Archiv für den Monat: November 2005

Alfred Lichtenstein: Die Dämmerung

Der November ist ein Monat der Hochnebel; Landschaften und Städte liegen grau in grau, meist windstill, unter einer dichten Dunstglocke. Ein Monat des leisen Horrors und des Todes, nicht allein wegen solcher Feiertage wie Allerheiligen, Totensonntag und Volkstrauertag. Für viele ist es eine Zeit der Depressionen.

Vor einigen Jahren gab es bei Zweitausendeins, einem Bestellbuchladen (und für vieles mehr), eine siebenbändige Dünndruckausgabe der ersten zwanzig Jahrgänge (mit 1954 beginnend, meinem Geburtsjahr) von Akzente – Zeitschrift für Literatur (damals noch Zeitschrift für Dichtung) – über 11.000 Seiten umfassend für einen Spottpreis. Die Zeitschrift Akzente ist wohl die bedeutendste Literaturzusammenfassung in deutscher Sprache. Alles was Rang und Namen in der deutschen Literatur hat und hatte (oder auch nicht), hat hier irgendwann einmal einen Beitrag veröffentlicht.

Erst in letzter Zeit bin dazu gekommen, die Bände von Anfang an zu lesen. Bisher hatte ich nur von Zeit zu Zeit darin geblättert. Für dieses Jahr habe ich mir den Jahrgang 1955 vorgenommen. Es ist schon interessant zu lesen, was und wer vor genau 50 Jahren literarisch im Rampenlicht stand. Hier finden sich z.B. schon Beiträge von Günter Grass und Martin Walser aber auch noch von Thomas Mann und Hermann Hesse, die damals noch lebten. Thomas Mann schrieb über Friedrich Schiller, denn auch 1955 war Schiller-Jahr.

Ziemlich am Schluss des Jahresbandes fand ich dann einen Essay über Alfred Lichtenstein und darin das unten aufgeführte Gedicht. Es beschreibt Bewegungen, die in knappen Stößen sich unvermittelt aneinanderstellen. Die peinliche Genauigkeit des Bildes, ironische Pedanterie in einem Vergleich verstärkt den Eindruck monotoner Schilderei, wie Herbert Heckmann, der Autor des Essays, schreibt.

    Alfred Lichtenstein

Die Dämmerung

Ein dicker Junge spielt mit einem Teich.
Der Wind hat sich in einem Baum gefangen.
Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich,
Als wäre ihm die Schminke ausgegangen.

Auf langen Krücken schief herabgebückt
Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme.
Ein blonder Dichter wird vieleicht verrückt.
Ein Pferdchen stolpert über eine Dame.

An einem Fenster klebt ein fetter Mann.
Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.
Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an.
Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.

Herbert Heckmann in Akzente 1955, Heft 5 schreibt u.a. erläuternd weiter:

Die Wirklichkeit zeigt sich in den Scherben eines Augenblickes. Das Eindeutige verwirrt sich im Netz seiner Beziehungen. … Lichtenstein hat nicht die Absicht, eine real denkbare Landschaft zu geben: naturalistische Schilderei liegt ihm genau so fern wie eine symbolische Vertiefung.

November – Monat tagelanger Dämmerung, der Monotonie. Irgendwie finde ich das Gedicht sehr passend zu diesem Monat.

weitere Gedichte von Alfred Lichtenstein

Schottland 1985: Orkney-Inseln – Stromness auf Mainland

Das nächste Wochenende während unseres Schottland-Urlaubs vor 20 Jahren verbrachte ich mit meiner heutigen Frau auf den Orkney-Inseln:

Sonntag, den 11. August 1985 (9. Reisetag):

Wir stehen gegen 8 Uhr 30 auf (es ist etwas knuffig im Zelt) und machen uns dann ein ausgiebiges Frühstück. Der Himmel hat sich leider etwas bewölkt und der Wind nimmt wieder an Heftigkeit zu; so haben wir Schwierigkeiten mit unserem Gaskocher.

Zunächst essen wir Müesli mit Milch, anschließend gibt es zu Tee Rührei (nachdem diese fast 1/2 Stunde gebraten haben und die Gaskatusche fast ganz ‚ausgelutscht‘ ist); dann Brot mit Farmer Cheese und Garlic Paté, als Abschluß deutsches Kürbisbrot mit britischer Orangenmarmelade (zu einem zweiten Pott Tee). Das schmeckt nicht übel (im Gegenteil).

