Archiv für den Monat: Juli 2009

Der Witzableiter (6): Ein Gemisch wird verdichtet

Fortsetzung von: Der Witzableiter (5): Ein Spiel mit Worten

Kommen wir heute zu Teil 6 von Eike Christian Hirschs Kolumne „Der Witzableiter“, 1984 im ZEITmagazin erschienen, und erfahren etwas über die Herkunft des Witzes aus dem Unbewussten und wie er dem Charakter eines ungewollten Einfalls entspricht.

Zwei Freunde treffen sich. „Was sehe ich an deiner Hand, hast du geheiratet?“ „Ja, Trauring, aber wahr!“ Jeder Witz ist, seiner Form nach, zu knapp erzählt; er überläßt dem Hörer wenigstens einen Schritt zur Mitarbeit. Diese Verknappung kann man selten so deutlich sehen wie an den Mischbildungen. Lenin hatte einen Radikahlschädel. Als Bundeskanzler Schmidt abgewählt war, die SPD aber in Hamburg bei der Landtagswahl siegte, sprachen die Grünen erklärend von einem Schmidtleidseffekt. Verknappung ist oft als die auffallendste Technik des Witzes beschrieben worden. Man nennt das auch „Verdichten“.

Auf einer Party versucht ein Gast, seine Rachenbeschwerden dem bekannten Hals-Nasen-Ohren-Arzt vorzustellen, der sich aber ständig der kostenlosen Konsultation zu entziehen sucht. Als einem weiteren Gast die Sache zu dumm wird, ruft er dem Professor zu: „Nun schauen Sie ihm doch schon in den Geizhals!“ Der jüdische Witz brillierte oft mit solchen Mischwortbildungen. Leopold Jessner, Generalintendant in Berlin und sehr empfindlich hatte den Spitznamen Mimoses.

Heinrich Heine läßt einen Hühneraugen-Operateur sagen, Baron Rothschild sei zu ihm „ganz famillionär“ gewesen, ein Wortspiel, das sich durch alle Witztheorien zieht und in diesem Jahr sogar die Plakatwände erreicht hat – als Werbegag für ein millionenfach verkauftes Familienauto. Als sich zu Beginn dieses Jahrhunderts in Wien viele Juden in der Votiv-Kirche taufen ließen, sagte man, dem dortigen Meßdiener steige schon die „Schammesröte“ ins Gesicht (der Schammes ist der Synagogendiener).

Kurz und knapp ist der Witz mit vielen Mitteln zum Beispiel auch dann, wenn er nur darauf verzichtet, ein Wort zu wiederholen. Als der Arzt mit seiner Frau spazierengeht, lächelt ihn eine aufgedonnerte Schöne vertraulich an. „Die kenne ich aus dem Beruf“, erklärt der Arzt eilig. Fragt seine Frau zurück: „Aus deinem oder aus ihrem?“ Oder die Technik besteht doch darin, einem harmlosen Wort eine tiefere Bedeutung beizugeben: „Acht Jahre waren meine Frau und ich die glücklichsten Menschen.“ „Und dann?“ „Dann haben wir uns kennengelernt.“

Es ist auffallend und nicht leicht zu verstehen, warum eine solche Verkürzung zum Witz gehört. Warum muß derjenige, der den Witz macht, sich so sparsam ausdrücken – und warum kann der Witzhörer nur lachen, wenn er eine Bemerkung hört, die er selbst erst vervollständigen muß? Damit sind wir zum ersten Mal an ein zentrales Problem der Witztheorie geraten. Fragen wir uns zunächst: Wie entsteht der Witz spontan im Kopf dessen, der eine witzige Bemerkung macht? Wenn zum Beispiel der Chef fragt: „Ist eigentlich auf unsere letzte Mahnung etwas von Schulz und Krause eingegangen?“ und der weibliche Lehrling antwortet: „Ja, die ganze Firma.“ Was ist da passiert?

Witzableiter (6)

Freud hat eine glänzende Beschreibung davon gegeben; wer auch nur einmal selbst einen spontanen Witz gemacht hat, wird sich darin wiederfinden können. „Der Witz hat in ganz hervorragender Weise den Charakter eines ungewollten Einfalls. Man weiß nicht etwa einen Moment vorher, welchen Witz man machen wird … Man verspürt vielmehr etwas Undefinierbares, das ich am ehesten einer Absenz, einem plötzlichen Auslassen der intellektuellen Spannung vergleichen möchte, und dann ist der Witz mit einem Schlage da, meist gleichzeitig mit einer Einkleidung.“ Zwei Ideen werden gemischt, verdichtet und explodieren.

