{"id":1957,"date":"2009-07-09T00:01:48","date_gmt":"2009-07-08T22:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1957"},"modified":"2009-07-07T10:17:14","modified_gmt":"2009-07-07T08:17:14","slug":"der-witzableiter-7-im-kopf-wo-es-blitzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1957","title":{"rendered":"Der Witzableiter (7): Im Kopf, wo es blitzt"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1943\" target=\"_blank\"><strong>Fortsetzung von: (6): Ein Gemisch wird verdichtet<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Des Witzes Knalleffekt ist dessen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pointe\" target=\"_blank\">Pointe<\/a>. Wer die verpasst oder nicht begreift, dem ist ein Witz kein Witz. Aber lesen wir, was <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a> im 7. Teil seiner Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c, die 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschien, dazu zu sagen hat.<\/p>\n<p><em><strong>Ulli spricht eine dufte Biene auf der Stra\u00dfe an: \u201eWohin auf den h\u00fcbschen Beinen?\u201c \u201eIns Kino\u201c, ruft sie, \u201ewenn nichts dazwischenkommt.\u201c<\/strong> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kuno_Fischer\" target=\"_blank\">Kuno Fischer<\/a>, wir kennen ihn schon (vor hundert Jahren Philosophieprofessor in Heidelberg), hat vom Wortspiel gesagt, es habe<\/em> \u201enicht blo\u00df zwei Bedeutungen, sondern zwei Gesichter, das eine ist Maske, das andere das wahre Gesicht; jenes sieht harmlos aus, dieses hat den Schalk im Nacken\u201c. <em>Noch ein Beispiel?<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Zwei Studentinnen treffen sich nach dem Karneval. \u201eBin ich froh, da\u00df  die Tage vorbei sind\u201c, sagt die eine. Erwidert die andere: \u201eIch w\u00e4re froh, sie k\u00e4men wieder.\u201c<\/strong> Anspielungen durch Doppelsinn kommen immer da vor, wo Tabus herrschen, deswegen finden sie sich auf sexuellem Gebiet und in Diktaturen. <strong>Warum bekommen verdiente Beamte den F\u00fchrer als B\u00fcste und nicht als Bild? Weil sie sonst nicht wissen, ob sie ihn aufh\u00e4ngen oder an die Wand stellen sollen.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Wer eine Anspielung geboten bekommt, mu\u00df aufpassen, da\u00df er sie versteht. Schlie\u00dflich sind Witze darin mit dem R\u00e4tsel verwandt, da\u00df man die L\u00f6sung finden mu\u00df. <strong>Ein junger Anwalt trifft einen ebenfalls noch jungen Arzt. \u201eWie geht es Ihnen?\u201c \u201eGut, ich kann nicht klagen. Und Ihnen?\u201c \u201eSchlecht, ich kann nicht klagen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Zur Technik solcher Wortspiele ist kaum mehr viel zu sagen. Um so mehr lockt uns hier die Aufgabe herauszufinden, wie die Verst\u00e4ndnisarbeit des H\u00f6rers funktioniert. Das Thema ist ja auch dran, denn das letzte Mal haben wir \u00fcber die Witzentstehung nachgedacht. Sie werden nun vielleicht erwarten, da\u00df ich mich auch diesmal an <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sigmund_Freud\" target=\"_blank\">Sigmund Freud<\/a> orientiere. Aber das ist nicht so. So treffend er die andere Seite (die Witzentstehung) beschrieben hat, so sehr hat er die Rolle des Witzh\u00f6rers verkannt. Er meinte n\u00e4mlich, da\u00df der Zuh\u00f6rer<\/em> \u201edie Lust des Witzes mit sehr geringem Aufwand erkauft. Sie wird ihm sozusagen geschenkt\u201c. <em>Sogar <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Theodor_Reik\" target=\"_blank\">Theodor Reik<\/a>, Freuds Sch\u00fcler und dem Meister sonst sehr ergeben, wagte hier eine Korrektur: der Witz werde dem H\u00f6rer nicht geschenkt,<\/em> \u201esondern nur unter dem Selbstkostenpreis verkauft\u201c. <em>Damit ist die Mitarbeit des Zuh\u00f6rers aber immer noch untersch\u00e4tzt. Vielleicht m\u00f6chten Sie das einmal im Selbstversuch nachpr\u00fcfen an Hand dieser Geschichte:<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Ein Gardeoffizier, jung, arm, aber schneidig, bem\u00fcht sich um die Gunst einer Sch\u00f6nheit im Garnisonsst\u00e4dtchen, die, sagen wir mal, als zug\u00e4nglich gilt. Doch sie weist ihn ab mit den Worten: \u201eMein Herz ist schon vergeben.