Danach duschen wir, was wirklich eine Wohltat (nach über zwei Tagen ohne) ist. Ich spüle noch schnell das Geschirr. Christa wäscht dann einige Hemden und Unterhosen aus. Alles hängen wir an eine Wäscheleine. den Rest besorgt der Wind.

Fähre zu den Orkney-Inseln Fähre zu den Orkney-Inseln
Fähre zu den Orkney-Inseln
Campingplatz in Stromness (Mainland der Orkney-Inseln) Stromness (Mainland der Orkney-Inseln)
Campingplatz in Stromness (Mainland der Orkney-Inseln) Stromness (Mainland der Orkney-Inseln)

Gegen 13 Uhr 30 gehen wir dann an der Küste entlang spazieren. Wir kommen an Wiesen mit Schafen und Kühen (leider keine zottige schottische Hochlandkuh) vorbei, auf dem Golfplatz neben unserem Zeltplatz (heute morgen landete ein Golfball auf unserem Platz) tut sich trotz Stürmchen auch einiges.

So gehen wir zwei Stunden durch die Gegend. Es ist etwas drückend, sonst ist es aber ganz gut. 15 Uhr 30, zurück in unserem Zelt, kochen wir und Tee (die erste Gaskatusche gibt dabei ihren Geist auf; wir kochen im Zelt weiter), essen Apple Pie zum Tee.

Dann geht es nochmals in die Stadt; wir gucken u.a. nach dem Bus morgen nach Kirkwall, dem Hauptort von Mainland. Heute übrigens geht den ganzen Tag (außer früh morgens) kein Bus – es ist wie ‚abgeschnitten‘ (so haben wir wenigstens etwas Zeit zum Entspannen usw.); wir kaufen noch einige Knabbersachen und kehren zurück in unser Zelt (die Wäsche ist bereits trocken). Es ist einfach zu windig geworden (und damit kalt); im Zelt läßt es sich aushalten.

Wir kochen uns eine Suppe, essen dazu etwas Brot. Dann gibt es Tee mit einem ordentlichen Schuß Whisky, um uns von innen durchzuwärmen (und als Schlummertrunk). Und endlich schaffen wir es auch, die leidigen Postkarten an die liebe Verwandtschaft und Bekanntschaft zu schreiben.

Während Christa schon packt, pinsele ich das Tagebuch bis hierhin weiter. Damit (und mit noch mehr Wind) geht der Tag langsam zu Ende. Der Whisky tut uns ganz gut und macht uns schläfrig (soweit es die frische Luft nicht geschafft hat). Christa hört etwas Walkman, während sie packt. Dann gehen wir uns waschen und legen uns gegen 22 Uhr in unsere Schlafsäcke. Es ist ziemlich hell draußen, so klönen wir noch ein bißchen. Gegen 23 Uhr legen wir uns dann aufs Ohr. Aber zum Schlafen kommen wir so schnell nicht, denn plötzlich beginnt es zu regnen und hört die ganze Nacht nicht mehr auf. Der Regen trommelt aufs Zeltdach. Aber das hält wenigstens dicht. Auch als Wind einsetzt, bleibt es trocken. Unsere Bindfadenabspannung erweist sich doch als nicht gänzlich umsonst. Christa steht zwischendurch, als der Regen stärker wird, fast senkrecht im Schlafsack. Aber etwas Schlaf finden wir dann doch noch …

siehe hierzu auch Schottland-Urlaub 2005

Die Seuche DB

Nein, ich schreibe nicht von der Vogelgrippe. Ich meine die DB, die Deutsche Bahn AG, auch DBAG. Wenn da einmal nichts läuft, dann läuft es nicht. Und es dauert, bis es sich wieder ’normalisiert‘. Was meine ich? Wer Pendler im Nahverkehr ist oder öfter mit der Bahn fährt, wird es gleich wissen: Die ständigen Verspätungen der DBAG (und daraus resultierend der Züge des Metronoms)! Seit Montag ist es wieder extrem damit und hält an. Und wie eine Seuche überträgt es sich auch gleich auf die S-Bahnen in Hamburg, auf die plötzlich auch kein Verlass mehr ist (wenn es das auf längere Sicht jemals war).

