{"id":1943,"date":"2009-07-05T00:01:58","date_gmt":"2009-07-04T22:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1943"},"modified":"2009-07-04T17:07:33","modified_gmt":"2009-07-04T15:07:33","slug":"der-witzableiter-6-ein-gemisch-wird-verdichtet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1943","title":{"rendered":"Der Witzableiter (6): Ein Gemisch wird verdichtet"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1937\" target=\"_blank\"><strong>Fortsetzung von: Der Witzableiter (5): Ein Spiel mit Worten<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Kommen wir heute zu Teil 6 von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirschs<\/a> Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c, 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschienen, und erfahren etwas \u00fcber die Herkunft des Witzes aus dem Unbewussten und wie er dem Charakter eines ungewollten Einfalls entspricht.<\/p>\n<p><em><strong>Zwei Freunde treffen sich. \u201eWas sehe ich an deiner Hand, hast du geheiratet?\u201c \u201eJa, Trauring, aber wahr!\u201c<\/strong> Jeder Witz ist, seiner Form nach, zu knapp erz\u00e4hlt; er \u00fcberl\u00e4\u00dft dem H\u00f6rer wenigstens einen Schritt zur Mitarbeit. Diese Verknappung kann man selten so deutlich sehen wie an den Mischbildungen. Lenin hatte einen <strong>Radikahlsch\u00e4del<\/strong>. Als Bundeskanzler Schmidt abgew\u00e4hlt war, die SPD aber in Hamburg bei der Landtagswahl siegte, sprachen die Gr\u00fcnen erkl\u00e4rend von einem <strong>Schmidtleidseffekt<\/strong>. Verknappung ist oft als die auffallendste Technik des Witzes beschrieben worden. Man nennt das auch \u201eVerdichten\u201c.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Auf einer Party versucht ein Gast, seine Rachenbeschwerden dem bekannten Hals-Nasen-Ohren-Arzt vorzustellen, der sich aber st\u00e4ndig der kostenlosen Konsultation zu entziehen sucht. Als einem weiteren Gast die Sache zu dumm wird, ruft er dem Professor zu: \u201eNun schauen Sie ihm doch schon in den Geizhals!\u201c<\/strong> Der j\u00fcdische Witz brillierte oft mit solchen Mischwortbildungen. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leopold_Jessner\" target=\"_blank\">Leopold Jessner<\/a>, Generalintendant in Berlin und sehr empfindlich hatte den Spitznamen <strong>Mimoses<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinrich_Heine\" target=\"_blank\">Heinrich Heine<\/a> l\u00e4\u00dft einen H\u00fchneraugen-Operateur sagen, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Baron_Rothschild\" target=\"_blank\">Baron Rothschild<\/a> sei zu ihm <strong>\u201eganz famillion\u00e4r\u201c<\/strong> gewesen, ein Wortspiel, das sich durch alle Witztheorien zieht und in diesem Jahr sogar die Plakatw\u00e4nde erreicht hat \u2013 als Werbegag f\u00fcr ein millionenfach verkauftes Familienauto. Als sich zu Beginn dieses Jahrhunderts in Wien viele Juden in der Votiv-Kirche taufen lie\u00dfen, sagte man, dem dortigen Me\u00dfdiener steige schon die <strong>\u201eSchammesr\u00f6te\u201c<\/strong> ins Gesicht (der Schammes ist der Synagogendiener).<\/em><\/p>\n<p><em>Kurz und knapp ist der Witz mit vielen Mitteln zum Beispiel auch dann, wenn er nur darauf verzichtet, ein Wort zu wiederholen. <strong>Als der Arzt mit seiner Frau spazierengeht, l\u00e4chelt ihn eine aufgedonnerte Sch\u00f6ne vertraulich an. \u201eDie kenne ich aus dem Beruf\u201c, erkl\u00e4rt der Arzt eilig. Fragt seine Frau zur\u00fcck: \u201eAus deinem oder aus ihrem?\u201c<\/strong> Oder die Technik besteht doch darin, einem harmlosen Wort eine tiefere Bedeutung beizugeben: <strong>\u201eAcht Jahre waren meine Frau und ich die gl\u00fccklichsten Menschen.\u201c \u201eUnd dann?\u201c \u201eDann haben wir uns kennengelernt.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Es ist auffallend und nicht leicht zu verstehen, warum eine solche Verk\u00fcrzung zum Witz geh\u00f6rt. Warum mu\u00df derjenige, der den Witz macht, sich so sparsam ausdr\u00fccken \u2013 und warum kann der Witzh\u00f6rer nur lachen, wenn er eine Bemerkung h\u00f6rt, die er selbst erst vervollst\u00e4ndigen mu\u00df? Damit sind wir zum ersten Mal an ein zentrales Problem der Witztheorie geraten. Fragen wir uns zun\u00e4chst: Wie entsteht der Witz spontan im Kopf dessen, der eine witzige Bemerkung macht? Wenn zum Beispiel <strong>der Chef fragt: \u201eIst eigentlich auf unsere letzte Mahnung etwas von Schulz und Krause eingegangen?