{"id":1284,"date":"2008-08-23T00:01:44","date_gmt":"2008-08-22T22:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1284"},"modified":"2009-01-29T11:42:16","modified_gmt":"2009-01-29T09:42:16","slug":"martin-walser-brandung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1284","title":{"rendered":"Martin Walser: Brandung"},"content":{"rendered":"<p>Etwa sieben Jahre nachdem Helmut Halm mit seiner Frau Sabine Urlaub am Bodensee machte (<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1264\" target=\"_blank\">\u201eEin fliehendes Pferd\u201c<\/a>, ver\u00f6ffentlicht 1978), begegnen wir ihn in dem Roman <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Brandung_(Martin_Walser)\" target=\"_blank\">\u201eBrandung\u201c<\/a> (ver\u00f6ffentlicht 1985) von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Walser\" target=\"_blank\">Martin Walser<\/a> wieder.<\/p>\n<p>Mit \u201eBrandung\u201c habe ich jetzt das dritte Walser-Buch innerhalb kurzer Zeit zu Ende gelesen. Es ist schon allein deshalb f\u00fcr mich interessant, weil der Protagonist des Buches, Helmut Halm, in meinem jetzigen Alter ist.<\/p>\n<p>Halm ist Englisch- und Deutschlehrer in Stuttgart, wo er im Stadtteil Sullenbach im ehemaligem Haus seiner Schwiegereltern lebt. Am zweiten Tag der Sommerferien erreicht ihm ein Anruf eines ehemaligen Studienkollegen mit der Bitte, stellvertretend f\u00fcr einen ausgefallenen Wissenschaftler f\u00fcr ein Semester einen Lehrauftrag an der Collegestufe der Universit\u00e4t von Los Angeles (lt. Roman die Washington University in Oakland, die es aber nicht gibt \u2013 es muss sich anhand der geografischen Daten um die <a href=\"http:\/\/berkeley.edu\/\" target=\"_blank\">UC (University of California) in Berkeley<\/a> handeln) zu \u00fcbernehmen. Nach reiflichen \u00dcberlegung sagt er zu.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"540\" height=\"320\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" marginheight=\"0\" marginwidth=\"0\" src=\"https:\/\/maps.google.de\/maps?f=q&amp;source=s_q&amp;hl=de&amp;geocode=&amp;q=Stuttgart-Sillenbuch+-+Buowaldstra%C3%9Fe&amp;sll=48.782437,9.18045&amp;sspn=0.247486,0.527344&amp;gl=de&amp;g=stuttgart&amp;ie=UTF8&amp;t=h&amp;s=AARTsJomf2F5Zv8oq8iOwjbFgarWsOwvbA&amp;ll=48.751747,9.207916&amp;spn=0.009054,0.023174&amp;z=15&amp;output=embed\"><\/iframe><br \/>\nWohnsitz von Helmut Halm: Stuttgart-Sillenbuch &#8211; Buowaldstra\u00dfe<\/p>\n<p>Seine Arbeit besteht im Wesentlichen aus einem Konversationskurs, an dem auch die 22-j\u00e4hrige Fran Webb teilnimmt. Obwohl sie sich nicht am Unterricht beteiligt, vereinnahmt sie Helmut Halm nach dem Unterricht und l\u00e4sst sich f\u00fcr die Anfertigung eigener Examensarbeiten von ihm beraten. Zun\u00e4chst scheint seine Hilfe zu fruchten. Aber schon der 2. Aufsatz von ihr bekommt eine schlechte Note, da seine Ratschl\u00e4ge zu ausgelassen und zu gewagt werden.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"290\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" marginheight=\"0\" marginwidth=\"0\" src=\"https:\/\/maps.google.de\/maps?f=q&amp;hl=de&amp;geocode=&amp;q=Contra+Costa+Avenue,berkeley&amp;sll=37.871872,-122.272339&amp;sspn=0.161524,0.263672&amp;ie=UTF8&amp;t=h&amp;s=AARTsJqFOu29p_7pCetyyB3k71dDQ98rFA&amp;ll=37.895735,-122.277167&amp;spn=0.004911,0.010729&amp;z=16&amp;output=embed\"><\/iframe><br \/>\nWohnsitz der Halms in Berkeley (San Francisco) &#8211; Contra Costa Avenue<\/p>\n<p>Helmut Halm ist hin- und hergerissen von