{"id":1211,"date":"2008-06-02T00:10:45","date_gmt":"2008-06-01T22:10:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1211"},"modified":"2008-05-29T20:15:13","modified_gmt":"2008-05-29T18:15:13","slug":"sofies-welt-aristoteles","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1211","title":{"rendered":"Sofies Welt: Aristoteles"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem wir in Jostein Gaarder: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3423620005?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3423620005\" target=\"_blank\">Sofies Welt &#8211; Roman \u00fcber die Geschichte der Philosophie<\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3423620005\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1192\" target=\"_blank\">Sokrates<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1198\" target=\"_blank\">Platon<\/a> kennen gelernt haben, will ich heute auf den dritten der gro\u00dfen antiken griechischen Philosophen zu sprechen kommen, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aristoteles\" target=\"_blank\">Aristoteles<\/a> (griechisch ?????o?????, * 384 v. Chr. in Stageira (Stagira) auf der Halbinsel Chalkidike; \u2020 322 v. Chr. in Chalkis auf der Insel Euboia), der unsere europ\u00e4ische Gedankenwelt bis heute wesentlich beeinflusst hat. Ohne Aristoteles g\u00e4be es keine Wissenschaften, wie wir diese heute kennen.<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/aristoteles.jpg\" alt=\"Aristoteles\" \/><\/p>\n<p>Hier aber wieder zun\u00e4chst die wichtigsten Textpassagen aus dem Buch:<\/p>\n<p><em>Philosoph und Wissenschaftler<\/em><br \/>\n<em>Aristoteles &#8230; war zwanzig Jahre lang Sch\u00fcler an Platons Akademie.<\/em><\/p>\n<p><em>Aristoteles selber war kein Athener. Er stammte aus Makedonien, kam aber an die Akademie, als Platon 61 Jahre alt war. Sein Vater war ein anerkannter Arzt \u2013 also Naturwissenschaftler. Schon dieser Hintergrund sagt etwas \u00fcber Aristoteles\u2019 philosophisches Projekt aus. Die lebendige Natur interessierte ihn am allermeisten. Er war nicht nur der letzte gro\u00dfe griechische Philosoph, er war auch Europas erster gro\u00dfer Biologe.<\/em><\/p>\n<p><em>Wenn wir alles ein bi\u00dfchen \u00fcberspitzt formulieren wollen, dann k\u00f6nnen wir sagen, da\u00df Platon so in die ewigen Formen oder \u201eIdeen\u201c vertieft war, da\u00df er die Ver\u00e4nderungen in der Natur kaum registrierte. Aristoteles dagegen interessierte sich gerade f\u00fcr die Ver\u00e4nderungen \u2013 oder das, was wir heute als Naturprozesse bezeichnen.<\/em><\/p>\n<p><em>Wenn wir es noch \u00fcberspitzter formulieren wollen, dann k\u00f6nnen wir sagen, da\u00df Platon sich von der Sinnenwelt abwandte und das, was wir um uns herum sehen, nur fl\u00fcchtig wahrnahm. (Er wollte doch aus der H\u00f6hle heraus. Er wollte in die ewige Ideenwelt schauen!) Aristoteles machte das genaue Gegenteil: Er ging in die freie Natur und studierte Fische und Fr\u00f6sche, Anemonen und Mohnblumen.<\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><em>Aristoteles\u2019 Bedeutung f\u00fcr Europas Kultur liegt nicht zuletzt darin, da\u00df er die Fachsprache schuf, die die verschiedenen Wissenschaften noch heute verwenden. Er war der gro\u00dfe Systematiker, der die verschiedenen Wissenschaften begr\u00fcndete und ordnete.