{"id":1161,"date":"2008-04-14T00:04:00","date_gmt":"2008-04-13T22:04:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albinz.de\/blog\/?p=1161"},"modified":"2008-04-11T10:06:44","modified_gmt":"2008-04-11T08:06:44","slug":"heinz-strunk-fleisch-ist-mein-gemuse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1161","title":{"rendered":"Heinz Strunk: Fleisch ist mein Gem\u00fcse"},"content":{"rendered":"<p><em>Wie es ist, in Harburg aufzuwachsen, das wei\u00df Heinz Strunk genau. Harburg, nicht Hamburg. Mitte der 80er ist Heinz vollj\u00e4hrig und hat immer noch Akne, immer noch keinen Job, immer noch keinen Sex. Doch dann wird er Bl\u00e4ser bei \u201eTiffany\u201c, einer Showband, die auf den Sch\u00fctzenfesten zwischen Elbe und L\u00fcneburger Heide bald zu den gr\u00f6\u00dften geh\u00f6rt. Aber auch das Musikerleben hat seine Schattenseiten: traurige Gaststars, heillose Frauengeschichten, sehr fetter Essen und Hochzeitsgesellschaften, die immer nur eins h\u00f6ren wollen: \u201eAn der Nordseek\u00fcste\u201c von \u201eKlaus und Klaus\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Wer wie ich eine Zeitlang <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=413\" target=\"_blank\">in einer Band gespielt<\/a> hat, die auf Betriebs- und B\u00fcrgerfesten viele Auftritte hatte, der kann gut nachvollziehen, was <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinz_Strunk\" target=\"_blank\">Heinz Strunk<\/a> alias Mathias Halfpape alias J\u00fcrgen Dose (der mittlere ist wohl der richtige Name) in seinem Buch \u201eFleisch ist mein Gem\u00fcse\u201c beschreibt, das ich vor vier Jahren genussvoll gelesen habe. Vor allem, wenn das beschriebene Geschehen noch <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1158\" target=\"_blank\">vor der Haust\u00fcr<\/a> passierte. <\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/fleisch_ist_mein_gemuese.jpg\" alt=\"Fleisch ist mein Gem\u00fcse - der Film\" \/><\/p>\n<p>Am <strong>17. April<\/strong> kommt das Buch jetzt <a href=\"http:\/\/www.fleisch-ist-mein-gemuese.de\/\" target=\"_blank\">in einer Verfilmung<\/a> von Christan G\u00f6rlitz (auch Buch) mit Maxim Mehmet als jungen <a href=\"http:\/\/www.heinzstrunk.de\/\" target=\"_blank\">Heinz Strunk<\/a> ins Kino. Ich bin gespannt, obwohl erste Verlautbarungen verhei\u00dfen, dass der Film lange nicht an das Buch heranreichen soll. Au\u00dferdem bietet die Verfilmung im Vergleich zum Buch einen anderen Aufbau bez\u00fcglich der Rahmenhandlung. Im Film tritt n\u00e4mlich der echte Heinz Strunk als er selbst mit in Erscheinung. Da er f\u00fcr die Rolle als Jugendlicher inzwischen zu alt ist, wurde eine neue Rolle hinzu geschrieben. Strunks Rumpf h\u00e4ngt, \u00e4hnlich wie eine Jagdtroph\u00e4e an der Wand eines Zimmers. Ihm gegen\u00fcber prangt ein Pl\u00fcsch-Hirsch, mit dem sich Heinz unterh\u00e4lt. Zwischen den beiden spannt sich die versinnbildlichte Kinoleinwand, auf der sich das Leben von Heinz als Jugendlicher abspielt.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle meine <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?cat=9\" target=\"_blank\">Jethro Tull<\/a>-Fans: Heinz Strunk hat in seinem Buch Herrn Ian Anderson gewisserma\u00dfen ein literarische Denkmal gesetzt (auch wenn dieser am Ende nicht mehr ganz so gut wegkommt). Dort steht:<\/p>\n<p><em>Aber die Musik lie\u00df mich nicht los. Ein halbes Jahr sp\u00e4ter h\u00f6rte ich zum ersten Mal die britische Band Jethro Tull und war elektrisiert. Der Frontmann Ian Anderson hatte sich historische Verdienste um die Rockmusik erworben: Er war der erste Mensch der Welt, der in einer Rockband Querfl\u00f6te spielte!