Joan Armatrading: The Shouting Stage (1988)

Ich habe mir etwas Zeit gelassen, um das nächste Album von Joan Armatrading in diesem Blog vorzustellen. Zuletzt war ich bei Sleight of Hand (1986) stehen geblieben. Es dauerte dann zwei Jahre, bis 1988 The Shouting Stage erschien.

The Shouting Stage markiert für mich einen Wendepunkt nicht ganz ‚zum Guten’, aber doch ‚zum Besseren’ hin für mich. Das Album wurde wie sein Vorgänger im Bumpkin Studio, dem eigenen Studio von Joan, aufgenommen und in den Olympic Studios, London, abgemischt. Dieses 11. Studioalbum erschien am 29. Juni 1988 wiederum bei A&M Records und erreichte Platz 28 in den UK-Albumcharts bzw. Platz 100 in den US-Albumcharts

    Joan Armatrading: The Shouting Stage (1988)

Wie schon bei den Alben zuvor so hatte Joan Armatrading auch zu diesem Album einige namhafte Gastmusiker in ihr Studio geholt. Allen voran Mark Knopfler (bekannt von der Gruppe Dire Straits), der auf zwei Stücken (u.a. dem Titelstück) sein unverkennbares Gitarrenspiel beitrug, daneben auch den Bassisten Pino Palladino, dessen bundloser Bass das Album maßgeblich mitbestimmt, und den Schlagzeuger, Dave Mattacks – bekannt aus der Fairport ConventionJethro Tull-Ecke.

Hier zunächst die Trackliste des Albums:
(alle Lieder wurden von Joan Armatrading komponiert, arrangiert und produziert)

Seite 1:
1. „The Devil I Know“ – 4:13
2. „Living For You“ – 4:14
3. „Did I Make You Up“ – 3:45
4. „Stronger Love“ – 5:07
5. „The Shouting Stage“ – 5:27

Seite 2:
1. „Words“ – 3:46
2. „Innocent Request“ – 3:08
3. „Straight Talk“ – 4:02
4. „Watch Your Step“ – 3:58
5. „All A Woman Needs“ – 5:01
6. „Dark Truths“ – 2:09

Das erste Stück fängt jazzig-flott an und enthält ein kurzes Solo von Joan auf der elektrischen Gitarre. Wie die beiden folgenden und auch bei späteren Stücken, so ist dieses Lied besonders geprägt vom Spiel des fretless, also bundlosen Basses von Pino Palladino. Es ist ein Lied über die Doppelmoral einiger Männer die Treue betreffend. Ungewöhnlich ist, dass Joan in dem Lied ihren Namen verwendet (Don’t worry Joanie I’ll be a little bit late tonight):


Joan Armatrading: The Devil I Know

Trompeten hört man bei Joan eher selten (Saxophon schon eher – wie im dann folgenden Lied): Guy Barker bläst entspannt und locker und gibt dem Lied die nötige Würze, die mit Klängen von Steeldrums (allerdings aus der Retorte) abgerundet wird.


Joan Armatrading: Living For You

Auf „Did I Make You Up“ erklingt zum ersten Mal das perlende Gitarrenspiel von Mark Knopfler. Joan Armatrading hatte das Lied bereits fertiggeschrieben, aber Knopfler meinte, es könnte noch einige UptempoRiffs, also schnellere, wiederholt kurze Motive, gebrauchen, die dann auch Joans Einverständnis fanden.


Joan Armatrading featuring Mark Knopfler: Did I Make You Up

„Stronger Love“ ist ein langsames Stück, das vom Wechselspiel zwischen Klavier und Saophon lebt. Der Bass klingt hier wieder sehr ‚raumfüllend’.


Joan Armatrading: Stronger Love (hier mit Elton John)

Damals hatte Scheiben noch zwei bespielte Seiten. So endet die erste Seite mit dem Titelstück, ebenfalls einem eher langsamen, sehr schönen Lied – und mit einem verhaltenen Gitarrensolo vom Mark Knopfler. Das Lied wurde ‚inspiriert’ durch einen heftigen Streit zwischen einem Paar, dessen Zeuge Joan Armatrading in einem australischen Restaurant wurde. Außerdem hatte Joan den Artikel in einem Londoner Magazin gelesen, der besagte, dass früher oder später jedes Paar einen Punkt erreicht, den man „the shouting stage“ nennen könnte: es wird gestritten und kann sogar zu Handgreiflichkeiten kommen. Den Titel des Album könnte man also mit „Bühne des Streitens“ übersetzen.


Joan Armatrading featuring Mark Knopfler: The Shouting Stage

Seite zwei beginnt mit „Word“, einem Lied mit Dave Mattacks an der Schießbude. Musikalisch bringt das Lied nicht ganz so viel; ich würde es als einen leichten Rückfall in alte ‚New Wave’-Manier sehen.


Joan Armatrading: Words

„Innocent Request“ (Schlagzeug: Dave Mattacks) ist eher eine Art ‚Lückenfüller’. Die akustische Gitarre ist aber ganz nett. ‚Straight Talk’ lässt es swingen und ist im Stile eines Reggae. Hörenswert auch hier wieder das Saxophon. Es folgt „Watch your Step“, das wieder eine Joan in Höchstform präsentiert, wenn das Lied auch nach meinem Geschmack etwas überarrangiert ist. Pino Palladino darf seinen Bass wieder fretless röhren lassen:


Tribute to Pino Palladino – Joan Armatrading: Watch Your Step – Bassline

Auch auf den beiden letzten Stücken ist Pino Palladino nicht zu überhören. Auf „All A Woman Needs” hören wir zudem noch einmal Dave Mattacks am Schlagzeug. Dieses Lied ist ruhig und melodiös. „Alles, was eine Frau braucht“ entstand nach einem Gespräch mit Freunden beim Abendessen. Einer der Freunde erzählte die Geschichte von einem Mann, der einer Frau, die er besonders mochte, alle Dinge gab, die sie sich wünschte: „Die Liebe kommt später!“.


Joan Armatrading: All A Woman Needs

Es hat Tradition, dass das letzte Stück auf den Scheiben von Joan Armatrading ein langsames ist. So auch hier: „Dark Truths“. Neben Bass und Streichern aus der Retorte bestimmt ein „wohltemperiertes“ Keyboard das kurze Lied:


Joan Armatrading: Dark Truths

Fazit: Joan Armatrading hat mit diesem Album musikalisch wieder etwas mehr zu sich selbst gefunden und dem Zeitgeist abgeschworen. Das mag ihrer Plattenfirma gepasst haben oder nicht (eher: nicht!). Allerdings fehlt mir etwas, was ich die melodiöse Vielfalt nennen möchte, was ihre ersten Alben ausgemacht hat. Stilistisch ist sie weiterhin vielseitig geblieben (vom Pop über Rock, Jazz, Blues und Reggae bis hin zur musikalischen Ballade ist alles vorhanden). Was mich besonders beeindruckt hat, ist die große Palette ihrer Stimme, sowohl im Tonumfang, ganz besonders aber im Ausdruck. Joan Armatradings Lieder sind von Emotionen bestimmt, die sie durch ihre Stimme auf unnachahmliche Weise wiederzugeben versteht. Mit diesem Album hat für mich die dritte Phase ihres Schaffens begonnen (siehe hierzu meinen Beitrag: Joan Armatrading: If Women Ruled The World).

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!

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