{"id":1266,"date":"2008-08-05T00:02:45","date_gmt":"2008-08-04T22:02:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1266"},"modified":"2008-08-03T13:38:24","modified_gmt":"2008-08-03T11:38:24","slug":"martin-walser-seelenarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1266","title":{"rendered":"Martin Walser: Seelenarbeit"},"content":{"rendered":"<p><em>Urlaubszeit ist Lesezeit!<\/em> Und nach <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Walser\" target=\"_blank\">Martin Walsers<\/a> <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1264\" target=\"_blank\">\u201eEin fliehendes Pferd\u201c<\/a> (1978 erschienen) habe ich Walsers <a href=\"http:\/\/www.leserattenforum.de\/lrf\/LeRaFo-js.htm?WalsMa1T.htm\" target=\"_blank\">\u201eSeelenarbeit\u201c<\/a> aus dem Jahr darauf erneut gelesen. <\/p>\n<p><em>Ein immer wiederkehrendes Motiv Walsers ist das Scheitern am Leben. Walsers Helden tragen meist einsilbige Nachnamen (\u201eDorn\u201d, \u201eHalm\u201d, \u201eZ\u00fcrn\u201d, \u201eLach\u201d, \u201eGern\u201d), und sie sind den Anforderungen, die ihre Mitmenschen oder sie selbst an sich stellen, nicht gewachsen. Der innere Konflikt, den sie deswegen mit sich austragen, findet sich in allen gro\u00dfen Walser-Romanen wieder \u2013 so auch in \u201eSeelenarbeit\u201c.<\/em><\/p>\n<p>\u201eSeelenarbeit\u201c ist ein Heimatbuch, wobei Heimat nicht allein f\u00fcr das Land, die Gegend steht, in der man lebt. Heimat steht hier besonders auch f\u00fcr Familie. Xaver Z\u00fcrn, Chauffeur eines Industriellen, sehnt sich nach dieser famili\u00e4ren Heimat, wenn er oft tagelang seinen Chef durch Deutschland kutschiert. Aber auch diese Heimat hat ihre T\u00fccken \u2013 seine beiden halbw\u00fcchsigen T\u00f6chter bereiten ihm und seiner Frau Sorgen.<\/p>\n<p>Mehr ist es aber die Arbeit, die er aus\u00fcbt, die ihm Magen- und Darmprobleme im wahrsten Sinne verursachen. Xaver Z\u00fcrn ist ein Sklave, dessen man tags wie nachts bedienen kann. Das Buch handelt von konkreten Machtverh\u00e4ltnissen der Gesellschaft, hier der m\u00e4chtige Chef, dort der dienende Chauffeur. Und so hat Z\u00fcrns Frust durchaus politische Ursachen. Wie viele B\u00fccher so ist auch dieses eine unverhohlene Kritik Walsers an den Verh\u00e4ltnissen in unserer Gesellschaft.<\/p>\n<p>Das Xaver Z\u00fcrn am Ende dann doch nicht vollends am Leben scheitert, ist seiner Heimat, der Familie, insbesondere seiner Frau Agnes zu verdanken:<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/walser_seelenarbeit.jpg\" alt=\"Martin Walser: Seelenarbeit (1979)\" \/><\/p>\n<p><em>Jedesmal meint man, das Schlimmste sei vorbei. Das ist die Illusion, die das Leben verl\u00e4ngert! Das Schlimmste ist immer.<\/em><\/p>\n<p>(Martin Walser: Seelenarbeit \u2013 Roman \u2013 erste Auflage 1979 &#8211; S. 265)<\/p>\n<p><em>Es gab \u00fcber der Kommode einen Spiegel, in dem sah sich Xaver, als er schon fast ausgezogen war. Er trat sofort zur Seite. Sobald er sich sah, kam es ihm unwahrscheinlich vor, da\u00df Agnes ihn noch ertrug. Manchmal glaubte er zwar, es k\u00f6nne keine Frau geben, die ihn so gut ertr\u00fcge wie Agnes. Aber vielleicht ertr\u00e4gt sie ihn gar nicht so gut. Nein, alles falsch. Sie ertr\u00e4gt ihn sehr gut. Ausgezeichnet ertr\u00e4gt sie ihn. Aber sie mag ihn nicht. Das hei\u00dft, er wirkt nicht auf sie. Das erlebt er jedes Mal, wenn er sp\u00fcrt, wie sie auf ihn wirkt. Wie er sich sehnt nach ihr. Wie er herumzerren m\u00f6chte an ihr. Sie zerrei\u00dfen m\u00f6chte vor lauter Nicht-von-ihr-genug-kriegen-K\u00f6nnen. Wenn es ihr genau so ginge, dann m\u00fc\u00dften sie einander tats\u00e4chlich einmal zerrei\u00dfen vor Nicht-von-einander-genug-kriegen-K\u00f6nnen. Aber ihr geht es nicht so. Das wei\u00df er. Sie ertr\u00e4gt ihn. Sie ertr\u00e4gt ihn sehr gern. Er ist ihr \u00fcberhaupt nicht widerlich. Hofft er. Heute kommt er ihm besonders unwahrscheinlich vor, da\u00df sie ihn gern ertr\u00e4gt. Er glaubt es einfach nicht. Er, ein zwischen Schultern und Schenkeln schwankende Fa\u00df. Im Gesicht das verlegene, ewig die Backen w\u00f6lbendes Grinsen. Er wird sich immer widerlicher.<\/em><\/p>\n<p>(S. 291 f.)<\/p>\n<p><em>Woher aber diese Empfindung, da\u00df er sich durch Agnes gerechtfertigter vorkommt als ohne sie? Durch Agnes war er m\u00f6glicher als ohne sie.<\/em><\/p>\n<p>(S. 294)<\/p>\n<p><em>Er h\u00f6rte ihrem Atem zu. Sie war noch einmal eingeschlafen. Damit war bewiesen, da\u00df sie es gar nicht so dunkel brauchte. Da er auf nichts h\u00f6ren konnte als auf ihren leise ansto\u00dfenden Atem, schlief er auch wieder ein.<\/em><\/p>\n<p>(S. 295)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Urlaubszeit ist Lesezeit! Und nach Martin Walsers \u201eEin fliehendes Pferd\u201c (1978 erschienen) habe ich Walsers \u201eSeelenarbeit\u201c aus dem Jahr darauf erneut gelesen. Ein immer wiederkehrendes Motiv Walsers ist das Scheitern am Leben. 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