{"id":1115,"date":"2008-02-28T00:06:03","date_gmt":"2008-02-27T22:06:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albinz.de\/blog\/?p=1115"},"modified":"2008-02-27T19:12:18","modified_gmt":"2008-02-27T17:12:18","slug":"francois-rabelais-gargantua-und-pantagruel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1115","title":{"rendered":"Fran\u00e7ois Rabelais: Gargantua und Pantagruel"},"content":{"rendered":"<p>Als Sohn eines wohlhabenden Advokaten, der mehrere G\u00fcter und Weinberge besa\u00df, ward <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fran%C3%A7ois_Rabelais\" target=\"_blank\">Fran\u00e7ois Rabelais<\/a> in dem St\u00e4dtchen Chinon (oder dem nahegelegenen Weiler La Devini\u00e8re) um 1495 geboren. Er besuchte Klosterschulen, ward Franziskaner, empfing um 1520 die Priesterweihe und eignete sich ein reiches Wissen an. Aber seine Ordensbr\u00fcder sahen in seinem Studium des Griechischen eine Ketzerei, und mit einem abgr\u00fcndigen Hass gegen die Dummheit und Faulheit der Bettelm\u00f6nche floh Rabelais vor ihren Bel\u00e4stigungen 1524 zu dem ihm befreundeten Bischof von Maillezais.<\/p>\n<p>Mit Erlaubnis des Papstes trat er zu den dortigen Benediktinern \u00fcber, studierte 1530 in Montpellier Medizin, war 1532 bis 1534 Hospitalarzt in Lyon, begleitete in den folgenden Jahren den Kardinal Du Bellay mehrmals nach Rom und praktizierte in den verschiedensten St\u00e4dten S\u00fcdfrankreichs. In der Furcht vor religi\u00f6sen Verfolgungen entwich er 1546 nach Metz, wurde dort Stadtarzt, war 1547 wieder im Gefolge des Kardinals Du Bellay in Rom und kehrte 1550 nach Frankreich zur\u00fcck, wo er die Pfarrei von Meudon erhielt. Auch sie gab er bald auf. Er starb am 9. April 1553 zu Paris. Seinem G\u00f6nner h\u00e4tte er, wie man erz\u00e4hlt, durch einen Pagen bestellen lassen, er ginge ein gro\u00dfes Vielleicht aufsuchen (&#8222;Je m&#8217;en vais chercher un grand Peut-Etre&#8220;). Der Dichter de Bais hat die nachfolgende Grabschrift auf ihn gedichtet: <\/p>\n<p>O Pluto, F\u00fcrst der schwarzen Rachen,<br \/>\nWo niemand lacht in deiner N\u00e4h&#8216;,<br \/>\nEmpfange heut&#8216; den Rabelais<br \/>\nUnd all die Deinen werden lachen.<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/albpics\/rabelais.jpg\" alt=\"Fran\u00e7ois Rabelais\" \/><\/p>\n<p>Zuerst, 1532, erschien der Roman &#8222;Pantagruel&#8220;, zwei Jahre darauf ward &#8222;Das unsch\u00e4tzbare Leben des gro\u00dfen Gargantua, des Vaters des Pantagruel&#8220; ver\u00f6ffentlicht. Es trat, wie schon der Titel verr\u00e4t, als erster Teil, als Vorgeschichte vor den &#8222;Pantagruel&#8220;. Im Laufe der Zeit wurde das ganze Werk noch durch drei weitere B\u00fccher vervollst\u00e4ndigt, die Rabelais mit seinem Namen zeichnete, w\u00e4hrend er vorher mit anagrammatischer Spielerei einen Maitre Alcofrybas Rasier als Verfasser angegeben hatte. Aus der Andeutung des Inhalts wird hervorgehen, wie willk\u00fcrlich und unmethodisch der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gargantua_und_Pantagruel\" target=\"_blank\">Gargantua und Pantagruel<\/a> angelegt und durchgef\u00fchrt sind, aber auch, wie \u00fcppig sie im eigenen Fett schwimmen und welch eine unaussch\u00f6pfbare F\u00fclle an lachender Weisheit, launiger Phantasie, an Wissen und Weltklugheit sie enthalten. <\/p>\n<p>Es ist die groteske Geschichte einer Riesendynastie, die Rabelais erz\u00e4hlt. Gargantua (vom altfranz\u00f6sischen gargante, Gurgel), im keltischen Volksm\u00e4rchen ein uners\u00e4ttlicher Fresser und S\u00e4ufer, wird hier als Sohn des Grandgoschier w\u00e4hrend eines Zechgelages geboren, br\u00fcllt gleich bei seinem Eintritt in die Welt, dass er zu trinken haben wolle, und wird von 17913 K\u00fchen ges\u00e4ugt, sintemal keine Amme den Nahrungsbedarf des Helden stillen kann. Er hat auch schon von fr\u00fch an &#8222;ein durchschl\u00e4gig Ges\u00e4\u00df&#8220;. Die nat\u00fcrlichen Verrichtungen, die Akte der Verdauungst\u00e4tigkeit spielen bei Rabelais \u00fcberhaupt eine hervorragende Rolle und werden ebenso h\u00e4ufig wie gr\u00fcndlich herangezogen. Der Humor der Zeit arbeitete eben mit solchen h\u00f6chst drastischen Mitteln. Nur in dieser Beziehung ist auch Rabelais als echter Renaissancesohn von einer geradezu strotzenden Unanst\u00e4ndigkeit, einer &#8222;Naturderbheit&#8220;, die kaum \u00fcbertroffen werden kann. Daf\u00fcr fehlt jede L\u00fcsternheit bei ihm; Frauen spielen in seinem Werk so gut wie gar keine Rolle. Der heranwachsende Gargantua wird von einem &#8222;gro\u00dfen sophistischen Doktor, namens Meister Thubal Holofernes&#8220; und einem &#8222;anderen alten Huster, namens Meister Hiob Z\u00e4umlein&#8220; viele Jahre erzogen und unterrichtet, bis der Vater merkt, dass sein Sohn &#8222;davon ganz t\u00f6richt, d\u00e4misch, faslich und bl\u00f6d im Kopf&#8220; wird, weil seiner alten Lehrmeister &#8222;Wissen eitel Viehzeugs und ihre Weisheit nichts als leeres Stroh w\u00e4r&#8216;, welches die guten edlen Geister verbastardisiert&#8216; und alle Bl\u00fct&#8216; der Jugend erstickt&#8216;.&#8220; Hier f\u00fchlt man den Hass der Erz\u00e4hlers gegen die alte scholastische Erziehungsweise, unter der er selber gelitten hat. Gargantua wird nun den H\u00e4nden eines anderen &#8222;modernen&#8220; Lehrers \u00fcberantwortet, mit dem er nach Paris zieht. In sch\u00f6nen Kapiteln schildert Rabelais da die neuen p\u00e4dagogischen Ideale.<\/p>\n<p>Nicht nur der Geist, sondern auch der lange vernachl\u00e4ssigte K\u00f6rper wird gest\u00e4hlt und ge\u00fcbt, alles wird darauf abgelegt, den Z\u00f6gling f\u00fcr das Leben kr\u00e4ftig und tauglich zu machen. Die burlesken Sp\u00e4\u00dfe fehlen zwischen dem Ernst nicht: so langt sich Gargantua die Glocken von Notre Dame als Schellen f\u00fcr seine ungeheure M\u00e4hre. Mittlerweile bricht in seiner Heimat ein Krieg aus; Vater Grandgoschier ruft den Sohn heim; der rei\u00dft sich einen gewaltigen Baum als Spie\u00df aus der Erde und zerst\u00f6rt damit ein feindliches Schloss, wobei er die ihn treffenden und umsausenden Kanonen- und B\u00fcchsenkugeln f\u00fcr Traubenkerne und Fliegen h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Eine ungeheure Menge der Feinde ers\u00e4uft in der &#8222;Harnflut&#8220; seiner M\u00e4hre; Gargantua selbst hat