{"id":1573,"date":"2009-03-31T00:01:02","date_gmt":"2009-03-30T23:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1573"},"modified":"2011-02-28T10:52:08","modified_gmt":"2011-02-28T09:52:08","slug":"heinar-kipphardt-marz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1573","title":{"rendered":"Heinar Kipphardt: M\u00e4rz"},"content":{"rendered":"<p>Es war im Jahr 1975, da gab es im Fernsehen (ZDF) den Film <em>\u201eLeben des schizophrenen Dichters Alexander M.\u201c<\/em>, der mich sehr beeindruckte. In der Titelrolle spielte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ernst_Jacobi\" target=\"_blank\">Ernst Jacobi<\/a>. Das Drehbuch zu diesem Film schrieb <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinar_Kipphardt\" target=\"_blank\">Heinar Kipphardt<\/a>, der zuvor durch sein zeitkritisches Schauspiel <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/In_der_Sache_J._Robert_Oppenheimer\" target=\"_blank\">In der Sache J. Robert Oppenheimer<\/a> gr\u00f6\u00dfere Bekanntheit erlangte. Ein Jahr sp\u00e4ter, 1976, legte er das gleiche Thema als seinen ersten Roman, unter dem Titel <em>\u201eM\u00e4rz\u201c<\/em> vor. Kurz danach schrieb Kipphardt eine H\u00f6rspielfassung unter dem Titel \u201eM\u00e4rz &#8211; ein K\u00fcnstlerleben\u201c f\u00fcr den Bayerischen Rundfunk, in welcher Ulrich Gerhardt 1977 Regie f\u00fchrte. Erst am 16. Oktober 1980 kam es im D\u00fcsseldorfer Schauspielhaus zur Urauff\u00fchrung des Theaterst\u00fccks unter dem Titel <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/M%C3%A4rz,_ein_K%C3%BCnstlerleben\" target=\"_blank\">\u201eM\u00e4rz, ein K\u00fcnstlerleben\u201c<\/a>. <\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.heinar-kipphardt.de\/\" target=\"_blank\">Heinrich \u201eHeinar\u201c Mauritius Kipphardt<\/a> (* 8. M\u00e4rz 1922; \u2020 18. November 1982 in M\u00fcnchen) war ein deutscher Schriftsteller und bedeutender Vertreter des Dokumentartheaters.<\/p>\n<p>Die Geschichte des ungl\u00fccklichen Anti-Helden Alexander M\u00e4rz ist f\u00fcr Kipphardt eine Abrechnung mit der Psychiatrie. Kipphardt hatte Medizin studiert und arbeitete u.a. an der psychiatrischen Klinik D\u00fcsseldorf-Grafenberg. F\u00fcr ihn ist Schizophrenie, sind psychotische Krankheiten letzten Endes sozial verursacht: Sehr sensible Menschen zerbrechen an dem, was Familie und Gesellschaft ihnen antun. So auch der schizophrene Dichter M\u00e4rz, der sich vor den Augen seines Arztes in Brand steckt, weil er sich in dieser Welt nicht mehr zurechtfinden kann. Als Grundlage f\u00fcr \u201aM\u00e4rz\u2018 diente authentisches Material.<\/p>\n<p>Im Roman, den ich mir 1976 kaufte und las, hei\u00dft es u.a.:<\/p>\n<p><em>\u201eDie Psychiartrie ist die Heilige Inquisition der seelischen Gesundheit.\u201c<\/em> (S. 19 &#8211; AutorenEdition Bertelsmann Verlagsgruppe \u2013 1976)<\/p>\n<p><em>Kofler. Notizen. Der eingelieferte Patient, der das Etikett schizophren bekommen hat, hat ohne sein Wissen eine Rolle \u00fcbernommen und startet zu seiner Karriere. Von der Einlieferung an wird er ohne Unterbrechung degradiert und er verliert St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck seine Entscheidungsfreiheit und alle b\u00fcrgerlichen Freiheiten. Es wird ihm bestritten, ein Mensch zu sein &#8230;<\/em> (S. 20)<\/p>\n<p>In kleinen Mosaiksteinchen erfahren wir vieles aus dem Leben des Patienten M\u00e4rz, der seit Jahren in einer