{"id":1914,"date":"2009-07-01T00:01:55","date_gmt":"2009-06-30T22:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1914"},"modified":"2009-06-27T16:42:50","modified_gmt":"2009-06-27T14:42:50","slug":"der-witzableiter-4-reime-die-sich-schutteln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1914","title":{"rendered":"Der Witzableiter (4):  Reime, die sich sch\u00fctteln"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1902\" target=\"_blank\"><strong>Fortsetzung von: Der Witzableiter (3):  Freud und etwas zum St\u00f6hnen<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Sch\u00fcttelreime sind eine besondere Art von Witz. Denn witzig sind Sch\u00fcttelreime (fast) immer. Es mag an ihrer \u201ewitzigen\u201c Technik liegen. Aber lasse ich weiter <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a> in seiner 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschienenen Kolumne sprechen:<\/p>\n<p><em><strong>Buddha nach der netten Fabel \/ starrt auf seinen fetten Nabel.<\/strong> Keine Frage, es geht hier um Sch\u00fcttelreime. Wie Sie wissen, werden da die Konsonanten am Anfang der Reimpaare vertauscht, eine Technik, die vor hundert Jahren von ein paar preu\u00dfischen Studenten erfunden worden sein soll. <strong>Oft h\u00e4ngt bei einem forschen M\u00e4dchen \/ die Tugend nur am morschen F\u00e4dchen.<\/strong> Das stammt von dem gro\u00dfen Pianisten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Artur_Schnabel\" target=\"_blank\">Artur Schnabel<\/a>, der von sich selbst in gespielter Bescheidenheit gereimt hat: <strong>Am Anfang war auch Schnabel nur \/ das Ende einer Nabelschnur.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Sind das \u00fcberhaupt Witze? Ich sehe, da\u00df ich mich rechtfertigen mu\u00df. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedrich_Hollaender\" target=\"_blank\">Friedrich Hollaender<\/a> war dagegen<\/em> (\u201emit Witzen haben die Dinger glatterdings nichts zu tun\u201c). <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Weigel\" target=\"_blank\">Hans Weigel<\/a> rechnet sie auch nicht dazu<\/em> (\u201eeine uralte, sehr literarische Hochform des Bl\u00f6deln\u201c). <em>Aber <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sigmund_Freud\" target=\"_blank\">Sigmund Freud<\/a> bescheinigte im Jahr 1905 den<\/em> \u201eneuerdings beliebt gewordenen Sch\u00fcttelreimen\u201c, <em>da\u00df unser Wohlgefallen an ihnen<\/em> \u201edas n\u00e4mlich ist, an dem wir den Witz erkennen\u201c. <em>Als Beispiel w\u00e4hlte Freud \u00fcbrigens: <strong>Und weil er Geld in Menge hatte \/ lag stets er in der H\u00e4ngematte<\/strong>, was uns nun wiederum fragen l\u00e4\u00dft: Warum liebte Freud gerade diesen Vers? (War er doch in finanziellen N\u00f6ten? Zog er Lust aus Ersparung?)<\/em><\/p>\n<p><em>Am Sch\u00fcttelreim k\u00f6nnen wir wirklich etwas \u00fcber Witze lernen. Auch Sch\u00fcttelreime vergreifen sich im Ausdruck, was zynisch oder ungeschickt wirken kann. <strong>Die Boxer aus der Meisterklasse \/ die hauen sich zu Kleistermasse.<\/strong> Oder von den r\u00f6mischen Christenverfolgungen hei\u00dft es: <strong>Mit den Bekennern neuer Lehren \/ lie\u00df Nero manchen Leu ern\u00e4hren.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Wie bei allen Witzen ist auch beim Sch\u00fcttelreim die Pointe kurz, \u00fcberraschend und unausweichlich. Von der K\u00fcrze sagte schon der gro\u00dfe Theoretiker des Witzes, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jean_Paul\" target=\"_blank\">Jean Paul<\/a>, im Jahre 1804, Shakespeare zitierend, sie sei \u201eder K\u00f6rper und die Seele des Witzes\u201c. Pr\u00fcfen wir das gleich am Vierzeiler \u00fcber die alte S\u00e4ngerin: <strong>Krumme Beine \/ Mieder leer \/ brumme keine \/ Lieder mehr.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Die Verwandtschaft der Sch\u00fcttelreime mit den Witzen mag nun wirklich am Tage liegen. Aber was ist das Besondere an den Sch\u00fcttelreimen? Ich glaube, es ist diese starre Form, mit der sich die Pointe ank\u00fcndigt (<strong>Da klagt unser S\u00e4ngerlein \/ mein Auftritt sollte l\u00e4nger sein!<\/strong>). Unweigerlich schl\u00e4gt der Schlu\u00dfreim zu. Das ist die Mechanik der Mausefalle. <strong>Hier der Eunuch, der hodenlose \/ was tr\u00e4gt er in der Lodenhose?<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Und noch etwas: Mit dieser Strenge der Form kontrastiert angenehm der oft alberne Sinn der Reime. Und dieser Gegensatz ist komisch. <strong>Zwecks Heirat lief die Nichte Schi \/ doch klappte die Geschichte nie.