Der Witz komme (anders als Humor und Komik) aus dem Unbewußten, meint Freud. Übrigens hat Freud gerade das nicht als erster gesagt; dafür konnte er sich auf den Münchner Psychologen Theodor Lipps berufen, den er auch sonst anerkennend rühmt.

„Sag mal, kennst du den Mike?“ „Klar, dem hab’ ich doch gerade fünfzig Mark geliehen.“ „So? Ich dachte, du kennst ihn.“

Einen Witz „macht“ man eigentlich nicht, er geschieht. Freud sagte, man lasse den Grundgedanken fallen, „der dann plötzlich als Witz aus dem Unbewußten auftaucht“. Sein Schüler Theodor Reik verglich die Witzbildung mit „der Durchfahrt eines Eisenbahnzuges durch einen Tunnel“. Nach Arthur Koestler entsteht der Witz, „indem man sozusagen ‚wegdenkt’ und die Aufmerksamkeit auf einen Grundzug der Situation verschiebt, den man früher ignoriert hat.“ Als bescheidenes Beispiel mag dies gelten: Zu Beginn der Hitlerzeit trifft Parteigenosse Müller seinen alten Nachbarn Kohn und sagt neckend: „Heil Hitler!“ Antwortet Kohn: „Bin ich Psychiater?“

Die Annahme eines Unbewußten, die uns heute so selbstverständlich ist, war zu Freuds Zeiten noch heftig umstritten. Volkes Stimme meldete sich in einem Buch über den Witz, das 1920 erschien und an dem nur der Name des Autors originell ist: Sophus Hochfeld. Dieser deutsch denkende Mann meinte, ein Unbewußtes brauche er nicht. „Ich sehe z.B. eine Diakonisse daherkommen“, erzählt er, „und wehre dem Lamento meines Begleiters über den mühseligen Beruf der alleinstehenden Frau mit dem Worten: ‚Aber, was willst du? Sie ist ja unter die Haube gekommen.’ Anlaß zum Witz wurde die blendend weiße Haube auf dem Köpfchen der Samariterin.“ Stolz fügt Sophus Hochfeld hinzu: „Ich brauche wirklich nicht ins Unbewußte zu tauchen.“

Nein, dazu wirklich nicht.

Eike Christian Hirsch – Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)
aus: ZEITmagazin – Nr. 33/1984 (10. August 1984)

[Fortsetzung folgt]

Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Vor gut vier Jahren hatte ich die „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann erneut gelesen und mich dabei u.a. über die Bezüge des Romans zur Homosexualität ausgelassen. Da dieser Tage der Film im Fernsehen zu sehen war und ich ihn aufgezeichnet habe, griff ich erneut, zum dritten Male, zum Buch.

Der Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ war der letzte aus der Feder von Thomas Mann und erschien 1954, ein Jahr vor Manns Tod. So gibt es auch nur „Der Memoiren erster Teil“. Leser, die Thomas Mann nicht kennen, werden sich zunächst eher schwer tun. Die Sprache Thomas Manns ist reichlich aufgeblasen, zu schwulstig-pompös und manieriert, als dass sie auf Dauer gefallen könnte. Sicherlich ist das in diesem Roman ein Stilmittel, denn Felix Krull entblößt sich auch in seinem schriftlichen Zeugnis als Hochstapler.

Insgesamt finde ich den Roman doch sehr aufschlussreich, da er uns einen Einblick in die alte Kaiserzeit am Ende des 19. Jahrhundert gewährt, denn um diese Zeit spielt der ‚Krull’. Besonders die Ignoranz des Adels, der höheren Gesellschaft gegenüber dem Bürgertum und der Arbeiterschaft tritt hier deutlich zu Tage.

1957 wurde der Roman mit Horst Buchholz in der Titelrolle verfilmt. Regie: Kurt Hoffmann. Aus diesem Film möchte ich die Szene von der Gestellung, d.h. Musterung, des Felix Krull vorstellen. Zur Nachahmung in heutigen Tagen ist dies sicherlich nicht mehr unbedingt zu empfehlen, aber auf jeden Fall ist die Szene sehr amüsant (aus 2. Buch – 5. Kapitel des Romans):


Felix Krull (1957): Gestellung/Musterung

Für Kandidaten auf den Dienst mit der Waffe empfehle ich daher eher Sven Regeners zweiten Roman „Neue Vahr Süd“ aus der „Lehmann“-Trilogie. Interessant sind da besonders die Anmerkungen zum „pazifistischen Dilemma“, wie es einer der Protagonisten des Romans nennt (Herr Lehmann und die Bundeswehr).