psychiatrischen Klinik lebt. Aus Aufzeichnungen des Patienten, seinen Gedichten, den Berichten Dritter, Gespr\u00e4chen und Beobachtungen des Arztes Kofler setzt sich das Bild eines hoch sensiblen Menschen zusammen, der die \u00bbNormalit\u00e4t\u00ab der Gesellschaft radikal in Frage stellt. M\u00e4rz verweigert sich dem herrschenden Leistungs- und Konkurrenzprinzip. Ausgangspunkt seiner Erkrankung ist die Kindheit: M\u00e4rz war mit einer <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lippen-Kiefer-Gaumenspalte\" target=\"_blank\">Gaumenspalte (Hasenscharte)<\/a>, auf die Welt gekommen, f\u00fcr die sich die beide Elternteile sehr sch\u00e4mten. W\u00e4hrend die Mutter mit \u00fcbertriebener Liebe ihren Sohn zu umsorgen meinte, versuchte es der Vater mit Strenge. Es herrschte so ein andauernden Konflikt im Elternhaus, der das Kind mehr und mehr in eine Au\u00dfenseiterrolle dr\u00e4ngte.<\/p>\n<p>Durch M\u00e4rz lernen wir eine \u201aandere\u2019 Sichtweise des Lebens kennen, die uns zun\u00e4chst \u201akrank\u2019, wenn auch auf besondere Weise faszinierend erscheint. Zunehmend beginnt der Leser dann, diese Sichtweise zu verstehen und das \u201anormale\u2019 Leben kritisch zu be\u00e4ugen:<\/p>\n<p><em>Es wundert mich [&#8230;] immer, wenn bei den ganzen vielen Teilen etwas zueinander pa\u00dft, zum Beispiel die Tasse auf dem Tisch da zu dem beschriebenen Zettel. Wieso passen die zueinander? &#8230; Vielleicht passen die meisten Teile nur zueinander, weil es gef\u00e4hrlich ist, nicht zueinander zu passen. Da pa\u00dft man schon lieber. Aber in Wirklichkeit pa\u00dft zueinander rein gar nichts.<\/em> (S. 19)<\/p>\n<p>Was \u201apasst\u2019 also wirklich im Leben zusammen? Sind wir alle nicht zu kleinen R\u00e4dchen geformt, die die Normalit\u00e4t am Leben erhalten? Dann vielleicht doch <em>\u00bblieber verr\u00fcckt als ein R\u00e4dchen.\u00ab<\/em><\/p>\n<p><em>In der &#8222;Allegorie der H\u00f6hle&#8220; beschreibt <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1198\" target=\"_blank\">Plato<\/a> das Leben des angepassten Menschen wie angekettet an der Wand einer unterirdischen H\u00f6hle. Die Schatten welche sie auf der Wand sehen, halten sie f\u00fcr die Wirklichkeit. Es gibt Leute welche sich befreien von ihren Ketten, weil sie das Leben als angekettet als unertr\u00e4glich erfahren. Es ist die Aufgabe der angeketteten Psychiater, die sich dessen nicht bewusst sind, diejenigen die versuchen sich zu befreien, wieder anzupassen und aufs Neue zu fesseln. Und wenn dass nicht gelingt, werden sie verbannt in einen entlegenen Winkel der H\u00f6hle, wo sie miteinander festgehalten werden, um das wahnsinnige Spiel der \u201eNormalen\u201c nicht zu st\u00f6ren. Das nennen wir nun psychiatrische Anstalten.<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.heinar-kipphardt.de\/Infos%20zu%20Maerz.html\" target=\"_blank\">&#8222;Eine narratologische Analyse von Kipphardt&#8217;s M\u00e4rz&#8220; von Dimitri Vanlessen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war im Jahr 1975, da gab es im Fernsehen (ZDF) den Film \u201eLeben des schizophrenen Dichters Alexander M.\u201c, der mich sehr beeindruckte. In der Titelrolle spielte Ernst Jacobi. Das Drehbuch zu diesem Film schrieb Heinar Kipphardt, der zuvor durch sein zeitkritisches Schauspiel In der Sache J. Robert Oppenheimer gr\u00f6\u00dfere Bekanntheit erlangte. 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