<\/em><\/p>\n<p><em>Auf einmal wusste ich, was ich wirklich wollte: Ich wollte sein wie Ian Anderson, und ich wollte Querfl\u00f6te spielen. Das mit Ian Anderson sagte ich Mutter nat\u00fcrlich nicht. Ihr gegen\u00fcber tat ich wieder harmlos, und sie willigte auch sofort ein (\u201eAber du wei\u00dft, dass du dann auch \u00fcben musst, sonst bringt das nichts.\u201c \u2013 \u201eJaja.\u201c) Weihnachten 1976 lag eine nigelnagelneue Querfl\u00f6te von Yamaha unterm Tannenbaum. Tagelang bestaunte ich das wundersch\u00f6ne Instrument, baute es zusammen und wieder auseinander und versuchte vergeblich, ihm T\u00f6ne zu entlocken. So verbrachte ich die Zeit bis zum Unterrichtsbeginn damit, zu Jethro-Tull-Platten vor dem Spiegel zu posieren: Ich stand wie mein gro\u00dfes Vorbild einbeinig wie ein Storch vor dem Spiegel und tat so, als ob. Das war n\u00e4mlich Ian Andersons Markenzeichen: einbeiniges Spiel. Genial! Ich fand, dass das die beste Performance seit Einf\u00fchrung des Showbusiness \u00fcberhaupt war. F\u00fcr meine Playbacks vor dem Spiegel h\u00e4ngte ich mir den guten Pelz von Oma um, denn Ian Anderson und seine Mannen hatten wirre, lange Haare und B\u00e4rte, und sie trugen Pelzm\u00e4ntel. Richtige Freaks! Die hysterische Antipelzstimmung war damals noch weitgehend unbekannt. F\u00fcr mich waren sie die gr\u00f6\u00dfte Rockband aller Zeiten, schei\u00df auf die Beatles! Ich habe nie wieder jemanden so nachgeeifert wie dem zauseligen Storchenk\u00f6nig und \u00fcber Jahre nichts, aber auch wirklich gar nichts anderes geh\u00f6rt als Jethro Tull. Leider durfte ich mir die Haare nicht so lang wachsen lassen wie meine Vorbilder. Sobald die Spitzen die Ohren bedeckten, bekam der Blick meines Gro\u00dfvaters etwas Starres: \u201eDu siehst ja schon wieder aus wie ein Beatle.\u201c Und ab ging\u2019s zum Bahnhofsfriseur, ausgerechnet zum Bahnhofsfriseur! Meine Familie war eindeutig der Meinung, dass der dort t\u00e4tige Jugoslawe hervorragend Haare schneide. Opa und ich also hin zum Harburger Bahnhof, ein fragender Blick des serbischen Meistercoiffeurs und dann das Todesurteil meines Gro\u00dfvaters: \u201eFasson!\u201c Ratzekahl wurde die R\u00fcbe abgeschabt, und ich sah so aus wie einer aus der geschlossenen Abteilung.<\/em><\/p>\n<p><em>Trotzdem \u00fcbte ich weiter begeistert Fl\u00f6te. Nach einem Jahr begann ich auch noch mit Klavierstunden, da man Klavier f\u00fcr die Aufnahmepr\u00fcfung an der Musikhochschule braucht. Denn so viel stand fest: Ich w\u00fcrde Berufsmusiker werden! Mutter war zufrieden, nur meine Begeisterung f\u00fcr Rockmusik war ihr nach wie vor suspekt. (\u201eH\u00f6r doch mal richtig hin, Heinz, da wiederholt sich doch st\u00e4ndig alles, und dazu dieser monotone Rhythmus, immer nur bumbumbum, du bis doch musikalisch, da musst doch h\u00f6ren, dass das primitiv ist.\u201c) Ich \u00fcbte wie ein Verr\u00fcckter! Manchmal stand ich schon um vier Uhr morgens auf, um vor der Schule zwei Stunden zu fl\u00f6ten: Mit siebzehn kam noch das Saxophon hinzu. Und dann entdeckte ich den Jazz.<\/em><\/p>\n<p><em>Jazz war viel anspruchsvoller als Rock. John Coltrane konnte tausendmal besser spielen als Ian Anderson, Ritchie Blackmore und Emerson, Lake and Palmer zusammen! Der Jethro-Tull-Frontmann gefiel sich immer noch in seiner Rolle als l\u00e4cherlicher Rockstorch, doch ich war schon viel weiter als er, \u00fcbte wie ein Irrer Jazzstandards, versuchte hinter das Geheimnis der alterierten Tonleiter zu kommen und wie man am elegantesten von f-Moll nach Des-Dur moduliert.<\/em><\/p>\n<p>aus Kapitel: Lehrjahre sind keine Herrenjahre (S. 43 f.