durch solche nat\u00fcrliche Verrichtung 260418 neugierige Pariser einmal elend ertrinken lassen &#8222;ohne die Weiber und Kinder&#8220;. Man erinnere sich an Swifts Gulliver, der einen Brand bei den Liliputanern auf eine \u00e4hnliche leichte und nat\u00fcrliche Weise l\u00f6scht. Nach seinem Siege str\u00e4hlt sich der Held mit einem hundert Stab langen Kamm aus Elefantenz\u00e4hnen das Haar, aus dem die darin stecken gebliebenen Gesch\u00fctzkugeln fallen. Dann isst er in einem Salat aus Versehen sechs Pilger, die sich w\u00e4hrend der Schlacht darin versteckt hatten, aber noch gl\u00fccklich in hohlen Z\u00e4hnen Asyl finden. Und schlie\u00dflich traktiert er herrlich den M\u00f6nche Bruder Jean des Entommeures (Johann von Klopfleisch), der sich im Kampf gegen die Feinde ausgezeichnet hat. Der M\u00f6nch, sagt Rabelais, ist sonst in aller Welt verabscheut; er gleicht dem Affen, der nicht &#8222;das Haus h\u00fctet wie der Hund, nicht am Pflug zeucht wie der Ochs, nicht Woll&#8216; und Milch bringt wie das Schaf, nicht Lasten tr\u00e4gt wie das Pferd, sondern dessen ganzes Tun nur ist, alles zu beschmutzen und zu verderben.&#8220; Aber der wackere Jean ist ein anderer Kerl und darf sich zur Belohnung im Land Thelem (= freier Wille) eine Abtei stiften, die das Widerspiel aller anderen ist, die &#8222;nur sch\u00f6ne, wohlgestalte M\u00e4nner und Frauen&#8220; aufnimmt, und zwar immer paarweise, die alle Ordensregeln aufhebt und nur eine einzige anerkennt: &#8222;Tu, was du willst!&#8220; Denn jeder Zwang erweckt sklavische Begierden, das Gel\u00fcst nach dem Verbotenen; aber die freien, in guter Gemeinschaft lebenden Menschen haben &#8222;schon von Natur einen Sporn und Anreiz, der sie best\u00e4ndig zum Rechttun treibt&#8220;. Dem m\u00f6nchisch-mittelalterlichen Gehorsamkeitsideal wird hier also in sch\u00e4rfster Weise das freie Selbstbestimmungsrecht des Menschen entgegengesetzt.<\/p>\n<p>Im &#8222;Pantagruel&#8220;, dessen erstes Buch dem &#8222;Gargantua&#8220; ja vorausging, wird uns ganz \u00e4hnliche Kost geboten. Wir erleben Geburt und Jugendtaten des Helden, sehen auch ihn, wie seinen Vater, nach Paris ziehen, h\u00f6ren in einem Brief Gargantuas von dem Unterschied der Zeit und der Erziehung und wundern uns nicht, wenn auch Pantagruel schlie\u00dflich eines Krieges wegen in die Heimat zur\u00fcckbeordert wird und wenn er allerlei K\u00e4mpfe und Abenteuer da besteht. Vorher entscheidet er einen schwierigen Rechtsstreit &#8211; hier fallen pr\u00e4chtige Hiebe gegen den \u00fcblichen Gerichtsbetrieb und seine Akten, Repliken, Dupliken, Appellationen und das damit verkn\u00fcpfte \u00e4hnliche &#8222;Teufelszeug&#8220; &#8211; und findet vor allem in dem 35j\u00e4hrien Panurg einen Begleiter, der eine \u00e4hnlich gro\u00dfe Rolle spielt, wie der M\u00f6nch Jean im Gargantua. Panurg kennt an 63 verschiedene Mittel, sich Geld zu machen, &#8222;davon das gew\u00f6hnlichste und ehrlichste noch der Weg des heimlichen Mausens war.&#8220; Er ist &#8222;ein Taugenichts, Gauner, Saufaus wie keiner mehr; im \u00fcbrigen der bravste Knab&#8216; auf Gottes Erden.