Also nun wirklich genug von Jethro Tull (wenigstens für heute). Was gibt es Neues auf dem Markt? In diesem Tagen sind drei neue Alben erschienen, die ich mir dann auch genauer angehört habe.
Nach der kurzzeitigen Reunion mit seinen Kollegen von der Gruppe Cream, dem dann eher enttäuschenden Album „Back Home“ von 2005, in dem Eric Clapton sicherlich ein breiteres Stilspektrum (von Blues über Reggae bis hin zu Folk) füllte, aber dabei doch sehr im Konventiellen verblieb (nur keine Experimente), traf er sich jetzt mit einer anderen Gitarrenlegende, JJ Cale, um das Album „The Road to Escondido“ aufzunehmen. Wer kennt nicht die Lieder „After Midnight“ und „Cocaine“, mit denen Clapton Erfolge feierte, die aber aus der Feder von JJ Cale stammen. Um es gleich zu sagen: Das Produkt der beiden ist ein überaus altmodisches Album. 14 Songs zwischen Blues, Country, Rock und Folk. Bisschen dünn die Stimmen (Clapton scheint sich da dem guten Cale abzupassen), dafür hätte es ein bisschen mehr Gitarre sein können. Alles insgesamt ohne große Schnörkel.
Von Tom Waits gleich eine 3-CD-Box mit insgesamt 56 Liedern, Liedchen und Geschichtchen: Orphans. Alles Waisenkinder, die zurück zu ihrem musikalischen Vater finden: unveröffentlichtes Material und neu Aufgenommenes (u.a. Lieder, die Waits anderen Künstlern überlassen hatte) – eingeteilt in drei Kategorien:
Brawlers: knorriger Blues und stampfende Songs Bawlers: Balladen, Songs mit Klavierbegleitung, dazu Walzer und „Wiegenlieder“ Bastards: Waits mit experimenteller Musik und Geschichten
Ein breites Spektrum also, das Waits da bietet. Und zu allem, was er in den vielen Jahren seines Schaffens produziert hat, finden sich hier musikalische Beispiele. Als kleine Kostprobe habe ich ein Lied gewählt, das vielleicht nicht repräsentativ für dieses Dreifachalbum ist, das aber schon fast allein für sich den Kauf rechtfertigt.
Wer in meinem Alter ist, wird sicherlich die Lieder von Cat Stevens kennen: Moon Shadow, Morning has Broken – um nur zwei Beispiele zu nennen dieser Sänger-Songwriter-Pop-Musik früherer Jahre, eingängig, aber nicht öde, mit vielen Folk-Elementen besetzt. Dann trat Cat Stevens zum Islam über und nennt sich seitdem Yusuf Islam. Es wurde musikalisch gesehen still um ihn. Sein letztes Album erschien vor nun 28 Jahren. Und jetzt nach dieser langen Zeit eine CD namens „An Other Cup“.
Yusuf macht da weiter, wo Cat Stevens aufgehört hat. Sicherlich fließen Anleihen bei ethnischer Musik in seine neuen Stücke hinein, die Stimme ist reifer, klingt etwas ungeübt, auch sind seine Texte spirituell ‚angehaucht‘. Aber Neues ist es nicht. Wer also Cat Stevens möchte, wird auch Yusuf mögen.
Wer die Himmelsleiter erklimmen will, der sollte das nötige Kleingeld mitbringen, um Einlass zu erzielen, denn am Eingang zum Himmel muss man für seine Sünden zahlen. Ansonsten geht es mit dem Fahrstuhl hinab zur Hölle. Wer nun wissen möchte, wie viel Geld er benötigt, kann ermitteln, wie hoch der Ablass für die einzelnen Sünden ist. Hier eine Rechenhilfe: Wie viel kosten Deine Sünden?
Martin Barre wurde lange Zeit unterbewertet. Erst im Laufe der Jahre haben Kritiker und Fans gemerkt, welch brillanter Musiker er ist. Sicherlich lag es daran, dass er bei der Gruppe Jethro Tull im Schatten von Ian Anderson stand, dem charismatischen Kopf der Band. Aber ohne ihn, darin sind sich die Kenner einig, hätte es Jethro Tull in dieser Form bis heute nie gegeben.
Legendär ist sein Gitarrensolo auf dem Stück „Aqualung“, dass er im Studio ‚in einem Stück’ eingespielt hat. Dieses Solo wird inzwischen zu den zehn besten in der Rockszene gerechnet. Anerkennung, die mehr als berechtigt ist.
Martin Barre 1962 mit seiner 1. Gibson ES 330
Gibson Les Paul 1959
Martin Barre mit seiner Gibson Les Paul 1959
Küsschen von Ian Anderson
Martin Barre spielt eine Ibanez
Aber auch zum späten Gewinn des Grammys im Jahre 1988 für die Scheibe „Crest of a Knave“ war der Beitrag von Martin Barre nicht unerheblich. Seine knackigen Gitarrenriffs haben dazu beigetragen, der Gruppe den Preis in der Kategorie „Best Hard Rock/Metal Performance Vocal Or Instrumental“ zukommen zu lassen. Eingeweihte wissen es längst: Metallica zum Trotz!
Neben den vielen Alben mit Jethro Tull hat er inzwischen auch drei Solo-Alben eingespielt („A Trick of Memory“, „The Meeting“ und „Stage Left“) und wirkte bei unzähligen anderen Produktionen als Studiomusiker mit.
Heute nun wird Martin Lancelot Barre 60 Jahre alt. Von hieraus die besten Glückwünsche und alles Gute für die weiteren Jahre. Als alter Tull-Fan hoffe ich insbesondere, dass es eine noch lange gemeinsame Zeit mit Ian Anderson wird. Happy birthday, Martin!
