{"id":1964,"date":"2009-07-13T00:01:45","date_gmt":"2009-07-12T22:01:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1964"},"modified":"2009-07-08T14:42:02","modified_gmt":"2009-07-08T12:42:02","slug":"der-witzableiter-8-so-komisch-wie-ein-lexikon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1964","title":{"rendered":"Der Witzableiter (8): So komisch wie ein Lexikon"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1957\" target=\"_blank\"><strong>Fortsetzung von: (7): Im Kopf, wo es blitzt<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Im 8. Teil von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirschs<\/a> Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c, die 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschien, kommen wir diesmal vom \u201eWortwitz\u201c zum \u201eGedankenwitz\u201c, der sich oft aus einer \u201eparadoxen\u201c Definition ergibt. Mancher Witz kr\u00f6nt sich so zum <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aphorismus\" target=\"_blank\">Aphorismus<\/a>, einer eigenen literarischen Gattung.<\/p>\n<p><em><strong>Feldwebel: \u201eHuber, wie k\u00f6nnen Sie es wagen, die Naturwissenschaftler auf eine so falsche F\u00e4hrte zu locken. Die Herren suchen das Riesenfaultier in S\u00fcdamerika, und Sie dr\u00fccken sich hier in der Kaserne herum.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Der Kern dieser Beschimpfung ist eine Definition, eigentlich sogar nur das Wort Faultier. Das scheint f\u00fcr einen Witz zu reichen. Und weil wir hier nach den einfachsten Baumustern f\u00fcr einen Witz suchen, ist uns diese Einsicht willkommen: Eine Definition reicht. <strong>\u201eWas hei\u00dft hier Schlagerstar\u201c, sagt der Produzent ver\u00e4chtlich, \u201e bei uns wird doch schon auf Platte genommen, wer einigerma\u00dfen gesund husten kann.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Nicht jede Definition freilich ist ein Witz, sonst w\u00e4re nichts so komisch wie ein Lexikon. Ein bi\u00dfchen Pfiff mu\u00df auch dabeisein, zum Beispiel Bosheit. <strong>\u201eH\u00f6r mal, Anne\u201c, sagt die Freundin, \u201edein Mann erz\u00e4hlt, er f\u00fchre ein Hundeleben.\u201c \u201eStimmt\u201c, best\u00e4tigt Anne, \u201eer kommt mit schmutzigen F\u00fc\u00dfen ins Haus, macht es sich vor dem Ofen bequem, knurrt herum \u2013 und lauert aufs Essen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Eine zugespitzte und etwas verbl\u00fcffende Auslegung des Wortes Hundeleben, fertig ist der Witz. Doch halt, ein bi\u00dfchen Einkleidung ist meist noch drumherum, wie bei den \u201eeingekleideten\u201c Mathematikaufgaben. Etwa so: <strong>\u201eMami\u201c, fragt die kleine Tochter, \u201ebekomme ich sp\u00e4ter auch einen Mann?\u201c \u201eNat\u00fcrlich, wenn du artig bist.\u201c \u201eUnd wenn ich nicht artig bin?\u201c \u201eDann bekommst du viele M\u00e4nner.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Man k\u00f6nnte sich die Pointe auch ohne Einkleidung, also ohne Dialog denken, einfach als Bonmot oder als Aphorismus. Da klingt das dann uneingekleidet so: <strong>\u201eWenn die M\u00e4nner in die Jahre kommen, wo sie keine schlechten Beispiele mehr geben k\u00f6nnen, fangen sie an, gute Ratschl\u00e4ge zu geben.\u201c<\/strong> Auch eine Definition und darum formal kein Witz.<\/em><\/p>\n<p><em>Das wirklich funktionierende Teil in einem Witz, der springende Punkt sozusagen, ist oft nur ein einziges Wort. Hier zum Beispiel: <strong>Die flotte Elvira zum Hausmeister: \u201eIch brauche noch f\u00fcnf Schl\u00fcssel f\u00fcr mein Appartement.\u201c \u201eSollten wir da nicht besser gleich eine Dreht\u00fcr einbauen?\u201c<\/strong> Mit dem einen Wort Dreht\u00fcr definiert der Hausmeister den Wunsch der Mieterin. Knapper kann eine Pointe kaum sein.<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_08.jpg\" alt=\"Witzableiter (8)\" \/><\/p>\n<p><em>Vom Berliner Witz sagt man, da\u00df er sich besonders gern in knappen Definitionen ergeht (<strong>\u201eDu hast\u2019s gut, du bist doof\u201c<\/strong>) und ebenso kurz wie aggressiv ist. <strong>Als die U-Bahn pl\u00f6tzlich bremst, mu\u00df sich Bolle an einem Fahrgast festhalten. \u201eMensch\u201c, sagt der, \u201eick bin doch keen Laternenpfahl!