Der Witzableiter (5): Ein Spiel mit Worten

Fortsetzung von: Der Witzableiter (4): Reime, die sich schütteln

In Eike Christian Hirschs Kolumne, 1984 im ZEITmagazin erschienen, geht es diesmal um Wortspiele, so genannte Bonmots. Und um grundlegende Erkenntnisse den Witz betreffend. Etwas Theorie muss eben auch sein.

„Wie geht’s denn in Charleys neuer Ehe?“ „Na, wie soll’s schon gehen. Sie wirft ihm das Trinken vor – und er ihr das Essen nach.“ Zu den ersten Witzen, die in Umlauf kamen, gehörten geistvolle Wortspiele. Im vorigen Jahrhundert haben sich daher die Theoretiker des Witzes hauptsächlich mit solchen Bonmots beschäftigt. Als einen „geradezu diabolisch guten Witz“ zitiert Sigmund Freud diese Vermutung über den erstaunlichen Wohlstand eines Ehepaares: „Nach der Ansicht der einen soll der Mann viel verdient und sich dabei etwas zurückgelegt haben, nach anderen wieder soll sich die Frau etwas zurückgelegt und dabei viel verdient haben.“

Aber wenn wir hier nur die Technik des Witzes betrachten, gibt es schon genug zu staunen, so reibungslos läuft alles und ist doch in dem Wort „zurückgelegt“ nur angedeutet. Nebenbei hat dieser Witz auch noch eine herrlich böse Tendenz, die jetzt nicht unser Thema ist. Dies Bonmot wurde durch einen Wiener Journalisten verbreitet und war zu Freuds Zeiten sehr bekannt. Daß Freud gerade dieses Bonmot am meisten schätzte, ist uns nun wiederum Anlaß, Freud mit der Frage zu necken, ob er nicht wirklich in finanzieller Not war. (Und gewinnt nicht Freuds These, Lust stamme aus Ersparung, einen ganz neuen Sinn, wenn wir hier hören, daß Erspartes aus Lust stammen kann?)

Der junge Lyriker fragt den Verleger: „Sie meinen, ich sollte mehr Feuer in meine Gedichte legen?“ „Umgekehrt“, antwortet der Verleger, „mehr Gedichte ins Feuer.“ Es wirkt immer besonders elegant, wenn dasselbe Wortmaterial zweimal verwendet wird, weil dabei mit der schwierigen Materie Sprache anscheinend so mühelos gespielt wird. Es gibt zwei große Enttäuschungen im Leben eines Mannes. Das erste Mal, wenn es das zweitemal nicht mehr klappt, und das zweite Mal, wenn es das erstemal nicht mehr klappt.

Man nennt das zu Recht ein Wortspiel, wobei ich das Wort „Spiel“ betonen möchte. Wahrscheinlich ist unsere Lust am Witz überhaupt die gleiche wie die am Spiel. Beim Wortspiel mag sich darüber hinaus noch ein besonderer Reiz einstellen. Freud bemerkt, daß dabei „jedes Mal etwas Bekanntes wiedergefunden wird“, und daß dieses Wiederfinden „lustvoll“ sei. Ich glaube, noch etwas Drittes kommt hinzu. Die Eleganz der Technik macht uns Freude, weil wir uns plötzlich so fühlen, als hätten wir die widerspenstige Materie Sprache selbst spielend besiegt. Zum Beispiel so: Unter uns wohnt ein kinderloses Ehepaar, über uns ein eheloses Kinderpaar. Na, bitte.

So fortgeschritten die Technik bei diesen Witzen auch ist, die Lust beim Witz stammt weniger aus der Technik (also aus dem Schliff der Worte und aus der Mechanik der Pointe) als aus der Tendenz. Das habe ich schon einmal erwähnt. Hier noch mal ausführlicher: Die Technik ist bestenfalls das Hämmerchen, das den Zündfunken auslöst. Was dann explodiert, ist von anderer Art; das ist unser angestautes Gefühl, das sich, durch den Witz befreit, endlich entladen kann. Nehmen wir wieder ein Beispiel: Besser ein Haar in der Suppe als Suppe im Haar. Die Technik kann uns zwar erfreuen, was aber wirklich komisch ist, ist allein die peinliche Vorstellung von Suppe im Haar; komisch ist auch der scheinbar so nüchtern gezogene Vergleich selbst. Diesen Unterschied von Technik und Tendenz, der uns heute so unentbehrlich scheint, hat übrigens erst Sigmund Freud entdeckt und beschrieben.

