{"id":16,"date":"2005-02-04T15:36:42","date_gmt":"2005-02-04T14:36:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albinz.de\/blog\/?p=16"},"modified":"2005-10-20T11:59:00","modified_gmt":"2005-10-20T09:59:00","slug":"des-fadens-ewge-lange-aufzeichnungen-1-faustus-mullemann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=16","title":{"rendered":"Des Fadens ew&#8217;ge L\u00e4nge Aufzeichnungen 1 Faustus M\u00fcllemann"},"content":{"rendered":"<p>Am Wegesrand ein Bl\u00fcmlein w\u00e4chst, dessen Duft mir in die Nase steigt. Ein sanftes Kribbeln. Pa\u00df auf, da\u00df Du das zarte Pfl\u00e4nzlein nicht unter Deinen tapsigen Stiefeln begr\u00e4bst. Mir k\u00f6nnte etwas fehlen (\u00abTritt nicht aufs Fettkraut!\u00bb). Befreie Dich von den klobigen Tretern und wage es wie ich, barf\u00fc\u00dfig durch das Gras zu gehn. Sp\u00fcrest auch Du einen Hauch vom Morgentau? Von Frische, die die Zehen benetzt? Mach Deinen Kopf frei! Und f\u00fchle! Atme ein und atme aus. <\/p>\n<p>Besinne Dich, Du Ochs! Gedankenlos kippst Du allen Dreck in die Natur aus. \u00dcberall stolpere ich \u00fcber M\u00fcll, den Du wie die Schleimspur einer Schnecke gleich hinter Dir herziehst, und falle mit der Nase in schimmligen Quark (\u00abIn jeden Quark begr\u00e4bt er seine Nase.\u00bb). Ich mag wohl gern meinen Riecher in andrer Leute Sachen stecken, aber nicht in solch fauligem Schlamm.<\/p>\n<p>\u00abHopfen und Malz, Du stinkst aus dem Hals!\u00bb Fettb\u00e4uchig begr\u00e4bst du das Bl\u00fcmlein unter deinem auseinanderquellenden Arsch. Um dich herum stapeln sich Bierdosen und Schnapsflaschen. Aus deinem Maul quillt nicht nur der abgestandenen Pesthauch und Sabber, sondern mit den aufgequollenen Lippen formst du unf\u00f6rmige W\u00f6rter, die wie Kotzbrocken aus der Fresse fallen. <\/p>\n<p>Greift nur hinein ins volle Menschenleben! Ich kann mich h\u00fcten davor, es zu tun. Staub soll er fressen, und mit Lust, wohl bekomm &#8217;s! Es w\u00fcrde dir besser bekommen als der Fra\u00df aus T\u00fcten, die entleert die Stra\u00dfen s\u00e4umen.<\/p>\n<p>Der Worte sind genug gewechselt, la\u00dft mich auch endlich Taten sehn! Also packt deinen Kram, und dann pack&#8216; dich! Aber bald, denn was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan, und es wird dann nimmer mehr geschehn. Halbseidener Schlaumeier, erhebe dich &#8230; Oder bleib&#8216; ganz einfach sitzen, denn dann wirst du samt deines Unrats als menschlicher Sperrm\u00fcll zusammengekehrt und abtransportiert. Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur! der Meister sprach &#8217;s, aber ach, ein M\u00fcllwerker klaubt dich aus dem Dreck, hilft dir sogar auf die Beine und fegt \u00fcberstehenden Abfall von deinen Kleidern. Oh, Gott, der Schrott steht auf beiden F\u00fc\u00dfen. Ja, kehre nur der holden Erdensonne entschlossen deinen R\u00fccken zu! Schuld- und schuttbeladen wankt er davon. Die Tr\u00e4ne quillt, die Erde hat ihn wieder! Aber irgendeiner Schuld ist er sich nicht bewu\u00dft. Vergeblich ist mein Reden. Da steht er nun, der arme Tor! Und ist so klug als wie zuvor; und wankt davon und wankt. Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang, des Toren taube Ohren zu predigen. Und er wankt. Das also war des Pudels Kern! M\u00fcllemanns fetter Hintern! Er wankt und wankt.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr mich ist es Zeit, mich aus dem Staube zu machen, mich aus seinem Dunstkreis zu entfernen.Des Denkens Faden ist zerrissen, mir ekelt lange vor allem Wissen.Was M\u00fcllemann, der wankt, nicht wei\u00df, wenn er auch denkt, zu wissen. Er nennt &#8217;s Vernunft und braucht &#8217;s allein, nur tierischer als jedes Tier zu sein. Aber bekanntlich: Es irrt der Mensch, solang er strebt.  <\/p>\n<p>Aber ja, aus den Augen, aus dem Sinn! So hoff&#8216; ich, meinen Seelenfrieden wieder zu finden. Und suche nach Entschuldigung und find&#8216; sorgenvolle Kindheit. Und suche nach Erkl\u00e4rung und finde sch\u00e4digendes Milieu. Schon der Gro\u00dfvater hat &#8230;, und der Vater war &#8230; Und M\u00fcllemann wankt. Mir rei\u00dft der Faden. Ach! unsre Taten selbst, so gut als unsre Leiden, sie hemmen unsres Lebens Gang. Und M\u00fcllemann, ach M\u00fcllemann, du wankst. <\/p>\n<p>Die Spiegelflut ergl\u00e4nzt zu meinen F\u00fc\u00dfen, zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. So suche ich das Weite in der Ferne. Und ich gehe dahin, ein letzter Blick \u00fcber die linke Schulter ersp\u00e4ht M\u00fcllemann, wie er wankt. Und ich laufe. Und ich hoffe, da\u00df ein Bl\u00fcmlein am Wegesrand sich erholt und aufersteht und bl\u00fcht und zu meiner Freude duftet und &#8230;  <\/p>\n<p>Freud mu\u00df Leid, Leid mu\u00df Freude haben. Und ich laufe, um einem Platz zu finden, an dem ich sagen kann: Hier bin ich Mensch, hier darf ich &#8217;s sein! W\u00e4hrend M\u00fcllemann wankt, nach Hause wankt, wankt, wankt &#8230; <\/p>\n<p>[Frei nach Goethes &#8218;Faust&#8216;] <a href=\"https:\/\/www.albinz.net\/texte.html#1 Fau\">[Mehr]<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Wegesrand ein Bl\u00fcmlein w\u00e4chst, dessen Duft mir in die Nase steigt. Ein sanftes Kribbeln. Pa\u00df auf, da\u00df Du das zarte Pfl\u00e4nzlein nicht unter Deinen tapsigen Stiefeln begr\u00e4bst. Mir k\u00f6nnte etwas fehlen (\u00abTritt nicht aufs Fettkraut!\u00bb). Befreie Dich von den klobigen Tretern und wage es wie ich, barf\u00fc\u00dfig durch das Gras zu gehn. 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