{"id":11471,"date":"2021-09-30T13:26:47","date_gmt":"2021-09-30T13:26:47","guid":{"rendered":"https:\/\/willizblog.de\/?p=11471"},"modified":"2021-09-30T13:26:47","modified_gmt":"2021-09-30T13:26:47","slug":"stanislaw-lem-die-vollkommene-leere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=11471","title":{"rendered":"Stanis\u0142aw Lem: Die vollkommene Leere"},"content":{"rendered":"<p>Mitte September vor 100 Jahren, genauer am 12. September 1921, wurde der polnische Philosoph, Essayist und Science-Fiction-Autor <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stanis%C5%82aw_Lem\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Stanis\u0142aw Lem<\/a> geboren. Besonders durch seine &#8218;Zukunfts&#8216;-Romane (z.B. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Solaris_(Roman)\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Solaris<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Golem_XIV\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Golem XIV<\/a>) ist er auch bei uns bekannt geworden. Lem gilt als brillanter Vision\u00e4r und Utopist, der zahlreiche komplexe Technologien Jahrzehnte vor ihrer tats\u00e4chlichen Entwicklung erdachte. <\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/a\/a4\/Stanis%C5%82aw_Lem.jpg\/220px-Stanis%C5%82aw_Lem.jpg\" alt=\"Stanis\u0142aw Lem 1966\" title=\"Stanis\u0142aw Lem 1966\" \/><br \/>\nStanis\u0142aw Lem 1966 (Quelle: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Stanis%C5%82aw_Lem.jpg\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">wikipedia.org<\/a>)<\/p>\n<p>Ich selbst bin kein so gro\u00dfer Fan von Science Fiction. Viele Romane und Filme (ich denke da z.B. an Star Wars, Star Trek, alle die Superman und Superwoman-Filme) sind mehr oder weniger M\u00e4rchen f\u00fcr Jugendliche und Erwachsene. Und so habe ich von Lem auch nur ein Buch in meiner Bibliothek, das keine Science-Fiction im herk\u00f6mmlichen Sinne enth\u00e4lt: <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3518372076\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3518372076&#038;linkCode=as2&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkId=acc09e20aa027e8b06d1ebfa619ba675\" rel=\"noopener\"><strong>Die vollkommene Leere<\/strong><\/a> (suhrkamp taschenbuch st 707 \u2013 1. Auflage 1981)<\/p>\n<p>Das Buch enth\u00e4lt Rezensionen \u00fcber nicht existierende B\u00fccher. Als Erkl\u00e4rung schreibt Lem, dass der Autor Einf\u00e4lle hatte, die er nicht in vollem Umfang zu realisieren vermochte; er konnte sie nicht niederschreiben &#8230; Es sind also Rezensionen \u00fcber B\u00fccher, die er selbst gern geschrieben h\u00e4tte. Das ist \u00fcbrigens nicht allein Lems Erfindung; nicht nur bei einem neuzeitlichen Schriftsteller \u2013 <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?s=borges\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">J.L. Borges<\/a> \u2013 findet man derartige Versuche (z.B. Als &#8222;Besprechung des Werks von Herbert Quaine&#8220; in dem Band &#8222;Labyrinthe&#8220;) [&#8230;] auch <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?p=1115\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Rabelais<\/a> (<a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3849684350\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3849684350&#038;linkCode=as2&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkId=64b5cd5e67e2596a1c0ac4538c5bc9b1\" rel=\"noopener\">Gargantua und Pantagruel<\/a>) war nicht der erste &#8230; (S. 7)<\/p>\n<p>Nun in der ersten Rezension schreibt Lem \u00fcber ein Buch, dass diesem Buch den Namen gab: Stanis\u0142aw Lem: Die vollkommene Leere \u2013 und schreibt am Ende: &#8230; <em>Behauptung, nicht ich, der Kritiker, sondern er selbst, der Autor, h\u00e4tte die vorliegende Rezension geschrieben<\/em> &#8230; (S. 12) \u2013 und schafft so eine Art gedankliches <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Perpetuum_mobile\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Perpetuum mobile<\/a><\/p>\n<p>Lem schafft Gedankenspiele der au\u00dferngew\u00f6hnlichen Art. In <strong>Les Robinsonades per Marcel Coscat<\/strong> schreibt er \u00fcber <em>Robinson Crusoes gesellschaftliches Leben<\/em>, das es bekanntlich auf der einsamen Insel nicht gab. Er nennt es u.a. <em>Soziologie der Einsamkeit<\/em> oder eine <em>Massenkultur einer menschenleere Insel<\/em>. H\u00f6chst am\u00fcsant, wie ich finde.<\/p>\n<p>In <strong>Patrick Hannahan \u2013 Gigamesh<\/strong> steht das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gilgamesch-Epos\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Gilgamesch-Epos<\/a> Pate (nur ohne den Buchstaben L) und wird in die Neuzeit &#8218;\u00fcbersetzt&#8216;. Hier wird &#8222;Gilgamesh&#8220;  zu einem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/GI_(Soldat)\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">G.I.