<\/strong> Immerhin: Mit der Pointe klappt es immer.<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_04.jpg\" alt=\"Witzableiter (4)\" \/><\/p>\n<p><em>Auch in dem Schm\u00e4hvers \u00fcber Probleme beim Stillen: <strong>Nicht immer hat die feiste Mutter \/ f\u00fcrs Baby auch das meiste Futter.<\/strong> Als der franz\u00f6sische Philosoph <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Henri_Bergson\" target=\"_blank\">Henri Bergson<\/a> (wir kennen ihn schon) im Jahre 1900 sein Buch \u00fcber das Lachen ver\u00f6ffentlichte, hat er den deutschen Sch\u00fcttelreim gewi\u00df nicht gekannt. Und doch pa\u00dft seine Theorie des Komischen besonders gut auf dies deutsche Produkt. Bergson hat sich n\u00e4mlich zur Erkl\u00e4rung des Komischen auf Kinderspielzeug berufen, auf Hampelmann und Springteufelchen (das ist der Teufel, der aus dem Kasten sprint, sobald man den Deckel aufmacht). Nach Bergson ist es immer komisch, wenn eine Mechanik lebendig wirkt (oder etwas Lebendiges mechanisch). Gilt das nicht besonders vom Sch\u00fcttelreim? Er folgt einem starren Schema und lebt doch. <strong>So manchem gilt die Treue nix \/ der sinnt auf immer neue Tricks.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Bergson schreibt:<\/em> \u201eKomisch ist jede Anordnung von ineinandergreifenden Handlungen und Geschehnissen, die uns die Illusion von wirklichem Leben und zugleich den deutlichen Eindruck von mechanischer Einwirkung vermittelt.\u201c <em>Ich wei\u00df nicht, ob das von aller Komik gilt \u2013 vom Sch\u00fcttelreim bestimmt.<\/em><\/p>\n<p><em>Da springt der Sinn lebendig aus der Mechanik. Auch bei dieser Berufsberatung f\u00fcr Journalisten: <strong>Bei wem sich Geist und Fresse paaren \/ wird gut stets bei der Presse fahren.<\/strong> Man kann auch sagen: Der lebendige Vers ist komisch, weil er wie mechanisch l\u00e4uft. Zum Beispiel dieser, den sich \u00d6sterreichs Juden gern erz\u00e4hlten: <strong>Gut jodeln kann der Steierm\u00e4rker \/ im J\u00fcdeln ist der Meyer st\u00e4rker.<\/strong> So laufen Sch\u00fcttelreime. Mechanisch und doch lebendig. Ich k\u00f6nnte auch sagen, unab\u00e4nderlich und doch daneben. Das ist ihr Witz. <strong>Der Braten: schwarz, die Sauce: grau \/ die K\u00f6chin: eine gro\u00dfe Sau.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Am liebsten w\u00fcrde ich Ihnen noch die ganz kurzen Sch\u00fcttelreime vorf\u00fchren (<strong>Altes Haus, halt es aus!<\/strong>) und dem Kampf um den k\u00fcrzesten, den wohl dieser gewinnt: <strong>Du bist \/ Buddhist<\/strong>. Recht knapp sind auch <strong>\u201eLatente Talente\u201c<\/strong> und <strong>\u201eWeh diesen Devisen!\u201c<\/strong> Oder der, der besser nur mit einem Wort zitiert wird, seinem zweiten \u00fcbrigens: <strong>\u201e &#8230; \/ Kosacken.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Man kann mechanisch und unausweichlich auf unpassende Worte zurollen. Das tut auch der Zweizeiler, der von dem Cembalisten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fritz_Neumeyer\" target=\"_blank\">Fritz Neumeyer<\/a> stammen soll, der morgens im Schwarzwald Skilaufen war und abends zur Orchesterprobe nach Freiburg hinunter mu\u00dfte: <strong>Morgens der Berge schimmernde Wei\u00dfe \/ abends der Geigen &#8230;\u201c<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 31\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: Der Witzableiter (3): Freud und etwas zum St\u00f6hnen Sch\u00fcttelreime sind eine besondere Art von Witz. Denn witzig sind Sch\u00fcttelreime (fast) immer. Es mag an ihrer \u201ewitzigen\u201c Technik liegen. Aber lasse ich weiter Eike Christian Hirsch in seiner 1984 im ZEITmagazin erschienenen Kolumne sprechen: Buddha nach der netten Fabel \/ starrt auf seinen fetten &hellip; <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?p=1914\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Der Witzableiter (4):  Reime, die sich sch\u00fctteln<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1914"}],"collection":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1914"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1914\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1914"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1914"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1914"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}