Sicherlich eine interessante Information ist die Aussage von Martin Barre, er wäre von Leslie West von der Gruppe ‚Mountain’ beeinflusst. Hier ein Auszug aus einem Interview, das Shawn Perry mit Barre im Herbst 2003 führte (im Original):
Auszug aus: Interview mit Martin Barre (Herbst 2003) von Shawn Perry
SP: On „Count The Chickens,“ [Song von Martins CD “Stage left”] you’re playing a Les Paul Junior, which you say you bought after meeting Leslie West. You also played it on „Aqualung.“
MB: Yeah, it was the lead guitar.
SP: Would it be fair to say that some of your playing on „Aqualung“ was indirectly influenced by Mountain?
MB: I think so. Not „Aqualung“ itself, but yeah the way I play it. Leslie is the only player that I’ve actually had influence from directly. But Leslie West with his sound, he’s a great player. I didn’t try to copy him, but there are certain things about his playing that I really, really like.
SP: Correct me if I’m wrong, but doesn’t Ian usually play the acoustic guitar on Tull’s records?
MB: He normally does, but sometimes I’ll play a lead acoustic line.
SP: That being said, I think your acoustic playing on this album is very refreshing.
MB: I enjoy it. I love the acoustic sound. That’s why I’m playing bouzouki and mandolin too. The structure of the sound. I really like the sound of the guitar; you know the inversions and making an orchestral sound with the acoustic.
SP: Do you prefer the acoustic over the electric guitar?
MB: In some ways, I do because they’re so honest. You don’t get away with anything when you play the acoustic guitar. There are no sounds that mask the notes or bad technique. It’s a great, pure sound. I love it. I get a little satisfaction if I play the acoustic well to my mind. It’s very satisfying. With electric, I think you’re always fighting the elements with an electric guitar. You’re always trying to get a better sound. It’s not a perfect instrument.
…
kurze Ausschnitte aus Liedern von der Gruppe „Mountain“ (Gitarre: Leslie West) –
vom Album „The Best of Mountain“ (‚Never in My Life‘ / ‚Mississippi Queen‘ / ‚Boys in the Band‘)
Gestern verwies ich auf bei youtube.com gefundene Videos von Live-Auftritten der Gruppe Jethro Tull aus dem Jahre 1973: A Passion Play. Für Ian Anderson und seine Mannen wurde das Album selbst zu einem Passionsspiel, da es von der Kritik förmlich verrissen wurde. Anderson verkündete die Auflösung der Gruppe und zog sich mehrere Monate aus der Öffentlichkeit zurück. Aber wir wissen: mit dem Album „Warchild“ gelang der Gruppe 1974 ein passables Comeback.
Nun, auch auf „Warchild“ hören wir den Meister auf dem Saxophon blasen. Aber inzwischen dürfte das gute Stück auf dem Dachboden seines Landhauses verstauben. So wie er nie mehr auch nur eine Note von „A Passion Play“ spielte, genauso wenig rührte er das längliche Soprano Saxophon wieder an. Immerhin ist es ein ungewohnter Anblick, Herrn Anderson mit seinem Saxophon zu sehen, sind wir ihn mit Flöte mehr als gewohnt.
Ja, die Leiden mit einer Leidenschaft: Jethro Tull. Es sind eigentlich eher die Möglichkeiten, die das Internet bietet und dessen Nutzen (Benutzung) zur Leidenschaft wird. Im Falle der Rockgruppe Jethro Tull sind diese mannigfaltig. Besonders beim Video-Portal youtube.com sind fleißige Bienchen am Werke, die fast täglich neues altes Material meiner (immer noch) Lieblingsgruppe anbieten. Ich selbst gehöre inzwischen auch dazu. Und so wird die Leidenschaft fast schon zur Sucht und damit zum Leiden. Leiden dieser Art können dabei so schön sein.
Nun, bei youtube.com gibt es ein Bienchen namens TullTapes (ein Pseudonym oder wie man es auch nennt: Nickname für einen 36-jährigen Benutzer und Anbieter aus den USA), der mit Leidenschaft alte Videoaufnahmen der Gruppe sammelt (besonders im 8 mm-Format) und jetzt in sechs Teilen einen zusammengeschnipselten Live-Auftritt aus dem Jahre 1973 präsentiert: A Passion Play. Das Album war damals von der Kritik förmlich zerrissen worden. Was dazu führte, dass Ian Anderson und seine Mannen weitere Live-Auftritte cancelten und für geraume Zeit von der Bildfläche verschwanden.
Heute ist dieses Konzept-Album fast vergessen, obwohl es als solches neben „Thick as a Brick“ meiner Meinung nach zu einem Kilometerstein der Rockmusik zählt. „A Passion Play“ ist unverkennbar typische Tull-Musik. Ich selbst habe „A Passion Play“ nie live miterlebt. “Thick as a Brick”, wenigstens in einer Kurzfassung, steht auch heute noch auf dem Programm der Band. Das Passionspiel dagegen wurde für immer vom Spielplan genommen. Und auch das Saxophon, ein Soprano Sax, verstaubt seitdem auf dem Dachboden von Ian Andersons Haus. Anderson hat geschworen, es nie wieder in die Hand zu nehmen.
Okay, die Bild- und auch die Tonqualität ist nicht berauschend, aber akzeptabel. Ich empfand es als ein Ereignis, über 30 Jahre verspätet „A Passion Play“ live im Video zu sehen. Bisher kannte ich nur kleine Ausschnitte von völlig unzureichender Qualität. Vielleicht hätte sich „TullTapes“ das Zwischenspiel (Die Hasengeschichte) sparen sollen. Dieses Video habe ich in besserer Qualität selbst vorliegen. Insgesamt sind die rund 50 Minuten für einen alten Tull-Fan wie mich aber sehr beeindruckend. Und ich habe gar nicht gewusst, dass Ian Anderson dabei weit mehr Saxophon als Querflöte spielt.
