Ben Lyttleton: Elf Meter – Die Kunst des perfekten Strafstoßes

Champions-League-Finale 2012, FC Bayern München gegen FC Chelsea, Elfmeterschießen. Wie schaffte es Torwart Petr Čech, sechsmal in die richtige Ecke zu springen? Und warum versagten auf Seiten der Bayern ausgerechnet erfahrene Spieler wie Schweinsteiger und Robben?

Auf der Suche nach dem Geheimnis des perfekten Elfmeters sprach Ben Lyttleton mit Spielern, Trainern und Sportwissenschaftlern. Er erfuhr, welcher Teufel Panenka ritt, als er den entscheidenden Elfmeter im EM-Finale 1976 elegant über Sepp Maier hob. Er diskutierte mit Jens Lehmann, warum die Deutschen so gut im Elfmeterschießen sind. Und er lernte, welche körperlichen und mentalen Faktoren den Schützen beeinflussen. Gleichzeitig erzählt dieses Buch von den größten Elfmeterdramen, den sichersten Schützen, den besten Elfmeterkillern, aber auch von tragischen Helden wie Roberto Baggio, der im WM-Finale 1994 den entscheidenden Schuss vergab.

Wie berichtet, habe ich mich vor einiger Zeit für ein Abonnement der Monatszeitschrift 11 Freunde – Magazin für Fußballkultur entschieden. Mir gefällt das ganz einfach, wie hier witzig, sogar auf gewissem höheren literarischen Niveau über Fußball gefachsimpelt wird. Wirklich empfehlenswert. Als Abonnent kann man an immer neuen Auslosungen teilnehmen und dabei vor allem Bücher über Fußball gewinnen. Ich habe es öfter gewagt – und gewonnen! Vielen Dank!

    WilliZ Dauerkarte bei ‚11 Freunde‘

Eigentlich habe ich bei solchen Sachen kein Glück. Aber diesmal klappte es. Und das Buch, das ich gewann, habe ich inzwischen mit viel Spaß gelesen: Ben LyttletonElf Meter: Die Kunst des perfekten Strafstoßes – aus dem Englischen von Olaf Bentkämper – Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel Twelve Yards. The Art and Psychology oft he Perfect Penalty – Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2015.

    Ben Lyttleton: Elf Meter – Die Kunst des perfekten Strafstoßes

In einer der Ausgaben der „11 Freunde“ (#163 Juni 2015) hatte dann auch schon der stellvertretende Chefredakteur des Magazins, Tim Jürgens, eine Rezension des Buches geschrieben (die ich hier sicherlich ungestraft wiederholen darf):

Die Entschlüsselung des Elfmeter-Codes

Wie viel besser wäre es um den englischen Fußball bestellt, gäbe es mehr Typen wie Matt Le Tissier? Im Gegensatz zu seinen Kollegen empfand es das Enfant terrible nämlich stets als Hochgenuss, Strafstöße auszuführen: ‚Ich mochte es, wenn das ganze Stadion auf mich schaute, das tat meinem Ego gut. Außerdem war es die einfachste Art, ein Tor zu schießen, vor allem, wenn ich nicht mal laufen musste.“ Da aber nicht jeder Profi diese Leichtigkeit empfindet, macht es sich der renommierte englische Autor Ben Lyttleton zur Aufgabe, das Geheimnis des perfekt geschossenen Elfmeters zu entschlüsseln. Zur Bewältigung dieser Sisyphosaufgabe sprach der mit einer Vielzahl prominenter Schützen und Torhüter und wertete zahllose Statistiken über Anlaufwinkel, bevorzugte Torecken, Reaktionszeiten und situative Entscheidungen Einzelner aus. So erfährt der Leser, dass Miro Klose bei allen Elfmetern, die er ausführte, als sein Team nicht im Rückstand war, stets in seine ‚natürliche‘ Torecke schoss. Wir lernen, dass Antonin Panenka 1976 kein Affekttäter war, sondern zwei Jahre lang an der Strafstoßtechnik feilte, die ihn im EM-Finale berühmt machte. Und dass bei Shootouts gegen die Niederlande 63 Prozent der Torhüter die richtige Ecke der Oranje-Schützen ahnen. Jede Frage, die wir uns je zum Elfmeter stellten, wird abendfüllend und anhand historischer Ereignisse beantwortet und in Gesetzmäßigkeiten überführt. Diese lesen sich mitunter zwar ein bisschen wie eine Diät, die zu Bewegung und Obst rät: ‚Lass dich nicht verunsichern‘, ‚Entscheide dich für eine Ecke und zaudere nicht‘, ‚Höre nicht auf Medien‘. Dennoch: Diese Scheinwissenschaft ist ein großer Spaß. Lyttleton überlässt nichts dem Zufall: Er beschreibt minutiös den Tagesablauf der Teams beim ersten Shootout der WM-Geschichte, um nachzuweisen, warum 1982 die deutsche Elf einen psychologischen Vorteil gegenüber Frankreich hatte. Die Versuchsanordnungen sind so vielfältig, dass der Leser gut gelaunt durch 320 anekdotengeschwängerte Seiten schmökert, um am Ende doch festzustellen, dass kein Elfmeter wie der andere ist und im Ernstfall die Psyche jede überzeugende Statistik ad absurdum führt. Oder wie Lothar Matthäus über den Unterschied der DFB-Elf zu den ‚Three Lions‘ bei der WM 1990 sagte: ‚Wir machten uns keinen Kopf. Statt groß drüber nachzudenken, konzentrierten wir uns.‘