&#8220; Im zweiten Buch des Pantagruel, im dritten des ganzen Werkes, h\u00e4lt er seine ber\u00fchmte Lobrede auf die Schuldner und Gl\u00e4ubiger, und alles Folgende dreht sich darum, ob er heiraten soll oder nicht. Er fragt einen Theologen, einen Mediziner und einen Philosophen danach, aber da ihm bei seiner Furcht, Hahnrei zu werden, die Antworten nicht gen\u00fcgen, so tritt er die Seefahrt zum &#8222;Orakel der g\u00f6ttlichen Flasche&#8220; an. Die abenteuerlichen Reisebeschreibungen werden dabei verspottet, die verschiedensten L\u00e4nder und Inseln (Plattnasien, Schikanenland, L\u00e4ut-Eiland) werden angefahren, die Heimat der Papsthasser wird ebenso ber\u00fchrt wie die der Papsts\u00fcchtigen, der Papimanen, und wenn die Satire hier etwas bitter und scharf wird, so wird sie bei den &#8222;Philosophen&#8220;, die Ziegenb\u00f6cke melken und den Wind in Netze fangen, wieder lustig. Zuletzt kommt Panurg mit seiner Gesellschaft zum Bouteillentempel, zur g\u00f6ttlichen Flasche, h\u00f6rt aber nur das Wort &#8222;Trink!&#8220;, so dass die Frage, ob er heiraten soll oder nicht, unentschieden bleibt.<\/p>\n<p><em>Aus: <strong>&#8222;Geschichte der Weltliteratur&#8220;<\/strong> von Carl Busse<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/rabelais_pantagruel_panurg.jpg\" alt=\"Riese Pantagruel samt Panurg &#038; Freunden\" \/><br \/>\nDer Riese Pantagruel mit Panurg und seinen Freunde<br \/>\nIllustration von Gustave Dor\u00e9<\/p>\n<p>Hier ein Auszug aus dem Buch <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3458317775?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3458317775\" target=\"_blank\">Gargantua und Pantagruel:<\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3458317775\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/p>\n<p><strong>Drittes Buch \u2013 Des Pantagruel zweites \u2013 Achtes Kapitel:<\/strong><br \/>\n<em>Welcherma\u00dfen der Hosenlatz bei Kriegern das erste und haupts\u00e4chliche Waffenst\u00fcck ist<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eWas?\u201c, sagte Pantagruel, \u201edu behauptest, der Hosenlatz w\u00e4re das erste und haupts\u00e4chliche Waffenst\u00fcck? Das ist ja etwas ganz Neues und Paradoxes. Bis jetzt hab\u2019 ich immer geglaubt, die Bewaffnung finge mit den Sporen an.\u201c \u2013 \u201eJa, ich behaupte das\u201c, sagte Panurg, \u201eund nicht mit Unrecht. Seht nur, wie die Natur, die doch die B\u00e4ume, Str\u00e4ucher, Kr\u00e4uter und Zoophyten<\/em> [Pflanzentiere]<em>, die sie erschaffen hat, auch erhalten will, so da\u00df die Gattungen bleiben, wennschon die Individuen vergehen \u2013 seht nur, sage ich, wie die Natur die Keime und den Samen dieser Gew\u00e4chse, auf denen ihre Erhaltung beruht, ganz besonders sorgf\u00e4ltig bewaffnet. Sehr zweckm\u00e4\u00dfig versieht und sch\u00fctzt sie sie mit H\u00fclsen, Schoten, Schalen, Rinden, Kapseln, Wolle, Dornen oder Stacheln, die ihnen sozusagen als sch\u00f6ne, starke nat\u00fcrliche Hosenl\u00e4tze dienen m\u00fcssen. Am deutlichsten kann man dies an den Bohnen, Fasolen<\/em> [Bohnengew\u00e4chs]<em>, Erbsen, N\u00fcssen und Pfirsichen, an der Baumwollpflanze, den Koloquinten<\/em> [K\u00fcrbisgew\u00e4chs]<em>, dem Getreide, dem Mohn, den Zitronen, Kastanien und an dergleichen Pflanzen mehr beobachten, wo der Same augenscheinlich weit sorgf\u00e4ltiger bedeckt, verwahrt und gesch\u00fctzt ist als irgendein anderer Teil.