Hier nur die Links zu youtube.com [die folgenden Youtube-Videos sind leider ‚privat‘ geschaltet]:
JETHRO TULL RARE PASSION PLAY 1973 LIVE PROJECT PART 1
JETHRO TULL RARE PASSION PLAY 1973 LIVE PROJECT PART 2
JETHRO TULL RARE PASSION PLAY 1973 LIVE PROJECT PART 3
JETHRO TULL RARE PASSION PLAY 1973 LIVE PROJECT PART 4
JETHRO TULL RARE PASSION PLAY 1973 LIVE PROJECT PART 5
JETHRO TULL RARE PASSION PLAY 1973 LIVE PROJECT PART 6
der Meister spielt neben Saiten- und Holzblasinstrumenten noch ein klein wenig Keyboards. Oder zumindest tut er so: Bei einem Auftritt während der „A“ – Tour stellte er sich an die Tasten, ebenso wie beim Konzert 1977 im Hippodrom. Aus der komplexen Klangfülle der Konzerte kann ich leider nicht heraushören, was er den Keyboards entlockt.
In Deiner letzten mail schriebst Du, dass derjenige, der über keinerlei Qualitäten verfügt, im Showbusiness schnell weg vom Fenster sei. Schön wär’s. Leider erlebe ich es immer wieder anders, sobald ich Fernseher oder Radio anmache. Aber ich habe mir vorgenommen, heute nicht zu lästern und niemanden zu schmähen.
Was Musik und Bühnenoutfit des Mr. Anderson betrifft, bin ich absolut Deiner Meinung: Die Musik steht an erster Stelle, nicht die Klamotten. So sollte es bei einem Musiker nun mal sein. Die ausgefallenen Kostüme des Meisters haben lediglich dazu beigetragen, seinen Wiedererkennungswert zu erhöhen. Jemand wie er hat es nicht nötig, durch Randale und Exzesse aufzufallen. Er besticht ganz einfach durch Leistung; das ist die sicherste Methode, um anerkannt zu werden.
Vielen Dank für die Barre – Dateien. „A Trick of Memory” gefällt mir nicht. “The Dreamer“ schon eher. Wegen der akustischen Gitarren. 12saitig, wenn ich mich nicht irre. Der gute Martin. Einer der wenigen, der in unseren Fender-dominierten Zeiten seine Gibson in Ehren hält.
Ich habe einen Blick in Dein neues YouTube – Depot geworfen und mir hier u.a. das Video aus 2001 „For a Thousand Mothers“ angesehen. Dabei fiel mir auf, dass eine Flöte zu hören ist, obwohl der Meister gerade singt. Mr. Barre kommt als Flötist nicht in Frage, der ist mit der Gitarre beschäftigt. Es ist kein anderer Flötenspieler auf der Bühne, obwohl sie eindeutig zu hören ist. Was geht da vor ? Ein Fake ? Teilplayback ? Eine Karaoke-Veranstaltung ? Kannst Du das aufklären ?
Weißt Du, was es mit den Riesen-Ballons auf sich hat, die der Meister ins Publikum wirft ? Steckt eine Symbolik dahinter ?
Ich begreife nicht, warum sich noch niemand daran gemacht hat, eine deutschsprachige Biografie über Mr. Anderson herauszubringen. Man muss doch nur einige gezielte Blicke ins Internet werfen, um festzustellen, dass Mr. Anderson immer noch seine Anhängerschaft hat. Das Buch würde sich bestimmt gut verkaufen. Ich kenne schon zwei Menschen namentlich, die es kaufen würden. Dazu die gesamte Laufi-Gemeinde. Damit wäre die erste Auflage schon vergriffen. Im zweiten Schritt könnte man über die Verfilmung seines Lebens nachdenken. Obwohl, das ist vielleicht nicht in seinem Sinne.
ja der Meister haut auch in die Tasten. Bei der Zugabe zum Konzert 1977 im Hippodrom spielte er einige Akkorde. Auch hörbar, wie ich finde, denn weder John Evan noch David Palmer sitzen an ihren Plätzen. Nun wer täglich mit Musik zu tun hat, dabei zwei Keyboarder um sich geschart hielt, der wird auch einmal selbst versuchen, einem Klavier halbwegs Wohlklingendes zu entlocken. Selbst ich als Amateur werde versuchen, ‚Hänschen klein …’ auf den Tasten zu klimpern, wenn ich irgendwo ein Klavier stehen sehe.
Ja das Showbusiness treibt seltsame Blüten. Wir dürfen dabei nicht von uns ausgehen: Musik ist Geschmackssache (selbst wir kommen da kaum auf einem gemeinsamen Nenner – auch bei Herrn Andersons Musik nicht) und da gibt es vieles, was wir scheußlich finden, das aber trotzdem seine „Abnehmer“ findet. Aber selbst da ist ein Mindestmaß an Qualität oder Können notwendig, um nicht schnell in der Versenkung zu verschwinden.
Zum Wiedererkennungswert von Ian Anderson (seine Mitstreiter sind dabei leider zu vernachlässigen): Das ist zunächst die Flöte! Und dann auf einem Bein gespielt. Wenn es dann noch zerrissene Klamotten oder dergl. sind, dann erhöht das den Wiedererkennungswert. Wem die Musik aber nicht anspricht, dem ist dann auch dieses schnell aufnehmbare Äußere von geringem Interesse. Immerhin erinnert man sich beizeiten an diesen flötenden Gnom. Man kann dann gewissermaßen mitreden, wenn einmal zufällig das Gespräch auf Jethro Tull kommen sollte.
