{"id":1703,"date":"2009-05-07T00:01:20","date_gmt":"2009-05-06T22:01:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1703"},"modified":"2013-05-14T07:57:46","modified_gmt":"2013-05-14T06:57:46","slug":"marguerite-duras-der-liebhaber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1703","title":{"rendered":"Marguerite Duras: Der Liebhaber"},"content":{"rendered":"<p><em>Eines Tages, ich war schon alt, kam in der Halle eines \u00f6ffentlichen Geb\u00e4udes ein Mann auf mich zu. Er stellte sich vor und sagte: \u201eIch kenne Sie seit jeher. Alle sagen, Sie seien sch\u00f6n gewesen, als Sie jung waren, ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, da\u00df ich Sie heute sch\u00f6ner finde als in Ihrer Jugend, ich mochte Ihr junges Gesicht weniger als das von heute, das verw\u00fcstete.\u201c<\/em> (S. 7)<\/p>\n<p>So beginnt die autobiografische Erz\u00e4hlung <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3518381296?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3518381296\" target=\"_blank\">Der Liebhaber<\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3518381296\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> (franz\u00f6sischer Originaltitel <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Liebhaber\" target=\"_blank\">L&#8217;amant<\/a>) von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marguerite_Duras\" target=\"_blank\">Marguerite Duras<\/a> aus dem Jahr 1984 (Aus dem Franz\u00f6sischen von Ilma Rakusa &#8211; Suhrkamp Verlag \u2013 erste Auflage 1996); Widmung: F\u00fcr Bruno Nuytten.<\/p>\n<table border=\"0\" cellpadding=\"2\" cellspacing=\"0\" width=\"100%\" height=\"49\">\n<tr>\n<td width=\"50%\" height=\"21\">\n<p align=\"center\"><img loading=\"lazy\" border=\"0\" src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/duras_jung.jpg\" alt=\"Marguerite Duras\" width=\"243\" height=\"180\"><\/td>\n<td width=\"50%\" height=\"21\">\n<p align=\"center\"><img loading=\"lazy\" border=\"0\" src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/duras_alt.jpg\" alt=\"Marguerite Duras\" width=\"243\" height=\"180\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"100%\" height=\"20\" colspan=\"2\">\n<p align=\"center\"><font face=\"Lucida Grande, Lucida Sans Unicode, Verdana, sans-serif\" size=\"2\">Marguerite Duras<\/font><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<p>Eine alte Frau erinnert sich an ihre Jugendjahre und ihre erste Liebschaft. Die Geschichte spielt in der franz\u00f6sischen Kolonie Indochina, dem heutigen Vietnam am Anfang der 1930er Jahre. Duras schildert die Geschichte eines zu Beginn 15-j\u00e4hrigen franz\u00f6sischen M\u00e4dchens, das in S\u00fcdostasien aufgewachsen ist, von der Begegnung auf einer Mekong-F\u00e4hre mit einem 12 Jahre \u00e4lteren Mann, bis zur Abreise nach Europa anderthalb Jahre sp\u00e4ter, Zeitspr\u00fcnge in das Paris des Zweiten Weltkriegs eingeschlossen.<\/p>\n<p>Die sexuelle Beziehung zu diesem reichen und von seinem Vater abh\u00e4ngigen Chinesen, die keine Liebesgeschichte ist, ist die Klammer, die das St\u00fcck nach au\u00dfen zusammenh\u00e4lt, aber bei Weitem nicht die Erz\u00e4hlung dominiert. Tats\u00e4chlich spielen Familienmitglieder und Freundinnen eine mindestens ebenso wichtige Rolle.