<\/em><\/p>\n<p><em>Solche Vorsicht hat die Natur in betreff der Erhaltung des Menschengeschlechts nicht walten lassen; so schuf sie den Menschen im Stande der Unschuld und im Goldenen Zeitalter nackt, zart, gebrechlich, ohne Schutz- und Angriffswaffen, als ein belebtes Wesen, nicht als Pflanze, als ein Wesen, sozusagen f\u00fcr den Frieden, nicht f\u00fcr den Krieg bestimmt, wohlgeeignet, alle Fr\u00fcchte und Pflanzen zu genie\u00dfen und friedliche Herrschaft \u00fcber die Tiere auszu\u00fcben. Als aber sp\u00e4ter, im Ehernen<\/em> [zu: Erz, Bronze] <em>Zeitalter und unter der Herrschaft Jupiters, die B\u00f6sartigkeit der Menschen wuchs, fing auch die Erde an, Nesseln, Disteln, Dornen und andere sich gegen den Menschen auflehnende Gew\u00e4chse hervorzubringen, w\u00e4hrend fast alle Tiere, einem beklagenswerten Trieb folgend, sich seiner Herrschaft entzogen und stillschweigend untereinander verschworen, ihm nicht l\u00e4nger zu dienen und gehorsam zu sein, sondern ihm nach Kr\u00e4ften zu widerstreben und ihm zu schaden. Der Mensch aber, der sein altes Genu\u00dfrecht und sein Regiment aufrechterhalten wollte, auch der Dienstbarkeit vieler Tiere nicht entbehren konnte, war in die Notwenigkeit versetzt, sich nach neuen Waffen umzusehen.\u201c \u2013 \u201eBei der Gans vom heiligen Schnabel!\u201c rief Pantagruel aus, \u201edu bist ja seit dem letzten Regen ein gewaltiger Vielsauf, will sagen Philosoph geworden.\u201c \u2013 \u201eNun seht\u201c, fuhr Panurg fort, \u201ewohin der nat\u00fcrliche Trieb ihn leitete und welchen Teil seines K\u00f6rpers er zuerst bewaffnete: keinen andern, helf\u2019 mir Gott, als das Gem\u00e4cht.<\/em><\/p>\n<p><em>Und Priapus<\/em> [kleinasiat. Fruchtbarkeitsgott, dargestellt mit \u00fcbergro\u00dfem Phallus]<em>, der Edle Mann,<br \/>\nh\u00f6rt auf, wenn er nicht l\u00e4nger kann.<\/em><\/p>\n<p><em>Dies bezeugt der hebr\u00e4ische Heerf\u00fchrer und Philosoph Moses, wenn er uns erz\u00e4hlt, da\u00df der Mensch sich mit einem zierlichen, soliden Latz versehen habe, den er auf \u00e4u\u00dferst sinnreiche Weise aus Feigenbl\u00e4ttern anfertigte, die ihrer Dauerhaftigkeit, Faltung, Krausung, Gl\u00e4tte, Gr\u00f6\u00dfe, Farbe, ihres Aromas und anderer tugendhafter Eigenschaften wegen besonders dazu geeignet schienen, das Gem\u00e4cht zu sch\u00fctzen und zu bedecken. Eine Ausnahme bilden nur die schrecklichen lothringischen Schw\u00e4nze, die nun einmal mit Verachtung jeden Hosenlatzes in ihrer Unf\u00f6rmigkeit  dem Hosenboden zuzust\u00fcrzen pflegen<\/em> [\u201eAusgenommen nat\u00fcrlich sind die erschr\u00f6cklichen Lothringer S\u00e4ckel, die sich nicht aufz\u00e4umen lassen, tief ins Hosendach hinabh\u00e4ngen, in Allt\u00e4gsl\u00e4tzen nicht zu verschlupfen verm\u00f6gen und in keinem Schubfach unterzubringen sind\u201c usw. \u2013 aus \u00dcbersetzung von Engelbert Hegaur und Dr. Owlglass &#8211; M\u00fcnchen 1905]<em>, wie ich denn einst zu Nancy an einem ersten Maientag den edlen Viardi\u00e8re<\/em> [wahrscheinlich Phantasiegestalt]<em>, diesen galanten Mann, dar\u00fcber betraf, da\u00df er, um sich recht schmuck zu machen, sein Gem\u00e4cht auf einem Tisch putzte, wo es wie ein spanischer Mantel weit ausgebreitet lag.