<\/em><\/p>\n<p><em>Keine angeborenen Ideen<\/em><br \/>\n&#8230;<\/p>\n<p><em>Aristoteles glaubte, Platon habe alles auf den Kopf gestellt. Er stimmte seinem Lehrer darin zu, da\u00df das einzelne Pferd \u201eflie\u00dft\u201c, und da\u00df kein Pferd ewig lebt. Er stimmte auch darin zu, da\u00df die Pferdeform an sich ewig und unver\u00e4nderlich ist. Aber die \u201eIdee\u201c Pferd ist f\u00fcr ihn nur ein Begriff, den wir Menschen uns gemacht haben, nachdem wir eine bestimmte Anzahl Pferde gesehen haben. Die \u201eIdee\u201c oder die \u201eForm\u201c Pferd existiert also nicht vor aller Erfahrung. Die \u201eForm\u201c Pferd besteht f\u00fcr Aristoteles aus den Eigenschaften des Pferdes \u2013 wir w\u00fcrden von der Spezies Pferd sprechen.<\/em><\/p>\n<p>&#8230; <em>Mit der \u201eForm\u201c Pferd meint Aristoteles das, was allen Pferden gemeinsam ist. Und hier stimmt das Bild mit der Pfefferkuchenform nicht mehr, denn Pfefferkuchenformen existieren ja ganz unabh\u00e4ngig vom einzelnen Pfefferkuchen. Aristoteles glaubte nicht, da\u00df solche Formen sozusagen in ihrem eigenen Regalfach in der Natur existieren.<\/em><\/p>\n<p>&#8230; <em>F\u00fcr Platon ist es der h\u00f6chste Grad von Wirklichkeit, da\u00df wir mit der Vernunft denken. F\u00fcr Aristoteles ist es ebenso einleuchtend, da\u00df der h\u00f6chste Grad der Wirklichkeit darin liegt, da\u00df wir mit den Sinnen wahrnehmen oder empfinden. Platon h\u00e4lt das, was wir um uns herum in der Natur sehen, lediglich f\u00fcr Reflexe von etwas, das in der Welt der Ideen existiert \u2013 und damit auch in der Seele des Menschen. Aristoteles meinte das genaue Gegenteil: Was in der Seele des Menschen liegt, sind nur Reflexe der Gegenst\u00e4nde der Natur.<\/em><\/p>\n<p>&#8230; <em>Aristoteles leugnete nicht, da\u00df der Mensch eine angeborene Vernunft hat. Ganz im Gegenteil: Aristoteles zufolge ist gerade die Vernunft das wichtigste Kennzeichen des Menschen. Aber unsere Vernunft ist ganz \u201eleer\u201c, solange wir nichts empfinden. Ein Mensch hat also keine angeborenen \u201eIdeen\u201c.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Formen sind die Eigenschaften der Dinge<\/em><br \/>\n&#8230; <em>Aristoteles .. stellt fest, da\u00df die Wirklichkeit aus verschiedenen Einzeldingen besteht, die eine Einheit aus Form und Stoff darstellen. Der \u201eStoff\u201c ist das Material, aus dem das Ding besteht, w\u00e4hrend die \u201eForm\u201c die besonderen Eigenschaften der Dinge bezeichnet.<\/em><\/p>\n<p>&#8230; <em>Im Stoff liegt immer eine M\u00f6glichkeit, eine bestimmte Form zu erlangen. Wir k\u00f6nnen sagen, da\u00df der Stoff danach strebt, eine ihm innewohnende M\u00f6glichkeit zu verwirklichen. Jede Ver\u00e4nderung in der Natur ist Aristoteles zufolge eine Umformung des Stoffes von der M\u00f6glichkeit zur Wirklichkeit.<\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><em>Wenn Aristoteles von \u201eForm\u201c und \u201eStoff\u201c spricht, dann denkt er nicht nur an lebendige Organismen. Wie es die \u201eForm\u201c des Huhns ist, zu gackern, &#8230; ist es die \u201eForm\u201c des Steins, zu Boden zu fallen.