Archiv für den Monat: August 2008

Früchte aus eigenem Garten

Angesichts der allgegenwärtigen Globalisierung ist einwenig autarkes Wirtschaften durchaus sinnvoll. Auch wenn es nur wenige Früchte aus dem eigenem Garten sind. Und so nebenbei „schärft“ der Anbau eigenen Obstes und Gemüses etwas das Bewusstsein hinsichtlich unserer Abhängigkeit von Waren des Marktes und deren Preise. Außerdem schmecken die Früchte aus dem eigenen Garten (oder aus Nachbars Garten) bekanntlich am besten.

Viel ist es nicht, was wir Jahr für Jahr ernten: Neben Kirschen und Erdbeeren sind das eigene Tomaten, Beerenfrüchte und auch Kartoffeln. Da die Schwiegereltern in der Nähe wohnen, so partizipieren wir zusätzlich von deren Gartenerträgen.

Tomaten aus eigenem Garten

Kirschbaum im eigenen Garten

Tomaten und Kirschen aus dem eigenen Garten

Martin Walser: Seelenarbeit

Urlaubszeit ist Lesezeit! Und nach Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“ (1978 erschienen) habe ich Walsers „Seelenarbeit“ aus dem Jahr darauf erneut gelesen.

Ein immer wiederkehrendes Motiv Walsers ist das Scheitern am Leben. Walsers Helden tragen meist einsilbige Nachnamen („Dorn”, „Halm”, „Zürn”, „Lach”, „Gern”), und sie sind den Anforderungen, die ihre Mitmenschen oder sie selbst an sich stellen, nicht gewachsen. Der innere Konflikt, den sie deswegen mit sich austragen, findet sich in allen großen Walser-Romanen wieder – so auch in „Seelenarbeit“.

„Seelenarbeit“ ist ein Heimatbuch, wobei Heimat nicht allein für das Land, die Gegend steht, in der man lebt. Heimat steht hier besonders auch für Familie. Xaver Zürn, Chauffeur eines Industriellen, sehnt sich nach dieser familiären Heimat, wenn er oft tagelang seinen Chef durch Deutschland kutschiert. Aber auch diese Heimat hat ihre Tücken – seine beiden halbwüchsigen Töchter bereiten ihm und seiner Frau Sorgen.

Mehr ist es aber die Arbeit, die er ausübt, die ihm Magen- und Darmprobleme im wahrsten Sinne verursachen. Xaver Zürn ist ein Sklave, dessen man tags wie nachts bedienen kann. Das Buch handelt von konkreten Machtverhältnissen der Gesellschaft, hier der mächtige Chef, dort der dienende Chauffeur. Und so hat Zürns Frust durchaus politische Ursachen. Wie viele Bücher so ist auch dieses eine unverhohlene Kritik Walsers an den Verhältnissen in unserer Gesellschaft.

Das Xaver Zürn am Ende dann doch nicht vollends am Leben scheitert, ist seiner Heimat, der Familie, insbesondere seiner Frau Agnes zu verdanken:

Martin Walser: Seelenarbeit (1979)

Jedesmal meint man, das Schlimmste sei vorbei. Das ist die Illusion, die das Leben verlängert! Das Schlimmste ist immer.

(Martin Walser: Seelenarbeit – Roman – erste Auflage 1979 – S. 265)

Es gab über der Kommode einen Spiegel, in dem sah sich Xaver, als er schon fast ausgezogen war. Er trat sofort zur Seite. Sobald er sich sah, kam es ihm unwahrscheinlich vor, daß Agnes ihn noch ertrug. Manchmal glaubte er zwar, es könne keine Frau geben, die ihn so gut ertrüge wie Agnes. Aber vielleicht erträgt sie ihn gar nicht so gut. Nein, alles falsch. Sie erträgt ihn sehr gut. Ausgezeichnet erträgt sie ihn. Aber sie mag ihn nicht. Das heißt, er wirkt nicht auf sie. Das erlebt er jedes Mal, wenn er spürt, wie sie auf ihn wirkt. Wie er sich sehnt nach ihr. Wie er herumzerren möchte an ihr. Sie zerreißen möchte vor lauter Nicht-von-ihr-genug-kriegen-Können. Wenn es ihr genau so ginge, dann müßten sie einander tatsächlich einmal zerreißen vor Nicht-von-einander-genug-kriegen-Können. Aber ihr geht es nicht so. Das weiß er. Sie erträgt ihn. Sie erträgt ihn sehr gern. Er ist ihr überhaupt nicht widerlich. Hofft er. Heute kommt er ihm besonders unwahrscheinlich vor, daß sie ihn gern erträgt. Er glaubt es einfach nicht. Er, ein zwischen Schultern und Schenkeln schwankende Faß. Im Gesicht das verlegene, ewig die Backen wölbendes Grinsen. Er wird sich immer widerlicher.

(S. 291 f.)

Woher aber diese Empfindung, daß er sich durch Agnes gerechtfertigter vorkommt als ohne sie? Durch Agnes war er möglicher als ohne sie.

(S. 294)

Er hörte ihrem Atem zu. Sie war noch einmal eingeschlafen. Damit war bewiesen, daß sie es gar nicht so dunkel brauchte. Da er auf nichts hören konnte als auf ihren leise anstoßenden Atem, schlief er auch wieder ein.

