{"id":1898,"date":"2009-06-24T00:01:42","date_gmt":"2009-06-23T22:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1898"},"modified":"2009-06-22T12:49:05","modified_gmt":"2009-06-22T10:49:05","slug":"der-witzableiter-2-der-unsinn-wird-befreit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1898","title":{"rendered":"Der Witzableiter (2):  Der Unsinn wird befreit"},"content":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1888\" target=\"_blank\"><strong>Der Witzableiter (1):  Totaler Bl\u00f6dsinn \u2013 ein R\u00fcckfall<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Zu seiner Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c im ZEITmagazin, vor 25 Jahren 1984 erschienen, schrieb <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a> in einer Art Leitung:<\/p>\n<p>&#8230; <em>Es bleibt Freuds gro\u00dfe Entdeckung, da\u00df der Witz eine entscheidende \u201eBeziehung zum Unbewu\u00dften\u201c hat und von dort seine Wirkung bezieht. Diese Theorie ist inzwischen best\u00e4tigt, angezweifelt und verbessert worden. Aber genau wei\u00df man es noch nicht, was an Witzen so lustvoll sein kann. Es ist zum Verzweifeln. Oder sollten wir uns doch daran versuchen? Immerhin ist Lachen die zweitsch\u00f6nste Besch\u00e4ftigung des Menschen. Und nebenbei: Die Frage, warum man eigentlich manchmal lachen mu\u00df, ist ganz sch\u00f6n spannend. Auch wenn <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arthur_Koestler\" target=\"_blank\">Arthur Koestler<\/a>, dieser weise Mann, uns gewarnt hat, \u201eda\u00df die Analyse der Gr\u00fcnde, warum wir lachen, vielleicht eine ebenso heikle Angelegenheit ist, wie die chemische Analyse eines Parf\u00fcms mit seinen zahlreichen Komponenten\u201c.<\/em><\/p>\n<p><em>Und doch will ich mich an die Analyse dieses sonderbaren und aufregenden Parf\u00fcms machen. Ich mu\u00df es!<\/em>  &#8230;<\/p>\n<p>Hier also der 2. Teil der Kolumne aus dem ZEITmagazin:<\/p>\n<p><em>An der Schie\u00dfbude eines Volksfestes stand auf einem Schild: <strong>\u201eIn betrunkenem Zustand k\u00f6nnen wir Sie leider nicht bedienen.\u201c<\/strong> Das ist (ich gebe es zu) eigentlich kein Witz. So etwas verbucht man gew\u00f6hnlich unter \u201eunfreiwilligem Humor\u201c oder besser: unfreiwilliger Komik. Und doch wage ich Ihnen die Geschichte anzubieten, weil es uns ja um die Wurzeln des Witzes geht. Wahrscheinlich ist die Gattung Witz, des es erst seit etwa hundertf\u00fcnfzig Jahren gibt, auch aus solcher unfreiwilligen Komik entstanden. Hier ein Inserat f\u00fcr ein F\u00e4rbemittel: <strong>\u201eMit unserer neuen T\u00f6nung f\u00e4llt ihr Haar schon nach dem ersten Versuch gleichm\u00e4\u00dfig aus.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>So gro\u00df ist der Schritt zum uns gel\u00e4ufigen Witz gar nicht. Auch da kommt unfreiwilliger Doppelsinn vor, nur da\u00df meist die Form des Dialogs gew\u00e4hlt wird. <strong>\u201eWer war denn die Dame, mit der ich Sie gestern gesehen habe?\u201c \u201eDas war keine Dame, das war meine Frau.\u201c<\/strong> Formal ein echter Witz.<\/em><\/p>\n<p><em>Was am\u00fcsiert uns an solchen Fehlleistungen? Sicherlich erfreut uns zweierlei: einmal das Gef\u00fchl, den Fehler selbst sofort zu erkennen; zum anderen die Erleichterung, da\u00df uns die Peinlichkeit nicht selbst passiert ist. Aus einem Nachruf: <strong>\u201eStill und zuverl\u00e4ssig lebte und starb er f\u00fcr sein geliebtes Theater.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Aus einem Vernehmungsprotokoll: <strong>\u201eHerr S. bestreitet nachdr\u00fccklich, da\u00df er irgendwelche sittlichen Ber\u00fchrungen mit Frl. B. hatte.\u201c<\/strong> Kleinanzeige in einer Kulturzeitschrift: <strong>\u201eWelcher angesehene Verlag \u00fcbernimmt Lyrikband eines bereits im Druck befindlichen Schriftstellers?\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Da\u00df wir es hier mit einer Wurzel der Gattung Witz zu tun haben, daf\u00fcr gibt es noch ein anderes Indiz. In den f\u00fcnfziger Jahren hat der P\u00e4dagoge Hermann Helmers untersucht, wor\u00fcber Schulkinder besonders leicht lachen. Er fand heraus, sie lachen am meisten \u00fcber Sprachschnitzer anderer Kinder. <strong>Ein elfj\u00e4hriger Junge erz\u00e4hlte: \u201eEines Tages lud mich mein Freund Fritz ein. Zuerst wu\u00dften wir nicht, was wir machen sollten. Pl\u00f6tzlich kam seinem kleinen Bruder eine gute Idee und er sagte: \u201aWollen wir nicht lischen gehen!\u2019 Wir lachten so lange, bis uns der Bauch weh tat.