Bauplanung ‚Am Bahnhof 9/9a‘ in Tostedt (2): Schreiben an den Gemeinderat Tostedt

Als Reaktion auf die Informationsveranstaltung der Planungsgemeinschaft Nord GmbH aus Rotenburg (PGN) zur Bauplanung ‚Am Bahnhof 9/9a‘ in Tostedt haben sich die betroffenen Anwohner der Morlaasstraße Ost und Poststraße in einem Schreiben vom 17.07.2016 an den Vorsitzenden und die Mitglieder des Planungs- und Umweltausschusses der Gemeinde Tostedt bzw. an die Mitglieder des Gemeinderates Tostedt gewandt. Der Vollständigkeit halber hier der Wortlaut:

Wie es aussieht, so ist die Mehrzahl der Ratsmitglieder der Gemeinde Tostedt begeistert von dem Bauvorhaben ‚Am Bahnhof 9/9a‘ durch die Firma Planungsgemeinschaft Nord GmbH aus Rotenburg (PGN). Da plant der Kreis Harburg eine eigene Wohnungsbaugesellschaft, um in nächster Zukunft 1000 Wohnungen zu bauen. Und jetzt sollen in Tostedt gleich mit einem Schlag 100 neue Wohneinheiten errichtet werden. Das auf einem Grundstück zentral beim Bahnhof gelegen, das über 20 Jahre brach lag. Somit müssen keine neuen Grünflächen am Ortsrand herhalten. Wie ideal.

Bauvorhaben ‚Am Bahnhof 9/9a‘ in Tostedt durch PGN Rotenburg
Quelle: http://navigator.landkreis-harburg.de (mit eigenen Ergänzungen in rot)

Ob es wirklich so ideal ist, wird sich zeigen. Am grünen Tisch sieht das sicherlich ganz toll aus, aber wie so oft, so hat auch diese Planung ihre Tücken. Im Folgenden wollen wir unsere Eindrücke, die wir bei der Informationsveranstaltung durch die Firma PGN am 09.06. d.J. gewonnen haben und unsere Gedanken dazu kurz skizzieren.

So stellt sich zunächst allein die Frage, warum das Grundstück über 20 Jahre brach lag, warum Frau Dörnbrak, die bisherige Eigentümerin des Grundstücks, keinen Investor fand …

Bauvorhaben ‚Am Bahnhof 9/9a‘ in Tostedt durch PGN Rotenburg
Quelle: PGN (Präsentation) mit eigenen Ergänzungen (in rot)

Es dürfte an der Nähe der Bahngleise liegen. Jetzt nach dem Abriss der alten Gebäude haben wir als Anwohner in der Morlaasstraße Ost einen deutlich erhöhten Geräuschpegel vom Zugverkehr her als zuvor. So plant die Fa. PGN einen Block von vier Häusern zur Straße ‚Am Bahnhof‘ hin, der gewissermaßen als Schallschutz für die weiteren vier Häuser, die versetzt auf dem restlichen Grundstück errichtet werden, dienen soll. Nach vorn zur Bahn hin sind in den Wohnungen Bad, Küche u.ä. geplant. Der eigentlich Wohn- und Schlafbereich mit Balkonen geht nach hinten hinaus – in nordwestliche Richtung. Fenster zur Bahn hin sollten möglichst geschlossen bleiben. Und die Y-Trasse, die einen Zuwachs an Bahnverkehr vorsieht, ist längst nicht vom Tisch.

Damit im inneren Bereich die Lärmbelästigung gering gehalten wird, sollen die Zuwegungen zu den Stellplätzen an die Ränder des Grundstücks verlegt werden. Hier kommen wir als Anwohner in der Morlaasstraße Ost/Poststraße nach jetziger Planung ins Spiel, denn an unsere Grundstücke unmittelbar angrenzend ist eine Zuwegung zur Poststraße vorgesehen. Die Lärmbelästigung wird also an uns ‚weitergegeben‘. Da keine Bürgersteige (auch unsere Straße hat bekanntlich keine) wegen der Enge möglich sind – es ist eine etwa 5,50 m breite, zweispurige Straße geplant -, so wird die vorgesehene Zuwegung ganz dicht an den angrenzenden Grundstücke mit den Häusern in der Poststraße und den ersten fünf Häusern in der Morlaasstraße Ost entlang geführt werden, sodass die Anwohner dort dann vorn wie hinten eine Straße hätten – und das bei diesen kleinen Grundstücken: nicht gerade ideal!

Eine frühere Planung (durch den alten Eigentümer) hatte diese Zuwegung nicht vorgesehen. Zudem stellt sich die Frage, ob diese Straße nicht auch Teil einer etwa 9 m breiten Grünzone (Fläche mit Bindung für Bepflanzung und für den Erhalt von Bäumen und Sträuchern – § 9 Abs. 1 Nr. 25b BauGB) ist, die zwar zum größten Teil auf den Grundstücken in der Morlaasstraße liegen, aber mit etwa anderthalb Meter Breite ein Teil der geplanten ‚Straße‘ wären (siehe den Ausschnitt aus dem Bebauungsplan rot begrenzt in der folgenden Grafik). Lt. Mitteilung des Landkreises Harburg schließt die Bindung für Bepflanzungen [usw.] „die Anlage einer Erschließungsstraße erstmal aus.“ – Die Zuwegung wäre also nur möglich, wenn die Grünschutzzone („Bindung für Bepflanzungen …“) aufgehoben wird. Sie werden verstehen, wenn wir Anwohner nicht begeistert davon wären. Jahrelang mussten wir uns an diese Festsetzung halten, durften keinen Baum entfernen und mussten Neupflanzungen selbst dann vornehmen, wenn ein Baum durch Sturm schwer beschädigt wurde. Auch größere Investoren haben sich an solche Festsetzungen zu halten. – Eine Nutzung als schmaler Gehweg wäre sicherlich am sinnvollsten, zumal es solche Gehwege viele in Tostedt gibt (Birkenweg, Gerbersteg usw.).