\u201c und der weibliche Lehrling antwortet: \u201eJa, die ganze Firma.\u201c<\/strong> Was ist da passiert?<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_06.jpg\" alt=\"Witzableiter (6)\" \/><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sigmund_Freud\" target=\"_blank\">Freud<\/a> hat eine gl\u00e4nzende Beschreibung davon gegeben; wer auch nur einmal selbst einen spontanen Witz gemacht hat, wird sich darin wiederfinden k\u00f6nnen.<\/em> \u201eDer Witz hat in ganz hervorragender Weise den Charakter eines ungewollten Einfalls. Man wei\u00df nicht etwa einen Moment vorher, welchen Witz man machen wird &#8230; Man versp\u00fcrt vielmehr etwas Undefinierbares, das ich am ehesten einer Absenz, einem pl\u00f6tzlichen Auslassen der intellektuellen Spannung vergleichen m\u00f6chte, und dann ist der Witz mit einem Schlage da, meist gleichzeitig mit einer Einkleidung.\u201c <em>Zwei Ideen werden gemischt, verdichtet und explodieren.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Witz komme (anders als Humor und Komik) aus dem Unbewu\u00dften, meint Freud. \u00dcbrigens hat Freud gerade das nicht als erster gesagt; daf\u00fcr konnte er sich auf den M\u00fcnchner Psychologen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Theodor_Lipps\" target=\"_blank\">Theodor Lipps<\/a> berufen, den er auch sonst anerkennend r\u00fchmt.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>\u201eSag mal, kennst du den Mike?\u201c \u201eKlar, dem hab\u2019 ich doch gerade f\u00fcnfzig Mark geliehen.\u201c \u201eSo? Ich dachte, du kennst ihn.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Einen Witz \u201emacht\u201c man eigentlich nicht, er geschieht. Freud sagte, man lasse den Grundgedanken fallen<\/em>, \u201eder dann pl\u00f6tzlich als Witz aus dem Unbewu\u00dften auftaucht\u201c. <em>Sein Sch\u00fcler <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Theodor_Reik\" target=\"_blank\">Theodor Reik<\/a> verglich die Witzbildung mit<\/em> \u201eder Durchfahrt eines Eisenbahnzuges durch einen Tunnel\u201c. <em>Nach <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arthur_Koestler\" target=\"_blank\">Arthur Koestler<\/a> entsteht der Witz,<\/em> \u201eindem man sozusagen \u201awegdenkt\u2019 und die Aufmerksamkeit auf einen Grundzug der Situation verschiebt, den man fr\u00fcher ignoriert hat.\u201c <em>Als bescheidenes Beispiel mag dies gelten: <strong>Zu Beginn der Hitlerzeit trifft Parteigenosse M\u00fcller seinen alten Nachbarn Kohn und sagt neckend: \u201eHeil Hitler!\u201c Antwortet Kohn: \u201eBin ich Psychiater?\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Die Annahme eines Unbewu\u00dften, die uns heute so selbstverst\u00e4ndlich ist, war zu Freuds Zeiten noch heftig umstritten. Volkes Stimme meldete sich in einem Buch \u00fcber den Witz, das 1920 erschien und an dem nur der Name des Autors originell ist: Sophus Hochfeld. Dieser deutsch denkende Mann meinte, ein Unbewu\u00dftes brauche er nicht.<\/em> \u201eIch sehe z.B. eine Diakonisse daherkommen\u201c, <em>erz\u00e4hlt er,<\/em> \u201eund wehre dem Lamento meines Begleiters \u00fcber den m\u00fchseligen Beruf der alleinstehenden Frau mit dem Worten: <strong>\u201aAber, was willst du? Sie ist ja unter die Haube gekommen.\u2019<\/strong> Anla\u00df zum Witz wurde die blendend wei\u00dfe Haube auf dem K\u00f6pfchen der Samariterin.\u201c <em>Stolz f\u00fcgt Sophus Hochfeld hinzu:<\/em> \u201eIch brauche wirklich nicht ins Unbewu\u00dfte zu tauchen.\u201c<\/p>\n<p><em>Nein, dazu wirklich nicht.<\/em><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 33\/1984 (10. August 1984)<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: Der Witzableiter (5): Ein Spiel mit Worten Kommen wir heute zu Teil 6 von Eike Christian Hirschs Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c, 1984 im ZEITmagazin erschienen, und erfahren etwas \u00fcber die Herkunft des Witzes aus dem Unbewussten und wie er dem Charakter eines ungewollten Einfalls entspricht. 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