{"id":1980,"date":"2009-07-17T00:01:41","date_gmt":"2009-07-16T22:01:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=1980"},"modified":"2009-07-09T15:09:05","modified_gmt":"2009-07-09T13:09:05","slug":"der-witzableiter-9-paradox-im-prinzip-ja","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=1980","title":{"rendered":"Der Witzableiter (9): Paradox? Im Prinzip ja"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1964\" target=\"_blank\"><strong>Fortsetzung von: (8): So komisch wie ein Lexikon<\/strong><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Radio_Eriwan\" target=\"_blank\">Radio Eriwan<\/a> \u2013 selbst bis zu uns hier im Westen sind die Witze gelangt. Ein Ausgangspunkt f\u00fcr einen weiteren Artikel von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eike_Christian_Hirsch\" target=\"_blank\">Eike Christian Hirsch<\/a> in dessen Kolumne \u201eDer Witzableiter\u201c, die 1984 im <a href=\"http:\/\/www.zeitmagazin.de\/\" target=\"_blank\">ZEITmagazin<\/a> erschien, und uns N\u00e4heres \u00fcber die Technik des Paradoxen im Witz aufzeigt.<\/p>\n<p><em><strong>Ein Hotelgast morgens zum Ober: \u201eIch h\u00e4tte gern zwei zu hart gekochte Eier, eiskalten Speck, verkohlten Toast, tiefgefrorene Butter und lauwarmen Kaffee.\u201c Darauf der Ober: \u201eDas d\u00fcrfte etwas schwierig sein.\u201c Gast: \u201eWieso, gestern ging es doch auch!\u201c<\/strong> Diese Art, seine Meinung zu \u00e4u\u00dfern, kann man wohl als \u201eDarstellung durchs Gegenteil\u201c bezeichnen \u2013 und in diese Kategorie fallen auch alle Witze, die ich Ihnen heute vorstellen will.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Frage an Radio Eriwan: \u201eIst es wahr, da\u00df man alle Pilze essen kann?\u201c \u201eIm Prinzip ja. Einige Pilze nur einmal.\u201c<\/strong> Zugleich wahr und doch nicht \u2013 paradox. Da\u00df alle Witze irgendwie paradox sind, habe ich Ihnen das letzte Mal erz\u00e4hlt. Auch die Darstellung durchs Gegenteil ist eine Spielart des Paradoxen. <strong>Fragt die neue Kollegin: \u201eWie ist denn der Chef?\u201c \u201eEigentlich hat er ein ziemlich ausgeglichenes Temperament. Er ist gleicherma\u00dfen ekelhaft.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Diese Technik dient offenbar dazu, uns erst einmal ordentlich in die Irre zu f\u00fchren. Bei diesem Beispiel eben erfahren wir erst im letzten Wort, dass wir vorher auf dem Irrweg waren. Um so gr\u00f6\u00dfer ist unsere Verbl\u00fcffung. Und darauf kommt es beim Witz schlie\u00dflich an. <strong>Arzt nach gr\u00fcndlicher Untersuchung zum Patienten: \u201eLassen Sie es mich so sagen \u2013 Sie brauchen sich um die steigende Zahl der Verkehrstoten, um die zunehmende Kriminalit\u00e4t und um die Umweltverschmutzung keine Sorgen mehr zu machen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Diese Witztechnik gibt uns willkommene Gelegenheit, \u00fcber die Verbl\u00fcffung nachzudenken, auf die es jeder Witz bei uns abgesehen hat. Wer schon einmal Opfer eines Streichs war, wei\u00df, wie unangenehm es ist, reingefallen zu sein und die Orientierung verloren zu haben. F\u00fcr einen Augenblick schwankt uns der Boden unter den F\u00fc\u00dfen. Das hat kein Mensch gern. Unser Vergn\u00fcgen am Witz stammt jedenfalls nicht aus dieser Verbl\u00fcffung \u2013 eher aus der Erleichterung, wenn sie \u00fcberwunden ist. <strong>Der Ehemann steigt von der Personenwaage. \u201eMein Gewicht ist v\u00f6llig in Ordnung\u201c, sagt er zufrieden zu seiner Frau, \u201enach der Tabelle sollte ich nur zw\u00f6lf Zentimeter gr\u00f6\u00dfer sein.