Witzableiter (5)

Ein passionierter Jäger kauft beim Hundezwinger von Herrn Schindler einen Schweißhund, der seinen hohen Preis wert sein soll. Empört schreibt der Jäger nach zwei Wochen einen Brief: „Sehr geehrter Herr Schindler, das W. das in Ihrem Namen fehlt, hat Ihr Schweißhund zuviel!“

Wir nehmen uns an dieser Stelle ein wenig Zeit zur Theorie. Worin besteht überhaupt die Technik eines Witzes? In jedem Witz stoßen zwei unabhängige Gedanken plötzlich aufeinander. Bergson nannte das, wie wir gehört haben, „Interferenz“. Koestler sprach von „Bisoziation“. Diese Beobachtung aber hat, soviel ich weiß, als erster Immanuel Kant gemacht und in seiner Vorlesung über Anthropologie 1798 veröffentlicht: „Der Witz paart (assimiliert) heterogene Vorstellungen, die oft nach dem Gesetz der Einbildungskraft (der Assoziation) weit auseinanderliegen.“ Das ist schon eine sehr vollkommene Definition.

Populär geworden ist diese Gedanke durch den Dichter und Witztheoretiker Jean Paul (den wir in dieser Eigenschaft auch schon kennengelernt haben), der 1804 vom Witz sagte, er sei „der verkleidete Priester, der jedes Paar kopuliert“. Wenn wir diese Erkenntnis nun auf Herrn Schindlers Schweißhund anwenden, merken wir, daß der Witz den Familiennamen des Verkäufers und den Gattungsnamen des Hundes (die beide „heterogen“ sind) überraschend paart.

„Alle Achtung, Sie fahren Mercedes?“ „Nun, das bin ich meinem Beruf schuldig.“ „Und woher haben Sie so viel Geld?“ „Nun, das bin ich meiner Bank schuldig.“ Die Brautleute gleichen sich völlig. Der verkleidete Priester aber hat in Wirklichkeit das Paar „schuldig sein“ und „Schulden haben“ getraut – das zu paaren sich unser Verstand nicht getraut hätte.

Eike Christian Hirsch – Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)
aus: ZEITmagazin – Nr. 32/1984

[Fortsetzung folgt]

Umberto Eco: Baudolino

Umberto Eco (* 5. Januar 1932 in Alessandria, Piemont) ist uns vor allem als Schriftsteller bekannt. Bis zum Herbst 2007 lehrte er an der Universität Bologna als Sprachwissenschaftler, genauer als Semiotiker. Außerdem ist Eco ein bekannter Kolumnist. Sein bekanntester Roman ist ohne Zweifel Der Name der Rose, 1980 in Italien, 1982 in Deutschland erschienen. Der äußeren Form nach handelt es sich dabei um einen breit angelegter historischer Kriminalroman, der anno 1327 in einer italienischen Benediktinerabtei spielt. Dieser Roman wurde auch erfolgreich mit Sean Connery verfilmt.

Im Jahre 2000 erschien im italienischen Original und 2001 in der deutscher Übersetzung ein weiterer Roman von Umberto Eco, der im Mittelalter spielt: Baudolino. Im Stile eines Schelmenromans wird die Lebensgeschichte des piemontesischen Bauernjungen Baudolino aus der Gegend von Alessandria erzählt, der anno 1154 als etwa Dreizehnjähriger von dem Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa adoptiert worden ist, an dessen Hof erzogen wurde, nach einem Studium in Paris zum Berater des Kaisers in italienischen Dingen aufstieg, 1189 mit dessen Heer zum Dritten Kreuzzug aufbrach, nach abenteuerlichen Reisen in den fernen Osten anno 1204 die Plünderung von Konstantinopel durch die Kreuzritter des Vierten Kreuzzugs miterlebte und einige Jahre später irgendwo im Orient verschollen sein soll.

Baudolino ist wahrlich ein Schelm und beeinflusst u.a. durch seine Lügenmärchen nachhaltig die damalige Geschichte, in deren Mitte Friedrich I. Barbarossa steht. Nach Friedrichs Tod beschließt Baudolino, mit seinen Freunden und Getreuen nach Osten zu ziehen, um das Reich des Priesters Johannes zu finden. Diese Expedition führt die Gruppe in ferne Weltgegenden, die von allerlei kuriosen Menschen- und Monsterwesen bewohnt sind – ein phantastischer, teils komischer, teils anrührender, teils dramatischer Streifzug durch die mittelalterliche Mythologie der Fabelwesen.

