{"id":1902,"date":"2009-06-26T00:02:37","date_gmt":"2009-06-25T22:02:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1902"},"modified":"2009-06-24T10:25:00","modified_gmt":"2009-06-24T08:25:00","slug":"der-witzableiter-3-freud-und-etwas-zum-stohnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1902","title":{"rendered":"Der Witzableiter (3):  Freud und etwas zum St\u00f6hnen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1898\" target=\"_blank\"><strong>Fortsetzung von: Der Witzableiter (2):  Der Unsinn wird befreit<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Nachdem uns <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a> in seiner 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschienenen Kolumne bereits \u00fcber die Technik des Bl\u00f6delns aufgekl\u00e4rt hatte, widmete er sich im folgenden Beitrag dem Kalauer. Es gibt wohl kaum eine Art von Witz, die uns derma\u00dfen nerven kann \u2013 wie eben der Kalauer.<\/p>\n<p><em><strong>\u201eMeinst du es auch ernst mit der Schlankheitskur?\u201c fragt der Ehemann. \u201eUnd ob, ich lese in der Zeitung nicht einmal mehr das Fettgedruckte!\u201c<\/strong> So etwas tut weh. Offenbar ein Kalauer, ein Wortwitz also, auf den man mit \u201eAua!\u201c reagiert. Der Kalauer (\u201eKal-aua!\u201c) steht in schlechtem Ruf; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kuno_Fischer\" target=\"_blank\">Kuno Fischer<\/a>, ein Heidelberger Philosoph, der vor hundert Jahren \u00fcber den \u201eWitz\u201c geschrieben hat, meinte, der Kalauer d\u00fcrfe<\/em> \u201enicht Anspruch mache, f\u00fcr etwas Besonderes zu gelten\u201c. <em>Er ist sozusagen der Proletarier unter den Witzen. Aber das macht ihn gerade stark!<\/em><\/p>\n<p><em><strong>\u201eWarum hat M\u00fcller seinen Sohn Hamlet genannt!\u201c \u201eJa, sein oder nicht sein, das ist hier die Frage.\u201c<\/strong> Nicht mal schlecht, finde ich, und doch kr\u00e4nkt das Niveau unseren intellektuellen Hochmut. Man hat es daher n\u00f6tig, das Gesicht schmerzhaft zu verziehen und sich zu distanzieren. <strong>Als die deutsche Reichshauptstadt 1943 unter Luftangriffen litt, erhielt ihr Gauleiter Goebbels den Ehrentitel \u201eBerlins Schuttpatron\u201c.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Das ist bei\u00dfend aggressiv in der Tendenz. Weil ich bisher immer nur von der \u201eTechnik\u201c eines Witzes gesprochen habe, ergibt sich hier die Gelegenheit, auch auf die \u201eTendenz\u201c zu sprechen zu kommen. Sie ist wesentlich f\u00fcr die Wirkung eines Witzes verantwortlich, weil allein die Tendenz an unsere Gef\u00fchle und Tabus appelliert und ein Lachen hervorrufen kann.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>\u201eWarum haben Sie ihrem Nachbarn auf einer Postkarte geschrieben, er sei ein Betr\u00fcger?\u201c fragt der Richter. Der Angeschuldigte rechtfertigt sich: \u201eAndere schreiben ja auch Ansichtskarten.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Man kann von jedem Wortwitz sagen, da\u00df in ihm zwei Gedanken \u00fcberraschend zusammensto\u00dfen. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Henri_Bergson\" target=\"_blank\">Henri Bergson<\/a>, ein franz\u00f6sischer Philosoph, hat in seinem sehr popul\u00e4ren Buch \u00fcber \u201eDas Lachen\u201c (1900 zum erstenmal erschienen) gemeint, beim Witz komme es zu einer<\/em> \u201eInterferenz zweier Gedankensysteme in einem Satz\u201c. <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arthur_Koestler\" target=\"_blank\">Arthur Koestler<\/a> sprach von einem Zusammenprall zweier<\/em> \u201emit einander unvereinbarer Spielregeln\u201c. <em>Diesen Zusammenprall taufte er <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bisoziation\" target=\"_blank\">\u201eBisoziation\u201c<\/a>, aber man kann den Vorgang nennen, wie man will.<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_03.jpg\" alt=\"Witzableiter (3)\" \/><\/p>\n<p><em><strong>\u201eLieber Herr Doktor, ich war zw\u00f6lf Jahre lang taub. Aber seit ich Ihre wunderbare Ohrensalbe benutze, h\u00f6re ich wieder von meinem Bruder in Amerika.\u201c<\/strong> Warum wirkt das komisch? Es ist immer dieselbe Technik: Der gleiche Klang eines Wortes soll uns dazu verf\u00fchren, auch einen gleichen Sinn dahinter zu sehen. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sigmund_Freud\" target=\"_blank\">Freud<\/a> meinte, das sei die kindliche Form des Denkens, und es sei f\u00fcr uns sehr entspannend, einmal die schwere Last des ernsthaften Denkens abzuwerfen. Darin sah Freud<\/em> \u201eeine gro\u00dfe Erleichterung der psychischen Arbeit\u201c, <em>die wir st\u00e4ndig leisten m\u00fcssen. Damit begegnen wir wieder der grundlegenden Annahme Freuds, da\u00df alle Lust am Witz aus einer<\/em> \u201eEinsparung an psychischem Aufwand\u201c <em>stamme. Wie Sie wissen, kann ich Freud das nicht so ganz glauben. Es mu\u00df noch etwas anderes sein.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>\u201eWo hast du denn deine Armbanduhr gelassen?\u201c \u201eAch, die geht immer vor, die ist sicherlich schon zu Hause.\u201c<\/strong> Das Vergn\u00fcgen an dieser Art Bl\u00f6dsinn stammt offenbar daher, da\u00df wir uns<\/em> \u201ef\u00fcr einen Moment auf die kindliche Stufe zur\u00fcckversetzt\u201c <em>sehen, sagt Freud. Und darin kann ich ihm gern zustimmen. Genau wie das Bl\u00f6deln ist der Kalauer (und vielleicht alle Komik?) eine Regression \u2013 ein R\u00fcckschritt in kindliches Verhalten.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Nach dem Ende der Naziherrschaft sagte man, das Gegenteil von Arisierung sei Wiederjudmachung.<\/strong> Es l\u00e4\u00dft sich wohl sp\u00fcren, da\u00df in solchen Scherzen etwas Kindliches zum Vorschein kommt, es ist ein Schritt zur\u00fcck hinter die Sprachlogik. Bei solchen Wortspielen, so meinte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/J%C3%BCrgen_Habermas\" target=\"_blank\">J\u00fcrgen Habermas<\/a><\/em> [feierte \u00fcbrigens letzte Woche seinen 80. Geburtstag], <em>handele es sich sogar um einen R\u00fcckfall in die Vorzeit vor der Erfindung der definierenden Sprache; es liege eine<\/em> \u201eVerwechslung von Identit\u00e4t und \u00c4hnlichkeit\u201c <em>zweier W\u00f6rter vor. Der konservative Politologe <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Speier\" target=\"_blank\">Hans Speier<\/a> hat den doppelsinnigen Kalauer in die N\u00e4he von Orakelspr\u00fcchen und<\/em> \u201eenthusiastischem Wahnsinn\u201c <em>gebracht und gefragt: Sollte unser<\/em> \u201eabweisendes St\u00f6hnen\u201c <em>als Antwort auf den Kalauer am Ende<\/em> \u201evielleicht dazu dienen, unbewusste Angst vor Tollheit (kindischem Verhalten) abzuwehren\u201c? <em>Der Kalauer, so scheint es, f\u00fchrt uns jedenfalls in Ur-Zust\u00e4nde zur\u00fcck.<\/em><\/p>\n<p><em>Sigmund Freud, der sich sonst recht abf\u00e4llig \u00fcber Witzbolde ge\u00e4u\u00dfert hat, fand am kalauernden Zeitgenossen offenbar Gefallen. In seinem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Witz_und_seine_Beziehung_zum_Unbewu%C3%9Ften\" target=\"_blank\">Buch \u00fcber den Witz<\/a> berichtet er von einem seiner Freunde, der die Gabe besa\u00df, wenn er in aufger\u00e4umter Stimmung war, durch l\u00e4ngere Zeit jede an ihn gerichtete Rede mit einem Kalauer zu beantworten. \u201eAls die Gesellschaft, die er einst so in Atem hielt, der Verwunderung \u00fcber seine Ausdauer Ausdruck gab, sagte er: <strong>\u201aJa, ich liege hier auf der Ka-lauer\u2019<\/strong>, und als man ihn bat, endlich aufzuh\u00f6ren, stellte er die Bedingung, <strong>da\u00df man ihn zum Poeta Ka-laureatus ernenne.<\/strong>\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Womit soll ich schlie\u00dfen? Ich traue mich, das Niveau noch weiter zu unterbieten, indem ich einen der bekanntesten Kalauer aller Zeiten hier noch einmal aufw\u00e4rme. <strong>\u201eWas siehst du in der Kristallkugel?\u201c fragt der Scheich seinen Wahrsager. \u201eEine gro\u00dfe D\u00fcrre kommt auf uns zu &#8230;\u201c Der Scheich \u00fcberlegt und meint dann:\u201c Eine kleine Dicke w\u00e4re mir eigentlich lieber.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 30\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: Der Witzableiter (2): Der Unsinn wird befreit Nachdem uns Eike Christian Hirsch in seiner 1984 im ZEITmagazin erschienenen Kolumne bereits \u00fcber die Technik des Bl\u00f6delns aufgekl\u00e4rt hatte, widmete er sich im folgenden Beitrag dem Kalauer. Es gibt wohl kaum eine Art von Witz, die uns derma\u00dfen nerven kann \u2013 wie eben der Kalauer. &hellip; <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?p=1902\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Der Witzableiter (3):  Freud und etwas zum St\u00f6hnen<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1902"}],"collection":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1902"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1902\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1902"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1902"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1902"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}