    ... und marode Gleise

Aber das ist ja alles nichts Neues. Und eigentlich sind auch ständige Fahrpreiserhöhungen nichts Neues. Ende August wurden diese bereits mit Verweis auf massiv gestiegene Energiekosten angekündigt. Dies war bei Fahrgastvertretern und in der Politik auf Kritik gestoßen. Konkret werden im Nahverkehr Einzelfahrten und Wochenkarten um 2,9 Prozent teurer, Monatskarten um 2,2 Prozent. Dies gilt für Fahrten außerhalb der Verkehrsverbünde, also etwa eine Fahrt mit dem Regionalexpress von Rostock nach Berlin. Die Preise mehrerer Ländertickets dürfen zudem um bis zu zwei Euro angehoben werden. Das Niedersachsenticket kostet bereits statt 22 jetzt 24 Euro.

Aber es gibt auch Positives zu berichten. Das (inszwischen teurere) Niedersachsenticket gilt nun auch am Wochenende. Statt der 30 Euro am Automaten (oder 32 Euro am Schalter) für das Schöne-Wochenende-Ticket spart man also etwas Geld, wenn man wie meine Lieben und ich z.B. von Tostedt nach Bremen fährt. Ich frage mich dabei nur, warum das erst jetzt kommt?! Gerade am Wochenende möchte die Deutsche Bahn mit günstigen Angeboten Fahrgäste locken. Aber wenn ich für die genannte Fahrt Tostedt – Bremen am Wochenende mehr zahlen muss als wochentags, dann ist das für mich nichts anderes als eine Abzockerei. Aber das hat sich ja nun geändert.

Das war knapp …

Fast habe ich mir das so gedacht: Da tritt Werder Bremen ganz souverän in der Champions League gegen Udinese Calcio auf, führt mit 3:0. Und schon schleicht sich der Schlendrian wieder ein, dass es fast in die Hose geht. Johann Micoud sei Dank hatte das Drama dann doch noch ein gutes Ende. Damit bleibt die Chance weiterzukommen erhalten. Das war wirklich knapp, aber jetzt ist nach dem 4:3-Sieg wieder alles drin.

    Matchwinner Johan Micoud

Am Samstag geht es nun in der Bundesliga gegen die Bayern nach München. Da kann man sich dann aber keine Kunstpausen erlauben, da muss hart ans Werk gegangen werden. Ausschlafen könnt ihr dann am Sonntag, Jungs!

Schottland 1985: Von Helmsdale zu den Orkney-Inseln

Weiter aus meinem Reisetagebuch vom August 1985 von der Fahrt mit meiner heutigen Frau durch Schottland:

Samstag, den 10. August 1985 (8. Reisetag):

Um 7 Uhr 30 stehen wir auf, waschen uns etwas (es gibt ja nur kaltes Wasser und keine Duschen), packen schnell unsere Sachen und gehen dann noch etwas hinaus. Es lacht uns die Sonne entgegen. Wir „schießen“ noch einige Fotos und nehmen dann unser Gepäck, um zum Bahnhof zu latschen. Pünktlich um 9 Uhr 29 kommt der Zug, mit dem wir über Georgemas Junction, wo die Wagen nach Wick abgekoppelt werden, nach Thurso fahren. Kurz vor 11 Uhr kommen wir dort an. Es wartet schon ein Doppeldeckerbus auf uns, der uns zur Fähre (Orkney-Inseln) nach Scrabster Pier bringt.

Um 12 Uhr fahrt die Fähre los. Es ist blauer Himmel, also sonnig, aber durch den frischen Wind recht kalt. Die Fährfahrt dauert zwei Stunden und bringt uns an der Insel Hoy mit dem „Old Man of Hoy“ (wie die lange Anna auf Helgoland) zur Hauptinsel (Mainland) der Orkney-Inseln. Der Ort heißt Stromness. Schon vom Schiff aus sehen wir den Campingplatz, der etwas außerhalb des Ortes fast wie auf einer Landzunge ins Meer hineinragt. Uns kommen trotz des Sonnenscheins arge Bedenken, auf den Campingplatz zu gehen. Wir denken nur an die Windfestigkeit unseres Zeltes. Um 14 Uhr sind wir an Land, d.h. auf der Insel. Wir gucken, ob es noch einen weiteren Campingplatz gibt, was nicht der Fall ist. So wagen wir es also und gehen zum Campingplatz. Dort ist es in der Tat sehr windig. Wir bauen das Zelt auf und stellen fest, daß es in befürchteter Weise dem Wind ’nachgibt‘. So wollen wir im Ort Bindfaden (thread) und Sicherheitsnadeln (satety pins) kaufen, um damit die Stabilität des Zeltes zu erhöhen.