Ähnlich wie die Legende vom Reich des Priesters Johannes so spielt auch die Legende um den Heiligen Gral eine wichtige Rolle in diesem Roman:

Als Baudolino ihm gegenüber die Wunder des Palastes des Priesterkönigs Johannes erwähnte, rief er ganz aufgeregt: „Ja, von solch einem Schloß oder einem ganz ähnlichen habe ich auch schon in der Bretagne gehört! Es ist das Schloß, in dem sie den Gradal aufbewahren!“

„Was weißt du über den Gradal?“ fragte Boron mit einem plötzlichen Mißtrauen, als hätte Kyot die Hand nach etwas ausgestreckt, das ihm gehörte.

„Was weißt denn du darüber?“ fragte Kyot ebenso mißtrauisch zurück.

„He, he“, mischte sich Baudolinio ein, „wie es scheint, liegt euch beiden sehr viel an diesem Gradal. Was ist das denn? Soweit ich weiß, müßte ein gradalis so etwas wie ein Napf oder eine Schüssel sein.“

„Napf, Schüssel!“ sagte Boron mit mildem Tadel. „Eher ein Kelch.“ Dann, als entschlösse er sich, ein Geheimnis zu lüften: „Ich wundere mich, daß ihr noch nie davon gehört habt. Es ist die kostbarste Reliquie der ganzen Christenheit, der Kelch, in welchem Jesus beim Letzten Abendmahl den Wein in Blut verwandelt hat und in welchem dann Joseph von Arimathia das Blut aus der Seite des Gekreuzigten aufgefangen hat. Manche sagen, der Name dieses Kelches sei Saint Graal, andere sagen statt dessen Sangreal, königliches Blut, denn wer ihn besitze, gehöre dadurch zu einem Geschlecht auserwählter Ritter, die vom selben Stamme seinen wie David und wie Unser Herr Jesus Christus.“

„Graal oder Gradal?“ fragte der Poet, der sofort aufhorchte, wenn er von etwas hörte, das eine Macht verleihen konnte.

„Man weiß es nicht“, sagte Kyot. „Einige sagen auch Grasal und ander Graalz. Und es ist nicht gesagt, daß er ein Kelch ist. Die ihn gesehen haben, erinnern sich nicht an die Form, sondern wissen nur, daß er ein Gegenstand war, der außergewöhnliche Kräfte besaß.“

„Wer hat ihn denn gesehen?“ fragte der Poet.

„Sicher die Ritter, die ihn in Broceliande hüteten. Aber auch von ihnen hat sich jede Spur verloren, ich habe nur Leute kennengelernt, die von ihm erzählen.“

„Es wäre besser, wenn man von dieser Sache weniger erzählen würde und lieber versuchte, mehr darüber zu wissen“, meinte Boron. „dieser junge Mann war gerade in der Bretagne, und kaum hat er davon reden gehört, schon sieht er mich an, als wollte ich ihm etwas wegnehmen, was er gar nicht hat. So geht es allen. Man hört irgendwo vom Gradal reden, und schon glaubt man, man sei der einzige, der ihn finden werde. Ich war auch in der Bretagne, sogar auf den Inseln jenseits des Meeres, ich habe dort volle fünf Jahre verbracht, ohne zu erzählen, nur um zu suchen …“

„Und hast du ihn gefunden?“ fragte Kyot.

„Das Problem ist nicht, den Gradal zu finden, sondern die Ritter, die wußten, wo er sich befand. Ich bin durchs Land gezogen und habe nach ihnen gefragt, aber ich bin ihnen nie begegnet. Vielleicht war ich kein Auserwählter. Und jetzt seht ihr mich hier zwischen alten Pergamenten wühlen in der Hoffnung, eine Spur zu entdecken, die mir beim Durchstreifen jener Wälder entgangen ist …“

„Was reden wir hier eigentlich vom Gradal?“ sagte Baudolino. „Wenn er sich in der Bretagne befindet oder auf jenen Inseln, braucht er uns nicht zu interessieren, denn er hat nichts mit dem Priester Johannes zu tun.“ Falsch, widersprach Kyot, denn wo sich das Schloß befindet, in dem der Gradal gehütet werde, sei nie recht geklärt worden, aber unter den vielen Geschichten, die er gehört habe, sei eine gewesen, nach welcher einer von jenen Rittern, ein gewisser Feirefiz, ihn gefunden und dann einem seiner Söhne geschenkt habe, einem Priester, der später König von Indien geworden sein solle.

