{"id":1888,"date":"2009-06-22T00:01:32","date_gmt":"2009-06-21T22:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1888"},"modified":"2009-06-21T17:43:40","modified_gmt":"2009-06-21T15:43:40","slug":"der-witzableiter-1-totaler-blodsinn-%e2%80%93-ein-ruckfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1888","title":{"rendered":"Der Witzableiter (1):  Totaler Bl\u00f6dsinn \u2013 ein R\u00fcckfall"},"content":{"rendered":"<p>Beim Ausmisten alter Unterlagen bin ich auf Ausrisse aus dem ZEITmagazin aus dem Jahre 1984 gesto\u00dfen. Es sind die 25 Teile einer Kolumne unter dem Titel \u201eWitzableiter\u201c \u2013 verfasst von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a>. Dabei handelt es sich gewisserma\u00dfen um eine Psychologie des Humors, die mit einer gro\u00dfen Anzahl an erlesenen Witzen geschm\u00fcckt ist. In einer erweiterten Fassung ist das auch als Buch erh\u00e4ltlich: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3406475604?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3406475604\" target=\"_blank\">Der Witzableiter: Oder Schule des Lachens<\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3406475604\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>. <\/p>\n<p>Die Kolumne &#8211; wie das Buch auch &#8211; ist etwas f\u00fcr alle, die gern lachen und nebenbei wissen m\u00f6chten, warum sie das tun &#8211; soweit die Wissenschaft das herausbekommen hat. Hier nun der erste Teil. Die weiteren Teile folgen nach und nach. Viel Spa\u00df beim Lesen!<\/p>\n<p><em>Fangen wir bei unserem Gang durch die Witzlandschaft ganz unten an.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>\u201eWarum haben Fische Schuppen?\u201c<br \/>\n\u201eNa, wo sollen sie sonst ihre Fahrr\u00e4der unterstellen?\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Nein, dieses Wortspiel ist noch zu anspruchsvoll. Bitte was ganz Verr\u00fccktes!<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Hinweis in einer Telefonzelle: \u201eDas zweite Geldst\u00fcck erst nach dem ersten einwerfen!\u201c Darunter handschriftlich: \u201eHabe es umgekehrt versucht \u2013 ging trotzdem.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Das ist Unsinn, als solcher noch zu sehr dem Sinn verpflichtet. Steigen wir noch tiefer, damit wir der Wurzel des Komischen n\u00e4herkommen.<\/em><\/p>\n<p><em>Bitte was ganz Schwachsinniges! Zum Beispiel so:<\/em><\/p>\n<p><strong><em>\u201eWas ist der Unterschied zwischen einem Sprungbrett?\u201c \u201eJe h\u00f6her, desto platsch!\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Gut, das kann man als Bl\u00f6deln bezeichnen, und nun haben wir unser Niveau f\u00fcr den Anfang erreicht. Die Regeln des Verstandes und der Verst\u00e4ndigung sind endlich aufgehoben. Hier ist jede Pflicht zur Vernunft von uns abgefallen.<\/em><\/p>\n<p><em>In einem Sketch der Berliner Bl\u00f6deltruppe <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Insterburg_%26_Co.\" target=\"_blank\">Insterburg &#038; Co.<\/a> H\u00f6rt man zwei m\u00e4nnliche, verstellte Stimmen, die den Dialog eines Tanzstundenpaares vorf\u00fchren. W\u00e4hrend sie \u00fcber das Parkett schieben, sagt er zu ihr:<\/em> <strong><em>\u201eNicht so gegen den Kartoffelsalat dr\u00fccken.\u201c<\/em><\/strong> <em>Ist man in der richtigen Stimmung, so kann man hemmungslos dar\u00fcber kichern. Ist man es nicht, so bietet sich Gelegenheit zu schroffem \u00c4rger.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Literat <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dieter_Wellershoff\" target=\"_blank\">Dieter Wellershoff<\/a> hat uns den Gefallen getan, das Bl\u00f6deln ganz ernst zu nehmen und ihm heftig zu widersprechen. W\u00e4hrend der Witz noch \u201ean die herrschende Rationalit\u00e4t gebunden\u201c sei, bilde das Bl\u00f6deln \u201eeine anarchische Subkultur des Humors\u201c. Bl\u00f6deln unterscheide sich vom Witzemachen dadurch, meint Wellershoff, da\u00df beim Bl\u00f6deln selbst die Pointe noch verwischt werde. Unser Literat ist tief besorgt um die heutige Jugend, die mit dem Bl\u00f6deln auch das \u201eErbe der Aufkl\u00e4rung\u201c ausschlage.