dieser &#8222;sch\u00f6nen Dummen&#8220; und nimmt sich sehr viel Zeit f\u00fcr sie. Hinzu kommt, dass sich Fran Webbs Aufsatzthemen immer wieder um P\u00e4rchen drehen, die anscheinend nicht zueinander finden k\u00f6nnen, obwohl sie ineinander verliebt sind \u2013 wie z.B. Benedikt (Benedick) und Beatrice in William Shakespeares <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Viel_L%C3%A4rm_um_nichts\" target=\"_blank\">\u201eViel L\u00e4rm um nichts\u201c<\/a>, die ihre gegenseitige Liebe mit viel Wortwitz zu leugnen trachten.<\/p>\n<p>Zuvor ist es aber auch William Shakespeares 129. Sonett, das die Phantasie des Helmut Halms zu befl\u00fcgeln scheint. Au\u00dferdem treibt ein Sittenstrolch (rapist) sein Unwesen auf dem Campus. Da kommt selbst ein Herr Halm auf komische Ideen.<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.william-shakespeare.info\/william-shakespeare-sonnet-129.htm\" target=\"_blank\">Shakespeare \u2013 129. Sonett<\/a><\/strong><\/p>\n<p><em>The expense of spirit in a waste of shame<br \/>\nIs lust in action; and till action, lust<br \/>\nIs perjured, murderous, bloody, full of blame,<br \/>\nSavage, extreme, rude, cruel, not to trust \u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Des Geistes Aufwand bei der Schandthat Plan<br \/>\nWird bei der That zur Lust, und bis zur That<br \/>\nIst blutig, treulos, m\u00f6rdrisch, voll von Wahn,<br \/>\nUnd wild die Lust, und roh und voll Verrath.<\/em><\/p>\n<p>Deutsch von <a href=\"http:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/William_Shakspeare%27s_s%C3%A4mmtliche_Gedichte\/Sonett_CXXIX\" target=\"_blank\">Ludwig Reinhold Walesrode, 1840<\/a><\/p>\n<p>Nachdem seine Frau wieder nach Deutschland zur\u00fcckkehren muss (ihr Vater liegt im Sterben) , geht die Phantasie endg\u00fcltig mit Helmut Halm durch. Aber es ist eben nur die Phantasie, obwohl sein st\u00e4ndiges Beisammensein mit Fran Webb auch die Kollegen argw\u00f6hnisch werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p><em>\u201eHatte er eigentlich je ein M\u00e4dchen, eine Frau angesprochen? Hatte er je eine Absicht zu erkennen gegeben, bevor er durch Zeichen der Frau sicher sein konnte, er werde, wenn er sich n\u00e4here, nicht abgewiesen?\u201c<\/em><\/p>\n<p>(Martin Walser: Brandung, 1985, Lizenzausgabe S. 251)<\/p>\n<p>Nein, auch Fran Webb spricht er nicht an. Und sie l\u00e4sst ihn physisch nicht n\u00e4herkommen.<\/p>\n<p>Helmut Halm ist ein Meister der Verstellung. Er zeigt nicht, was er denkt und denkt nicht, wie er sich zeigt. Schon das war Thema des ersten Halm Buchs \u201eEin fliehendes Pferd\u201c:<\/p>\n<p><em>\u201eIst nicht jede Sprache eine Fremdsprache, h\u00e4tte Halm gern gesagt, ausgerufen sogar. Fremd dem, was wir sind. Was wir sind, darf nicht herauskommen. In keiner Sprache. Also, die heutige Behauptung: Jede Sprache ist mehr zum Verbergen da als zum Enth\u00fcllen &#8230;\u201c<\/em><\/p>\n<p>(S. 66)<\/p>\n<p><em>\u201eJetzt hatte er gestern das so sch\u00f6n vorbereitet: Was verschweigt man, wenn man etwas sagt? Was sagt man, um etwas verschweigen zu k\u00f6nnen? Wie kann man von Gesagtem auf Verschwiegenes schlie\u00dfen?\u201c<\/em><\/p>\n<p>(S. 68)<\/p>\n<p><em>\u201eUnd ich w\u00fcsste nichts und niemanden, dem ich lieber beichtete als deiner Brandung. Oh, was f\u00fcr ein Mantel f\u00fcr alles du bist, Brandung.