    Ausschnitt aus dem Bebauungsplan Tostedt Nr. 22 – Karlstraße: Grünzone - 1:1000
    Ausschnitt Bebauungsplan Tostedt Nr 22 Karlstraße (mit eigenen Ergänzungen in rot) – Maßstab 1:1000

Die geplanten Häuser sollen voraussichtlich wie auf der nachfolgenden Grafik aussehen. Dabei handelt es sich um sogenannte Stadthäuser. Sicherlich kann man sich über die Frage, ob solche Häuser in den ländlichen Bereich gehören, streiten. Eine ähnliche ‚Bausünde‘ findet sich ja bereits in der Poststraße (müsste Hausnummer 30 sein). Und eine weitere wird zz. an der Ecke Poststraße/Baumschulenweg errichtet.

Bauvorhaben ‚Am Bahnhof 9/9a‘ in Tostedt durch PGN Rotenburg: Stadthäuser
© Foto: PGN/Hamburger Abendblatt

Wenn wir das richtig sehen, so will die Fa. PGN mit den acht Wohnhäusern das baurechtlich zulässige Maximum errichten. Vielleicht wäre weniger mehr. Das Grundstück dürfte wie auch die Grundstücke in der Morlaasstraße sehr sumpfig sein, da in geringer Tiefe eine wasserundurchlässige Lehmschicht liegt. Nur wenige Häuser hier haben einen Keller, der auch nur mit Hilfe einer Drainage trocken gehalten werden kann. Durch die geplante, sehr dichte Bebauung, besonders auch durch die vorgesehene, unmittelbar an unseren Grundstücken gelegene Straße erfolgt eine Bodenverdichtung, die sich z.B. bei Starkregen auch auf unsere Grundstücke negativ auswirken wird. Übrigens: Bei der Verlegung der Kanalisation in der Morlaasstraße musste extra eine Firma aus den Niederlanden herbeigeholt werden, da die hiesige Firma Vorwerk wegen der Bodenverhältnisse nicht weiterkam.

Noch eine kleine Nachbetrachtung: Bei Abriss des alten Gebäudebestandes wurden auch mit Asbest kontaminierte Gebäudeteile entsorgt. Das geschah ohne Benachrichtigung der unmittelbar benachbarten Anrainer des Grundstücks. ‚Unglücklich‘ erscheint uns auch, wie ein über 20 Jahre bestehendes Biotop mit mindestens drei Fledermausarten, Grün- und Buntspecht, Haselmäusen und weiteren Tierarten zerstört wurde. So ist zu befürchten, dass durch den Aushub beim Häuserbau und bei der Anlage der geplanten Zuwegung zur Poststraße nicht allein die geschützten Bäume, sondern eher noch die Wurzeln dieser Bäume beschädigt werden. Das betrifft zusätzlich die Wurzeln der geschützten Bäume auf den Grundstücken der Anwohner der Morlaasstraße, die sehr nah an der vorgesehenen Straße stehen.

Soviel dazu! Wie wir gehört haben, so hat die Firma PGN diverse Gutachten in Auftrag gegeben (z.B. zur Lärmbelästigung durch die Bahn, Bodenbelastung usw.). Auch wenn das sicherlich nichts Außergewöhnliches ist, so zeigt es doch auf, dass selbst die Firma PGN mit einem gewissen Bauchgrummeln an die Sache geht.

Grundsätzlich haben wir nichts gegen das Bauvorhaben, wenn es uns nicht in irgendeiner Weise beeinträchtigt. Die geplante Häuserfront zur Bahn hin würde auch uns als Schallschutz dienen. Gegen die geplante Zuwegung über die Poststraße werden wir allerdings aus dem genannten Grund unsere Bedenken äußern und notfalls mit allen zur Verfügung stehenden Mittel vorgehen. Allerdings hat Herr Behrens von der Firma PGN bereits signalisiert, sich mit den verschiedenen Anregungen, die bei der genannten Informationsveranstaltung vorgetragen wurden, auseinanderzusetzen.

Warum schreiben wir das hier so ausführlich? Um das Bauvorhaben realisieren zu können, bedarf es der Änderung des Bebauungsplans Karlstraße, der durch Sie als Mitglieder des Gemeinderates Tostedt vorzunehmen wäre. Daher ist es sicherlich sinnvoll für Sie, schon frühzeitig von den Bedenken der unmittelbar betroffenen Bürger zu erfahren.

Ohne Entgegenkommen aller Seiten wird es mit Sicherheit nicht gehen. Und wie bereits angesprochen, so wird bei der Firma PGN überlegt, wie eine akzeptable Lösung aussehen könnte. Auf das Ergebnis sind wir alle sehr gespannt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Wir hoffen auf Ihre Unterstützung bei der Umsetzung einer vernünftigen, alle zufriedenstellenden Lösung bei der geplanten Bebauung.

Mit freundlichen Grüßen
Anwohner der Morlaasstraße Ost und Poststraße

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!

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