Antonín Panenka – letzter Elfmeterschütze im Endspiel Europameisterschaft 1976 in Jugoslawien

Der Panenka (oder Panenka-Heber) hat es mir übrigens angetan. Und so habe ich noch zwei weitere auf diese Weise geschossene Strafstöße gefunden, die von keinen anderen als von Zidane bzw. Messi geschossen wurden.


Zinédine Zidane mit einem Panenka bei der WM 2006 im Endspiel 2006


Lionel Messi mit einem Panenka in einem Spiel der spanischen Liga 2015

Wenn man überlegt, dass viele Meisterschaften durch Strafstöße und durchs Elfmeterschießen entschieden werden, dann wird einem schnell klar, welche Bedeutung diesen zukommt. Kein Geringerer als Johan Cruyff behauptete, man könne das Elfmeterschießen nicht trainieren. Sicherlich sind die Bedingungen im Training völlig andere als z.B. bei einem Turnier wie eine Weltmeisterschaft. Aber es ist sicherlich hilfreich, das Schießen von Elfmetern zuvor – vom Ablauf her – trainiert zu haben. Je mehr man diesen Ablauf verinnerlicht hat, umso größer werden die Erfolgsaussichten sein. Wer nach 120 Spielminuten überhastet ‚am Punkt‘ antritt, verringert diese mit Sicherheit:

‚Sich Zeit zu nehmen, bedeutet keine Treffergarantie, aber zumindest verschießt man nicht wie so viele andere Spieler aus meinen Studien, weil man sich nachlässig und unachtsam auf den Schuss vorbereitet hat‘, betonte [der norwegische Sportpsychologe Geir] Jordet. ‚Indem man sich auf eine Strategie konzentriert, die auf gesicherten Daten basiert, hat man sich selbst und die Situation gleich besser im Griff und erhöht seine Erfolgsaussichten. Sich eine Sekunde mehr Zeit zu nehmen, um durchzuatmen, wirkt entspannend und erhöht die Konzentration, und wenngleich es die Spieler nicht direkt in einen meditativen Zustand versetzt, kann es die nachteiligen Auswirkungen von Stress ein wenig dämpfen.“ (S. 48)

Apropos Cruyff: Er gehörte wie viele andere prominente Fußballspieler zu denen, die sich am liebsten vor dem Elfmeterschießen gedrückt haben. Aber zumindest einmal schrieb er Elfmetergeschichte, als er 1982 mit Ajax Amsterdam in einem Ligaspiel mit Hilfe seines Mitspielers Jesper Olsen einen Elfer auf kuriose, aber durchaus regelkonforme Art verwandelte: Beim Spiel in der niederländischen Eredivisie zwischen Ajax und Helmond Sport am 5. Dezember 1982 spielte Johan Cruyff einen Elfmeter kurz ab, worauf Olsen den gespielten Ball dem Niederländer zurückspielte, der dann den verdutzten Torhüter ganz einfach bezwingen konnte. Allerdings soll Cruyff samt Olsen wohl nicht die ‚Urheberrechte‘ daran haben.


Johan Cruyff und Jesper Olsen: Elfer der kuriosen Art (1982)

Da die durchschnittliche Trefferquote vom Punkt etwa 78 % beträgt, ist bei jedem Elfmeterschießen mit einem Fehlschuss zu rechnen. Dieser Wert sinkt auf 71 % bei Weltmeisterschaften, was […] ein Hinweis darauf ist, wie sich der erhöhte Druck auf die Spieler auswirkt. Für Mannschaften, die auf England treffen, steigt der Wert allerdings. […] In den sieben Elfmeterschießen, die England bei Welt- und Europameisterschaften bestritten hat, trafen die Gegner 83 % (29 von 35) ihrer Schüsse. Die Engländer selbst verwandelten nur 66 % (23 von 35). (S. 45)

Ausgangspunkt des Buchs sind die Probleme englischer Nationalspieler beim Elfmeterschießen. Aber dabei bleibt es nicht: Neben Anleitungen, die durch Statistiken aller Art untermauert werden, und vielen Anekdoten erfahren wir als Leser am Ende dann auch noch einiges zur Geschichte des Strafstoßes und der Entscheidungsfindung bei KO-Spielen durch das Antreten und Schießen ‚vom Punkt‘. „Unterhaltsam, brillant, meisterhaft“ nennt die Sunday Times das Buch und trifft damit den Nagel auf den Kopf (oder vom Punkt ins Tor). Daher sei dieses Buch jedem Fußballfan wärmstens ans Herz gelegt. Ich habe es auf jeden Fall mit Genuss gelesen.

siehe u.a.:
Alle Fakten zum Elfmeterschießen
10 psychologische Fakten über Fußball

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!

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