<\/p>\n<p><em>Es ist eine Wohnung im S\u00fcden der Stadt. Modern, auf die Schnelle m\u00f6bliert, w\u00fcrde man sagen, mit M\u00f6beln im modern style. Er sagt: ich habe die M\u00f6bel nicht ausgesucht. Es ist dunkel in diesem Raum, sie bittet nicht, die Jalousien hochzuziehen. Sie ist ohne ein bestimmtes Gef\u00fchl, ohne Ha\u00df, auch ohne Abscheu, dann ist vermutlich schon Begehren im Spiel. Sie kennt es noch nicht. Sie hat sofort eingewilligt mitzukommen, als er sie am Abend zuvor darum bat. Sie ist da, wo sie hingeh\u00f6rt, hierher versetzt. Sie empfindet eine leichte Angst. Es scheint tats\u00e4chlich, da\u00df dies nicht nur ihren Erwartungen entspricht, sondern dem, was genau in ihrem Fall geschehen mu\u00df. Sie nimmt sehr aufmerksam das \u00c4u\u00dfere der Dinge wahr, das Licht, den L\u00e4rm der Stadt, von dem das Zimmer \u00fcberflutet wird. Er, er zittert. Er sieht sie zun\u00e4chst an, als erwartet er, da\u00df sie zu sprechen beginne, aber sie sagt nichts. Also r\u00fchrt auch er sich nicht, er zieht sie nicht aus, er sagt, er liebe sie wie wahnsinnig, er sagt es ganz leise. Dann schweigt er. Sie erwidert nichts. Sie k\u00f6nnte erwidern, da\u00df sie ihn nicht liebe. Sie sagt nichts. Pl\u00f6tzlich wei\u00df sie, jetzt, in diesem Augenblick, wei\u00df sie, da\u00df er sie nicht versteht, da\u00df er sie nie verstehen wird, da\u00df er au\u00dferstande ist, solche Verderbtheit zu verstehen. Und all die Umwege zu machen, um sie einzuholen, das schafft er nie. Sie mu\u00df es wissen. Sie wei\u00df es. Angesichts seiner Unwissenheit wei\u00df sie pl\u00f6tzlich: er hat ihr schon auf der F\u00e4hre gefallen. Er gef\u00e4llt ihr, die Sache hing einzig und allein von ihr ab.<\/em><\/p>\n<p>aus: Marguerite Duras: Der Liebhaber (Suhrkamp Verlag \u2013 erste Auflage 1996 &#8211; S. 61 f.)<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"540\" height=\"320\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" marginheight=\"0\" marginwidth=\"0\" src=\"https:\/\/maps.google.de\/maps?sourceid=navclient&amp;hl=de&amp;q=Th%C3%A0nh+ph%E1%BB%91+H%E1%BB%93+Ch%C3%AD+Minh&amp;ie=UTF8&amp;t=h&amp;ll=10.297523,105.764866&amp;spn=0.027023,0.046349&amp;z=14&amp;iwloc=A&amp;output=embed\"><\/iframe><br \/>\n<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Sa_Dec\" target=\"_blank\">Sadec (Sa D\u00e9c)<\/a> &#8211; Wohnort der Familie der Protagonistin und ihres Liebhabers<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dieterwunderlich.de\/Duras_liebhaber.htm\" target=\"_blank\">Der Liebhaber<\/a> ist eine 190-seitige Collage aus Erinnerungsfragmenten der Autorin zur Zeit ihres Erwachsenwerdens (die bei der Niederschrift \u00fcber 50 Jahre her war), in Abschnitte gegliedert, die zum Teil nur wenige Zeilen, h\u00f6chstens aber zwei Seiten lang sind, zwischen denen in der Regel Spr\u00fcnge in Zeit und Raum vollzogen werden, die keinen kontinuierlichen Erz\u00e4hlstrang ergeben.<\/p>\n<p>Marguerite Duras nannte ihre Erz\u00e4hlung \u201edas leichteste Buch, das ich jemals geschrieben habe\u201c. Sie wurde auch ihre erfolgreichste.<\/p>\n<p>Wer Pornografie erwartet, sollte es anderweitig suchen. Es geht hier schon um sexuelles Begehren, um Lust, im gro\u00dfen Ma\u00dfe ist die Erz\u00e4hlung aber gepr\u00e4gt von einer Traurigkeit, die sich von der Mutter der namenlosen Hauptfigur auf diese und weiter auf den ebenso namenlos bleibenden Liebhaber \u00fcbertr\u00e4gt.