{"id":1205,"date":"2008-05-29T00:10:31","date_gmt":"2008-05-28T22:10:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1205"},"modified":"2008-05-28T13:14:48","modified_gmt":"2008-05-28T11:14:48","slug":"licht-und-schatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1205","title":{"rendered":"Licht und Schatten"},"content":{"rendered":"<p>In meinem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1198\" target=\"_blank\">Sofies Welt: Platon<\/a> kam ich am Rande auf Platons H\u00f6hlengleichnis zu sprechen. In diesem Zusammenhang gab es einige Irritationen (wie die Begriffe Licht und Schatten aufzufassen sind). Daher hier einige Erg\u00e4nzungen. Zun\u00e4chst zum Inhalt des Gleichnisses von Platon (Quelle: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/H%C3%B6hlengleichnis\" target=\"_blank\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/<\/a>):<\/p>\n<p><em>Platon beschreibt einige Menschen, die in einer unterirdischen H\u00f6hle von Kindheit an so festgebunden sind, dass sie weder ihre K\u00f6pfe noch ihre K\u00f6rper bewegen und deshalb immer nur auf die ihnen gegen\u00fcber liegende H\u00f6hlenwand blicken k\u00f6nnen. Licht haben sie von einem Feuer, das hinter ihnen brennt. Zwischen dem Feuer und ihren R\u00fccken werden Bilder und Gegenst\u00e4nde vorbeigetragen, die Schatten an die Wand werfen. Die \u201eGefangenen\u201c k\u00f6nnen nur diese Schatten der Gegenst\u00e4nde sowie ihre eigenen Schatten wahrnehmen. Wenn die Tr\u00e4ger der Gegenst\u00e4nde sprechen, hallt es von der Wand so zur\u00fcck, als ob die Schatten selber spr\u00e4chen. Da sich die Welt der Gefangenen ausschlie\u00dflich um diese Schatten dreht, deuten und benennen sie diese, als handelte es sich bei ihnen um die wahre Welt.<\/em><\/p>\n<p><em>Platon (bzw. Sokrates) fragt nun, was passieren w\u00fcrde, wenn man einen Gefangenen befreien und ihn dann zwingen w\u00fcrde, sich umzudrehen. Zun\u00e4chst w\u00fcrden seine Augen wohl schmerzlich vom Feuer geblendet werden, und die Figuren w\u00fcrden zun\u00e4chst weniger real erscheinen als zuvor die Schatten an der Wand. Der Gefangene w\u00fcrde wieder zur\u00fcck an seinen angestammten Platz wollen, an dem er deutlicher sehen kann.<\/em><\/p>\n<p><em>Weiter fragt Platon, was geschehen w\u00fcrde, wenn man den Befreiten nun mit Gewalt, die man jetzt wohl anwenden m\u00fcsste, an das Sonnenlicht br\u00e4chte. Er w\u00fcrde auch hier zuerst von der Sonne geblendet werden und k\u00f6nnte im ersten Moment nichts erkennen. W\u00e4hrend sich seine Augen aber langsam an das Sonnenlicht gew\u00f6hnten, w\u00fcrden zuerst dunkle Formen wie Schatten und nach und nach auch hellere Objekte bis hin zur Sonne selbst erkennbar werden. Der Mensch w\u00fcrde letztendlich auch erkennen, dass Schatten durch die Sonne geworfen werden.<\/em><\/p>\n<p><em>Erleuchtet w\u00fcrde er zu den anderen zur\u00fcckkehren wollen, um \u00fcber seine Erkenntnisse zu berichten. Da sich seine Augen nun umgekehrt erst wieder an die Dunkelheit gew\u00f6hnen m\u00fcssten, k\u00f6nnte er (zumindest anfangs) die Schattenbilder nicht erkennen und gemeinsam mit den anderen deuten. Aber nachdem er die Wahrheit erkannt habe, w\u00fcrde er das auch nicht mehr wollen.  [&#8230;]<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/platon.jpg\" alt=\"Platon\" \/><\/p>\n<p>Zur Deutung:<\/p>\n<p><em>Platon veranschaulicht demgem\u00e4\u00df durch sein Gleichnis, dass der gew\u00f6hnliche Mensch im Alltag wie in einer H\u00f6hle lebt. Denn die Dinge, die er als real wahrnimmt, sind Platons Ideenlehre zufolge in Wahrheit nur Schatten und Abbildungen des wahren Seienden. Die H\u00f6hle im Gleichnis steht f\u00fcr unsere sinnlich wahrnehmbare Welt, der harte Aufstieg des H\u00f6hlenbewohners f\u00fcr den Weg der Seele hinauf bis zur Erkenntnis des tats\u00e4chlichen Zentrums des Seins: der Idee des Guten, die im Gleichnis durch die Sonne repr\u00e4sentiert ist. Es geht im H\u00f6hlengleichnis also darum, die Denkkraft nicht auf das sinnlich Wahrnehmbare der uns unmittelbar umgebenden Welt zu lenken, sondern auf das, was hinter dieser Welt steht, beziehungsweise auf den ideellen Ursprung dieser Welt.<\/em><\/p>\n<p>\u201e<em>Platons Schatten haben nichts mit Finsternis oder Sonnenflucht zu tun. In seinem H\u00f6hlengleichnis vertritt er die Theorie, dass wir nicht die Realit\u00e4t wahrnehmen, sondern nur ein Abbild von ihr; Schatten eben.<\/em>\u201c wie <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1198#comment-8211\" target=\"_blank\">Lockwood<\/a> schreibt, wobei das Wort \u201eRealit\u00e4t\u201c sicherlich nicht ganz treffend ist. Unsere Schattenwelt ist schon die eigentliche Realit\u00e4t. Aber es gibt eine h\u00f6here \u201aWirklichkeit\u2019, die Welt der Ideen (das wahre Seiende, wie es etwas sehr abstrakt auch genannt wird), dort, wo wir die ewigen und unver\u00e4nderlichen \u201eMusterbilder\u201c, die Urbilder hinten den verschiedenen Ph\u00e4nomenen, finden.<\/p>\n<p>Auch wenn Licht und Schatten im eigentlichen Sinne nicht gemeint sind, so spielen beide durchaus eine Rolle in den philosophischen Gedanken von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Albert_Camus\" target=\"_blank\">Albert Camus<\/a>, zu dem ich mich auch schon mehrmals an dieser Stelle ge\u00e4u\u00dfert habe. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist mein Beitrag <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=837\" target=\"_blank\">Albert Camus: Der Fremde<\/a>.<\/p>\n<p>Von Albert Camus gibt es zwei Fr\u00fchwerke, deren Titel bereits das Thema umrei\u00dfen:<\/p>\n<p><em>Licht und Schatten (L\u2019envers et l\u2019endroit, 1937)<\/em><br \/>\n<em>Hochzeit des Lichts. Impressionen am Rande der W\u00fcste (Noces, 1938)<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/albpics\/albert_camus.jpg\" alt=\"Albert Camus\" \/><\/p>\n<p>Camus ist in Algerien geboren worden und aufgewachsen, also in einem Land, in dem die Sonne vorherrscht. Es ist nicht verwunderlich, wenn Platon als Grieche zur Veranschaulichung seiner Gedanken ein Gleichnis mit Licht und Schatten gew\u00e4hlt hat. Und so greift auch Camus als Mittelmeermensch  zu Licht und Schatten. Nachfolgend einige Ausz\u00fcge aus einem Aufsatz von <em>Andreas Woyke: Suche nach Einheit und Auflehnung gegen die Welt bei Albert Camus. Bern, 2007,<\/em> der mir einige wesentliche Punkte der Gedanken Camus\u2019 unter dem Gesichtspunkt von \u201eLicht und Schatten\u201c wiedergibt:<\/p>\n<p><em>Im Vorwort zur Neuauflage der fr\u00fchen Textsammlung &#8222;Licht und Schatten&#8220; von 1958 schreibt Albert Camus: <\/em><\/p>\n<p><strong>&#8222;Ich wei\u00df, dass meine Quelle sich in \u201aLicht und Schatten\u2019 befindet, in jener Welt der Armut und des Lichtes, in der ich lange Jahre gelebt habe und die mich dank der Erinnerung heute noch vor zwei gegens\u00e4tzlichen, jeden K\u00fcnstler bedrohenden Gefahren bewahrt, n\u00e4mlich dem Ressentiment und der Sattheit.