{"id":1437,"date":"2009-01-29T11:21:41","date_gmt":"2009-01-29T09:21:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1437"},"modified":"2009-01-29T11:35:15","modified_gmt":"2009-01-29T09:35:15","slug":"martin-walser-dorle-und-wolf-novelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1437","title":{"rendered":"Martin Walser: Dorle und Wolf &#8211; Novelle"},"content":{"rendered":"<p>In meinem Blog habe ich aus gutem Grund \u00f6fter, besonders im letzten Jahr, \u00fcber B\u00fccher von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Walser\" target=\"_blank\">Martin Walser<\/a> geschrieben (<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=769\" target=\"_blank\">Angstbl\u00fcte<\/a> &#8211; <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1264\" target=\"_blank\">Ein fliehendes Pferd<\/a> \u2013 <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1266\" target=\"_blank\">Seelenarbeit<\/a> \u2013 <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1284\" target=\"_blank\">Brandung<\/a> \u2013 <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1305\" target=\"_blank\">Jagd<\/a> &#8211; <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1426\" target=\"_blank\">Ein springender Brunnen<\/a>). Er z\u00e4hlt zu meinen Lieblingsautoren deutscher Sprache.<\/p>\n<p>1988 hielt Walser im Rahmen der Reihe <em>Reden \u00fcber das eigene Land<\/em> eine Rede, in der er deutlich machte, dass er die deutsche Teilung als schmerzende L\u00fccke empfindet, mit der er sich nicht abfinden will. Diesen Stoff machte er auch zum Thema seiner Erz\u00e4hlung <a href=\"http:\/\/www.dieterwunderlich.de\/Walser_Dorle_Wolf.htm\" target=\"_blank\">Dorle und Wolf<\/a> (1987 erschienen).<\/p>\n<p>Aus dem Klappentext zur <a href=\"http:\/\/www.zweitausendeins.de\/suche\/?ArticleFocus=1&#038;ord=-1&#038;alpha=1&#038;cat=all&#038;q=martin%20walser%20dorle%20wolf\" target=\"_blank\">Novelle Dorle und Wolf<\/a> (Zweite Auflage 1987 \u2013 Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main):<\/p>\n<p><em>Wolf Zieger alias York, aus der DDR stammend, litt an der deutschen Teilung. Ihn bek\u00fcmmerte, dass seine k\u00e4mpfende und leidende Republik auf dem Gebiet der High-Technology hoffnungslos unterlegen ist. Er ist bereit, diesem Defizit abzuhelfen, und stellt sich als Kundschafter in den besonderen Dienst seiner Republik.<\/em><\/p>\n<p><em>Wenn die Novelle einsetzt, ist Wolf 15 Jahre im Westen. Er arbeitet nach Vorlage einer widerspruchsfreien Biografie in der Bonner Politikverwaltung, verheiratet mit Dorle, einer Sekret\u00e4rin im Verteidigungsministerium; hinter ihm liegen neun Jahre fehlerloser Praxis als Spion. Er hat sich voll und ganz auf diese Arbeit eingestellt. \u201eMan mu\u00df, wenn man etwas zu verbergen hat, mehr tun, als man selber f\u00fcr n\u00f6tig h\u00e4lt.\u201c Im Laufe seiner T\u00e4tigkeit wird er dabei so etwas wie ein \u00dcberkonsequentexperte: Er spielt Schumanns Novelletten immer nur mit einer Hand, um nie h\u00f6ren zu lassen, dass er urspr\u00fcnglich in der DDR Klavier studiert hatte. So ist es immer der halbierte Schumann, den er spielt, und halbiert sind f\u00fcr ihn auch die Menschen der Bundesrepublik. \u201eSie wissen nicht, was ihnen fehlt. Und keiner w\u00fcrde sagen, ihm fehle seine Leipziger H\u00e4lfte, sein Dresdner Teil, seine mecklenburgische Erstreckung.\u201c<\/em><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"540\" height=\"320\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" marginheight=\"0\" marginwidth=\"0\" src=\"https:\/\/maps.google.de\/maps?hl=de&amp;q=bonn+trierer+stra%C3%9Fe+47&amp;ie=UTF8&amp;split=0&amp;gl=de&amp;t=h&amp;s=AARTsJoEV38GbLNQ-LEGB2kH2-aca9Mepg&amp;ll=50.715021,7.086471&amp;spn=0.002174,0.005794&amp;z=17&amp;output=embed\"><\/iframe><br \/>\nWohnung von Dorle und Wolf in Bonn-Poppelsdorf: Ecke Trierer Stra\u00dfe 47 \u2013 Querstra\u00dfe<\/p>\n<p><em>\u00dcberkonsequent ist er auch in seiner Spionaget\u00e4tigkeit: immer mehr tun, als man f\u00fcr n\u00f6tig h\u00e4lt. Er