<\/em><\/p>\n<p><em>Wer also sprechen will, wie sich\u2019s schickt, mu\u00df zum Waffenknecht, der in den Krieg zieht, nicht sagen: \u201aNimm deinen Weinpott, das hei\u00dft deinen Gehirnkasten, in acht\u2019, sondern: \u201aNimm deinen Milchpott in acht\u2019; das aber, zum Henker, ist das Gem\u00e4cht. Mit dem Kopf geht nur das Individuum zum Teufel, mit dem Gem\u00e4cht dagegen das ganze Menschengeschlecht. Deshalb meint auch der brave Galen<\/em> [129- um 200, griech. Arzt in Rom] lib. I de spermate [\u201e\u00dcber den Samen\u201c 1, 15]<em>, es w\u00fcrde immer noch besser sein, kein Herz als keine Zeugungsglieder zu haben; denn in ihnen ruht wie in einem Heiligenschrein der verj\u00fcngende Keim der Menschheit. Und f\u00fcr weniger als hundert Franken bekenn ich mich, wenn man will, zu der Absicht, da\u00df wir in ihnen die eigentlichen Steine zu suchen haben, aus denen Deukalion<\/em> [sagenhafter Stammvater der Griechen, der sich als einziger mit seiner Frau Pyrrha in einem h\u00f6lzernen Kasten aus der von Zeus aus Zorn \u00fcber die unbotm\u00e4\u00dfigen Sterblichen entfesselten Sintflut retten konnte; aus Steinen, die er und Pyyrrha hinter sich warfen, entstand das neue Menschengeschlecht] <em>und Pyrrha das Menschengeschlecht neu erstehen lie\u00dfen, als es in der durch Dichtermund bezeugten S\u00fcndflut zugrunde gegangen war. Ja, sagt nicht auch der gelehrte Justinian<\/em> [ostr\u00f6m. Kaiser 527-565] lib. IV de mucceribus tollendis: Summum bonum in hosis et latsibus [\u201e\u00dcber die Ausrottung der Mucker\u201c: Das h\u00f6chste Gut lieg in Hosen und L\u00e4tzen (makkaronisches Latein)]. <em>Aus diesen und anderen Gr\u00fcnden ist es nur zu verst\u00e4ndlich, da\u00df die Frau des Herrn von Merville<\/em> [(die) mehr will (von ihrem Mann)] <em>bedenklich dreinschaute, als ihr Eheherr, der mit seinem K\u00f6nig in den Krieg ziehen sollte, die neue R\u00fcstung anprobierte \u2013 die alte, halb verrostete wollte n\u00e4mlich seinen Bauch nicht mehr fassen -; sah sie doch, dass f\u00fcr Ehestab und R\u00e4nzlein, die auch ihr mit geh\u00f6rten, gar zuwenig Sorge getragen war und da\u00df nur ein Ringpanzerchen sie sch\u00fctzte. Also ermahnte sie den Gemahl, beides besser zu wappnen und lieber den gro\u00dfen Turnierhelm davorzuh\u00e4ngen, der gang unn\u00fctz in einem Zimmer l\u00e4ge. Darauf beziehen sich folgende Verse im dritten Buch der \u201aJungfernsperenzchen\u2019:<\/em><\/p>\n<p><em>Die ihren Gatten fertig und bereit<br \/>\nZum Kampf gewaffnet sieht bis auf den Latz,<br \/>\nspricht so zu ihm: \u201aVerwahr doch, lieber Schatz,<br \/>\nein bi\u00dfchen besser jene Kleinigkeit!\u2019 \u2013<br \/>\nWar etwas schlecht der Rat? Du liebe Zeit!<br \/>\nMich d\u00fcnkt er gut; denn wie w\u00e4r sie betr\u00fcbt,<br \/>\ner k\u00e4me zwar lebendig aus dem Streit,<br \/>\ndoch ohne das, was sie am meisten liebt.