{"id":1692,"date":"2009-05-05T00:01:07","date_gmt":"2009-05-04T22:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1692"},"modified":"2018-03-01T07:40:13","modified_gmt":"2018-03-01T07:40:13","slug":"t-coraghessan-boyle-riven-rock-1998","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1692","title":{"rendered":"T. Coraghessan Boyle: Riven Rock (1998)"},"content":{"rendered":"<p><em>Als Stanley McCormick, der Sohn des Erfinders des M\u00e4hdreschers (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Cyrus_McCormick\" target=\"_blank\">Cyrus McCormick<\/a>) und mithin Erbe eines gigantischen Verm\u00f6gens, die sch\u00f6ne <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Katherine_McCormick\" target=\"_blank\">Katherine Dexter<\/a> heiratet, bezeichnen die amerikanischen Gazetten dieses Ereignis als \u201eJahrhunderthochzeit\u201c (allerdings ist das Jahrhundert noch jung: Wir schreiben das Jahr 1904). Alles pa\u00dft zusammen bei den beiden: Reichtum, Sch\u00f6nheit, Intelligenz, Prestige \u2013 und dar\u00fcber hinaus lieben sie sich auch noch.<\/em><\/p>\n<p><em>Doch Stanley h\u00f6rt Stimmen, sieht unsichtbare Dinge und vor allem: Seine heftigen Ausf\u00e4lle gegen\u00fcber Frauen \u2013 ganz besonders gegen\u00fcber der eigenen \u2013 machen ihn gemeingef\u00e4hrlich. Bald nach den verheerenden Flitterwochen wird er in sicheren Gewahrsam verbracht, nach Riven Rock, in einen festungsartigen Palast der McCormicks in Kalifornien. Die \u00c4rzte diagnostizieren Schizophrenie und sexuelle Wahnvorstellungen. Katherine darf ihren Mann nur aus der Ferne sehen, bewaffnet mit einem Fernrohr, und erst zwanzig Jahre sp\u00e4ter hat sie zum erstenmal Zutritt zu ihm, unter strengsten Vorsichtsma\u00dfnahmen.<\/em><\/p>\n<p><em>W\u00e4hrend die \u00c4rzte \u2013 ein Primatenforscher, ein Quacksalber, ein klassischer Freudianer \u2013 kommen und gehen, h\u00e4lt der Pfleger Edward O\u2019Kane dem Patienten \u00fcber Jahrzehnte die Treue \u2013 genau wie Katherine. Edward, ein unverbesserlicher Trunkenbold und Hallodri, hat seine eigenen Probleme mit den Frauen und l\u00f6st sie auf nicht unbedingt originelle Weise. Er und Katherine, die zu einer ber\u00fchmten K\u00e4mpferin f\u00fcr die Frauenrechte wird, sind die einzigen, die bis zum Schlu\u00df an Stanleys m\u00f6gliche Genesung glauben.<\/em><\/p>\n<p><em>Ausgehend von einer realen Geschichte, erz\u00e4hlt Boyle eine amerikanische Tragikom\u00f6die. Themen wie die Psychoanalyse in Amerika, die Frauenemanzipation, das Verh\u00e4ltnis der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/White_Anglo-Saxon_Protestant\" target=\"_blank\">WASP<\/a>-Oberschicht zur irischen Mittelschicht und zu den italienischen Emigranten werden vor dem zeitlichen Hintergrund eines halben Jahrhunderts souver\u00e4n und plastisch geschildert. Im Zentrum steht jedoch die bizarre, gerade in ihrer Unerf\u00fclltheit anr\u00fchrende Liebesromanze.<\/em><\/p>\n<p>Aus dem Klappentext zum Roman <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3423127848\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3423127848&#038;linkCode=as2&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkId=32158189a6fd5f9b13dc0b49327f99d1\"><strong>Riven Rock<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=am2&#038;o=3&#038;a=3423127848\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/T._C._Boyle\" target=\"_blank\">T. Coraghessan Boyle<\/a> (aus dem Amerikanischen von Werner Richter &#8211; Carl Hanser Verlag  &#8211; 4. Auflage 1998).<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.tcboyle.de\/\" target=\"_blank\">Thomas Coraghessan Boyle<\/a> (* 2. Dezember 1948 in Peekskill, Bundesstaat New York) ist ein US-amerikanischer Schriftsteller, der dem historischen Roman in den USA zu neuem Ansehen verholfen hat. Seine Romane und Erz\u00e4hlungen basieren h\u00e4ufig auf gut recherchierten historischen Ereignissen und Pers\u00f6nlichkeiten, um die er mit viel Liebe zum Detail realistische Geschichten erfindet \u2013 wie im Roman Riven Rock. Boyle studierte u.a. an der University of Iowa und erwarb 1977 einen Doktortitel (Ph.D.) in englischer Literatur des 19. Jahrhunderts. Au\u00dferdem besuchte er den Writers Workshop derselben Universit\u00e4t unter der Leitung von John Irving (siehe hierzu: <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=830\" target=\"_blank\">Die vierte Hand<\/a> &#8211; <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=962\" target=\"_blank\">Bis ich dich finde<\/a>), der zu seinem Mentor wurde. Seit 1974 ist Boyle verheiratet und lebt mit seiner Frau in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Montecito\" target=\"_blank\">Montecito (Santa Barbara)<\/a> in Kalifornien, dort wo sich auch das Anwesen \u201eRiven Rock\u201c befindet.