{"id":1937,"date":"2009-07-03T00:01:04","date_gmt":"2009-07-02T22:01:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1937"},"modified":"2009-07-02T12:45:32","modified_gmt":"2009-07-02T10:45:32","slug":"der-witzableiter-5-ein-spiel-mit-worten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1937","title":{"rendered":"Der Witzableiter (5): Ein Spiel mit Worten"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1914\" target=\"_blank\"><strong>Fortsetzung von: Der Witzableiter (4):  Reime, die sich sch\u00fctteln<\/strong><\/a><\/p>\n<p>In <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirschs<\/a> Kolumne, 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschienen, geht es diesmal um Wortspiele, so genannte Bonmots. Und um grundlegende Erkenntnisse den Witz betreffend. Etwas Theorie muss eben auch sein.<\/p>\n<p><em><strong>\u201eWie geht\u2019s denn in Charleys neuer Ehe?\u201c \u201eNa, wie soll\u2019s schon gehen. Sie wirft ihm das Trinken vor \u2013 und er ihr das Essen nach.\u201c<\/strong> Zu den ersten Witzen, die in Umlauf kamen, geh\u00f6rten geistvolle Wortspiele. Im vorigen Jahrhundert haben sich daher die Theoretiker des Witzes haupts\u00e4chlich mit solchen Bonmots besch\u00e4ftigt. Als einen<\/em> \u201egeradezu diabolisch guten Witz\u201c <em>zitiert <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sigmund_Freud\" target=\"_blank\">Sigmund Freud<\/a> diese Vermutung \u00fcber den erstaunlichen Wohlstand eines Ehepaares: <strong>\u201eNach der Ansicht der einen soll der Mann viel verdient und sich dabei etwas zur\u00fcckgelegt haben, nach anderen wieder soll sich die Frau etwas zur\u00fcckgelegt und dabei viel verdient haben.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Aber wenn wir hier nur die Technik des Witzes betrachten, gibt es schon genug zu staunen, so reibungslos l\u00e4uft alles und ist doch in dem Wort \u201ezur\u00fcckgelegt\u201c nur angedeutet. Nebenbei hat dieser Witz auch noch eine herrlich b\u00f6se Tendenz, die jetzt nicht unser Thema ist. Dies Bonmot wurde durch einen Wiener Journalisten verbreitet und war zu Freuds Zeiten sehr bekannt. Da\u00df Freud gerade dieses Bonmot am meisten sch\u00e4tzte, ist uns nun wiederum Anla\u00df, Freud mit der Frage zu necken, ob er nicht wirklich in finanzieller Not war. (Und gewinnt nicht Freuds These, Lust stamme aus Ersparung, einen ganz neuen Sinn, wenn wir hier h\u00f6ren, da\u00df Erspartes aus Lust stammen kann?)<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Der junge Lyriker fragt den Verleger: \u201eSie meinen, ich sollte mehr Feuer in meine Gedichte legen?\u201c \u201eUmgekehrt\u201c, antwortet der Verleger, \u201emehr Gedichte ins Feuer.\u201c<\/strong> Es wirkt immer besonders elegant, wenn dasselbe Wortmaterial zweimal verwendet wird, weil dabei mit der schwierigen Materie Sprache anscheinend so m\u00fchelos gespielt wird. <strong>Es gibt zwei gro\u00dfe Entt\u00e4uschungen im Leben eines Mannes. Das erste Mal, wenn es das zweitemal nicht mehr klappt, und das zweite Mal, wenn es das erstemal nicht mehr klappt.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Man nennt das zu Recht ein Wortspiel, wobei ich das Wort \u201eSpiel\u201c betonen m\u00f6chte. Wahrscheinlich ist unsere Lust am Witz \u00fcberhaupt die gleiche wie die am Spiel. Beim Wortspiel mag sich dar\u00fcber hinaus noch ein besonderer Reiz einstellen. Freud bemerkt, da\u00df dabei<\/em> \u201ejedes Mal etwas Bekanntes wiedergefunden wird\u201c, <em>und da\u00df dieses Wiederfinden<\/em> \u201elustvoll\u201c <em>sei. Ich glaube, noch etwas Drittes kommt hinzu. Die Eleganz der Technik macht uns Freude, weil wir uns pl\u00f6tzlich so f\u00fchlen, als h\u00e4tten wir die widerspenstige Materie Sprache selbst spielend besiegt. Zum Beispiel so: <strong>Unter uns wohnt ein kinderloses Ehepaar, \u00fcber uns ein eheloses Kinderpaar.<\/strong> Na, bitte.<\/em><\/p>\n<p><em>So fortgeschritten die Technik bei diesen Witzen auch ist, die Lust beim Witz stammt weniger aus der Technik (also aus dem Schliff der Worte und aus der Mechanik der Pointe) als aus der Tendenz. Das habe ich schon einmal erw\u00e4hnt. Hier noch mal ausf\u00fchrlicher: Die Technik ist bestenfalls das H\u00e4mmerchen, das den Z\u00fcndfunken ausl\u00f6st. Was dann explodiert, ist von anderer Art; das ist unser angestautes Gef\u00fchl, das sich, durch den Witz befreit, endlich entladen kann. Nehmen wir wieder ein Beispiel: <strong>Besser ein Haar in der Suppe als Suppe im Haar.