\u201c \u201eDet stimmt\u201c, meint Bolle, \u201edaf\u00fcr sind Se oben nich helle jenuch.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Was macht diese Definitionen komisch, ist es die Bosheit? Nicht unbedingt, was vielleicht dieses Beispiel zeigen kann: <strong>Oliver soll zur Oma in die Ferien fahren. \u201eHast du auch deinen Waschlappen eingepackt?\u201c fragt die Mutter. \u201eWaschlappen?\u201c fragt Oliver, \u201eich denke, ich fahre in die Ferien.\u201c<\/strong> Das ist nun nicht boshaft, sondern r\u00fchrend. Worin liegt dann die Komik? Was diese Formulierung witzig macht, ist wohl eher Widersinn. Sie sind paradox. Die Bezeichnungen \u201eRiesenfaultier\u201c oder \u201eDreht\u00fcr\u201c sind \u00fcberzogen; das W\u00f6rtlichnehmen der Bilder \u201eLaternenpfahl\u201c oder \u201eHundeleben\u201c ist verbl\u00fcffend und verr\u00fcckt. Am deutlichsten wird das wohl in den Worten \u201egesund husten k\u00f6nnen\u201c. Das ist fast ein Selbstwiderspruch. Aber nur fast. Es ist eher paradox.<\/em><\/p>\n<p><em>Und nun wollen Sie sicherlich wissen, was ich denn f\u00fcr einen Unterschied zwischen Widerspruch und paradox mache. Doch, da gibt es einen. Im Paradox ereignet sich zwar auch ein harter Zusammensto\u00df, aber sozusagen nicht frontal. Die Begegnung erweist sich als fruchtbar, und sie kann unseren Blick erweitern. \u201eGesund husten\u201c ist doch eine etwas bizarre, aber durchaus kreative Bezeichnung f\u00fcr die raue Sangesart des Rock. Und Ferien als \u201eFerien vom Waschzwang\u201c ist doch auch nicht nur verr\u00fcckt. Eben. Und damit ist schon fast alles \u00fcber den Witz gesagt.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Spontispr\u00fcche an den Betonw\u00e4nden \u2013 auch sie definieren \u2013 sind manchmal ebenfalls paradox: <strong>\u201eSpontaneit\u00e4t will wohl \u00fcberlegt sein\u201c<\/strong>, zum Beispiel. Oder <strong>\u201eAls Gott den Mann schuf, \u00fcbte sie noch.\u201c<\/strong> Das gef\u00e4llt mir sogar besonders gut, weil sich noch eine \u00dcberraschung ergibt mit dem \u201esie\u201c. Und da es gerade um Theologie geht, noch diesen Spruch: <strong>\u201eGott ist nicht tot, er ist gerade beim <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wort_zum_Sonntag\" target=\"_blank\">Wort zum Sonntag<\/a> eingeschlafen.\u201c<\/strong> Das ist nun schon fast die platte Wahrheit.<\/em><\/p>\n<p><em>Es wird Ihnen gar nicht aufgefallen sein, da\u00df meine Beispiele diesmal nicht (wie sonst) Wortspiele enthalten haben. Das war Absicht, weil ich Ihnen zeigen wollte, da\u00df blo\u00dfe \u201eGedankenwitze\u201c genauso gut sein k\u00f6nnen wie Wortwitze.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Edelausgabe der paradoxen Definition ist der Aphorismus, den ich zum Schlu\u00df wenigstens noch erw\u00e4hnen will. <strong>\u201eMan kann einer Versuchung nur entgehen, indem man ihr erliegt\u201c<\/strong>, das ist vom dekadenten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oscar_Wilde\" target=\"_blank\">Oscar Wilde<\/a>. Unsinn mit Tiefsinn. Von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl_Kraus\" target=\"_blank\">Karl Kraus<\/a> stammt das ber\u00fchmte Wort gegen seinen Wiener Mitb\u00fcrger <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sigmund_Freud\" target=\"_blank\">Sigmund Freud<\/a>: <strong>\u201eDie Psychoanalyse ist die Krankheit, f\u00fcr deren Therapie sie sich h\u00e4lt.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Zu ganzer Gr\u00f6\u00dfe und Weisheit steigt die Gattung der witzigen Definition auf in diesem Dialog, der anonym \u00fcberliefert ist: <strong>\u201eAlles Ungl\u00fcck kommt von den Juden .\u201c \u201eNein, von den Radfahrern.\u201c \u201eWieso von den Radfahrern?\u201c \u201eWieso von den Juden?\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 35\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: (7): Im Kopf, wo es blitzt Im 8. Teil von Eike Christian Hirschs Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c, die 1984 im ZEITmagazin erschien, kommen wir diesmal vom \u201eWortwitz\u201c zum \u201eGedankenwitz\u201c, der sich oft aus einer \u201eparadoxen\u201c Definition ergibt. Mancher Witz kr\u00f6nt sich so zum Aphorismus, einer eigenen literarischen Gattung. 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