Tanz ums goldene Kalb

Wir werden immer wie Außerirdische angesehen, wenn wir (meine Frau und ich) sagen, wir haben kein Auto. Meist werden wir dann gleich gefragt (geradezu rhetorisch): Aber ihr habt doch einen Führerschein?! Ja, den haben wir – beide. Meiner ist allerdings schon seit vielen Jahren verschollen. Dafür habe ich eine Abo-Karte für den HVV (Hamburger Verkehrsverbund). Und wir haben Fahrräder. Und zu Fuß geht es ja auch …

Dabei gibt es mindestens 101 Gründe, kein Auto zu fahren bzw. zu haben (siehe unten den Literaturtipp). Angesichts des Klimawandels wäre es schon vorteilhaft, den eigenen CO2-Ausstoß zu reduzieren. Wenn ich so am Samstagmorgen (zu Fuß, meist mit dem Rad) die Brötchen hole, wundert es mich schon, die meisten Mitbürger mit dem Auto beim Bäcker vorfahren zu sehen. Am Ende hat der eine oder andere mehr Kohlendioxid produziert als er Brötchen im Warenkorb hat.

Autounfall

Wenn ich bedenke, dass meine beide Söhne bereits jemals einmal von einem Auto auf die Kühlerhaube genommen wurden (es ging immer glimpflich aus), und in Anbetracht der vielen Unfalltoten und -verletzten, komme ich schon ins Grübeln, ob man den Führerschein nicht eher Waffenschein nennen sollte. Für mich gibt es eigentlich keinen Grund, mich mit einer Blechbüchse zu umgeben. Zumindest muss es nicht ein Auto sein, das wer weiß wie viele Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit fahren kann, die es aber bisher noch nie gefahren ist. Warum auch?

Wenn sich unsere ganze Individualität auf den Individualverkehr reduziert, dann Mahlzeit! Freie Fahrt für freie Bürger – freie Bürger?

Und überhaupt: Ohne Autos (speziell der Produktion von PKWs) wären wir keine Wirtschaftsmacht. Aber sobald es in der Autobranche kriselt (z.B. wenn der Benzinhahn zugedreht wird), zeigt es sich, wie sehr wir wirtschaftlich von diesen Blechkisten abhängig sind. Der Tanz ums goldene Kalb hat eben auch seine Schattenseiten. Ein bisschen mehr Autarkie (statt Automobilismus) wäre wünschenswert.

Literaturtipp: 101 Gründe kein Auto zu fahren (Taschenbuch) von Matthias Sommer und Björn Pfeffermann:

Weit über 100 Prozent der Deutschen sind passionierte Autofahrer, und jeder ist der beste Autofahrer der Welt. Doch in Wahrheit sitzt hinter jedem Steuer ein Wesen, das gefährlicher ist als alle Giftschlangen, Tiger, Kampfhunde, Skorpione und Kannibalen zusammen. Denn Menschen hinter dem Steuer vereinsamen und werden aufgrund der angestauten Aggressionen lebensgefährlich: Wer hält es schon lange unter Dränglern, Pöblern und Hupern aus? Eine freche und witzige Liebeserklärung für alle, die dem Auto in aufrichtiger Haßliebe verbunden sind.

siehe auch: Website von Björn Pfeffermann (Coautor des Buchs u.a. mit Leseproben)

Wer trotzdem nicht vom Auto lassen kann: zdf.de – Panorama-Blick auf die IAA

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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