„Faseleien“, sagte Boron. „Meinst du, ich hätte jahrelang am falschen Ort gesucht? Wer hat dir denn die Geschichte von diesem Feirefiz erzählt?“

„Jede Geschichte kann gut sein“, meinte der Poet, „und wenn du Kyots Geschichte folgst, kannst du womöglich deinen Gradal finden. Aber im Moment ist es für uns nicht so wichtig, ihn zu finden, sondern erst mal zu klären, ob es sich lohnt, ihn mit dem Priester Johannes zu verbinden. Mein lieber Boron, wir suchen hier nicht einen Gegenstand, sondern jemanden, der über ihn spricht.“ Dann wandte er sich an Baudolino: „Was hältst du davon? Der Priester Johannes besitzt den Gradal, aus ihm bezieht er seine allesüberragende Würde, und die könnte er doch auf Friedrich übertragen, indem er ihm das Ding zum Geschenk macht!“

„Und es könnte derselbe Rubinkelch sein, den der Prinz von Sarandib dem Harun al-Raschid gesandt hat“, regte Solomon an, wobei er vor lauter Erregung begann, durch den zahnlosen Teil seines Mundes zu pfeifen. „Die Sarazenen erehren Jesus als einen großen Propheten, sie könnten den Kelch gefunden haben, und dann könnte Harun ihn seinerseits dem Priester geschenkt haben …“

„Großartig!“ sagte der Poet. „Der Kelch als vorausweisendes Symbol der Wiedergewinnung dessen, was die Mauren zu Unrecht besessen hatten. Von wegen Jerusalem!“

aus Umberto Eco: Baudolino (Carl Hanser Verlag, 2001 – 1. Auflage – S. 157 ff.)

Umberto Eco: Baudolino

Daneben gibt es eine „schön verrückte Geschichte“ in dem Roman, die sich um Adams Sprache rankt. Nach Abduls Aussage, einem Gefährten des Baudolino, ist das Gälische eine Rekonstruktion der biblischen Ursprache:

„Ich weiß eine schön verrückte Geschichte“, sagte Abdul. „Meine Mutter hat mir immer erzählt, daß die Sprache Adams auf ihrer Insel rekonstruiert worden ist, nämlich in Gestalt der gälischen Sprache, die sich aus neun Wortarten zusammensetzte – Nomen, Pronomen, Verb, Adverb, Partizip, Konjunktion und so weiter -, also aus ebenso vielen wie den neun Materialien, aus denen der Turm zu Babel bestanden habe: Ton und Wasser, Wolle und Blut, Holz und Kalk, Pech, Leinen und Teer … Es seinen die zweiundsiebzig Weisen der Schule von Fenius gewesen, welche die gälische Sprache zusammengebastelt hätten aus Fragmenten aller zweiundsiebzig Idiome, die nach der babylonischen Sprachverwirrung entstanden seien, und daher enthalte das Gälische die besten Elemente aus allen Sprachen und habe, genau wie die Sprache Adams, die gleiche Form wie die geschaffene Welt, so daß in ihr jeder Name das Wesen dessen ausdrücke, was er benenne.“

„Rabbi Solomon lächelte nachsichtig. „Viele Völker glauben, daß die Sprache Adams die ihre sei, wobei sie vergessen, daß Adam nur die Sprache der Torah sprechen konnte, nicht die jener Bücher, die von falschen und lügnerischen Göttern erzählen. Den zweiundsiebzig Sprachen, die nach der Verwirrung entstanden sind, fehlen grundlegende Buchstaben. So kennen die Gojim beispielsweise nicht das Het, und die Araber haben kein Peh, und deswegen ähneln manche Sprachen dem Grunzen der Schweine, andere dem Krächzen der Frösche oder dem Kreischen der Kraniche, und das sind genau die Sprachen von Völkern, welche die richtige Lebensführung aufgegeben haben. Dennoch stand die ursprüngliche Torah im Moment der Schöpfung vor dem Angesicht des Allerhöchsten, heilig sei immerdar der Gesegnete, geschrieben wie schwarzes Feuer auf weißem Feuer, in einer Ordnung, die nicht die der geschriebenen Torah ist, wie wir sie heute lesen, und die sich erst nach dem Sündenfall Adams manifestiert hat. Deshalb verbringe ich jede Nacht Stunden und Stunden damit, in großer Konzentration die Lettern der geschriebenen Torah zu buchstabieren, um sie zu verrühren und kreisen zu lassen wie das Rad einer Windmühle und daraus wiedererstehen zu lassen die ursprüngliche Ordnung der ewigen Torah, die vor der Schöpfung bestand und übergeben wurde den Engeln des Allerhöchsten, gesegnet sei der Heilige immerdar. …“

aus Umberto Eco: Baudolino (Carl Hanser Verlag, 2001 – 1. Auflage – S. 150 f.)