<\/strong> Die Technik kann uns zwar erfreuen, was aber wirklich komisch ist, ist allein die peinliche Vorstellung von Suppe im Haar; komisch ist auch der scheinbar so n\u00fcchtern gezogene Vergleich selbst. Diesen Unterschied von Technik und Tendenz, der uns heute so unentbehrlich scheint, hat \u00fcbrigens erst Sigmund Freud entdeckt und beschrieben.<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_05.jpg\" alt=\"Witzableiter (5)\" \/><\/p>\n<p><em><strong>Ein passionierter J\u00e4ger kauft beim Hundezwinger von Herrn Schindler einen Schwei\u00dfhund, der seinen hohen Preis wert sein soll. Emp\u00f6rt schreibt der J\u00e4ger nach zwei Wochen einen Brief: \u201eSehr geehrter Herr Schindler, das W. das in Ihrem Namen fehlt, hat Ihr Schwei\u00dfhund zuviel!\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Wir nehmen uns an dieser Stelle ein wenig Zeit zur Theorie. Worin besteht \u00fcberhaupt die Technik eines Witzes? In jedem Witz sto\u00dfen zwei unabh\u00e4ngige Gedanken pl\u00f6tzlich aufeinander. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Henri_Bergson\" target=\"_blank\">Bergson<\/a> nannte das, wie wir geh\u00f6rt haben,<\/em> \u201eInterferenz\u201c. <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arthur_Koestler\" target=\"_blank\">Koestler<\/a> sprach von<\/em> \u201eBisoziation\u201c. <em>Diese Beobachtung aber hat, soviel ich wei\u00df, als erster <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Immanuel_Kant\" target=\"_blank\">Immanuel Kant<\/a> gemacht und in seiner Vorlesung \u00fcber Anthropologie 1798 ver\u00f6ffentlicht:<\/em> \u201eDer Witz paart (assimiliert) heterogene Vorstellungen, die oft nach dem Gesetz der Einbildungskraft (der Assoziation) weit auseinanderliegen.\u201c <em>Das ist schon eine sehr vollkommene Definition.<\/em><\/p>\n<p><em>Popul\u00e4r geworden ist diese Gedanke durch den Dichter und Witztheoretiker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jean_Paul\" target=\"_blank\">Jean Paul<\/a> (den wir in dieser Eigenschaft auch schon kennengelernt haben), der 1804 vom Witz sagte, er sei<\/em> \u201eder verkleidete Priester, der jedes Paar kopuliert\u201c. <em>Wenn wir diese Erkenntnis nun auf Herrn Schindlers Schwei\u00dfhund anwenden, merken wir, da\u00df der Witz den Familiennamen des Verk\u00e4ufers und den Gattungsnamen des Hundes (die beide \u201eheterogen\u201c sind) \u00fcberraschend paart.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>\u201eAlle Achtung, Sie fahren Mercedes?\u201c \u201eNun, das bin ich meinem Beruf schuldig.\u201c \u201eUnd woher haben Sie so viel Geld?\u201c \u201eNun, das bin ich meiner Bank schuldig.\u201c<\/strong> Die Brautleute gleichen sich v\u00f6llig. Der verkleidete Priester aber hat in Wirklichkeit das Paar \u201eschuldig sein\u201c und \u201eSchulden haben\u201c getraut \u2013 das zu paaren sich unser Verstand nicht getraut h\u00e4tte.<\/em><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 32\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: Der Witzableiter (4): Reime, die sich sch\u00fctteln In Eike Christian Hirschs Kolumne, 1984 im ZEITmagazin erschienen, geht es diesmal um Wortspiele, so genannte Bonmots. Und um grundlegende Erkenntnisse den Witz betreffend. Etwas Theorie muss eben auch sein. \u201eWie geht\u2019s denn in Charleys neuer Ehe?\u201c \u201eNa, wie soll\u2019s schon gehen. Sie wirft ihm das &hellip; <a href=\"https:\/\/willizblog.de\/?p=1937\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Der Witzableiter (5): Ein Spiel mit Worten<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1937"}],"collection":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1937"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1937\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1937"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1937"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/willizblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1937"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}