– 11. Eine Aufwallung von Uneinigkeit
– 12. Die geballte Faust des Arbeiters
– 13. Ein Fehler im System
– 14. Mein Leben und mein Gut
– 15. Ein Bewunderer von Engländerinnen
– 16. Streiktagebuch
– 17. Seine Majestät
– 18. Auf Lebenszeit

Epilog – ein Interview

Zu Beginn des Romans verliert der Protagonist Bev Jones seine Frau – sie war im Krankenhaus, als ein Brand ausbrach. Weil die Gewerkschaft der Feuerwehr streikte (was in Großbritannien 1977 tatsächlich das erste Mal geschah), brannte das Krankenhaus nieder. Bev muss sich nun alleine um seine Tochter Bessie kümmern, die geistig behindert ist und die Realität nicht von der Fantasie unterscheiden kann, weil ihre Mutter während der Schwangerschaft ein Contergan-ähnliches Medikament genommen hatte.

Der Tod seiner Frau löst in Bev eine tiefe Feindschaft gegen das System der Gewerkschaften aus, nachdem er früher bereits seine Beschäftigung als Dozent für Geschichte verloren hat – die Regierung legt mehr Wert auf „praktische“ Erziehung.

Eines Tages geht er zu seiner neuen Arbeit (als Konditor), obwohl seine Gewerkschaft im Streik ist. Daraufhin wird er aus der Gewerkschaft geworfen, womit er effektiv nicht einstellbar wird. Da er weiß, dass er seine Wohnung verlieren wird, gibt er Bessie in eine staatliche Einrichtung.

Bev selbst wird eine Art Stadtstreicher in London und schließt sich einer Gruppe von Leidensgenossen an, die sich durch Ladendiebstahl über Wasser hält. Er wird aufgegriffen und landet in einem staatlichen Umerziehungszentrum, einer Mischung aus Gefängnis und Psychiatrie. Hier wird er gezwungen, Propaganda zu konsumieren (ähnlich wie der Protagonist von Uhrwerk Orange). Trotzdem lässt er sich nicht überzeugen und wird nach Verbüßung seiner Strafe entlassen. […] (Quelle: de.wikipedia.org)

„Kapital ist nicht Geld. Kapital, das sind Ressourcen, das ist Energie, der Wille zu schaffen. Geld ist nichts.“
„Interessant“, strahlte Bev zurück. „Geld ist nichts, und doch ist es das einzigste, was die Arbeiter interessiert.“
„Tauschen Sie es gegen das Wort Konsum aus“, sagte Pettigrew, „und Sie haben alles gesagt, was über das äußere Leben gesagt werden muß. […]“
„Konsum“, sagte Bev bitter, „und was für ein Konsum! Farbfernsehen und denaturiertes Essen ohne Geschmack oder Nährwert, verdummende Fetzen, die sich Zeitungen nennen und Nachrichten durch nackte Mädchen ersetzen, Schmierenkomödianten in Arbeiterclubs, minderwertige, schlecht verarbeitete Möbel und Kühlschränke, die defekt werden, weil niemanden mehr daran liegt, anständige Arbeit zu leisten […]“.

„[…] Keine Kunst, kein Denken, kein Glaube, kein Patriotismus …“
„Mein lieber Bev“, sagte Mr. Fowler, „Sie vergessen eine sehr einfache Wahrheit. Nämlich die, daß die modernen Herstellungsverfahren weder Freude an der Arbeit noch Stolz darauf zulassen. Der Arbeitstag ist ein Fegefeuer, und der Arbeiter, der sich ihm unterwirft, will dafür gut bezahlt sein, in Geld und in Annehmlichkeiten. Der wahre Tag beginnt, wenn der Arbeitstag um ist. Arbeit ist eine üble Notwendigkeit.“ (S. 251 f.)

Das erinnert mich einwenig an Aldous Huxleys Schöne neue Welt und an Neil Postmans Buch Wir amüsieren uns zu Tode. Vor lauter Streiks wird kaum noch gearbeitet. Und was produziert wird ist ‚Raumsch’. Zudem steigen die Preise andauernd, was zu neuen Lohnforderungen führt, die durch Streiks eingefordert werden. Ein Teufelskreislauf

Nun Burgess’ Roman wurde sehr schnell von der Wirklichkeit widerlegt. Die ‚eiserne Lady’ regierte vom Mai 1979 an und kreierte eine Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik, die bald ihren Namen trug: Thatcherismus. Und nach dem Fall des eisernen Vorhangs ist es heute nicht der Syndikalismus, sondern der pure Kapitalismus, der den Ton angibt. Die Gewerkschaften haben heute wesentlich an Einfluss verloren.

Immerhin in einem hatte Burgess Recht: der zunehmende Einfluss der Ölscheichs. Es genügt nicht, dass z.B. katarische Ölscheichs Fußballvereine aufkaufen, sich die übernächste Fußball-Weltmeisterschaft ins eigene Land holen, nein, sie investieren ihr ansonsten brachliegendes Geld in Wirtschaftsunternehmen und Banken (wie zuletzt bei der Deutschen Bank).

Nach der Lektüre von Huxleys „Schöne neue Welt“, Orwells „1984“ und jetzt Burgess’ „1985“ fragt es sich, was von diesen Kakotopien Wirklichkeit geworden ist. Es ist sicherlich eine Mischung von den dreien: Zum einen liegt uns eine ‚schöne neue Welt’ zu Füßen, in der wir uns ‚zu Tode amüsieren’ dürfen. Unser ‚Große Bruder’ geht allerdings etwas diskreter, dezenter vor bei unserer Überwachung. Zum anderen fließen unentwegt die Milliarden der Ölscheichs in unsere Wirtschaft. Damit nimmt nach und nach auch deren Einfluss zu. Wohin das führt, lässt sich nur erahnen …

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!

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