{"id":12129,"date":"2026-01-22T12:15:26","date_gmt":"2026-01-22T12:15:26","guid":{"rendered":"https:\/\/willizblog.de\/?p=12129"},"modified":"2026-01-22T12:15:26","modified_gmt":"2026-01-22T12:15:26","slug":"martin-walser-brief-an-lord-liszt-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=12129","title":{"rendered":"Martin Walser: Brief an Lord Liszt"},"content":{"rendered":"<ul>Oh mein Lord, wo steht Ihnen eigentlich das Wasser!<br \/>\nS. 71<\/ul>\n<ul>Seine F\u00e4higkeit, an nichts zu glauben zu m\u00fcssen, als an sich selbst, ist inzwischen zur Lieblingstugend der Epoche geworden. S. 105<\/ul>\n<p><em>Am Freitag vor Pfingsten, kurz vor Arbeitsschluss, rief Arthur Thiele die Abteilungsleiter der Firmen Chemnitzer Z\u00e4hne und Fin Star zu sich: Benedikt Stierle, der Konkurrent, hatte aufgegeben, er hatte seine Firma und sich in Brand gesteckt. Die Abteilungsleiter erhoben sich, Thiele dankte, die Sitzung war beendet, frohe Pfingsten. Franz Horn war als erster an der T\u00fcr.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Zeiten, als Thiele nach einem solchen Ereignis unbedingt noch ein paar S\u00e4tze mit Franz Horn wechseln musste, waren vollkommen vorbei. Auch Dr. Liszt, der Kollege und Freund, war nicht mehr an einem Gespr\u00e4ch mit Horn interessiert, das sah er deutlich, denn Liszt eilte, wie alle anderen, auf Thiele zu.<\/em><\/p>\n<p><em>Vor ein paar Jahren hatte Franz Horn einen Selbstmord versucht. Da er nicht gelang, wurde er zu Horns Misserfolgen gez\u00e4hlt: Horns Zeit war vor\u00fcber, er geh\u00f6rte zu den rapid \u00c4lterwerdenden; eine junge Mannschaft r\u00fcckte heran, eine Fusion mit der Weltfirma Bayer stand bevor. Die Tatsache, dass auch Liszt, der von seiner Familie Verlassene und dem Alkohol Ergebene, in diesen neuen Zeiten keine Chance mehr hatte, war ohne Trost f\u00fcr ihn; Liszt weigerte sich, sein Verb\u00fcndeter zu sein. Ja, es hatte den Anschein, als sei er ein Feind geworden, zumindest aber einer, mit dem er in Feindseligkeit leben musste.<\/em><\/p>\n<p><em>Warum nicht einen Brief schreiben, einen richtigen Brief, einen langsam geschriebenen Brief, in dem er Liszt den historischen Anteil an der Krise ihrer Beziehung oder Freundschaft zuweisen konnte? Damit endlich einmal alles richtig ausgesprochen w\u00e4re. Damit man wieder atmen, die Freundschaft neu oder endg\u00fcltig begr\u00fcnden k\u00f6nnte. Lieber Lord Liszt! (Die Anrede war da, als Horn nach dem Schreiber griff.) Und Franz Horn begann zu schreiben, Seite um Seite. Und beendete den Brief. Und nahm ihn mit einem PS wieder auf. Und dem ersten PS folgte ein zweites, ein drittes, ein viertes; am Ende waren es neunzehn Fortsetzungen.<\/em><\/p>\n<p><em>Was aber enth\u00e4lt der Brief, der in der Art der Lawinenentstehung ins Nichtgeheuere oder Ungeheuere anschwillt und \u2013 wie Lawinen es tun \u2013 alles, was im Weg liegt, mitrei\u00dft, aus den H\u00f6hen in die Tiefe oder aus den Tiefen in die H\u00f6he, das Unausgesprochene, nur Empfundene? Was er Liszt vorzuwerfen hat, sind keine strafbaren Delikte, die sich trefflich in Szene setzen lie\u00dfen. Es geht um Kr\u00e4nkungen, Verletzungen, Niederlagen, Unrecht menschlicher Art. Zwischen Liszt und Horn, Horn und Liszt, zwischen Thiele und Horn und Liszt. Es geht um Konkurrenz, um Anerkennungs-, Freundschafts- und Liebesentzug, um das gefahrvolle Leben, wenn genommen wird, was stark und widerstandsf\u00e4hig macht; es geht um die \u00dcberwindung eines Zustands permanenten Verschweigens, um das pl\u00f6tzliche Aufbrechen eines Schmerzes, der artikuliert werden will, ohne R\u00fccksicht auf die anderen und auf sich selbst.<\/em><\/p>\n<p><em>Das Schreiben wird ein Ersatz f\u00fcr alles: \u201eSprechen wir doch endlich aus, soviel wir k\u00f6nnen, anstatt zu leiden wie die Hummeln. Oder leiden Sie gar nicht? Leidet, wer recht hat, nicht?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Nicht in den einzelnen F\u00e4llen minuti\u00f6ser und gr\u00f6blicher Verletzung durch den anderen wird der Leser sich und seine Erfahrungen wiederfinden. Vielmehr wird sich der Leser im Faktum des Verletztwerdens erkennen, im wahnwitzigen Wunsch, sich all dessen zu entledigen, was ihn der zu sein zwingt, der er nicht ist. Der Leser wird sich an die von anderen eigens f\u00fcr ihn erdachte weise Erkenntnis erinnern: \u201eJeder sieht ein, dass er einsehen muss: ihm steht nur zu, was ihm zusteht.