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"540\" height=\"320\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" marginheight=\"0\" marginwidth=\"0\" src=\"https:\/\/maps.google.de\/maps?f=q&amp;source=s_q&amp;hl=de&amp;geocode=&amp;q=montecito&amp;sll=34.436744,-119.632053&amp;sspn=0.002464,0.00412&amp;gl=de&amp;ie=UTF8&amp;t=h&amp;ll=34.436894,-119.632101&amp;spn=0.005663,0.011587&amp;z=16&amp;output=embed\"><\/iframe><br \/>\nRiven Rock in Montecito<\/p>\n<p>Nachdem ich vor kurzem den <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1573\" target=\"_blank\">Roman M\u00e4rz von Heinar Kipphardt<\/a> erneut gelesen habe, war es fast zwangsl\u00e4ufig (sic!), dass ich mir auch noch einmal den Roman von T. Coraghessan Boyle vornehme. In beiden Romane stehen Protagonisten im Mittelpunkt, die an <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schizophrenie\" target=\"_blank\">Schizophrenie<\/a> leiden (siehe hierzu auch meinen Beitrag: <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1578\" target=\"_blank\">Gentle Giant &#8211; An Inmate&#8217;s Lullaby<\/a>). W\u00e4hrend wir in \u201eM\u00e4rz\u201c vor allem den klinischen Alltag kennen lernen, erfahren wir in \u201eRiven Rock\u201c eine Entwicklungsgeschichte eines Mannes und seiner Krankheit. Im letzteren spielt auch die Geschichte des Pflegers, Edward O\u2019Kane, eine nicht unbedeutende Rolle. \u00c4hnlich wie bei Irving so treten auch hier recht eigenwillige Typen auf. O\u2019Kane ist nur einer von vielen. Leider streckt sich dadurch der Roman einwenig, gibt aber auch Ruhepausen, um sich von den Attacken Stanley McCormicks zu \u201aerholen\u2019.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"540\" height=\"240\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" marginheight=\"0\" marginwidth=\"0\" src=\"https:\/\/maps.google.de\/maps\/sv?cbp=12,321.8393365300242,,0,0.07812499999999968&amp;cbll=34.414014,-119.691677&amp;v=1&amp;panoid=&amp;gl=de&amp;hl=de\"><\/iframe><br \/>\nlangj\u00e4hrige Adresse von Eddie O\u2019Kane, dem Pfleger: Santa Barbara\/Kalifornien \u2013 196 State Street<\/p>\n<p><strong><em>Prolog: 1927 \u2013 Welt ohne Frauen<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Zwanzig Jahre lang, zwanzig \u00f6de, einf\u00f6rmige Jahre lang, die mit dem verschlafenen, best\u00e4ndigen Murmeln eines im Rinnstein dahinpl\u00e4tschernden Wasserlaufs an ihm vorbeirannen, bekam Stanley McCormick keine Frau zu Gesicht. Weder seine Mutter noch seine Schwestern noch seine Frau. Keine Krankenschwester, keine Bibliothekarin, kein M\u00e4dchen mit Z\u00f6pfen auf dem Weg zur Schule, keine alte Jungfer, die gerade ihre Veranda fegte, keine Hausfrau im Streit mit dem Gem\u00fcseh\u00e4ndler, keine Hure, keinen Backfisch und keine Suffragette. Es war nicht seine freie Entscheidung. Stanley liebte seine Mutter, seine Frau, seine Schwestern, er liebte auch anderer Leute M\u00fctter, Frauen, Schwestern und T\u00f6chter, aber er liebte sie eben so sehr, liebte sie mit einer gl\u00fchenden Leidenschaft, die an Ha\u00df erinnerte, die von Ha\u00df nicht zu unterscheiden war, und dieses Lieben und Hassen brachte Unheil \u00fcber ihn und stie\u00df ihn kopf\u00fcber in eine Welt ohne Frauen.