Auf der Suche nach dem Reich des Priesters Johannes landet Baudolino mit seinen Freunden und Getreuen in der Stadt Pndapetzim, in der in schönster Eintracht, aber theologischer Zwietracht (hier lernen wir viele der so genannten Häresien des Mittelalters kennen) ein multikulturelle Völkergewimmel lebt. Die Stadt wird von dem „Diakon Johannes“, der als Stellvertreter des Priesters Johannes über Pndapetzim herrscht, regiert. Hier verliebt sich Baudolino unsterblich in eine feenhafte Jungfrau namens Hypatia, die ihn nicht nur in eine ganz neue Art von Liebe, sondern auch in die Grundzüge der gnostischen Weltsicht und Gottesvorstellung einführt. Der Gnosis entsprechend wird die materielle Welt als böse Schöpfung eines eigenen Schöpfergottes (Demiurg) angesehen, mithin auch der Körper negativ beurteilt wird. Von diesem Demiurgen wird ein vollkommen jenseitiger, oberster Gott unterschieden, vom dem ein göttliches Element stammt, welches als göttlicher Funke im Menschen schlummert und in der materiellen Welt „fremd“ ist. Dieser verborgene Funke muss vom Menschen erkannt werden, um nicht der materiellen Welt verhaftet zu bleiben.

Baudolino stammt wie sein Autor aus Alessandria im Piemont. Den ersten Teil seiner Lebensgeschichte schreibt er noch selbst. Alles weitere erzählt er dem byzantinischen Historiker und hohen Beamten Niketas Choniates, den er aus den Händen marodierender fränkischer Kreuzfahrer gerettet hatte.

Eco lässt den Roman mit einem metafiktionalen Kommentar enden, wenn er dem (historisch verbürgten) Geschichtsschreiber Niketas Choniates folgenden Schlussdialog mit einem erfundenen Freund in den Mund legt:

„Es war eine schöne Geschichte. Schade, dass sie nun niemand erfährt.“
„Glaub nicht, du wärst der einzige Geschichtenverfasser in dieser Welt. Früher oder später wird sie jemand erzählen, der noch verlogener ist als Baudolino.“

Das sollte Umberto Eco sein.

Der Witzableiter (4): Reime, die sich schütteln

Fortsetzung von: Der Witzableiter (3): Freud und etwas zum Stöhnen

Schüttelreime sind eine besondere Art von Witz. Denn witzig sind Schüttelreime (fast) immer. Es mag an ihrer „witzigen“ Technik liegen. Aber lasse ich weiter Eike Christian Hirsch in seiner 1984 im ZEITmagazin erschienenen Kolumne sprechen:

Buddha nach der netten Fabel / starrt auf seinen fetten Nabel. Keine Frage, es geht hier um Schüttelreime. Wie Sie wissen, werden da die Konsonanten am Anfang der Reimpaare vertauscht, eine Technik, die vor hundert Jahren von ein paar preußischen Studenten erfunden worden sein soll. Oft hängt bei einem forschen Mädchen / die Tugend nur am morschen Fädchen. Das stammt von dem großen Pianisten Artur Schnabel, der von sich selbst in gespielter Bescheidenheit gereimt hat: Am Anfang war auch Schnabel nur / das Ende einer Nabelschnur.

Sind das überhaupt Witze? Ich sehe, daß ich mich rechtfertigen muß. Friedrich Hollaender war dagegen („mit Witzen haben die Dinger glatterdings nichts zu tun“). Hans Weigel rechnet sie auch nicht dazu („eine uralte, sehr literarische Hochform des Blödeln“). Aber Sigmund Freud bescheinigte im Jahr 1905 den „neuerdings beliebt gewordenen Schüttelreimen“, daß unser Wohlgefallen an ihnen „das nämlich ist, an dem wir den Witz erkennen“. Als Beispiel wählte Freud übrigens: Und weil er Geld in Menge hatte / lag stets er in der Hängematte, was uns nun wiederum fragen läßt: Warum liebte Freud gerade diesen Vers? (War er doch in finanziellen Nöten? Zog er Lust aus Ersparung?)