macht sich an Sylvia Wellershof heran, ebenfalls Sekret\u00e4rin im Verteidigungsministerium. Dorle, seine Frau, die erst nach der Heirat von seiner Agentent\u00e4tigkeit erfahren hatte, die ihn deckte und unterst\u00fctzte, weil sie ihn liebte, wusste, dass er die Protokolle sozusagen in Sylvias Bett abholte. Dorle duldete zwar ein Zwischen-T\u00fcr-und-Angel-Verh\u00e4ltnis, eine Kurzbeziehung nach Dienstschluss, und Wolf musste dann Dorle auch seine unbefriedigte Beteiligung, sein zweckdienliches Verh\u00e4ltnis erl\u00e4utern, seine \u201eebenso komischen wie qu\u00e4lenden Geschlechtsdienste, deren Hauptcharakteristikum ihre Kurzgefa\u00dftheit war.\u201c Aber wie viel Unvereinbarkeit ertr\u00e4gt man? Das wurde Wolfs Problem: \u201eWie sehr darf man, was man denkt, dem, was man tut, widersprechen?\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Dorle wollte ein Kind, auch Wolf wollte es. Nur noch ein Auftrag war abzuwickeln, dann wollte er in einem Treff mit DDR-Nachrichtendienstleuten in S\u00fcdfrankreich die Arbeit aufk\u00fcndigen. Doch die wollten ihn nicht entlassen und wollten ihm auch seinen privaten Wunsch nach Leben in einer Familie nicht abnehmen. Wolf sp\u00fcrte den Konflikt immer brennender. Er begann sich selbst abzulehnen, sich und sein dauerndes Weder-Noch. In seiner Seelenersch\u00fctterung wusste er nicht mehr: war er illegal oder schon illegitim. Er entschied sich, seinen Dienst aufzugeben, er wollte sich stellen, Dorle gab ihm den Rat, \u201edas Land, in dem er lieber vor Gericht geht, mu\u00df man vorziehen\u201c.<\/em><\/p>\n<p><em>Wolf entschied sich, er stellte sich einem Gericht der Bundesrepublik. Er erlebte einen eitlen Anwalt, eine ihn verfolgende Staatsanw\u00e4ltin und einen Gerichtsvorsitzenden, von dem er sich zun\u00e4chst verstanden f\u00fchlte. Im Urteil aber demonstrierte dieser dem Angeklagten, wie politisch unvern\u00fcnftig sein Handlungsentwurf ist, die Vorstellung halbierter Menschen sei der reine Wahn.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Novelle Dorle und Wolf, die in einem einzigen Kreis nur einen einzigen Konflikt zeigt, zerbr\u00f6selt die Vorstellung, ein einzelner k\u00f6nne, wie <a href=\"http:\/\/www.dw-world.de\/dw\/article\/0,,3877462,00.html\" target=\"_blank\">York in Tauroggen<\/a>, in den Gang der Geschichte eingreifen. Die Novelle aber zeigt auch, was Rettung bedeutet, der Wunsch einer unendlichen Ann\u00e4herung an den anderen Menschen \u2013 als sch\u00f6nsten Liebes- und Lebenssinn.<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr Wolf alias York sind die Menschen der Bundesrepublik halbiert. \u201eSie wissen nicht, was ihnen fehlt. Und keiner w\u00fcrde sagen, ihm fehle seine Leipziger H\u00e4lfte, sein Dresdner Teil, seine mecklenburgische Erstreckung.\u201c Martin Walser fehlte anscheinend seine ostdeutsche H\u00e4lfte. Und als h\u00e4tte er es beim Schreiben geahnt, sollten sich zwei Jahre nach Erscheinen dieser Novelle beide deutschen H\u00e4lften einen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meinem Blog habe ich aus gutem Grund \u00f6fter, besonders im letzten Jahr, \u00fcber B\u00fccher von Martin Walser geschrieben (Angstbl\u00fcte &#8211; Ein fliehendes Pferd \u2013 Seelenarbeit \u2013 Brandung \u2013 Jagd &#8211; Ein springender Brunnen). Er z\u00e4hlt zu meinen Lieblingsautoren deutscher Sprache. 1988 hielt Walser im Rahmen der Reihe Reden \u00fcber das eigene Land eine Rede, &hellip; <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?p=1437\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Martin Walser: Dorle und Wolf &#8211; Novelle<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1437"}],"collection":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1437"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1437\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1437"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1437"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1437"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}