Zum parallelen Flötenspiel bei Andersons Gesang: Du meinst das 2000er Konzert in Sao Paulo. Also Karaoke ist nun doch eine Schmähung. Ich habe noch einmal hineingeblickt und kenne es von „Thick as a Brick“ her: Andrew Giddings spielt die Flöte zu „1000 Mothers“ auf seinem Keyboard. Besonders bei TAAB finde ich es scheußlich, denn was wie eine Flöte klingen soll, klingt eben leider nicht so. Früher hat man dafür das „Glockenspiel“, vom Drummer gespielt, eingesetzt, was weitaus besser, da natürlich klang.
Ich habe hinsichtlich „Thick as a Brick“ noch einmal weiter geforscht:
DVD „Living with the Past“: Glockenspiel und Andrew Giddings’ undefinierbarer Sound
Konzert 2001 Wildhorse Saloon, Nashville, TN: Glockenspiel und von Andrew Giddings’ ebenso einen undefinierbaren Sound an den Keyboards, der nicht nach Flöte klingt
Besonders das 2000er Konzert in Sao Paulo hat es in sich. Ich muss nochmals nachhören, aber es gibt da Stellen, da wird der Gesang von Ian Anderson durch einen Chor unterlegt, der wiederum an den Keyboards von Herrn Giddings erzeugt wird.
Irgendwo habe ich gelesen, dass gerade in den letzten Jahren einiges auch vom Band wiedergegeben wird, aufgerufen von … na, von wem wohl: Andy Giddings. Ich will es einmal so sagen: Herr Giddings hat in solch technischen Spielereien einen schlechten Einfluss auf unseren Meister. Du kennst wahrscheinlich das Mini-Video, wo Herr Giddings sogar offensichtlich schummelt, in dem er so tut als ob …
Zur Anderson-Biografie: Das Buch vom „A New Day“-Herausgeber, Dave Rees, mit dem Titel „Minstrel in the Gallery“ ist doch wohl ins Deutsche übersetzt worden. Also gleich eines: da schreibe ich lieber einen Roman, als eine entsprechende Biografie. Vielleicht brauchst Du mich ja als kostenpflichtigen Berater?!
Noch kurz zu Martin Barre: Im Anhang eine kleine MP3 mit den Beginn zu insgesamt drei Liedern. Kennst Du rein zufällig die Gruppe, die das spielt? Kommen wohl aus den USA. „Mississippi Queen“ habe ich irgendwann vor vielen Jahren einmal gehört. Wie auch immer. Die Auflösung ist dann spätestens am 17. in meinem Geburtstagsbeitrag zu Martins 60. zu finden.
WilliZ Audio-Rätsel: Welche Gruppe aus den USA spielt diese drei Titel
Ach so: Die Ballons am Schluss. Beim 77-er Hippodrom-Konzert waren diese mit dem Pfund-Zeichen bemalt. Ansonsten weiß ich aber auch nichts zur Bedeutung. Werde beizeiten recherchieren. Bin gespannt, ob ich etwas Aussagekräftiges finde, außer diesem hier.
Guten Start in die neue Woche Wünscht Dir Wilfried
Schaut man sich das Statistische Jahrbuch 2006 an, dann stellt man fest, dass der durchschnittliche Deutsche immer dicker und träger wird. Immer mehr Deutsche haben Übergewicht, immer mehr Zeit wird vor dem Fernseher oder Computer verbracht und immer später wird geheiratet. Es bleibt keine Zeit für ein gutes Buch. Herz-Kreislaufkrankungen sind die meisten Ursachen für Krankenhausaufenthalte. Und immer mehr Deutsche kehren dem Land den Rücken, um im Ausland ihr Glück zu finden. Der Abwärtstrend hält unvermindert an.
es liegt also im Bereich des Möglichen, dass Mr. Anderson im Laufe seines künstlerischen Schaffens gelernt hat, Noten zu lesen und Partituren zu schreiben. Trotzdem habe ich in seiner Vita noch einige Lücken: Wann und vor allem wie hat er gelernt, so viele Instrumente zu spielen ? Soweit ich weiß, hat er eine Kunstschule besucht und auch mal daran gedacht, Journalist zu werden. Wo findet in diesem seinem Lebensweg die musikalische Ausbildung ihren Platz ? Sicher weißt Du hierüber mehr.
Die gute Mrs. Bush. Ihre Stimme. Ihre Ausstrahlung. Ihre Musik. Jeder dieser Faktoren ist bemerkenswert. Es wird Dich sicher überraschen, aber ich finde nicht alle ihrer Lieder gut. Ich denke sogar, dass das ein oder andere ihrer Alben von vorn bis hinten der reinste Schrott ist. Ihre Stimme empfinde ich auch nicht immer als angenehm. Stellenweise, wenn sie gar zu engagiert singt, klingt ihre Stimme hysterisch. Aber es sind die in meinen Ohren „guten“ Alben, die dafür gesorgt haben, dass ich Mrs. Bush seit über 25 Jahren nie ganz aus den Augen verloren habe. Wie bei anderen Künstlern auch sind es ihre Frühwerke, die es mir besonders angetan haben. Eben jene Werke, die ihren Ruf als Elfe begründet haben. Bei näherem Nachdenken sind es vielleicht nur 15 bis 20 Titel von ihr, die mir besonders gefallen. Aber die eben ganz besonders. Einen Vergleich zwischen Kate Bush und Aguillera, Spears, Madonna, Minogue, Anastacia oder wie sie alle heißen lehne ich ab. Nicht nur wegen der Musik. Es sind ganz verschiedene Welten. Auf der einen Seite Mrs. Bush, bei der sich Singstimme, Kompositionen, Performance, Texte, Talent, Körperbeherrschung zu einem fantastischen Gesamtkunstwerk zusammenfügen. Auf der anderen Seite Diseusen, die versuchen, mangelnde künstlerische Qualitäten durch auffällige Bühnenoutfits zu kompensieren.
