{"id":113,"date":"2005-04-26T16:55:26","date_gmt":"2005-04-26T15:55:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albinz.de\/blog\/?p=113"},"modified":"2005-10-20T10:42:56","modified_gmt":"2005-10-20T08:42:56","slug":"amok","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=113","title":{"rendered":"Amok"},"content":{"rendered":"<p>Wir erinnern uns: Am 26. April 2002, also vor genau drei Jahren, erschoss der von der Schule verwiesene Amoksch\u00fctze Robert St. 16 Menschen am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, bevor er sich schlie\u00dflich selbst t\u00f6tete. Es war ein Amoklauf &#8222;nach amerikanischem Vorbild&#8220;, den in Deutschland keiner f\u00fcr m\u00f6glich halten wollte.<\/p>\n<ul><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/albpics\/amok.jpg\" alt=\"Amok in Erfurt 2002\" \/><\/ul>\n<p>Erst in diesem Tagen h\u00f6rten wir von zwei weiteren Amokl\u00e4ufen &#8211; in den USA, wo sonst &#8230; Aber wir wissen ja nun: Das ist auch bei uns m\u00f6glich!<\/p>\n<p>In einer alten Ausgabe der Zeitschrift &#8222;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/\" target=\"_blank\">Die Zeit<\/a>&#8220; (Nr. 29 vom 15. Juli 1988) fand ich beim Aufr\u00e4umen im Feuilleton-Teil einen Artikel von <a href=\"http:\/\/www.dwds.de\/cgi-bin\/dwds\/dwds_hp\/search.pl?operator=UND&#038;cn=2&#038;ressort=Alle&#038;config=zeit&#038;qu=Gabriele+Goettle&#038;los.x=12&#038;los.y=8\" target=\"_blank\"><strong>Gabriele Goettle<\/strong><\/a> mit dem  Titel:<strong> Amok<\/strong><\/p>\n<p>Hier einige von mir herausgesuchte Textpassagen, die unserer Hirnmasse Anregung zum Nachdenken bieten k\u00f6nnten:<\/p>\n<p><em>Freundliche Nachbarn, treusorgende Familienv\u00e4ter, harmlose Eigenbr\u00f6tler &#8230; beschlie\u00dfen eines Tages aus nichtigem Anla\u00df, da\u00df sie heute nicht mehr da weitermachen werden, wo sie gestern aufgeh\u00f6rt haben. Zun\u00e4chst erstechen, zerhacken, erdrosseln oder erschlagen einige ihre Frauen, Kinder und alten Eltern. Normalerweise enden damit derartige Familiendramen. F\u00fcr den Amokl\u00e4ufer ist es nur der erste Schritt. Danach wechselt er meist das Tatwerkzeug und \u00fcberschreitet schwerbewaffnet und endg\u00fcltig die Schwelle seines Heims. Als Ziel w\u00e4hlt er den \u00f6ffentlichen Platz.<\/em><br \/>\n&#8230;<br \/>\n<em>Amok, r\u00fcckw\u00e4rts gelesen, ergibt Koma. Aber das ist nur ein Zufall.<\/em><br \/>\n&#8230;<br \/>\n<em>Danach setzt er in der Regel seinem Leben ein Ende.<\/em><br \/>\n&#8230;<br \/>\n<em>In unseren Breitengraden ereignen sich Amokl\u00e4ufe meist im Fr\u00fchling und im Herbst.<\/em><br \/>\n&#8230;<br \/>\n<em>Immerfort tatenlos zusehen zu m\u00fcssen, wie die Ma\u00dfgeblichen sich durchsetzen und dabei keinerlei Kosten scheuen, w\u00e4hrend das eigene Tun und Lassen vollkommen belanglos bleibt, das stachelt auf. Da\u00df einer seine Kr\u00e4nkung und Erbitterung ernst nimmt und dann Ernst macht, erregt Bewunderung.<\/em><br \/>\n&#8230;<br \/>\n<em>Er wirkt wie der Schiffbr\u00fcchige, den Brecht als einen charakterisiert, der verzweifelt nach der Planke greift, nicht, um sich zu retten, sondern um etwas zu haben, das er mit hinabnehmen kann in die Tiefe.<\/em><br \/>\n&#8230;<br \/>\n<em>Das Leben ist die Pflicht, Amok die K\u00fcr.<\/em><br \/>\n&#8230;<br \/>\n<em>Nun dr\u00e4ngt sich vielleicht die Frage auf, weshalb der Amokl\u00e4ufer nicht im Parlament des Bundestages oder auf der Vorstandsetage von Siemens wirkt. Aber einmal abgesehen davon, da\u00df ihm alles Hemmende verha\u00dft ist &#8211; so auch die Sicherheitsma\u00dfnahmen dieser Zeilgruppen &#8211; hat er vermutlich l\u00e4ngst schon resigniert vor der Zerbr\u00f6selung aller Schuld im Mahlwerk der Macht.