<\/p>\n<p><em>Wir l\u00e4cheln uns an. Ich frage ihn, ob es \u00fcblich sei, so traurig zu sein wie wir. Er sagt, das komme daher, da\u00df wir uns den Tag \u00fcber geliebt haben, in der Zeit der gr\u00f6\u00dften Hitze. Er sagt, es sei immer schrecklich danach. Er l\u00e4chelt. Er sagt: ob man sich liebt oder nicht liebt, es ist immer schrecklich. Er sagt, mit der Nacht werde es vergehen, sobald sie da sei. Ich sage, es komme nicht allein daher, da\u00df es tags\u00fcber gewesen sei, er irre sich; ich bef\u00e4nde mich in einer Trauer, die ich erwartet h\u00e4tte, und sie komme einzig aus mir. Ich sei immer traurig gewesen. Ich s\u00e4he diese Trauer auch auf den Fotos, auf denen ich noch klein sei. Heute k\u00f6nne ich dieser Traurigkeit, die ich als diejenige erkannt h\u00e4tte, die immer schon zu mir geh\u00f6rt habe, geradezu meinen Namen geben, so sehr gleiche sie mir. Heute, sage ich, sei diese Traurigkeit eine Wohltat, da ich endlich in das Ungl\u00fcck gest\u00fcrzt sei, das meine Mutter mir seit jeher prophezeie, wenn sie in der \u00d6dnis ihres Lebens aufheult.<\/em><\/p>\n<p>aus: Marguerite Duras: Der Liebhaber (Suhrkamp Verlag \u2013 erste Auflage 1996 &#8211; S. 74 f.)<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"540\" height=\"320\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" marginheight=\"0\" marginwidth=\"0\" src=\"https:\/\/maps.google.de\/maps?sourceid=navclient&amp;hl=de&amp;q=sai+gon&amp;ie=UTF8&amp;t=h&amp;ll=10.750869,106.652012&amp;spn=0.006746,0.011587&amp;z=16&amp;output=embed\"><\/iframe><br \/>\n<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Cholon\" target=\"_blank\">Cholen bzw. Cholon (Cho Lon)<\/a> \u2013 \u2018China Town\u2019 von Ho Chi Minh Stadt (dem fr\u00fcheren Saigon), in den 30er Jahren war Cholon eine eigenst\u00e4ndige Stadt \u2013 hier trafen sich die Liebenden<\/p>\n<p>Bekannt wurde Marguerite Duras (* 4. April 1914 in Gia Dinh, Vietnam (damals franz. Indochina); \u2020 3. M\u00e4rz 1996 in Paris) mit ihrem Buch zu dem Film <a href=\"http:\/\/www.dieterwunderlich.de\/Resnais_hiroshima.htm\" target=\"_blank\">Hiroshima, mon amour<\/a> in der Regie von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alain_Resnais\" target=\"_blank\">Alain Resnais<\/a> aus dem Jahre 1959. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hiroshima,_mon_amour\" target=\"_blank\">Der Film<\/a> ist einer der bedeutendsten der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nouvelle_Vague\" target=\"_blank\">Nouvelle Vague<\/a>, einer Stilrichtung, die im franz\u00f6sischen Kino der sp\u00e4ten 1950er Jahre entstand und deren wichtigste Vertreter Claude Chabrol, Jean-Luc Godard, Jacques Rivette, \u00c9ric Rohmer und Fran\u00e7ois Truffaut waren.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dieterwunderlich.de\/Annaud_liebhaber.htm\" target=\"_blank\">1992 wurde die Erz\u00e4hlung<\/a> unter dem gleichen Titel von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jean-Jacques_Annaud\" target=\"_blank\">Jean-Jacques Annaud<\/a> verfilmt &#8211; in den Hauptrollen Jane March und Tony Leung Ka Fai.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"420\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/shle_aObO0g\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><br \/>\n\u201cDer Liebhaber\u201d (1992) \u2013 Regie: Jean-Jacques Annaud<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines Tages, ich war schon alt, kam in der Halle eines \u00f6ffentlichen Geb\u00e4udes ein Mann auf mich zu. 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