Schon sind wir wieder beim Thema Erotik. Selbst wenn Madonna und Co. Kostüme tragen, deren Stoff nicht ausreichen würde, um eine Krawatte zu schneidern, werden sie nie die Ausstrahlung einer Kate Bush erreichen. Ich finde Kate Bush in einer fleckigen Küchenschürze anziehender als Mrs. Spears im Stringtanga. Nur so als Beispiel. Eines kann das beste Bühnenoutfit der Welt nicht ersetzen: Persönlichkeit. Und die, lieber Leser, hat Kate Bush ! Ich denke, in diesem Punkt wirst Du mir zustimmen.
Soviel zur Popmusik, zurück zu seriösen Themen, zu Jethro Tull: Dass die Mannen um Mr. Anderson in ihren Strumpfhosen Dich nicht anmachen, beruhigt mich irgendwie. Anders wär‘ s nämlich schlecht. Falls diese Beinkleider wirklich, wie von mir vermutet, so etwas wie eine sexuelle Signalwirkung haben sollten, dann wohl eher auf eine weibliche Zielgruppe. Bei strenger Betrachtungsweise haftet Mr. Anderson etwas Laszives an: Die unsittlichen Hosen, die obszönen Gesten mit der Flöte, die mehrfache Verwendung der Vokabel „sperm“. Ich kenne nicht alle Tull-Texte, aber ich bin sicher, dass sich hier noch mehr Ausdrücke finden ließen, die ein Kirchenchor nicht verwenden würde. Bevor wir uns falsch verstehen: All das stört mich nicht, ich stelle lediglich fest.
Das Heavy Horses – Video habe ich mir noch einmal angeschaut. Eine wirklich gute Qualität und ein wirklich starkes Lied. Gutes Thema, guter Text, sehr gute Stimme und natürlich sehr gute Musik. Mann, waren das Zeiten ! Der große Ohrring, den der Meister in diesem Video trägt, steht ihm übrigens sehr gut. Passt zum Outfit und zum situativen Kontext des Songs.
Das bringt mich zur heutigen Schmähung: Endlich ! Endlich habe ich etwas gefunden, das noch lächerlicher und peinlicher wirkt als ein älterer Millionär mit Kopftuch: Mick Abrahams mit langen Hängeohrringen ! Das habe ich auf seiner Homepage gesehen, deren Link in Deiner letzten mail zu finden war. Du kannst es ruhig zugeben: Genau deswegen hast Du mir den link gesandt.
Ich wünsche Dir den inneren Frieden Lockwood
PS: Ich würde sehr gerne etwas zu Mr. Barre schreiben. Selbstverständlich bin ich wie Du der Meinung, dass der alte Knabe jede Würdigung verdient hat. Aber leider fällt mir auf Anhieb nichts zu ihm ein. Der Kerl ist einfach zu unauffällig, ohne Ecken und Kanten. Tu‘ mir einen Gefallen: Erwähne ihn irgendwie in Deiner nächsten mail; ich werde das Stichwort aufgreifen und versuchen, ob ich etwas daraus machen kann.
Seine Soloplatten kenne ich nicht. Reine Rockmusik, vermute ich. Singt er ?
leider weiß ich nichts Genaueres zu Ian Anderson in seiner Eigenschaft als Multiinstrumentalist. Ich denke mir aber, dass man zum Spielen verschiedenster Instrumente nicht unbedingt eine musikalische Ausbildung im weitesten Sinne benötigt. Eigentlich sind es ja nur zwei Instrumente, die er spielt: Querflöte und akustische Gitarre. Nach eigener Aussage (wohl im Interviewteil zur DVD: Nothing is Easy: Live at the Isle of Wight 1970) hatte Anderson sich zunächst an der Gitarre versucht, wie fast alle Jungs, die einmal als millionenschwere Rockstars herauskommen wollen. Als er dann merkte, dass er z.B. einem Jimi Hendrix nicht das Wasser reichen könne, ist er auf Querflöte umgestiegen. So oder so ähnlich. Du weißt, man darf die Aussagen des Meisters nicht auf die Goldwaage legen.
Wer nun Gitarre spielen kann, kommt auch schnell mit anderen Zupfinstrumenten klar (Mandoline, Balalaika). Ähnlich ist es dann mit Querflöte und Saxophon (allgemein wohl als Holzblasinstrumente bezeichnet). Die Grifftechnik ist ähnlich (statt horizontal eben vertikal), nur der ‚Ansatz’, also die Blastechnik, ist anders, aber bei einem Talentierten schnell umzusetzen. Klavier hat er eigentlich nie gespielt. Auch keine Blechblasinstrumente. Oder wüsste Du, bei welchem Stück? Die Liste der Instrumente, die Anderson halbwegs gut beherrscht, ist sicherlich lang, lässt sich aber meines Erachtens auf diese zwei Instrumentarten beschränken.
Ich will hier keine der besagten Damen (Madonna usw.) in Schutz nehmen. Deren Musik und Bühnengetue gefällt mir auch nicht. Und der erotische Reiz hält sich auch bei einem alten Herrn wie mir in Grenzen. Aber wenn die Damen nichts auf der Rolle hätten, wären sie sehr schnell weg vom Fenster. Ob einem dabei der Gesang usw. gefällt, ist ein anderes Thema. Aber lassen wir das.