<\/em><\/p>\n<p><em>Logik<\/em><br \/>\n&#8230;<\/p>\n<p><em>Aristoteles war ein peinlich genauer Mann der Ordnung, der in den Begriffen der Menschen aufr\u00e4umen wollte. Auf diese Weise hat er auch die Logik als Wissenschaft begr\u00fcndet. Er stellte mehrere strenge Regeln auf, welche Schl\u00fcsse oder Beweise logisch g\u00fcltig sind. Ein Beispiel mu\u00df uns reichen: Wenn ich zuerst feststelle, da\u00df \u201ealle lebenden Wesen sterblich sind\u201c (1. Pr\u00e4misse), und dann feststelle, da\u00df \u201eHermes<\/em> [Name eines Hundes] <em>ein lebendes Wesen ist\u201c (2. Pr\u00e4misse), dann kann ich die elegante Schlu\u00dffolgerung daraus ziehen, da\u00df \u201eHermes sterblich ist\u201c.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Trittleiter der Natur<\/em><br \/>\n\u2026<\/p>\n<p><em>Die Natur, so Aristoteles, schreitet von den unbeseelten Dingen zu den lebenden Wesen allm\u00e4hlich fort. Auf das Reich der unbeseelten Dinge folgt erst das Reich der Pflanzen, die \u201eim Verh\u00e4ltnis zu den leblosen Dingen fast wie beseelt, im Verh\u00e4ltnis zu den Tieren aber fast wie unbeseelt\u201c erscheinen. Schlie\u00dflich teilt Aristoteles auch die lebenden Wesen in zwei Untergruppen ein, n\u00e4mlich in Tiere und Menschen.<\/em><\/p>\n<p>\u2026<\/p>\n<p><em>Alles Lebendige (Pflanzen, Tiere und Menschen) hat die F\u00e4higkeit, Nahrung aufzunehmen, zu wachsen und sich zu vermehren. Tiere und Menschen haben au\u00dferdem die F\u00e4higkeit, ihre Umwelt zu f\u00fchlen und sich in der Natur zu bewegen. Alle Menschen haben dazu die F\u00e4higkeit, zu denken \u2013 oder eben ihre Sinneseindr\u00fccke zu verschiedenen Gruppen und Klassen zu ordnen.<\/em><\/p>\n<p>\u2026<\/p>\n<p><em>Und damit besitzt der Mensch einen Funken der g\u00f6ttlichen Vernunft. \u2026 Ja, ich habe \u201eg\u00f6ttlich\u201c gesagt. An einigen Stellen erkl\u00e4rt Aristoteles, da\u00df es einen Gott geben m\u00fcsse, der alle Bewegungen in der Natur in Gang gesetzt hat. Und so wird Gott zum absoluten Gipfel auf der Trittleiter der Natur.<\/em><\/p>\n<p><em>Aristoteles stellte sich vor, da\u00df die Bewegungen der Sterne und Planeten die Bewegungen hier auf der Erde leiten. Aber irgend etwas mu\u00df auch die Himmelsk\u00f6rper bewegen. Dieses Etwas nannte Aristoteles den ersten Beweger oder Gott. Der erste Beweger bewegt sich selber nicht, ist aber die erste Ursache der Bewegungen der Himmelsk\u00f6rper und damit aller Bewegungen in der Natur.<\/em><\/p>\n<p><em>Ethik<\/em><br \/>\n&#8230;<\/p>\n<p><em>Der Mensch wird nur gl\u00fccklich, wenn er alle seine F\u00e4higkeiten und M\u00f6glichkeiten entfalten und benutzen kann.<\/em><\/p>\n<p><em>Aristoteles glaubte an drei Formen des Gl\u00fccks: Die erste Form des Gl\u00fccks ist ein Leben der Lust und der Vergn\u00fcgungen. Die zweite Form des Gl\u00fccks ist ein Leben als freier, verantwortlicher B\u00fcrger. Die dritte Form des Gl\u00fccks ist ein Leben als Forscher und Philosoph.<\/em><\/p>\n<p><em>Aristoteles betont, da\u00df alle drei Formen zusammengeh\u00f6ren, damit der Mensch ein gl\u00fcckliches Leben f\u00fchren kann. Er lehnte also jede Form der Einseitigkeit ab.<\/em>  &#8230;<\/p>\n<p><em>Auch was die Tugenden betrifft, verwies Aristoteles auf einen \u201egoldenen Mittelweg\u201c. Wir sollen weder feige noch tollk\u00fchn sein, sondern tapfer. &#8230; Auch sollen wir weder geizig noch verschwenderisch sein, sondern gro\u00dfz\u00fcgig.<\/em> &#8230;<\/p>\n<p>&#8230; <em>Die Ethik von Platon und Aristoteles erinnert an die griechische medizinische Wissenschaft: Nur durch Gleichgewicht und M\u00e4\u00dfigung werde ich ein gl\u00fccklicher oder \u201eharmonischer\u201c Mensch.