Am Schüttelreim können wir wirklich etwas über Witze lernen. Auch Schüttelreime vergreifen sich im Ausdruck, was zynisch oder ungeschickt wirken kann. Die Boxer aus der Meisterklasse / die hauen sich zu Kleistermasse. Oder von den römischen Christenverfolgungen heißt es: Mit den Bekennern neuer Lehren / ließ Nero manchen Leu ernähren.

Wie bei allen Witzen ist auch beim Schüttelreim die Pointe kurz, überraschend und unausweichlich. Von der Kürze sagte schon der große Theoretiker des Witzes, Jean Paul, im Jahre 1804, Shakespeare zitierend, sie sei „der Körper und die Seele des Witzes“. Prüfen wir das gleich am Vierzeiler über die alte Sängerin: Krumme Beine / Mieder leer / brumme keine / Lieder mehr.

Die Verwandtschaft der Schüttelreime mit den Witzen mag nun wirklich am Tage liegen. Aber was ist das Besondere an den Schüttelreimen? Ich glaube, es ist diese starre Form, mit der sich die Pointe ankündigt (Da klagt unser Sängerlein / mein Auftritt sollte länger sein!). Unweigerlich schlägt der Schlußreim zu. Das ist die Mechanik der Mausefalle. Hier der Eunuch, der hodenlose / was trägt er in der Lodenhose?

Und noch etwas: Mit dieser Strenge der Form kontrastiert angenehm der oft alberne Sinn der Reime. Und dieser Gegensatz ist komisch. Zwecks Heirat lief die Nichte Schi / doch klappte die Geschichte nie. Immerhin: Mit der Pointe klappt es immer.

Witzableiter (4)

Auch in dem Schmähvers über Probleme beim Stillen: Nicht immer hat die feiste Mutter / fürs Baby auch das meiste Futter. Als der französische Philosoph Henri Bergson (wir kennen ihn schon) im Jahre 1900 sein Buch über das Lachen veröffentlichte, hat er den deutschen Schüttelreim gewiß nicht gekannt. Und doch paßt seine Theorie des Komischen besonders gut auf dies deutsche Produkt. Bergson hat sich nämlich zur Erklärung des Komischen auf Kinderspielzeug berufen, auf Hampelmann und Springteufelchen (das ist der Teufel, der aus dem Kasten sprint, sobald man den Deckel aufmacht). Nach Bergson ist es immer komisch, wenn eine Mechanik lebendig wirkt (oder etwas Lebendiges mechanisch). Gilt das nicht besonders vom Schüttelreim? Er folgt einem starren Schema und lebt doch. So manchem gilt die Treue nix / der sinnt auf immer neue Tricks.

Bergson schreibt: „Komisch ist jede Anordnung von ineinandergreifenden Handlungen und Geschehnissen, die uns die Illusion von wirklichem Leben und zugleich den deutlichen Eindruck von mechanischer Einwirkung vermittelt.“ Ich weiß nicht, ob das von aller Komik gilt – vom Schüttelreim bestimmt.

Da springt der Sinn lebendig aus der Mechanik. Auch bei dieser Berufsberatung für Journalisten: Bei wem sich Geist und Fresse paaren / wird gut stets bei der Presse fahren. Man kann auch sagen: Der lebendige Vers ist komisch, weil er wie mechanisch läuft. Zum Beispiel dieser, den sich Österreichs Juden gern erzählten: Gut jodeln kann der Steiermärker / im Jüdeln ist der Meyer stärker. So laufen Schüttelreime. Mechanisch und doch lebendig. Ich könnte auch sagen, unabänderlich und doch daneben. Das ist ihr Witz. Der Braten: schwarz, die Sauce: grau / die Köchin: eine große Sau.

Am liebsten würde ich Ihnen noch die ganz kurzen Schüttelreime vorführen (Altes Haus, halt es aus!) und dem Kampf um den kürzesten, den wohl dieser gewinnt: Du bist / Buddhist. Recht knapp sind auch „Latente Talente“ und „Weh diesen Devisen!“ Oder der, der besser nur mit einem Wort zitiert wird, seinem zweiten übrigens: „ … / Kosacken.“

Man kann mechanisch und unausweichlich auf unpassende Worte zurollen. Das tut auch der Zweizeiler, der von dem Cembalisten Fritz Neumeyer stammen soll, der morgens im Schwarzwald Skilaufen war und abends zur Orchesterprobe nach Freiburg hinunter mußte: Morgens der Berge schimmernde Weiße / abends der Geigen …“.

Eike Christian Hirsch – Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)
aus: ZEITmagazin – Nr. 31/1984

[Fortsetzung folgt]