Mir würde sicherlich Ian Anderson und seine Musik auch gefallen, wenn er brav auf einem Barhocker sitzend im Stresemann seine Lieder vortrüge. Okay, damals vor nun über 37 Jahren fand ich sein Aussehen mit langer Mähne, Bart und abgelatschten Klamotten ganz stark. Und so bin ich dann auch herumgelaufen. Aber es war, da bin ich mir heute sicher, nicht sein Outfit, was mich begeisterte, sondern … seine Musik! Spätere Wandlungen im Äußeren konnte ich dann weniger nachvollziehen (am wenigsten am eigenen Leib). Manches sah eher bescheuert aus. Wenn ich hier und da meinen Söhnen ein altes Video von Anderson und Co. zeige, dann sind mir die Klamotten eher peinlich und ich sehe mich, wie ich ausdrücklich auf die Musik verweise.
Wie schon so oder ähnlich gesagt: Als junger Mensch sieht man das alles etwas anders. Da legt man mehr Wert aufs Aussehen. Und je auffälliger, desto besser. Das Ganze hat dann sicherlich auch etwas mit Gewöhnung und Zuordnung zu tun. Rockmusiker sind eben auffällig in jeder Beziehung (Sex, Drugs & Rock ‚n’ Roll). Und wenn man schon nicht durch Sex- und Drogenexzesse auffällt, dann eben durch entsprechende Klamotten. Je einfältiger ein Rockmusiker ist, um so mehr vermischt dieser Öffentlichkeit und Privatleben. Genau hier ist es bei Anderson und Co. alles anders. So auffällig sie beim öffentlichen Auftritt sein mögen, um so normaler waren und sind sie es im privaten Leben: Keine im Suff zerstörten Hotelzimmer und kein Lotterleben mit Groupies. Sobald sie die Bühne verließen, kehrte die Normalität wieder ein. Wenn es Exzesse gab, dann verbal, indem Anderson den Journalisten Märchen erzählte. Vielleicht ist das auch ein Grund, dass Jethro Tull noch heute ständig über den Globus tourt. Wenn die Stones nach langer Zeit zu einer Tour aufbrechen, dann muss ein Keith Richards zunächst für Wochen in ein Schweizer Sanatorium zur Dialyse.
Mick Abrahams und die Schweine. Das grenzt wohl an eine Manie, wie der gute Mick immer wieder auf seine Schweine (in jedem 2. Songtitel) zurückkommt. Dann darf man sich nicht wundern, wenn er zunehmend selbst das Aussehen eines Schweines erlangt. Dazu gehören dann auch große Hängeohrringe, die Schweine bekanntlich in der Nase tragen. Dazu ist aber sein Näschen leider etwas zu klein geraten. Aber genug der Schmähungen auch von meiner Seite. Ich finde, Abrahams ist ein sehr passabler Gitarrist. Und er hat einige Stücke geschrieben (ich denke da an die ersten zwei Original-Blodwyn Pig-Scheiben), die es verdienen, in den Rock-Olymp aufgenommen zu werden. Immerhin hat er es ja auch geschafft, mit Musikern wie Ian Anderson und Jack Lancaster zusammen zu arbeiten. Was er heute noch so spielt, wird die Erde nicht mehr in ihren Grundfesten erschüttern. Wer Blues mag, der wird Abrahams mögen.
Für den 17. November bereite ich einen kleinen Beitrag zu Martin Barres 60. Geburtstag vor. Ich habe ein Video, in dem er während eines Tull-Konzertes auch einen eigenen Titel spielen durfte. Ist übrigens seit vielen Jahren so Usus. Zwei seiner drei Scheiben habe ich mir gekauft. Das ist technisch wohlfeile Gitarrenmusik, allerdings manchmal etwas verworren. Martins Gesang? Auf der ersten Scheibe (A Trick of Memory) singt er auch zweimal. Sonst lässt er singen. Und Mitstreiter sind Maartin Allcock, Andrew Giddings, Jon Noyce bzw. Matt Pegg (Dave Peggs Sohn) und andere aus dem Tull- und Fairport Convention-Umfeld.
Im Anhang ein Lied, nicht ganz so repräsentativ für das Barre’sche Musikschaffen, dafür sind die Stücke insgesamt zu unterschiedlich (’mal rockig mit E-Gitarre, dann wieder fast klassisch mit akustischer Gitarre): den Titelsong „A Trick of Memory“ des ersten Albums (Martin singt auch). Fröhliches Lauschen.
Martin Lancelot Barre: A Trick of Memory
Es reicht oder wie der Franzose sagt: ça suffit! Am Ende des Tunnels erblicke ich wieder Licht: Das nächste Wochenende naht! Also ein schönes solches. Wilfried
P.S. Ich habe noch viele alte und neue Videos von Jethro Tull, die bisher bei youtube.com noch nicht zu finden sind (das „Heavy Horses“-Video gab es zwar schon in der Version, aber bisher nur in Kurzfassung). Da youtube.com nichts kostet, werde ich so nach und nach diese dort ‚einspeisen’. Ich habe auch einen eigenen Channel, wie sich das dort nennt, über den man auf alle meine Videos Zugriff erhält. Gestern habe ich allein 5 Videos (u.a. auch das mit Martin Barre) aufgearbeitet und überspielt.
DSL-Anschlüsse machen es möglich: Dank youtube.com kann man sich Videos in einer wirklich akzeptablen Qualität anschauen. Und welche Video-Schätze im Privaten schlummerten und jetzt der Öffentlichkeit zur Ansicht gestellt werden, ist erstaunlich. So nutze ich natürlich auch die kostenlos zur Verfügung gestellten Ressourcen bei youtube.com für meine Zwecke. Videomaterial gibt es auch bei mir genug. So nebenbei schone ich meinen Webspace, der leider nicht unerschöpflich ist.