\u201c<\/em><\/p>\n<p>(S. 90)<\/p>\n<p>Aber mit dieser Fran Webb treibt es Helmut Halm in diesem Punkt auf die Spitze. Er sieht sie und sich als jene Shapkespeare\u2019sche Benedikt und Beatrice, die ihre Liebe so wortreich verleumdeten, und erwartet oder hofft, dass Fran sich als diese Beatrice zu erkennen gibt. Aber sie ist dann doch nur die \u201esch\u00f6ne Dumme\u201c, oder?<\/p>\n<p>Das Ganze endet tragisch, nein eigentlich tragikomisch. Fran stirbt in der Brandung des Pazifiks, w\u00e4hrend Halm \u2013 das Semester ist beendet und er nach Stuttgart heimgekehrt \u2013 auf einen Brief von ihr wartet (er ist ein letztes Mal seiner Phantasie erlegen). Es kommt ein Brief \u2013 aber von einer Kollegin der Uni in Kalifornien, die ihm den Tod mitteilt. Und selbst aus der Ferne ist er nicht ganz unschuldig an ihrem Tod. \u00dcberhaupt sterben in diesem Buch viele Menschen, auch der Studienfreund, der ihn zu dieser Reise nach Kalifornien eingeladen hatte. Und die Brandung des Pazifiks, in der Helmut Halm selbst fast umgekommen w\u00e4re, spielt eine nicht zu untersch\u00e4tzende Rolle in diesem Buch (wenn ich richtig gez\u00e4hlt habe, so kommt das Wort Brandung als Einzelwort oder in Kombinationen mindestens 31 Mal vor, au\u00dferdem zweimal auf Englisch = surf).<\/p>\n<p>Als der Roman 1985 auf den Markt kam, \u00fcberschlugen sich einmal wieder die Kritiken (\u201cSo brillant, so witzig, so genau \u2026\u201d \u2013 \u201cDiese sprachliche \u00dcppigkeit, diese manchmal prahlerische, gefalls\u00fcchtige Pr\u00e4chtigkeit, dieses Rankenwerk aus S\u00e4tzen, Einf\u00e4llen, Anekdoten, Haupt- und Nebengeschichten \u2026\u201d \u2013 \u201c\u2026 auf der H\u00f6he all seiner Erz\u00e4hlkunst &#8230;\u201c \u2013 \u201eDa gibt es Kabinettst\u00fccke t\u00f6dlicher Ironie.\u201c \u2013 \u201eEin mitrei\u00dfender Lebensroman &#8230;\u201c). Martin Walser ist ohne Zweifel ein Meister der deutschen Sprache, auch wenn er dazu neigt, den Leser mit manchen Wort- und Satzunget\u00fcmen zu erschlagen (Halm selbst erkennt, dass er oft geschwollen daherredet (\u201eHalm wollte, wenn ihm danach war, m\u00f6glichst geschwollen daherreden.\u201c S. 28)). Aber wie er diese Sehnsucht eines 55-J\u00e4hrigen nach Jugend beschreibt, ist schon au\u00dfergew\u00f6hnlich und einmalig. Helmut Halm geht es nicht um Sex mit einer jungen Frau. Er erkennt immer wieder, wie l\u00e4cherlich es w\u00e4re (f\u00fcr ihn, f\u00fcr die junge Fran, f\u00fcr seine Umwelt). Vielleicht f\u00fcrchte er diese L\u00e4cherlichkeit mehr noch. Und doch kommt er von dieser jungen Frau so schnell nicht los \u2013 wenn auch nur in seiner Phantasie. Am Ende ist es wieder wie in \u201eEin fliehendes Pferd\u201c. Er liegt mit seiner Frau im Bett und beginnt zu erz\u00e4hlen: Es ist der 2. Tag der gro\u00dfen Ferien, als sein fr\u00fcherer Studienfreund anruft. <em>\u201eNichts schlimmer als so eine von Unausgesprochenheiten zerm\u00fcrbte Ehe\u201c<\/em> (S. 258) warf ihm der Studienfreund zwischendurch einmal vor. Am Ende spricht er das Unausgesprochene aber doch aus \u2013 und findet so zu sich selbst. Damit akzeptiert er auch sein Alter. Und seine Ehe. Und findet auch zu seiner Frau zur\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Etwa sieben Jahre nachdem Helmut Halm mit seiner Frau Sabine Urlaub am Bodensee machte (\u201eEin fliehendes Pferd\u201c, ver\u00f6ffentlicht 1978), begegnen wir ihn in dem Roman \u201eBrandung\u201c (ver\u00f6ffentlicht 1985) von Martin Walser wieder. Mit \u201eBrandung\u201c habe ich jetzt das dritte Walser-Buch innerhalb kurzer Zeit zu Ende gelesen. 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