(S. 295)

Martin Walser: Ein fliehendes Pferd – Novelle

Urlaubszeit ist auch Lesezeit. So habe ich mir ein kleines Büchlein herausgesucht, das zudem im Urlaub spielt: Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“ aus dem Jahre 1978. Durch einen Zufall treffen sich nach langen Jahren zwei alte Schul- und Studienfreunde auf der Seepromenade am Bodensee mit ihren Frauen. Beide machen dort Urlaub. Während der eine, Helmut Halm, nichts mehr vom Leben erwartet und das zufällige Treffen als Belästigung empfindet (lieber möchte er Kierkegaards Entweder/oder lesen), jagt der andere, Klaus Buch, förmlich von einer Tätigkeit zur nächsten und bestimmt so auch das Urlaubsprogramm der anderen:

Helmut spürte einen brennenden Neid. Er hatte praktisch nicht gelebt. Es war nichts übrig geblieben. Hinter ihm war so ziemlich nichts. Wenn er sich erinnern wollte, sah er reglose Bilder von Straßen, Plätzen, Zimmern. Keine Handlungen. In seinen Erinnerungsbildern herrschte eine Leblosigkeit wie nach einer Katastrophe. Als wagten die Leute noch nicht, sich zu bewegen. Auf jeden Fall standen sie stumm an den Wänden. Die Mitte der Bilder blieb meistens leer. Er spürte, daß in ihm das Abenteuer endgültig zu Ende gegangen war. Das Erzählbare überhaupt. Manchmal setzte er sich zwar hin und ließ in einer Art Panik alle Leute aufmarschieren, die er je kennengelernt hatte. Die Namen und Gestalten, die er aufrief, erschienen. Aber für den Zustand, in dem sie ihm erschienen, war tot ein viel zu gelindes Wort.

Etwas von früher lebendig zu machen, hieß doch, es auf eine Weise komplettieren, daß das Vergangene in jener Pseudoanschaulichkeit auferstand, die den Vergangenheitsgrad des Vergangenen einfach verleugnete.

Klaus Buch erzählte offenbar das Vergangene am liebsten drastisch. Gibt es etwas, was weniger zusammenpaßt als Vergangenes und Drastisches? Bei Klaus Buch rollte es nur so von Tönen, Gerüchen, Geräuschen; das Vergangene wogte und dampfte, als sei es lebendiger als die Gegenwart.

aus: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd – Seite 28ff. – Suhrkamp Taschenbuch 600 – 33. Aufl. 2008)

Ein fliehendes Pferd - Filmplakat

„Diese Geschichte könnte zu dem gehören, was einmal übrigbleibt von einem Jahrhundert“, schreibt die Stuttgarter Zeitung: Martin Walsers Jahrhundertbuch. Das klingt sehr dick aufgetragen. Und doch. Es ist ein herrliches Buch, eine kleine Novelle zwar, aber mit dem tiefen Blick in die Seelen zweier Männer Ende der Vierzig. Bereits 1985 wurde es ein erstes Mal verfilmt. 2007 kam die Novelle in einer Verfilmung von Rainer Kaufmann mit Ulrich Noethen als Helmut, Ulrich Tukur als Klaus, Katja Riemann als Sabine und Petra Schmidt-Schaller als Hel erneut in die Kinos.

Unerlaubtes Entfernen von der Truppe

Beim „Bund“ wird es mit Knast bestraft. Und früher wurden Übeltäter dieser Art standrechtlich erschossen. Nun ganz so schlimm wird es nicht kommen. Die brasilianischen Fußballprofis Diego von Werder Bremen und Rafinha von Schalke 04 wollen beide für ihr Heimatland beim olympischen Fußballturnier antreten. Aber ihre Vereine erlauben das nicht, weil beide für die Vorbereitung zur neuen Fußballsaison gebraucht werden, die am 15. August startet und sich mit Olympia überschneidet. So haben sich beide unerlaubt von ihrem Arbeitsplatz entfernt. Zumindest im Fall des Herrn Rafinha droht der Verein mit einer drastischer Geldstrafe.

Diego & Rafinha nach Peking

Nach längerem Zögern hat nun die zuständige FIFA-Kommission am Mittwoch die Haltung ihres Präsidenten Joseph Blatter bestätigt, der eine Freistellung der Spieler für Peking angemahnt hatte. Im Urteil berief man sich auf die seit 1988 praktizierte Regelung, dass Spieler unter 23 Jahren von ihren Vereinen für Olympische Spiele freigestellt werden.

Schalke sucht indes nach wie vor die Entscheidung vor der höchsten Sportinstanz. Das CAS wird also vermutlich am kommenden Montag das letzte Wort haben. Werder Bremen zögert noch und lässt ihrem Verteidiger Dusko Tosic nach Peking zu fliegen, um dort für die serbische Olympia-Mannschaft anzutreten.

Sicherlich kann man die Vereine verstehen, die auf wichtige Leistungsträger zum Start der neuen Saison nicht verzichten wollen. Es stellt schon eine Art Wettbewerbsverzehrung dar. Trotzdem sollten die Vereine ihren Spielern diese einmalige Chance zugestehen, an einem so einmaligen Sportereignis teilzunehmen. Der „öffentliche“ Schaden, den die Vereine durch ihre „kleinliche“ Weigerung erfahren, ist nicht zu unterschätzen. Ihr Renommee hat in meinen Augen gelitten. Werder und Schalke gebärden sich als Bonzenvereine. Und genau das will z.B. der SV Werder Bremen nicht sein. Es sieht nun so aus, dass man an der Weser umdenkt. Ich hoffe es wenigstens …

Übrigens: Der CAS nimmt die Klage der beiden Bundesligisten nicht an und begründet dies damit, dass sich die Clubs als Profi-Vereine nicht auf die olympische Charta berufen dürften. Gleichwohl ist damit der Streit noch nicht beendet. Über die Berufungsverfahren beider Vereine muss das Gericht nämlich noch entscheiden. Schalke und Bremen hatten laut CAS-Mitteilung die Klage in eine Berufung umgewandelt.