Jethro Tull live 28th November 2000 in São Paulo, Brazil with „For a Thousand Mothers“ from Album „Stand Up“ or Viva Via Funchal! or A New Day In São Paulo – broadcast by DirecTV
Jethro Tull: Fat Man (11/15/1983)
Jethro Tull live with „Fat Man“ Rock Classic Nacht/Night at german TV 15.11.1983 – Circus Atlas, München/Munich
Jethro Tull: Back to the Family (1/9/1969)
Jethro Tull live 9th Jan. 1969 at Stockholm Konserthuset with „Back to the family“
Ergänzend hier ein weiteres Video:
Jethro Tull: Living in the Past (5/1/2001)
Jethro Tull live 1st May 2001 with „Living in the Past“ at Wildhorse Saloon, Nashville, TN – Classic Rock at TNN TV
ich habe Deinen ergänzten Beitrag zur Personalaffäre gelesen. Wenn ich die Zeilen richtig interpretiere, hast Du ganz schön Federn lassen müssen. Das tut mir Leid. „Der Gerechte muss viel leiden.“ Psalm 34, 20.
Disturbed Air gefällt mir nicht, das vermutest Du richtig. Diese Musik enthält keine Elemente, die ich als Wohlklang empfinden würde. Langsam komme ich mir vor wie der gute alte Mephisto: „Ich bin der Geist, der stets verneint…“
Den Text der Hasenfabel als nicht schwierig und tiefsinnig zu bezeichnen ist eine sehr wohlwollende Umschreibung. Gleichgültig, wer dieses skurrile Intermezzo verbrockt hat, Anderson, Hammond oder Evan, Mr. Anderson trägt die Verantwortung dafür. Wenn er eines fernen Tages Einzug in den Pantheon der Musikgötter hält, werden Euterpe und Aoide in deswegen in die Zange nehmen.
Richtig froh bin ich über Deinen freiwilligen Hinweis auf die mannigfaltigen Einnahmequellen des Mr. Anderson. Sonst bin ich oft derjenige, der darauf hinweist.
Mr. Anderson’s Auftritt mit Hut und Anzug kannte ich bereits aus Deiner Videosammlung. Wenn er mir mit diesem Outfit in Düsseldorf auf der Kö entgegengekommen wäre, hätte ich ihn sicher nicht erkannt.
Anderes Thema: Ich habe vielleicht schon erwähnt, dass ich die Musik von Kate Bush mag. Nach dem Genuss von einigen Bush-Videos in YouTube sind mir einige Gemeinsamkeiten zwischen Kate Bush und Ian Anderson aufgefallen: Beide beziehen sich in ihren Texten und ihrer Musik stark auf ihre britische Heimat und bringen ihre Liebe zu den Inseln zum Ausdruck. Beide sind sehr ausdrucksstarke Künstler. Ihre Darbietungen sind sehr körperbezogen und arbeiten mit extensiver Mimik und Gestik. Beide verfügen über eine große körperliche Geschicklichkeit. Bei Mr. Anderson wirkt(e) der körperliche Einsatz kraftvoll-intuitiv, bei Mrs. Bush bemerkt(e) man ihre Ballettausbildung. Beide Künstler verfügen über eine gewisse erotische Aura. Darauf sind wir im Zusammenhang mit Mr. Anderson noch nie eingegangen. Wenn man sich seine Auftritte in Stretch- oder Strumpfhosen, teilweise mit farblich abgesetzten Suspensorien, vor Augen hält, wird vielleicht klar, was ich meine. An der Erotik der Mrs. Bush wird wohl kein Zweifel bestehen.
Auf Deine Stellungnahme zu diesen Zeilen freue ich mich schon jetzt.
In Erwartung Deiner Gegenrede verbleibe ich mit schmunzelnden Grüßen
ob ich ein Gerechte bin, möchte ich bezweifeln. Aber ich mühe mich. Und Leid tun muss ich Dir nicht, die Personalaffäre war auch sehr lehrreich. Aber wirklich genug.
Zu „Tallis“ und dem Lied Disturbed Air: Es enthält viele klassische Elemente und beweist dadurch, dass David Palmer daran seinen Anteil hatte. Aber mir gefällt es auch nicht. Allein den Gesang finde ich scheußlich. Es kommt aus einer musikalischen Nische, in der sich weitere Tull-Ableger getummelt haben. Ich denke da an den Saxophonisten (und auch Flötisten) Jack Lancaster, der zwar direkt nichts mit Jethro Tull zu tun hatte, aber bei Blodwyn Pig mit Mick Abrahams spielte und auch später immer wieder gern auf Ex-Tull-Musiker zurückgriff (z.B. den Drummer Clive Bunker).
Ich will Jack Lancaster nicht mit Ian Anderson vergleichen. Lancaster ist zwar auch Flötist, aber in erster Linie spielt er Saxophon in den unterschiedlichsten Stimmungen und das Lyricon. Außerdem kommt er mehr aus der Jazz-Rock-Ecke.
In diesem Zusammenhang komme ich kurz auf Deine Frage (und die anderer) zurück, ob Anderson Noten lesen und schreiben kann. Zu meinem Youtube-Video „Ian Anderson/Dee Palmer: Elegy live“ fragt in den Kommentaren jemand an: „Does anyone know if Ian ever learned to read music? He claimed to not know how to read music back in the early 70’s, nonetheless he must have an incredible memory to remember such long pieces by rote.“
Also das unglaubliche Gedächtnis braucht man auch, wenn man Noten lesen kann (aber ohne Notenblätter auftritt). Nach der Aussage konnte also Anderson zunächst keine Noten lesen. Ich erinnere mich, Ähnliches schon woanders gelesen zu haben (Forum von laufi.de?!). Es gibt aber diverse handgeschriebene Notenblätter, die anscheinend die Handschrift Andersons tragen. Ich denke also, dass er sich mit seinem Hang zur Perfektion auch das Notenlesen und –schreiben mit der Zeit angeeignet haben muss. Vielleicht mit Unterstützung von David Palmer.
