Bauplanung ‚Am Bahnhof 9/9a‘ in Tostedt (1)

Der neue Eigentümer des Grundstücks ‚Am Bahnhof 9/9a‘ in Tostedt („Tostedts Schandfleck“), die Planungsgemeinschaft Nord GmbH aus Rotenburg (PGN), hatte letzten Donnerstag, den 09.06.2016, die Anlieger dieses Grundstücks zu einer Informationsveranstaltung eingeladen und stellte dabei das geplante Bauobjekt vor. Zunächst fand eine Begehung statt, um die Grundstücksgrenzen auszuloten.

Von der Geschäfstführung der PGN waren u.a. die Herren Norbert Behrens, Nils Neumann und Matthias Diercks zugegen. Neben fast allen betroffenen Anrainer war auch die Tostedter Politik zahlreich vertreten: u.a. der Bürgermeister der Gemeinde Tostedt, Herr Gerhard Netzel, der Vorsitzende des zuständigen Planungs- und Umweltausschusses, Herr Wolfgang Zahn, die Ratsmitglieder Timmermann, Gröngröft, Koslowski und Nadine Prigge.

Des Weiteren wurde der Rahmen des Bauprojektes abgesteckt: Das Grundstück ist tatsächlich rund 14.000 m² groß (siehe nachfolgende Grafik); geplant sich acht Häuser mit zusammen rund 100 Wohneinheiten. Dabei bilden vier wohl drei- bzw. 3-¾-stöckige Häuser eine Front an der Straße ‚Am Bahnhof‘. Um den Abstand zu der angrenzenden Bahnlinie zu vergrößern, werden PKW-Stellplätze vor diesen Häusern errichtet. Die weiteren vier Häuser (mit 2 ¾ Stockwerken) verteilen sich versetzt hinter dieser Front. Die Wohnungen sollen zwischen 60 und 80 m² groß sein. Kaltmiete nach heutigem Stand: 8 €/m².

Bauvorhaben ‚Am Bahnhof 9/9a‘ in Tostedt durch PGN Rotenburg

Einen ersten Haken hatte die Präsentation sogleich: Das Bauvorhaben wurde den Anrainer so dargestellt, als wäre der zz. noch bestehende Bebauungsplan bereits geändert. Denn der bestehende Bebauungsplan Tostedt Nr. 22 „Karlstraße“ (als PDF herunterladbar) sieht dieses Grundstück als Teil eines Mischgebietes mit einer Bebauung von Häusern mit maximal zwei Vollgeschossen vor.

Bauvorhaben ‚Am Bahnhof 9/9a‘ in Tostedt durch PGN Rotenburg: Stadthäuser
Foto: PGN/Hamburger Abendblatt

Die Häuser in der obige Abbildung sollten diesen Häusern mit zwei ¾ Stockwerken entsprechen, also Flachbauten mit jeweils zehn Wohneinheiten. Gefunden habe ich dieses Bild in einem Artikel des Hamburger Abendblattes vom 03.03.2016: 1.000 neue Wohnungen im Landkreis Harburg: Kai Uffelmann, erster Kreisrat und Finanzchef des Landkreises stellte am 01.03.2016 im Finanzausschuss den Plan einer Wohnungsbaugesellschaft mit allen Gemeinden und Sparkassen vor… (Quelle: pgn-architekten.de)

Ein weiterer Knackpunkt ist die geplante Zuwegung von der Poststraße her. Die Bauplanung der PGN sieht hier eine etwa 5,50 m breite, zweispurige Straße vor, die ganz dicht an den angrenzenden Häusern in der Poststraße und den ersten fünf Häusern in der Morlaasstraße Ost entlang führen soll, sodass die Anwohner dort dann vorn wie hinten eine Straße hätten – und das bei diesen kleinen Grundstücken: eine Zumutung! Eine frühere Planung (durch den alten Eigentümer) hatte diese Zuwegung nicht vorgesehen. Zudem stellt sich die Frage, ob diese Straße nicht auch Teil einer etwa 9 m breiten Grünzone (Fläche mit Bindung für Bepflanzung und für den Erhalt von Bäumen und Sträuchern – § 9 Abs. 1 Nr. 25b BauGB) ist, die zwar zum größten Teil auf den Grundstücken in der Morlaasstraße Ost liegen, aber mit etwa anderthalb Meter Breite ein Teil der geplanten ‚Straße‘ wären (siehe den Ausschnitt aus dem Bebauungsplan rot begrenzt in der folgenden Grafik). Eine Nutzung als Gehweg wäre sicherlich am sinnvollsten, zumal es solche Gehwege viele in Tostedt gibt (Birkenweg, Gerbersteg usw.).