<\/em><\/p>\n<p><em>Mit neunundzwanzig heiratete er Katherine Dexter, eine Frau von Einflu\u00df, Sch\u00f6nheit, Wohlstand und Ansehen, die ebenso k\u00e4mpferisch und ungest\u00fcm war wie seine Mutter, mit einem herzzerrei\u00dfenden Blick und einer Stimme so sanft und rein, da\u00df sie wie ein Rauschmittel wirkte, und mit einunddrei\u00dfig bekam er zum erstenmal den kalten Wolfsbi\u00df der Fixierungsriemen zu sp\u00fcren und betrat die einsame Welt der M\u00e4nner. Damals war er innerlich ganz leer. Er war blockiert. Er sah Dinge, die nicht da waren, scheu\u00dfliche, h\u00e4ssliche Dinge, Wesen aus dem Innersten seines Kopfes, die viel lebendiger waren als jedes Leben, das er je gekannt hatte, dazu h\u00f6rte er Stimmen, die ohne M\u00fcnder, Kehlen und Zungen sprachen, und jedes Mal, wenn er aufsah, blickte er in ein Gesicht eines Mannes.<\/em><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"540\" height=\"240\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" marginheight=\"0\" marginwidth=\"0\" src=\"https:\/\/maps.google.de\/maps\/sv?cbp=12,201.89310500106012,,0,5&amp;cbll=42.34924,-71.090254&amp;v=1&amp;panoid=&amp;gl=de&amp;hl=de\"><\/iframe><br \/>\nKatherine Dexters Wohnsitz in Boston &#8211; Commonwealth Avenue No. 393<\/p>\n<p><em>Die Jahre h\u00e4uften sich an. Stanley wurde vierzig, dann f\u00fcnfzig. Und w\u00e4hrend dieser ganzen Zeit hatte er nur Kontakt zu einem einzigen Geschlecht \u2013 zu M\u00e4nnern mit ihren haarigen Handgelenken und eiskalten Blicken, den rauhen Meckerstimmen, dem Mundgeruch und dem klebrigen Schwei\u00df, der in ihren B\u00e4rten glitzerte und ihre Hemden unter den Achseln dunkel f\u00e4rbte. Als w\u00e4re er einer Studentenverbindung beigetreten, die nie das Haus verlie\u00df, als w\u00e4re er ins Kloster gegangen oder als marschierte er im Gleichschritt mit der Fremdenlegion durch endlose unwegsame Sandd\u00fcnen, und keine Oase in Sicht. Und wie f\u00fchlte sich Stanley dabei? Das hatte ihn nie jemand gefragt. Bestimmt nicht Dr. Hamilton \u2013 ebenso wenig Dr. Hoch und Dr. Brush und Dr. Meyer. Aber wenn er dar\u00fcber nachdachte, wenn er auch nur eine Minute lang \u00fcber seine merkw\u00fcrdige, entbehrungsreiche Lage nachdachte, dann f\u00fchlte er eine alles verschlingende schwarze Kluft in sich aufbrechen, als w\u00fcrde er entzweigerissen wie ein siamesischer Zwilling, den man von seiner anderen H\u00e4lfte trennte. Er war ein Mann ohne Ehefrau, ein Sohn ohne Muter, ein Bruder ohne Schwestern.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber warum? Warum mu\u00dfte das so sein? Weil er krank war, sehr krank, das wu\u00dfte er. Und er wu\u00dfte auch, warum er krank war. Es war ihretwegen, wegen dieser Huren, wegen der Frauen. Sie waren schuld. Und falls er seine Frau jemals wiedersehen sollte oder seine Mutter oder Anita oder Mary Virginia, dann wu\u00dfte er genau, was er tun w\u00fcrde, so sicher wie morgens die Sonne emporsteigt und die Erde sich um ihre eigene Achse dreht: Er w\u00fcrde geradewegs auf sie zugehen, auf Katherine oder Mary Virginia oder die Frau des Pr\u00e4sidenten oder irgendeine von ihnen, und dann w\u00fcrde er ihnen zeigen, was ein richtiger Mann war, er w\u00fcrde sie daf\u00fcr bezahlen lassen, ja, das w\u00fcrde er. So lagen die Dinge, und deshalb hatte er die letzten neunzehn Jahre in Riven Rock verbracht, auf dem f\u00fcnfunddrei\u00dfig Hektar gro\u00dfen Anwesen, das vom Geld seines Vaters erworben war, in seiner steinernden Villa mit den Gitterstangen vor den Fenstern und dem fest am Boden verschraubten Bett, mit Aussicht auf den stahlblauen Panzer des Pazifiks und die unnachgiebige Wand der Channel Islands \u2013 in seinem ureigenen Paradies, dem Ort, den keine Frau je schaute oder betrat.<\/em><\/p>\n<p>aus: T. Coraghessan Boyle: Riven Rock (S. 11f. &#8211; Carl Hanser Verlag  &#8211; 4. Auflage 1998)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Stanley McCormick, der Sohn des Erfinders des M\u00e4hdreschers (Cyrus McCormick) und mithin Erbe eines gigantischen Verm\u00f6gens, die sch\u00f6ne Katherine Dexter heiratet, bezeichnen die amerikanischen Gazetten dieses Ereignis als \u201eJahrhunderthochzeit\u201c (allerdings ist das Jahrhundert noch jung: Wir schreiben das Jahr 1904). Alles pa\u00dft zusammen bei den beiden: Reichtum, Sch\u00f6nheit, Intelligenz, Prestige \u2013 und dar\u00fcber hinaus &hellip; <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?p=1692\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">T. 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