Jack Lancaster dürfte das Lesen und Schreiben von Musik auf jeden Fall beherrschen, denn er hat sich u.a. durch Adaptionen klassischer Stücke hervorgetan, z.B. in der Neuinterpretation von Sergei Prokofjews ‘Peter und das Wolf’, einem Projekt, an dem u.a. auch Manfred Mann, Phil Collins, Gary Moore, Alvin Lee und Cozy Powell teilnahmen. Oder mit dem niederländischen Keyboarder Rick van der Linden 1979 in der elektronischen Umsetzung von Carl Orffs Chorsatz „O Fortuna“ aus Carmina Burana.
Der Gruppe Tallis ähnlich klingen die Produktionen der Gruppe „Aviator“ ebenfalls aus dem Jahre 1979, in der neben Jack Lancaster auch Clive Bunker spielte. Danach gab es dann wohl noch u.a. die Solo-CD „Skinningrove Bay“ aus 1981 von Lancaster, auf der u.a. auch wieder Phil Collins und Clive Bunker mitmischten. Es handelt sich dabei wohl um alte Seilschaften (u.a. besteht eine Verbindung zwischen Collins und Lancaster über die Gruppe ‚Brand X’). Danach spielte er wohl wieder mit Mick Abrahams’ Blodwyn Pig zusammen.
Ähnlich wie Maartin Allcock, der 1988/89 bei Jethro Tull u.a. die Keyboards gespielt hatte („Rock Island“) und aus der Fairport Convention-Ecke kommt, hat sich Lancaster eine Zeitlang mit Komposition für Videospiele und Soundtracks über Wasser gehalten und als Studiomusiker bei diversen Plattenveröffentlichungen mitgewirkt. Zumindest letzteres ist bestätigt.
Genug des Exkurses. Aber die Tull-Landschaft beschränkt sich nicht nur auf Herrn Anderson.
Wie bescheiden Du bist: „Ich habe vielleicht schon erwähnt, dass ich die Musik von Kate Bush mag.“ Du hast es bereits öfter erwähnt und mehr als nur ‚erwähnt’. Ich gestehe, dass ich auch mehrere Scheiben von Kate Bush habe (auch diese als Vinyl -LPs). Es ist wohl die Stimme, die mich fasziniert hatte: engelsgleich. Und sicherlich wird mich auch „eine gewisse erotische Aura“ an der guten Kate nicht gestört haben. Bevor ich in diesem Zusammenhang auf Herrn Anderson zu sprechen komme, eine sehr banale Feststellung: Wer heute als Musiker bzw. Sänger seine Lieder an die Leute bringen will, muss auch in seinem ‚körperlichen Einsatz’ einiges bieten. Guck Dir einmal Videos von Britney Spears oder Christina Aguilera an, dann weißt Du, was ich meine. Da spielt allerdings das ganze Dumherum meist eine größere Rolle als die Musik.
Wer also etwas werden will, muss nicht nur gut singen, sondern muss in den Video- und Live-Auftritten auch die optischen Wünsche des Hörers/Zuschauers befriedigen können. Besonders für ‚Außenstehende’ wird Jethro Tull in erster Line durch Ian Anderson verkörpert: Der Mann, der die Flöte auf einem Bein spielt! Und Kate Bush ist neben dem engelsgleichen Gesang auch körperlich eine Feengestalt.
Optik hat dabei sicherlich viel mit Erotik zu tun. Bei Kate Bush ohne Frage. Bei Herrn Anderson und seinen Jungs … Also mich haben seine Strumpfhosen nicht gerade angemacht. Und seine obszönen Gesten mit der Flöte fand und finde ich besonders heute eher peinlich, gehört aber eben dazu (und ist heute eine Art der Selbstparodie). Für meine Frau, die dazu eher etwas sagen könnte, ist und war Ian Anderson nie ‚ihr Typ’. Vielleicht bin ich zu sehr heterosexuell orientiert, aber viel Erotik kam da für mich nicht ’rüber. Es war lustig anzuschauen, mehr aber auch nicht. Und wenn ich meiner Interpretierlinie treu bleiben soll: Es war nicht viel anderes als die Verarschung sexueller Symbolik. Herrn Mick Jagger sagt(e) man nach, mit einer Hasenpfote an entsprechender Stelle nachzuhelfen. Bei Ian Anderson hätte es mich nicht verwundert, wenn er aus seinem Schritt z.B. ein weißes Kaninchen gezaubert hätte.
Vielleicht hast Du es schon gesehen: Das „Heavy Horses“-Video habe ich in etwas besserer Qualität jetzt bei youtube.com abgelegt. Bisher gab es dort nur eine Kurzfassung. Auch auf meiner Website rufe ich jetzt das Video von youtube.com aus auf.
Jetzt ist aber genug. Eine gute Woche wünscht Dir Wilfried
P.S. Im Zusammenhang mit Jack Lancaster bin ich auf eine interessante Site gestoßen, die die diversen Verbindungen (Family Trees) einzelner Musiker zu den Bands, in denen sie gespielt haben, aufzeigt. Leider nicht vollständig, aber immerhin. Apropos Family Tree: Etwas Entsprechendes muss ich auch in meiner Sammlung haben.
P.P.S. Lass Dir aus gegebenem Anlass etwas Angemessenes einfallen: Am 17. November wird Martin Barre 60 Jahre alt. Über ihm haben wir bisher nur am Rande (stage left) geschrieben. Er hat ohne Zweifel mehr verdient. Kennst Du übrigens seine Solo-Alben?