<\/em><br \/>\n&#8230;<br \/>\n<em>Amoklauf ist ein Symptom der fortschrittlichen Entfremdung, in der die Herrschaft so abstrakt, die Gewalt so schmeichlerisch, die Schuld nicht nachweisbar und der Feind verallgemeinerbar ist.<\/em><br \/>\n&#8230;<br \/>\n<em>Der Amokl\u00e4ufer ist kein P\u00e4dagoge, kein gl\u00fchender Weltverbesserer, der mit der Bombe unter dem Mantel auf den Herrscher lauert, auch kein Don Quichotte, nicht einmal ein Desperado, der Funktion\u00e4re aus den Machtgruppen herausschie\u00dft. Im juristischen Sinn ist er nicht einmal ein M\u00f6rder, denn weder t\u00f6tet er aus Mordlust oder Habgier, noch will er an den Opfern seinen Geschlechtstrieb befriedigen. Derart niedrige Beweggr\u00fcnde interessieren ihn nicht. Er kennt keinerlei Hoffnungen mehr, keine Machtgruppen und kein Strafrecht; er will nur noch, da\u00df die anderen Ruhe geben und das ungenie\u00dfbare Leben vorbei ist.<\/em><\/p>\n<p><em>Er schie\u00dft wahllos. Die Opfer sterben einen sinnlosen Tod. Aber vielleicht liegt gerade in dieser Willk\u00fcr die eigentliche Wahrheit des Amoklaufs. Er deckt das Spiel des Zufalls auf, der \u00fcber allen waltet, der konstituierendes Prinzip all der m\u00fchsamen und langweiligen Lebensl\u00e4ufe durch den Sp\u00e4tkapitalismus ist.<\/em><br \/>\n&#8230;<br \/>\n<em>Brutales Berserkertum ist nur beim organisierten Amaklauf erw\u00fcnscht, also bei Pogrom und Mobilmachung.<\/em><br \/>\n&#8230;<br \/>\n&#8230;<em> Frauen sind so gut wie gar nicht vertreten, mit weniger als einem Prozent.<\/em><br \/>\n&#8230;<br \/>\n<em>Vielleicht ist es so, das Frauen aus Geiz nicht Amok laufen. Denn wenn bei ihnen der Wunsch aufkommt, den Gatten, die Kinder und einige Kunden im Supermarkt niederzuschie\u00dfen, kommen sie nicht umhin, den Schaden kaltbl\u00fctig zu \u00fcberschlagen; zudem stellt sich die Frage, wer das hinterher alles wegmachen soll. Im Vergleich zu den M\u00e4nnern ist das Verh\u00e4ltnis der Frauen zum sozialen Leben nicht abstrakt. Sie m\u00fcssen alles immer wieder in die Hand nehmen.<\/em><br \/>\n&#8230;<br \/>\n<em>\u00dcbrig bleibt ein einsamer, amoklaufender Mann. Bestensfall mittlerer Gehaltsgruppe.<\/em><br \/>\n&#8230;<br \/>\n<em>Er geht auf in m\u00e4nnlich martialischer H\u00e4rte, im Ideal des K\u00e4mpfers, der sich ums Niedermachen k\u00fcmmert. Und als Mitglied einer industrialisierten Gesellschaft bildet er seine Tat dem Modell der entfremdeten Arbeit nach. In der Regel benutzt er automatische Waffen. Er mu\u00df seine Opfer nicht \u00fcberw\u00e4ltigen, nicht einmal ber\u00fchren.<\/em><br \/>\n&#8230;<br \/>\n<em>Man k\u00f6nnte zumindest \u00fcberlegen, ob ein derart ersch\u00fcttertes Subjekt nicht auch anders ausbrechen k\u00f6nnte, beispielsweise in Tr\u00e4nen.<\/em><br \/>\n&#8230;<br \/>\n<em>Man stelle sich vor: ein Mann, der \u00f6ffentlich versagt; ein Amokl\u00e4ufer mit Tr\u00e4nen vollst\u00e4ndiger Verzweiflung.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir erinnern uns: Am 26. April 2002, also vor genau drei Jahren, erschoss der von der Schule verwiesene Amoksch\u00fctze Robert St. 16 Menschen am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, bevor er sich schlie\u00dflich selbst t\u00f6tete. Es war ein Amoklauf &#8222;nach amerikanischem Vorbild&#8220;, den in Deutschland keiner f\u00fcr m\u00f6glich halten wollte. 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