{"id":1293,"date":"2008-09-03T12:41:13","date_gmt":"2008-09-03T10:41:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1293"},"modified":"2008-09-03T15:29:41","modified_gmt":"2008-09-03T13:29:41","slug":"hermann-hesse-narzis-und-goldmund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1293","title":{"rendered":"Hermann Hesse: Narzi\u00df und Goldmund"},"content":{"rendered":"<p>Im Alter von zwanzig Jahren begann ich mit dem Lesen. Gut, in jungen Jahren hatte ich den obligatorischen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl_May\" target=\"_blank\">Karl May<\/a> gelesen und auch andere Jugendb\u00fccher. Sind ja auch gar nicht so schlecht die Geschichten von Winnetou und Old Shatterhand, obwohl mir <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kara_Ben_Nemsi\" target=\"_blank\">Kara Ben Nemsi<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hadschi_Halef_Omar\" target=\"_blank\">Hadschi Halef Omar<\/a> noch etwas besser gefallen haben (damals wie heute).<\/p>\n<p>Mit zwanzig Jahren las ich zun\u00e4chst <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hermann_Hesse\" target=\"_blank\">Hermann Hesse<\/a>. Es war damals die auslaufende Zeit der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hippie\" target=\"_blank\">Blumenkinder<\/a>. Und Hesses B\u00fccher, speziell <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Steppenwolf\" target=\"_blank\">\u201eDer Steppenwolf\u201c<\/a>, l\u00f6ste eine Hesse-Rezeption gerade bei diesen aus (vergleiche u.a. den Film <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Easy_Rider\" target=\"_blank\">\u201eEasy Rider\u201c<\/a> mit der Musik &#8211; \u201eBorn to be Wild\u201c &#8211; der Gruppe <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Steppenwolf_(Band)\" target=\"_blank\">\u201eSteppenwolf\u201c<\/a>, benannt nach Hesses Roman).<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.albinz.net\/models\/hermann_hesse.gif\" alt=\"Hermann Hesse\" \/><\/p>\n<p>In dieser Zeit las ich auch Hesses <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Narzi%C3%9F_und_Goldmund\" target=\"_blank\">\u201eNarzi\u00df und Goldmund\u201c<\/a> zum ersten Mal (diese Erz\u00e4hlung aus dem Jahr 1930 habe ich auch in die <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1039\" target=\"_blank\">Liste meiner liebsten B\u00fccher<\/a> aufgenommen). Das Buch handelt zwar im Mittelalter, besch\u00e4ftigt sich aber mit Fragen der Psychologie. Die beiden genannten Hauptfiguren verk\u00f6rpern gewisserma\u00dfen die beiden Pole des Menschen \u2013 den Geistesmensch und den Sinnesmenschen in etwa nach dem Motto: <strong>Sinn und Sinnlichkeit<\/strong>. Zwar wirkt die Sprache Hesses heute teilweise etwas zu pathetisch, vor allem antiquiert, l\u00e4sst einen aber doch nicht vom Lesen los. Und die Thematik ist weiterhin aktuell. Nat\u00fcrlich stehen Narzi\u00df und Goldmund hier jeweils als Stereotypen f\u00fcr einen dieser Menschentypen. Aber gerade oder weil sie so verschieden sind, schlie\u00dfen sie eine enge Freundschaft, da sie den fehlenden Teil in sich beim anderen entdecken. Narzi\u00df, der Geistesmensch, ist Lehrer und M\u00f6nch und wird eines Tages Abt eines Klosters. Goldmund, als Sch\u00fcler ins Kloster gekommen, entrinnt den starren Mauern, um in der Welt sein Gl\u00fcck zu suchen. Er ist ganz den Sinnen zugewandt (Emotionen und Lust) und entwickelt sich zum K\u00fcnstler.