<\/a> J. Maesch mit einer <em>&#8222;Vielfalt der Bez\u00fcge, die aus einem einzigen Wort entspringen, aus dem Titel n\u00e4mlich.&#8220;<\/em> (S. 36) <\/p>\n<p>Zu <strong>Simon Merril \u2013 Sexplosion<\/strong> nur ein Zitat: &#8222;&#8230; <em>die [&#8230;] Industrie der USA hatte die Stellungsk\u00fcnste des Ostens und des Westens verschlungen, aus den Fesseln des Mittelalters G\u00fcrtel der Untugend gemacht, die Kunst f\u00fcr die Projektierung von Beischlafstellungen, Seyarien, Magnopenissen, Megaklitoriden, Vaginetten und Pornotheken eingespannt, hatte sterilisierte F\u00f6rderb\u00e4nder in Betrieb genommen, von den Sadomobile, Kohabitatoren, Heimsodam\u00e4ler und \u00f6ffentlcihe Gomorkaden rollten, [&#8230;] um den Kampf f\u00fcr die Befreiung des Geschlechts vom Dienst der Arterhaltung aufzunehmen.<\/em>&#8220; (S. 49) \u2013 Allerdings wird am Ende die Stellung, die der Sex eingenommen hatte, nun durch das Essen ersetzt.<\/p>\n<p>In <strong>Alfred Zellermann \u2013 Gruppenf\u00fchrer Louis XVI. (Suhrkampf Verlag)<\/strong> versucht ein ehemaliger Gruppenf\u00fchrer der SS zusammen mit seinen ehemaligen Kameraden einen unabh\u00e4ngigen Staat zu bilden. Schauplatz der Handlung ist Argentinien im ersten Jahrzehnt nach dem Ende des Weltkrieges. Die Hauptstadt hei\u00dft &#8222;Parisia&#8220; und befindet sich in einer Gegend, die mehrere hundert Meilen von den letzten Vorposten der Zivilisation entfernt liegt. Der SS-Gruppenf\u00fchrer Siegfried Taudlitz sieht sich als Reinkarnation Ludwigs XVI.<\/p>\n<p>In diesem Stile geht es weiter (siehe <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_vollkommene_Leere\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Die vollkommene Leere<\/a> bei wikipedia.org). In <strong>Arthur Dobb: Non serviam<\/strong> erzeugen Wissenschaftler im Computer Welten aus mathematischen Axiomen, in denen sich dann Personoiden entwickeln. Der Programmierer spielt Gott.<\/p>\n<p>Zuletzt in <strong>Alfred Testa: Die neue Kosmogonie<\/strong> wird die Rede eines Professors anl\u00e4sslich der Verleihung des Nobelpreises widergegeben. U.a.spekuliert der Redner, dass die Naturgesetze nicht unver\u00e4nderlich sind, sondern durch uns \u00fcberlegene Intelligenzen in einer Art Spiel umgeformt werden und dar\u00fcber, was die Gr\u00fcnde f\u00fcr bestimmte momentane Naturgesetze sein k\u00f6nnten und ob sich mit den Naturgesetzen auch die Mathematik ver\u00e4ndern k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Aus dem Klappentext: <em>In dem Ma\u00dfe, in dem Lem seine spiegelfechtenden Rezensionen und ausgedachten Autoren den Wirklichkeitsverlust von Denken und Sprache feststellen l\u00e4\u00dft, verdichten sich brillante literarische Parodie und ironische Berechnung wissenschaftlicher Aussagen zu einem rein literarischen hermetischen Gebilde \u2013 letztm\u00f6gliche, hochartifizielle Reaktion eines utopischen Genres auf die fragw\u00fcrdige Authentizit\u00e4t technologisch inspirierter Zukunftsvisionen.<\/em> (Frankfurter Allgemeine Zeitung)<\/p>\n<p>Wer sich auf das Buch einl\u00e4sst, dass ohne Zweifel einen hohen Anspruch an den Leser stellt, wird sich eines au\u00dfergew\u00f6hnlichen Lesegenusses erfreuen. Den Namen <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?s=borges\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">J.L. Borges<\/a> habe ich oben erw\u00e4hnt. Beide spielen mit ihren phantastischen Gedankenspielen in einer Liga.<\/p>\n<p><script type=\"text\/javascript\">amzn_assoc_ad_type =\"responsive_search_widget\"; amzn_assoc_tracking_id =\"familiealbin-21\"; amzn_assoc_marketplace =\"amazon\"; amzn_assoc_region =\"DE\"; amzn_assoc_placement =\"\"; amzn_assoc_search_type = \"search_widget\";amzn_assoc_width =\"auto\"; amzn_assoc_height =\"auto\"; amzn_assoc_default_search_category =\"\"; amzn_assoc_default_search_key =\"lem\";amzn_assoc_theme =\"light\"; amzn_assoc_bg_color =\"FFFFFF\"; <\/script><script src=\"\/\/z-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?ServiceVersion=20070822&#038;Operation=GetScript&#038;ID=OneJS&#038;WS=1&#038;Marketplace=DE\"><\/script><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitte September vor 100 Jahren, genauer am 12. September 1921, wurde der polnische Philosoph, Essayist und Science-Fiction-Autor Stanis\u0142aw Lem geboren. Besonders durch seine &#8218;Zukunfts&#8216;-Romane (z.B. Solaris und Golem XIV) ist er auch bei uns bekannt geworden. Lem gilt als brillanter Vision\u00e4r und Utopist, der zahlreiche komplexe Technologien Jahrzehnte vor ihrer tats\u00e4chlichen Entwicklung erdachte. 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