<\/em><\/p>\n<p><strong>aus:<\/strong> Jostein Gaarder: Sofies Welt &#8211; Roman \u00fcber die Geschichte der Philosophie &#8211; S. 128-140 \u2013 Carl Hanser Verlag 1995<\/p>\n<p>Soweit einige Textpassagen aus \u201eSofies Welt\u201c, die uns Aristoteles im Wesentlichen als Begr\u00fcnder der modernen Wissenschaften zeigen. Die Systematik des Denkens, wie es von Aristoteles ausgeht, beeinflusst auch noch oder gerade heute unser Denken. Aristoteles entwickelte das System der formalen Logik: er erarbeitete eine vollst\u00e4ndige Theorie der Urteile und Schlussfolgerungen, der Definitionen und Beweise, der wissenschaftlichen Einteilungen und Methoden.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist vor allem der weitreichenden Einfluss von Aristoteles auf das Vokabular (in griechischer Originalform oder in lateinischen Ableitungen), das er gepr\u00e4gt hat. Neben Wortpaaren wie Energie und Potential, Materie und ihre Form, Substanz und Wesen, Quantit\u00e4t und Qualit\u00e4t, Genus und Spezies, Subjekt und Pr\u00e4dikat u.s.w. stehen Pr\u00e4gungen wie Ursache (causa), Beziehung (relatio) oder Eigenschaft (Akzidenz).<\/p>\n<p>Aristoteles hat gewisserma\u00dfen die Philosophie aus dem Himmel auf die Erde geholt. Aber obwohl seine philosophischen Betrachtungen als Ausgangspunkt die Wahrnehmung und die Empfindungen \u00fcber die Sinne hatten und er als Begr\u00fcnder der Erfahrungswissenschaft (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Empirie\" target=\"_blank\">Empirie<\/a>) zu gelten hat, fehlen mir bei ihm die platonischen Visionen. Es ist wie ein Blick auf den Teller, von dem wir essen, ohne den Blick \u00fcber den Tellerrand zu wagen (wenn vielleicht auch nur als Fiktion bzw. Vision).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1198#comment-8209\" target=\"_blank\">Lockwood<\/a> fragte in einem seiner Kommentare: <em>Wann konnte man jemals einen Philosophen lachen h\u00f6ren ?<\/em> Zu dieser Frage und im Zusammenhang mit Aristoteles f\u00e4llt mir der Roman <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Name_der_Rose\" target=\"_blank\">\u201eDer Name der Rose\u201c<\/a> von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Umberto_Eco\" target=\"_blank\">Umberto Eco<\/a> ein. Darin spielt eine Klosterbibliothek eine zentrale Rolle und in der ein besonderer Schatz, n\u00e4mlich das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Poetik_%28Aristoteles%29\" target=\"_blank\">\u201eZweite Buch der Poetik\u201c<\/a> von Aristoteles, welches die Kom\u00f6die behandelt. Dieses zweite Buch ist zwar von Aristoteles \u201aangek\u00fcndigt\u2019 (als Behandlung des L\u00e4cherlichen in der Poetik), aber nicht \u00fcberliefert. Vielleicht h\u00e4tten wir hier einen Philosophen lachen h\u00f6ren? Wer wei\u00df &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem wir in Jostein Gaarder: Sofies Welt &#8211; Roman \u00fcber die Geschichte der Philosophie Sokrates und Platon kennen gelernt haben, will ich heute auf den dritten der gro\u00dfen antiken griechischen Philosophen zu sprechen kommen, Aristoteles (griechisch ?????o?????, * 384 v. Chr. in Stageira (Stagira) auf der Halbinsel Chalkidike; \u2020 322 v. 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