<\/p>\n<p>Hier die Worte von Narzi\u00df, mit denen er die Unterschiede zwischen sich und Goldmund beschreibt:<\/p>\n<p><em>\u201cDie Naturen von deiner Art, die mit den starken und zarten Sinnen, die Beseelten, die Tr\u00e4umer, Dichter, Liebenden, sind uns andern, uns Geistmenschen, beinahe immer \u00fcberlegen. Eure Herkunft ist eine m\u00fctterliche. Ihr lebet im Vollen, euch ist die Kraft der Liebe und des Erlebenk\u00f6nnens gegeben. Wir Geistigen, obwohl wir euch andere h\u00e4ufig zu leiten und zu regieren scheinen, leben nicht im Vollen, wir leben in der D\u00fcrre. Euch geh\u00f6rt die F\u00fclle des Lebens, euch der Saft der Fr\u00fcchte, euch der Garten der Liebe, das sch\u00f6ne Land der Kunst. Eure Heimat ist die Erde, unsere die Idee. Eure Gefahr ist das Ertrinken in der Sinnenwelt, unsere das Ersticken im luftleeren Raum. Du bis K\u00fcnstler, ich bin Denker. Du schl\u00e4fst an der Brust der Mutter, ich wach in der W\u00fcste. Mir scheint die Sonne, dir scheinen Mond und Sterne, deine Tr\u00e4ume sind von M\u00e4dchen, meine von Knaben &#8230;\u201c<\/em><\/p>\n<p><strong>aus:<\/strong> Hermann Hesse <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/351845854X?ie=UTF8&amp;tag=familiealbin-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=351845854X\" target=\"_blank\">Narzi\u00df und Goldmund<\/a><img loading=\"lazy\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=351845854X\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/> (suhrkamp taschenbuch 274 \u2013 2. Auflage 1975, S 49)<\/p>\n<p>Goldmunds abenteuerliches Leben bildet den gro\u00dfen Mittelteil der Erz\u00e4hlung. Er scheut selbst den Totschlag nicht, wenn er dazu gezwungen ist. Am Ende nach einer Zeit des W\u00fcten der Pest kehrt er zu Narzi\u00df zur\u00fcck. Beide erkennen:<\/p>\n<p><em>Jedes Leben wird ja erst durch Spaltung und Widerspruch reich und bl\u00fchend. Was w\u00e4re Vernunft und N\u00fcchternheit ohne das Wissen vom Rausch, was w\u00e4re Sinnenlust, wenn nicht der Tod hinter ihr st\u00fcnde, und was w\u00e4re Liebe ohne die ewige Todfeindschaft der Geschlechter?<\/em><\/p>\n<p>(S. 198)<\/p>\n<p>Zwar entschwindet Goldmund noch einmal und kehrt krank und alt zur\u00fcck. Aber sowohl er als auch Narzi\u00df haben gewisserma\u00dfen den inneren Frieden gefunden, indem sich beide auf ihre Art selbst verwirklicht haben:<\/p>\n<p><em>Das vollkommene Sein ist Gott. Alles andere, was ist, ist nur halb, ist teilweise, es ist werdend, ist gemischt, besteht aus M\u00f6glichkeiten. Gott aber ist nicht gemischt, er ist eins, er hat keine M\u00f6glichkeiten, sondern ist ganz und gar Wirklichkeit. Wir aber sind verg\u00e4nglich, wir sind werdend, wir sind M\u00f6glichkeiten, es gibt f\u00fcr uns keine Vollkommenheit, kein v\u00f6lliges Sein. Dort aber, wo wir von der Potenz zur Tat, von der M\u00f6glichkeit zur Verwirklichung schreiten, haben wir Teil am wahren Sein, werden dem Vollkommenen und G\u00f6ttlichen um einen Grad \u00e4hnlicher. Das hei\u00dft: sich verwirklichen.<\/em><\/p>\n<p>(S. 286)<\/p>\n<p>Thomas Mann schrieb seinerzeit durchaus passend:<\/p>\n<p><em>Hesses Roman \u201aNarzi\u00df und Goldmund\u2019 setzt mit gro\u00dfer sprachlicher Sch\u00f6nheit ein und scheint in einer mittelalterlichen Zeitlosigkeit zu schweben, die dem poetischen Bed\u00fcrfnis dieser rohen Aktualit\u00e4t widerstrebenden Geistes entspricht, ohne darum seine schmerzliche F\u00fchlung mit den Problemen der Gegenwart zu verleugnen &#8230; ein wundersch\u00f6nes Buch mit seiner Mischung aus deutsch-romantischen und modern-psychologischen, ja psychoanalytischen Elementen &#8230; eine in ihrer Reinheit und Interessantheit durchaus einzigartige Romandichtung.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Alter von zwanzig Jahren begann ich mit dem Lesen. Gut, in jungen Jahren hatte ich den obligatorischen Karl May gelesen und auch andere Jugendb\u00fccher. 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