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><em>Es liegt also durchaus nahe, die fr\u00fchen literarischen Texte Camus\u2019 als Hintergrund zu w\u00e4hlen, um das ambivalente Verh\u00e4ltnis zwischen Sinnsuche und Auflehnung gegen eine sinnlose Welt zu beleuchten, mit dem uns seine philosophischen Texte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Mythos_von_Sisyphos\" target=\"_blank\">&#8222;Der Mythos von Sisyphos&#8220;<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Mensch_in_der_Revolte\" target=\"_blank\">&#8222;Der Mensch in der Revolte&#8220;<\/a> konfrontieren. Im Folgenden soll es darum gehen, diesen Zusammenhang im Blick auf die fr\u00fche Textsammlung &#8222;Die Hochzeit des Lichts&#8220; auszuloten. <\/em><\/p>\n<p><em>Im Vorwort zu &#8222;Licht und Schatten&#8220; nennt Camus zwei Erfahrungsdimensionen der Welt, die seit seiner Kindheit und Jugend in Algerien sein Lebensgef\u00fchl pr\u00e4gen, n\u00e4mlich die &#8222;Welt der Armut&#8220; und die &#8222;Welt des Lichtes&#8220;. Die n\u00e4heren Einfl\u00fcsse dieser beiden Aspekte pr\u00e4zisiert er wie folgt: <\/em><\/p>\n<p><strong>&#8222;Das Elend hinderte mich, zu glauben, dass alles unter der Sonne und in der Geschichte gut sei; die Sonne lehrte mich, dass die Geschichte nicht alles ist.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><em>Die Erfahrung von Leid und Armut sowie die schmerzliche Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit sto\u00dfen die Sinnsuche zur\u00fcck und fordern zur Auflehnung gegen die Welt heraus, die eng mit einer grundlegenden Skepsis gegen\u00fcber allen Erl\u00f6sungshoffnungen verbunden ist: <\/em><\/p>\n<p><strong>&#8222;Denn hoffen hei\u00dft zuletzt entsagen, wenn man auch das Gegenteil zu glauben pflegt. Und leben hei\u00dft: nicht entsagen.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><em>Doch die Sch\u00f6nheiten der algerischen Natur, das Wechselspiel von Sonne und Meer, sowie Erfahrungen der Kunst und des &#8222;Zaubers von Orten&#8220; machen auch episodisches Gl\u00fcck und unmittelbare Freude am Dasein m\u00f6glich. Die Konfrontation mit diesen beiden grundlegenden Dimensionen menschlicher Existenz bildet f\u00fcr Camus den Ausgangspunkt seiner philosophischen Auseinandersetzung mit dem Selbst- und Weltverst\u00e4ndnis des modernen Menschen. Die intuitive Erkenntnis der genuinen Aufeinander-Bezogenheit beider Aspekte f\u00fchrt ihn dazu, eine nostalgische Harmoniesehnsucht ebenso zur\u00fcckzuweisen wie alle religi\u00f6sen, politischen und sonstigen Entw\u00fcrfe, die eine radikale Transzendierbarkeit der negativen Seiten der Existenz versprechen: <\/em><\/p>\n<p><strong>&#8222;Wenn ich mich jetzt gleich in die Wermutb\u00fcsche werfe und ihr Duft meinen K\u00f6rper durchdringt, so werde ich bewusst und gegen alle Vorurteile eine Wahrheit bekennen: die Wahrheit der Sonne, die auch die Wahrheit meines Todes sein wird.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Wer mag, kann gern den gesamten Aufsatz bei <a href=\"http:\/\/www.recenseo.de\/index.php?id=120&#038;kategorie=artikel&#038;nav=Inhalt\" target=\"_blank\">recenseo.de<\/a> lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meinem Beitrag Sofies Welt: Platon kam ich am Rande auf Platons H\u00f6hlengleichnis zu sprechen. 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