    Ausschnitt aus dem Bebauungsplan Tostedt Nr. 22 – Karlstraße: Grünzone - 1:1000

Es gab bei dieser Informationsveranstaltung auch eine Diskussion über die Höhe der geplanten Hausbauten, die zu einer Beeinträchtigung der Privatsphäre der Anrainer führen könnte. Und es wurde darauf hingewiesen, dass durch die Abrissarbeiten des alten Gebäudebestandes ein über 20 Jahre bestehendes Biotop mit mindestens drei Fledermausarten, Grün- und Buntspecht, Haselmäusen und weiteren Tierarten zerstört wurde. Die Abrissarbeiten kamen auch zum wahrlich ungünstigsten Zeitpunkt, nämlich in der Brutzeit vieler einheimischer Vögel. Wie uns Herr Nils Neumann von der Geschäftsführung der PGN bestätigte, wurden dabei auch mit Asbest kontaminierte Gebäudeteile entsorgt. Dies geschah ohne Benachrichtigung der unmittelbar benachbarten Anrainer des Grundstücks.

Natürlich kann und wird man den bestehenden Bebauungsplan ändern. Unnötig war in diesem Zusammenhang der Hinweis, dass das Grundstück, das zz. als Mischgebiet ausgewiesen ist, auch für andere Zwecke genutzt werden könnte, z.B. als Tankstelle und/oder Autowerkstatt (zumal die nächste Tankstelle etwa 100 m Luftlinie entfernt ist).

Im Landkreis Harburg und auch in Tostedt werden Wohnungen dringend genötigt. Und sicherlich bietet sich das Grundstück am Bahnhof zum Bau von Wohnhäusern an, obwohl die Nähe zu den Bahngleisen lärmtechnisch nicht allzu optimal ist. Dem soll durch bauliche Maßnahmen entsprechend Rechnung getragen werden. Zu bedenken ist aber auch, dass wir uns hier in Tostedt, also auf dem Land befinden und nicht in der Großstadt. So passt es nicht, wenn man den Grundstücken mit einer Größe von etwa 350 m², die unmittelbar an einer Straße liegen, noch eine zweite Straße ‚in den Rücken‘ schiebt. So wurden bei der Informationsveranstaltung hierzu erste Alternativen angesprochen. Ohne Entgegenkommen beider Seiten wird es mit Sicherheit nicht gehen. Und wie es aussieht, wird bei der PGN überlegt, wie eine akzeptable Lösung aussehen könnte.

Nachtrag: Ich verweise auf die Sitzungen des zuständigen Planungs- und Umweltausschusses der Gemeinde Tostedt. Die Website der Samtgemeinde Tostedt und damit auch der Gemeinde Tostedt ist leider etwas bescheiden strukturiert. Am besten man guckt unter Bekanntmachungen oder benutzt die Suchfunktion Sitzung des Planungs- und Umweltausschusses. Die nächste Sitzung soll am Di, 23.08.2016, 18:00 Uhr im Rathaus Tostedt stattfinden. Ob es sinnvoll ist, den Newsletter der Samtgemeinde und Gemeinde Tostedt zu abonnieren, weiß ich nicht. Wenn ich mich nicht täusche, hatte ich den schon einmal bestellt, aber in den letzten Jahren nichts bekommen. Dann gibt es da noch das Ratsinformationssystem. Aber an diese Informationen kommt man wohl nur als Ratsmitglied heran.

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!

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