Old Man of Hoy Hafen von Stromness - Mainland (Orkney)
Old Man of Hoy – Orkney-Inseln Hafen von Stromness – Mainland (Orkney)

Gleichzeitig kaufen wir im Ort auch Lebensmittel (u.a. eine Garlic Paté, also Knoblauch-Leberpastete) und zwei Dosen Guinness (0,44 l a 67 p.) – zuletzt zahlte ich im Bahnhofspub von Inverness für einen Pint (= 0,56 l) Guinness 87 p. – es lohnt sich kaum, Bier im Laden, vor allem in der Dose, zu kaufen; im Pub ist das Bier kaum wesentlich teurer … Außerdem kaufen wir eine halbe Flasche Whisky für 4 £ 65.

Zurück bei unserem Zelt brauen wir uns zunächst ein Süppchen und kosten auch von der Paté. Die schmeckt wirklich köstlich. Anschließend hantieren wir mit Bindfaden (aber ohne Sicherheitsnadeln, die nicht zu gebrauchen sind) am Zelt und binden die zwei Fiberglasstangen, die dem Wind ausgesetzt sind, damit ab. Das Ganze bringt wenigstens etwas, wenn es sonst auch noch immer recht wackelig bleibt.

Wir gehen dann noch ein zweites Mal in den Ort und auch oberhalb davon etwas spazieren. Es ist immer noch sehr schön, aber eben windig. Gegen 20 Uhr sind wie wieder auf dem Campingplatz und setzen uns in unser Zelt. Wir essen noch eine Art Heißwecke, die mehr eine Art Amerikaner (Kuchen) ist, anschließend knabbern wir zu ‚Wahnsinn‘ (Guinness mit Whisky, nachdem wir schon einen Pott Tee mit Whisky ‚angereichert‘ haben) Potato Chips; ich pinsle etwas Tagebuch – wir klönen und sind guter Laune, wenn auch etwas müde, zumal der Wind sich etwas gelegt hat.

Gegen 22 Uhr waschen wir uns etwas (es gibt hier Duschen und warmes Wasser – für die Duschen muß man 10 p. für Warmwasser einwerfen); gegen 22 Uhr 30 legen wir uns aufs Ohr. Es dauert, bis wir Schlaf finden, hier und da regt sich noch etwas auf dem Campingplatz. Zudem schnarcht ein Typ im gleichbleibendem Rhythmus ununterbrochen. Das nervt doch ziemlich … Heute hat Christa meinen Schlafsack, weil sie die Nächte zuvor in ihrem fror. Ich dagegen schwitze eher in diesem Bundeswehr-Monstrum. Aber was soll ’s: „Man muß damit leben!“ (einer meiner Lieblingssprüche dieser Tage).

siehe hierzu: meine Reisevorbereitungen Schottland 2005

Die Zukunft ist gelb

Alles ist rosarot …? Neinein, und die Zukunft ist auch nicht schwarz! Also, was?

Erst kündigt SPD-Chef Müntefering seinen Rückzug von der Partei-Spitze an, weil man ihm Frau Nahles als Generalsekretärin vor die Nase setzen will und stützt damit seine Partei in einen Zustand zwischen Wut und Resignation. Und mit Vizekanzlerschaft und Arbeitsministerium weiß er noch nicht …

Da will auch Edmund Stoiber lieber in München bleiben und nicht in die geplante Bundesregierung eintreten. Wegen Müntefering und überhaupt, weil ihm der Zuschnitt des Wirtschaftsministeriums, dem er vorstehen wollte und sollte, nicht passt.

Und dann denkt Andrea Nahles plötzlich über einen Rückzug von ihrer Kandidatur nach …

Ätsch Mann, bätsch Mann: Alles Banane!

    Andy Warhol's Banana

Klar, die Zukunft ist gelb … Nicht FDP-gelb, Herr Westerwelle, der plötzlich wieder von Jamaika träumt. Gelb wie eine Banane!

Und wenn schon alles zusammenbricht (ist es das nicht schon längst?), da werden die Unkenrufe nach Neuwahlen laut. Sollte ich etwa doch eine Art von Prophet sein? Siehe meinen Beitrag: Neuwahl in Sicht?!

Apropos gelb und Banane! Von Bananenrepublik war da auch schon ‚mal die Rede!