\u201c<\/strong> Der j\u00fcngere Bruder hatte \u201efischen\u201c sagen wollen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Ein Zw\u00f6lfj\u00e4hriger berichtete: \u201eHerbert sollte eines Tages in der Klasse lesen, und als er an der Reihe war, hat er \u201aStiefenkehlchen\u2019 gelesen. Wir mu\u00dften uns den Bauch vor lachen halten. Es hei\u00dft n\u00e4mlich \u201aStief-Enkelchen\u2019.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Hermann Helmers vermutet, das sei kein Auslachen; es sei der neue, verdrehte Sinn, der komisch wirke. Hinzu kommt wohl die freude der Kinder dar\u00fcber, f\u00e4hig zu sein, den Fehler zu erkennen. Und noch etwas: ich dewnke mir, diese Elf- bis Zw\u00f6lfj\u00e4hrigen sind schon zu erwachsen, um noch selbst ungeniert mit Worten spielen zu k\u00f6nnen. Sie sind darauf angewiesen, da\u00df  andere Unsinn machen \u2013 und sei er unfreiwillig.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Alltag bietet dazu, wie gesagt, schon immer Gelegenheit. Der Pfarrer in der Kirche: <strong>\u201eUnser Organist kann heute nicht spielen. Ich stimme daher jetzt das Lied an, danach f\u00e4llt die ganze Kirche ein.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Solche Augenblicke schenken gleichsam ein Naturprodukt, w\u00e4hrend die \u00fcblichen Witze etwas von Fabrikware an sich haben. Wer Zeuge einer spontanen Entgleisung wird, hat die Komik an der Quelle erlebt. <strong>Die Leiterin des M\u00e4dchenwohnheims einer amerikanischen Universit\u00e4t will zusammen mit dem Rektor gegen die n\u00e4chtlichen Rendezvouz im Park einschreiten. Ihre Ansprache vor den Studentinnen beginnt sie mit den Worten: \u201eThe president of der university and I decided to stopp petting on campus.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Auch diese Geschichte ist formal ein richtiger Witz und keine blo\u00df \u201eunfreiwillige Komik\u201c mehr (ich habe diese Geschichte daher auch in einem Witzbuch gefunden).Die Technik ist ohnehin hier und dort die gleiche: Es ergibt sich ein \u00fcberraschender Doppelsinn, der schnell erkannt werden kann \u2013 was uns als H\u00f6rer ein kleines Gef\u00fchl der \u00dcberlegenheit verschafft. Aus einer Bewerbung: <strong>\u201eBei Ausbruch des Krieges mu\u00dfte ich ins Feld. Eine Sch\u00e4delverletzung erm\u00f6glichte mir dann das juristische Studium.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Na, nicht doch auch ein bi\u00dfchen Schadenfreude? Mag ja sein. Es geht aber oft auch ganz harmlos zu. Ausspr\u00fcche einer westf\u00e4lischen Hausfrau sind von ihren Kindern der Nachwelt (anonym) \u00fcberliefert worden. <strong>\u201eEs war alles so recht zunett gemacht\u201c<\/strong>, konnte die temperamentvolle, aber etwas zerstreute Frau sagen. Oder bei Tisch: <strong>\u201eHalb gekauft ist gut verdaut.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Ihre Menschenkenntnis begr\u00fcndete sie so: <strong>\u201eIch habe einen Blick daf\u00fcr, wie ein Mensch aussieht oder nicht.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_02.jpg\" alt=\"Witzableiter (2)\" \/><\/p>\n<p><em>So ist das auch in den heute \u00fcblichen, richtigen Witzen: es ergibt sich ein Doppelsinn, zwei Deutungen streiten mit einander. Es ist ein Spiel mit Klang und Sinn, das uns in die Stimmung unserer Kindheit versetzen kann. <strong>\u201eEr litt zeitlebens so an Rheumatismus, da\u00df er sich nichts auf die hohe Kante legen konnte.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Es gebe eine<\/em> \u201eLust am befreiten Unsinn\u201c, <em>schreibt Feud, und doch, so meint er,<\/em> \u201eman getraut sich nicht, Widersinn auszusprechen.\u201c <em>Da m\u00fcssen wir eben darauf hoffen, da\u00df es andere f\u00fcr uns tun \u2013 und sei es unfreiwillig.<\/em><\/p>\n<p><em>Aus einem Roman: <strong>\u201eSie war erstaunt, da\u00df Gerda einen Mann auf dem Nachttisch stehen hatte.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 29\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: Der Witzableiter (1): Totaler Bl\u00f6dsinn \u2013 ein R\u00fcckfall Zu seiner Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c im ZEITmagazin, vor 25 Jahren 1984 erschienen, schrieb Eike Christian Hirsch in einer Art Leitung: &#8230; Es bleibt Freuds gro\u00dfe Entdeckung, da\u00df der Witz eine entscheidende \u201eBeziehung zum Unbewu\u00dften\u201c hat und von dort seine Wirkung bezieht. 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