\/1985)<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt nicht gut kommt <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1158\" target=\"_blank\">Todtgl\u00fcsingen<\/a> weg, ein Ortsteil von Tostedt, der 1972 eingemeindet wurde. Immerhin widmet Heinz Strunk dem Ort ein ganzes Kapital (Geisterstadt). Allerdings muss er sich hier geografisch arg get\u00e4uscht haben. Das mit dem Edeka-Laden mag noch stimmen, aber ansonsten spricht nichts daf\u00fcr, dass es sich um das reale Todtgl\u00fcsingen handelt. Weder Sch\u00fctzenverein noch freiwillige Feuerwehr haben sich aufgel\u00f6st. Hier ein Teil des Textes:<\/p>\n<p><em>Es kam in diesem Jahr noch eine weitere Karnevalsveranstaltung hinzu, der Todtgl\u00fcsinger Faslam. Todtgl\u00fcsingen war ein im Laufe weniger Jahre v\u00f6llig verarmtes Dorf. Viele der Bewohner wurden arbeitslos, H\u00f6fe mussten zwangsversteigert werden, dann machte auch noch der einzigste Edeka-Laden dicht, und irgendwie ging alles den Bach hinunter. Die Todtgl\u00fcsinger hockten entweder den ganzen Tag zu Hause vor dem Fernseher. Oder sie sa\u00dfen im einzigen Gasthof, dem Gasthof Bruhn, und soffen. Gesoffen haben sie nat\u00fcrlich auch zu Hause. Die jungen Leute sahen zu, dass sie Land gewannen, und zur\u00fcck blieben die Alten, Kranken, Kraft- und Mutlosen. Selbst Sch\u00fctzenverein und Freiwillige Feuerwehr hatten sich aufgel\u00f6st. Der Ort war dem Untergang geweiht. Das letzte gesellschaftliche Ereignis war der Faslam, der nat\u00fcrlich im Gasthof Bruhn gefeiert wurde. Der Bruhn\u2019sche Festsaal verf\u00fcgte \u00fcber keine B\u00fchne, sodass wir mitsamt unserer Anlage quasi auf der Tanzfl\u00e4che standen. Bereits gegen neun war sch\u00e4tzungsweise ein Drittel der M\u00e4nner schwer betrunken.<\/em><\/p>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<p><em>Irgendwann waren die Leute zu betrunken, um zu tanzen. Diejenigen, die sich gegenseitig totschlagen wollten, sind dazu freundlicherweise nach drau\u00dfen gegangen. Mehrmals wurde gedroht, uns mitsamt unserer Anlage kaputtzumachen, und wir hatten es nur dem beherzten Eingreifen des noch halbwegs n\u00fcchternen Vorsitzenden zu verdanken, dass wir heil davonkamen.<\/em><\/p>\n<p><em>In Todtgl\u00fcsingen haben wir nie wieder gespielt, obwohl sie uns im n\u00e4chsten Jahr unbedingt wiederhaben wollten und sogar bereit waren, noch dreihundert Mark Gage draufzulegen. Wie es den Todtgl\u00fcsingern heute wohl geht? Steht die Ortschaft \u00fcberhaupt noch? Was macht Susanne oder Sabine oder Silke? Vielleicht hat es ja auch einen \u00fcberraschenden Aufschwung gegeben. Ich dr\u00fccke dem gebeutelten Dorf jedenfalls fest die Daumen.<\/em><\/p>\n<p>Aus Kapital: Geisterstadt (S. 197ff.\/1994)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie es ist, in Harburg aufzuwachsen, das wei\u00df Heinz Strunk genau. Harburg, nicht Hamburg. Mitte der 80er ist Heinz vollj\u00e4hrig und hat immer noch Akne, immer noch keinen Job, immer noch keinen Sex. Doch dann wird er Bl\u00e4ser bei \u201eTiffany\u201c, einer Showband, die auf den Sch\u00fctzenfesten zwischen Elbe und L\u00fcneburger Heide bald zu den gr\u00f6\u00dften &hellip; <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?p=1161\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Heinz Strunk: Fleisch ist mein Gem\u00fcse<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13,9,3,11],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1161"}],"collection":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1161"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1161\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1161"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1161"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1161"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}