{"id":1261,"date":"2008-07-31T00:01:29","date_gmt":"2008-07-30T22:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1261"},"modified":"2008-07-29T15:38:06","modified_gmt":"2008-07-29T13:38:06","slug":"jean-paul-sartre-der-ekel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1261","title":{"rendered":"Jean-Paul Sartre: Der Ekel"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jean-Paul_Sartre\" target=\"_blank\">Jean-Paul Sartre<\/a>, den Begr\u00fcnder des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Existentialismus\" target=\"_blank\">Existentialismus<\/a>, habe ich bereits <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1240\" target=\"_blank\">kurz vorgestellt<\/a>. Seinen Roman <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Ekel\" target=\"_blank\">\u201eDer Ekel\u201c<\/a> (franz\u00f6sisch: La naus\u00e9e), der 1938 erschienen war und als Hauptroman des Existentialismus gilt, hatte ich bereits 1979 zum ersten Mal gelesen. Da ich dieses Jahr meinen Urlaub haupts\u00e4chlich zu Hause verbringe, und die zz. herrschende W\u00e4rme nicht dazu angetan ist, gr\u00f6\u00dfere Ausfl\u00fcge zu machen, so habe ich mir einige B\u00fccher herausgesucht, die ich einmal erneut lesen m\u00f6chte. So auch Sartres \u201eDer Ekel\u201c.<\/p>\n<p>Der Roman ist als Tagebuch verfasst, der Autor ein gewisser Antoine Roquentin, der sich nach l\u00e4ngeren Reisen in einer Stadt am Meer namens Bouville niedergelassen hat, um an einem historischen Buch \u00fcber den Diplomaten Rollebon zu schreiben.<\/p>\n<p>Roquentin lebt allein und hat nur wenige Kontakte zu anderen Menschen in der Stadt. Ihn \u00fcberkommt ein Ekel, den er eher in den Dingen selbst sp\u00fcrt, und dessen Ursache die Sinnlosigkeit und Zuf\u00e4lligkeit seiner Existenz ist:<\/p>\n<p><em>Solange man lebt, passiert nichts. Die Szenerie wechselt, Leute kommen und gehen, das ist alles. Nie gibt es einen Beginn, Tag schlie\u00dft sich an Tag, ohne Sinn und Verstand, eine unaufh\u00f6rliche und langweilige Addition. Von Zeit zu Zeit zieht man Bilanz: man sagt sich, jetzt bin ich seit drei Jahren auf Reisen, jetzt lebe ich seit drei Jahren in Bouville. Aber ein Ende gibt es ebenso wenig: nie verl\u00e4\u00dft man endg\u00fcltig eine Frau, einen Freund, eine Stadt. Und alles ist sich so \u00e4hnlich \u2013 Shanghai, Moskau, Algier. Nach zwei Wochen ist alles gleich. Bisweilen, aber selten, merkt man auf, wird man sich bewu\u00dft, da\u00df man mit einer Frau geschlafen, sich in eine dunkle Sache eingelassen hat. Blitzartig. Und dann beginnt wieder das alte Lied, die Addition von Stunden und Tagen nimmt ihren Fortgang &#8211; \u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Das hei\u00dft leben. Erz\u00e4hlt man aber das Leben, dann ist alles anders, nur bemerkt es keiner. Beweis: man erz\u00e4hlt wahre Geschichten. Als ob es wahre Geschichten geben k\u00f6nnte! Die Ereignisse geschehen in einer bestimmten Reihenfolge, und wir erz\u00e4hlen sie gerade erst. Wir geben uns den Anschein, mit dem Beginn anzufangen: \u201eEs war ein sch\u00f6ner Abend im Herbst 1922. Ich war B\u00fcrovorsteher bei dem Notar in Marommes.\u201c In Wahrheit hat man beim Ende angefangen. Es ist das Ende, unsichtbar und doch gegenw\u00e4rtig, das diesen wenigen Worten Auftrieb und Wert eines Anfangs beigibt.<\/em><\/p>\n<p>(S. 46 f.)<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich erkennt Roquentin, dass das Schreiben an dem Buch \u00fcber Rollebon die bisher einzige Rechtfertigung f\u00fcr seine Existenz darstellt:<\/p>\n<p><em>Herr de Rollebon war mein Partner. Er brauchte mich, um zu sein, und ich brauchte ihn, um mein Sein nicht zu f\u00fchlen. Ich lieferte den Rohstoff, von dem ich \u00fcbergenug hatte und mit dem ich nichts anfangen konnte: die Existenz, meine Existenz. Seine Aufgabe war es, zu repr\u00e4sentieren. Er stellte sich vor mich hin, ergriff mein Leben, um mir daf\u00fcr das seinige zu pr\u00e4sentieren. Ich f\u00fchlte meine eigene Existenz nicht mehr, in mir selbst existierte ich nicht mehr \u2013 nur noch in ihm; f\u00fcr ihn atmete, f\u00fcr ihn a\u00df ich, jede meiner Bewegungen hatte nur noch einen nach au\u00dfen gerichteten Sinn, war nur noch auf mein Gegen\u00fcber, auf ihn abgestimmt. Ich sah meine Hand nicht mehr, die Buchstaben aufs Papier schrieb, nicht einmal mehr den Satz, den ich geschrieben hatte \u2013 aber dahinter, hinter dem Sto\u00df Papier, sah ich den Marquis, der diese Geste gefordert und dessen Geste die Existenz verl\u00e4ngert und gefestigt hatte. Ich war nur ein Mittel, ihn am Leben zu erhalten, er war meine Daseinsberechtigung, er hatte mich von mir selbst befreit: Was soll ich jetzt tun?<\/em><\/p>\n<p><em>Vor allem: keine Bewegung, keine Bewegung \u2026 Ach! Dieses Zucken mit den Schultern, ich habe es nicht hindern k\u00f6nnen \u2026 Das wartende Ding ist munter geworden, ist auf mich zugekommen, dringt ein in mich, erf\u00fcllt mich. Es ist nichts: diese Ding bin ich. Die befreite, entfesselte Existenz flie\u00dft in mich zur\u00fcck. Ich existiere.<\/em><\/p>\n<p>(S. 106)<\/p>\n<p>In Abwandlung von <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1254\" target=\"_blank\">Descartes\u2019<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Cogito_ergo_sum\" target=\"_blank\">\u201eCogito ergo sum\u201c<\/a> (\u201eIch denke also bin ich\u201c) hei\u00dft es bei Sartre:<\/p>\n<p><strong><em>Ich existiere, denn ich denke \u2026<\/em><\/strong><\/p>\n<p>(S. 108)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jean-Paul Sartre, den Begr\u00fcnder des Existentialismus, habe ich bereits kurz vorgestellt. 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