<\/em><\/p>\n<p><em>Wundert Euch also nicht \u00fcber meine neue Art, mich zu kleiden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Aus dem Franz\u00f6sischen und herausgegeben von Horst und Edith Heintze auf der Grundlage der deutschen Fassung von Ferdinand Adolf (Adolph) Gelbcke (19. Jh., bekannt auch als <a href=\"http:\/\/www.sonett-central.de\/gelbcke\/shakespeare.htm\" target=\"_blank\">\u00dcbersetzer der Sonette von Shakespeare<\/a>, 1867). Erl\u00e4utert von Horst Heintze und Rolf M\u00fcller. Mit Illustrationen von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gustave_Dor%C3%A9\" target=\"_blank\">Gustave Dor\u00e9<\/a>. Die bisher wohl \u00e4lteste \u00dcbersetzung stammt von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fischart\" target=\"_blank\">Johann Fischart<\/a> aus dem Jahre 1575 und wurde 1785 von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christian_Levin_Sander\" target=\"_blank\">Dr. Eckstein<\/a> umgearbeitet. Daneben gibt es die bereits erw\u00e4hnte \u00dcbersetzung von Engelbert Hegaur und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dr._Owlglass\" target=\"_blank\">Dr. Owlglass<\/a> &#8211; M\u00fcnchen 1905.<\/p>\n<p>Der gesamte Text ist online beim <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/rabelais\/pantagru\/pantagru.xml\" target=\"_blank\">Projekt Gutenberg<\/a> nachzulesen <em>(in einer weiteren \u00dcbersetzung von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Johann_Gottlob_Regis\" target=\"_blank\">Johann Gottlob Regis<\/a>: Meister Franz Rabelais &#8230; Gargantua und Pantagruel. Aus dem Franz\u00f6sischen verdeutscht, mit Einleitung und Anmerkungen, den Varianten des 2. Buches von 1533, auch einem noch unbekannten Gargantua herausgegeben durch Gottlob Regis. Leipzig: Barth 1832)<\/em><\/p>\n<p>siehe auch meine Beitr\u00e4ge:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1052\" target=\"_blank\">Phantasie ohne Grenzen<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=337\" target=\"_blank\">Gentle Giant: The Advent of Panurge<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Sohn eines wohlhabenden Advokaten, der mehrere G\u00fcter und Weinberge besa\u00df, ward Fran\u00e7ois Rabelais in dem St\u00e4dtchen Chinon (oder dem nahegelegenen Weiler La Devini\u00e8re) um 1495 geboren. Er besuchte Klosterschulen, ward Franziskaner, empfing um 1520 die Priesterweihe und eignete sich ein reiches Wissen an. Aber seine Ordensbr\u00fcder sahen in seinem Studium des Griechischen eine Ketzerei, &hellip; <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?p=1115\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Fran\u00e7ois Rabelais: Gargantua und Pantagruel<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1115"}],"collection":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1115"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1115\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1115"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1115"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1115"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}