\u201c Und er wird sich endlich entledigen wollen, \u201enicht mehr der Vernunft anderer zu Kreuze zu kriechen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/pics\/martin_walser_brief_an_lord_liszt.jpg\" alt=\"Martin Walser: Brief an Lord Liszt (1982)\" title=\"Martin Walser: Brief an Lord Liszt (1982)\" \/><br \/>\nMartin Walser: Brief an Lord Liszt (1982)<\/p>\n<p><em>Das Buch ist ein Abrechnungsfest, ein Befreiungsunternehmen, eine Trennungsorgie, eine Wahrheitsmaschine, eine Einsamkeitspr\u00fcfung, kurzum: der Bericht von der schweren Ertr\u00e4glichkeit des wirklichen Lebens. Also eine Schmerzensgeschichte und ein Heilungsprozess. Dieser r\u00fccksichtslos leidenschaftliche Brief ist nicht weniger als ein Lehrbuch: Es zeigt uns einen Weg, um (wieder) in den Besitz der eigenen Vernunft zu kommen.<\/em><br \/>\n(aus dem Klappentext)<\/p>\n<p>Ich habe diesen kleinen, gerade 150 Seiten umfassenden Roman von <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?s=%22Martin+Walser%22\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Martin Walser<\/a> nach vielen Jahren erneut gelesen. <a href=\"https:\/\/amzn.to\/4qDaPIz\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Das Buch<\/a> habe ich als 1. Auflage 1982 aus dem Suhrkamp Verlag, Frankfurt, vorliegen.<\/p>\n<p>In seinem Brief an Dr. Liszt entwirft der Schreiber Franz Horn ein \u201aGesetz der Gesellschaftsphysik\u2018, wie er es nennt. Dieses besteht aus sieben S\u00e4tzen. Ich bin mir nicht sicher, aber den sechsten Satz muss Martin Walser unterschlagen habe, zumindest ist dieser nicht als solcher gekennzeichnet. Ich habe daf\u00fcr eine andere Aussage von Franz Horn herangezogen, den mit dem Hinweis auf die Identit\u00e4t des Einzelnen, der mir sehr nach <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?s=%22Max+Frisch%22\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Max Frisch<\/a> (siehe u.a.: <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?p=842\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Max Frisch: Stiller<\/a>) klingt (siehe unten).<\/p>\n<p><strong>Gesetz der Gesellschaftsphysik<\/strong><\/p>\n<p><em>1. Satz:<\/em> Was man \u00fcber einen Menschen denkt, kann man allen sagen, nur ihm selbst nicht. Er verst\u00fcnde es nicht. Ihm mu\u00df man sagen, was er will, da\u00df man ihm \u00fcber ihn sage. Nur das versteht er. (S. 41)<\/p>\n<p><em>2. Satz:<\/em> Wer jemanden unter sich ertr\u00e4gt, ertr\u00e4gt auch jemanden \u00fcber sich. (S. 70)<\/p>\n<p><em>3. Satz:<\/em> Freundschaft zwischen Angestellten einer Firma ist nicht m\u00f6glich. Zwischen Konkurrenten ist Freundschaft nicht m\u00f6glich. Oder einfach: Konkurrenten sind Feinde. Noch einfacher: Konkurrent ist Feindschaft. (S. 91\/92)<\/p>\n<p><em>4. Satz:<\/em> Zwischen Chef und Abh\u00e4ngigen gibt es menschliche Beziehungen nur zum Schein. (S. 92)<\/p>\n<p><em>5. Satz:<\/em> Freunde hat man, solange man sich die Frage, ob man welche hat, noch nicht stellt. (S. 109)<\/p>\n<p><em>6. Satz<\/em> [ist als solcher nicht benannt]: Es kann sich keiner identifizieren mit dem, der er in den Augen der anderen ist. Aber bevor man sich nicht mit dem, der man f\u00fcr andere ist, identisch erkl\u00e4rt, hat man keinen ruhigen Augenblick. (S, 142)<\/p>\n<p><em>7. Satz:<\/em> Der Mi\u00dferfolg seines Konkurrenten ist der Erfolg der Erfolglosen. (S. 144)<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt des Briefes steht ein Treffen zwischen Horn und Liszt in Hagnau am Bodensee, als beide vergeblich auf Thiele, der sie zu einer Segeltour eingeladen hatte, warteten und in Streit gerieten. Ich habe ansatzweise versucht, den Bodensee zu jener Stunde (ein Gewitter zog auf) in einem mit KI erstellten Video zu kennzeichnen.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"368\" height=\"640\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/wdAn9jBW0u0\" title=\"Bodensee und Martin Walsers &#39;Brief an Lord Liszt&#39;\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><br \/>\n\u201eH\u00e4tten Sie doch auf den See gesehen! Der lag, als sei schon alles zu Ende. Wie nach einer Weltkatastrophe lag er. Kein Wasser mehr. Geschmolzenes Blei. Schon ganz violett. Die Flaute, vollkommen. [\u2026] Hinter Ihnen, das aus gar allen Farben zusammengezogene Glei\u00dfen des Gewitterlichts.\u201c (S. 118)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oh mein Lord, wo steht Ihnen eigentlich das Wasser! S. 71 Seine F\u00e4higkeit, an nichts zu glauben zu m\u00fcssen, als an sich selbst, ist inzwischen zur Lieblingstugend der Epoche geworden. 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