\u201c Da erwidert der Leutnant: \u201cSo hoch hatte ich eigentlich auch nicht gezielt\u201c.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_07.jpg\" alt=\"Witzableiter (7)\" \/><\/p>\n<p><em>Nun, wie ist es Ihnen ergangen? Ich glaube, Sie f\u00fchlen sich, als h\u00e4tten Sie selbst die treffende Bemerkung gemacht. Zu Recht sagt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arthur_Koestler\" target=\"_blank\">Arthur Koestler<\/a>, der Zuh\u00f6rer m\u00fcsse<\/em> \u201eden Vorgang der Erfindung des Witzes bis zu einem gewissen Grade wiederholen, ihn in seiner Phantasie neu schaffen\u201c. <em><strong>Was ist ein Junggeselle? Das ist einer, dem zum Gl\u00fcck die Frau fehlt.<\/strong> Wenn man es verstanden hat, war man selbst geistvoll.<\/em><\/p>\n<p><em>Wir wissen schon, da\u00df Freud der Ansicht war, nicht nur beim Wortlaut des Witzes herrsche das Prinzip der Ersparung, sondern auch die Lust des H\u00f6rers stamme aus Ersparung. Dagegen haben sich viele gewandt, auch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Helmuth_Plessner\" target=\"_blank\">Helmuth Plessner<\/a>, ein deutscher Anthropologe, dessen Buch \u00fcber<\/em> \u201eLachen und Weinen\u201c <em>in der Emigration erscheinen mu\u00dfte. Er rechnet vor, da\u00df die Sparsamkeit in Worten nur dazu f\u00fchrt, da\u00df der H\u00f6rer mehr Aufwand treiben mu\u00df, um den Witz zu verstehen. Wo liegt dann aber die Quelle f\u00fcr die Lust an dieser Technik der Verk\u00fcrzung?<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Von der bekannten Schauspielerin wird gesagt, sie halte sich zwei Haus\u00e4rzte. Den einen rufe sie, wenn sie was hat; den andern, wenn ihr was fehlt.<\/strong> Falls Sie an dieser Anspielung Freude gehabt haben sollten, m\u00f6chte ich Ihnen auf den Kopf zusagen, da\u00df sie sich weniger \u00fcber ein Geschenk (oder einen billigen Kauf) gefreut haben als \u00fcber eine eigene Leistung. Der Witz, dessen Wortlaut ja immer unvollst\u00e4ndig und blo\u00df andeutend ist, wurde erst in Ihrem Kopf fertig! <strong>\u201eWas haben ein BH und ein Pullover gemeinsam?\u201c \u201eDas eine h\u00e4lt, was der andere verspricht.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Auch hier sind Sie von einer Wortbedeutung zur anderen geschwebt, haben ein Kunstst\u00fcck vollbracht und k\u00f6nnen stolz auf sich sein. Zu Recht spricht Arthur Koestler von der<\/em> \u201eBefriedigung, da\u00df man schlau genug ist, um die Pointe zu erfassen\u201c. <em>Ich m\u00f6chte sogar noch weiter gehen. Wir verstehen nicht nur. Ich glaube, wir f\u00fchlen uns, als seinen wir diejenigen, die den Witz gemacht h\u00e4tten. Was ja auch halbwegs stimmt, denn wo hat es denn geblitzt? In unserem Kopf!<\/em><\/p>\n<p><em>F\u00fcr diese Ansicht, unsere Lust sei der Stolz auf eine Leistung, habe ich Unterst\u00fctzung bei Theodor Reik gefunden, der schreibt, beim Verstehen \u00fcbern\u00e4hmen wir die Leistung des Witzerz\u00e4hlers und identifizierten uns mit ihm. So ist es wohl. Schlie\u00dflich erhalten wir den Witz ja nur als eine Art Halbfertig-Produkt, das wir selbst erst vollenden. Wir machen nur das Finish, aber sind gl\u00fccklich, als seinen wir die Erfinder.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Beim Familienausflug merkt die Mutter, da\u00df das junge Ehepaar verschwunden ist. Sie fragt ihren Mann: \u201eWas werden die Kinder wohl machen.\u201c \u201eNachkommen\u201c, brummt er.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 34\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: (6): Ein Gemisch wird verdichtet Des Witzes Knalleffekt ist dessen Pointe. Wer die verpasst oder nicht begreift, dem ist ein Witz kein Witz. Aber lesen wir, was Eike Christian Hirsch im 7. Teil seiner Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c, die 1984 im ZEITmagazin erschien, dazu zu sagen hat. 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