<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_01.jpg\" alt=\"Witzableiter (1)\" \/><\/p>\n<p><em>Zitieren wir noch aus einem anderen Sketch der Insterburger, \u00fcber den sich Dieter Wellershoff nicht weniger grunds\u00e4tzlich erregt hat. Es ist ein Verkaufsgespr\u00e4ch in einem Toupet-Gesch\u00e4ft:<\/em><\/p>\n<p><strong><em>A: Jetzt haben wir hier noch ein anderes Modell, das ist das Modell \u201aCarola\u2019. Da sehen Sie links und rechts ein paar Druckkn\u00f6pfe, da k\u00f6nnen Sie eventuell Koteletten ankn\u00f6pfen oder einen sch\u00f6nen, kurzgeschorenen Vollbart.<br \/>\nB: Ja, sehr sch\u00f6n. Und was ist das da hinten, dieser Rei\u00dfverschlu\u00df, was hat der zu sagen?<br \/>\nA: Ja, der Rei\u00dfverschlu\u00df ist was ganz Feines. Da k\u00f6nnen Sie, wenn Sie offen fahren, k\u00f6nnen Sie einen Rallye-Streifen einlegen, einen silbergrauen, wir haben einen silbergrauen &#8230;<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Ich zitiere das, weil wir dem Geheimnis des Komischen auf die Spur kommen wollen. Solch ein infantiler Schwachsinn ist eine der Wurzeln des Komischen \u2013 allerdings eine urt\u00fcmliche, f\u00fcr viele Menschen ungenie\u00dfbare Form. Der ernsthafte Intellektuelle Wellershoff erkennt hier zu Recht ein \u201echaotisches und katastrophales Paradies der Unreife\u201c. Aber ist nicht Komik notwendig infantil?<\/em><\/p>\n<p><em>Der Witz ist immer eine Regression (ein R\u00fcckfall in die Kindheit). Dieser Satz scheint, so wenig sich auch sonst die Theoretiker des Humors einig sind, gesichert zu sein. Der Unsinn, der sich in jedem Witz zeigt, erlaubt uns diesen R\u00fcckfall. Und genau das scheint recht entspannend zu sein. Ein lustvolles Erlebnis.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Die Zwillinge Judith und Hanna sind sich sehr \u00e4hnlich \u2013 besonders Judith!<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>An dieser Stelle m\u00f6chte ich mich zum ersten Mal mit Siegmund Freud schm\u00fccken. Ausgerechnet der letzte Satz aus seinem Buch \u00fcber den Witz soll unser erstes Zitat sein. Dort sagt er von der Komik und besonders vom Witz:<\/em><\/p>\n<p>\u201eDie Euphorie, welche wir auf diesen Wegen zu erreichen streben, ist nichts anderes als die Stimmung &#8230; unserer Kindheit, in der wir das Komische nicht kannten, des Witzes nicht f\u00e4hig waren und den Humor nicht brauchten, um uns im Leben gl\u00fccklich zu f\u00fchlen.\u201c<\/p>\n<p><em>Das Bl\u00f6deln hat Freud freilich im Jahre 1905, als er seine Untersuchung ver\u00f6ffentlichte, noch nicht gekannt. Er lie\u00df auch eher Witze gelten, die im Unsinn noch einen verborgenen Sinn erkennen lie\u00dfen. Vielleicht h\u00e4tte er aber diesen j\u00fcdischen Witz (er hat ja selbst so viele vorgef\u00fchrt!) gemocht:<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Der Vater: \u201eWas lernst du da f\u00fcr die Schule, Morizl? Den Erlk\u00f6nig? Den kenn ich noch ganz auswendig. \u201aDen Vater grauset\u2019s, er reitet geschwind, er h\u00e4lt in den Armen das sechzehnte Kind &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eTate, es steht mit \u201aA\u2019, das \u201aachtzehnte Kind\u2019!\u201c<br \/>\n\u201eNu \u2013 wirst eine sp\u00e4tere Ausgabe erwischt haben.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Unter \u201eBl\u00f6deln\u201c kann man aber auch noch etwas anderes verstehen, n\u00e4mlich die Angewohnheit einiger durchaus intellektueller Herren, im vertrauten Kreise die B\u00fcrde der Vernunft nach allen Regeln der Kunst abzulegen. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Weigel\" target=\"_blank\">Hans Weigel<\/a> hat diesen Zeitvertreib beschrieben und erz\u00e4hlt:<\/em><\/p>\n<p><strong><em>\u201eDa haben wir einmal entdeckt, da\u00df die Nachsilbe \u201abar\u2019 ja auch ein Nachtlokal bezeichnet. Ruchbar \u2013 ein wohlparf\u00fcmiertes Nachtlokal. Schauderbar \u2013 ein Nachtlokal als Gruselkabinett. Sonderbar \u2013 im Gegensatz dazu ein Nachtlokal mit Rassentrennung &#8230;\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 28\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Ausmisten alter Unterlagen bin ich auf Ausrisse aus dem ZEITmagazin aus dem Jahre 1984 gesto\u00dfen. Es sind die 25 Teile einer Kolumne unter dem Titel \u201eWitzableiter\u201c \u2013 verfasst von Eike Christian Hirsch. Dabei handelt es sich gewisserma\u00dfen um eine Psychologie des Humors, die mit einer gro\u00dfen Anzahl an erlesenen Witzen geschm\u00fcckt ist. 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