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>\u00dcber die Verbl\u00fcffung beim Witz sagt der Psychologe <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Peter_R._Hofst%C3%A4tter\" target=\"_blank\">Peter R. Hofst\u00e4tter<\/a> nicht zu viel, wenn er schreibt:<\/em> \u201eBeinahe \u2013 aber eben nur beinahe \u2013 w\u00e4ren wir in einen unauslotbar tiefen Abgrund gest\u00fcrzt; ganz anders als gedacht, haben wir jedoch wieder festen Boden unter den F\u00fc\u00dfen.\u201c <em>Das Bild vom Abgrund, das Hofst\u00e4tter verwendet, k\u00f6nnen wir auch \u00e4ndern in das Bild eines Hindernisses, \u00fcber das wir springen m\u00fcssen. Erst scheut das Pferd, aber dann springt es doch. Freilich, es kann auch schief gehen, wie folgender Witz zeigt, der auch die Technik der Darstellung durchs Gegenteil verwendet: Der Reitsch\u00fcler wagt seinen ersten Sprung. Das Pferd scheut und wirft den Reiter \u00fcber das Hindernis. \u201eSchon ganz gut\u201c, lobt der Reitlehrer, \u201edas n\u00e4chste Mal m\u00fcssen Sie nur noch das Pferd mitnehmen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/witzableiter_09.jpg\" alt=\"Blitzableiter (9)\" \/><\/p>\n<p><em>Staunen, Verbl\u00fcffung, Reinfall und Kehrtwendung \u2013 das geh\u00f6rt offenbar zum Witz. Es ist seine negative Seite, damit erzeugt er die Spannung, die sich dann im Erkennen und Verstehen l\u00f6st. Oder ist es umgekehrt, verstehen wir erst und staunen dann? Beobachten Sie sich doch einmal selbst: <strong>Der schw\u00e4bische Meister zu seinen Azubi: \u201eEs gibt Domme ond Saudomme. Von de Domme bischt du koiner!\u201c<\/strong> Na, wie war das mit der Reihenfolge von Verbl\u00fcffung und Verstehen bei Ihnen?<\/em><\/p>\n<p><em>Am Ende des vorigen Jahrhunderts ver\u00f6ffentlichte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Theodor_Lipps\" target=\"_blank\">Theodor Lipps<\/a>, Professor f\u00fcr Philosophie in M\u00fcnchen, eine Theorie des Komischen und behauptete darin, erst erstehe man den Witz und dann wundere man sich, denn ohne Verst\u00e4ndnis k\u00f6nne man sich ja nicht wundern. Ihm widersprach sehr h\u00f6flich sein holl\u00e4ndischer Kollege <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Gerardus_Heymans\" target=\"_blank\">G. Heymans<\/a>: erst Verbl\u00fcffung, dann Verst\u00e4ndnis. Zur Begr\u00fcndung schrieb er:<\/em> \u201eIch glaube, mich nun in dieser Sache einfach auf das Zeugnis der Selbstwahrnehmung berufen zu k\u00f6nnen.\u201c <em>Pr\u00fcfen Sie selbst: <strong>\u201eHat es bei Ihnen in den Ferien auch so oft geregnet?\u201c \u201eNein, nur zweimal. Zuerst drei Tage und dann zwei Wochen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Es mag ja so sein, da\u00df  man bei so manchem Witz erst glaubt, ihn verstanden zu haben, dann staunt und schlie\u00dflich erst richtig begreift. Theodor Lipps, das M\u00fcnchner Schulhaupt, gab dennoch nach und korrigierte sich (unter Philosophen eine ganz gro\u00dfe Leistung). Er wollte nun allerdings<\/em> \u201edrei Stadien\u201c <em>unterschieden wissen, und zwar \u201ebei aller Komik\u201c. So genau sind Fachleute. Ich meine aber, da\u00df man so der Sache auch nicht auf den Grund kommt. Wie ich den Streit schlichten m\u00f6chte, verrate ich Ihnen das n\u00e4chste Mal, wenn er um die \u201eErleuchtung\u201c geht, die zu jedem Verstehen geh\u00f6rt. Hier nur so viel zum Streit: <strong>\u201eSie halten mich wohl f\u00fcr einen ausgemachten Trottel?\u201c \u201eO nein, ich beurteile einen Menschen nie nach seinem Aussehen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Zum Schlu\u00df f\u00fcr heute empfehle ich Ihnen eine noch elegantere Liebensw\u00fcrdigkeit, die Sie vielleicht bei passender Gelegenheit selbst verwenden k\u00f6nnen. <strong>\u201eHoffentlich sind wir nicht zu lange geblieben,\u201c erkundigt sich der Besuch zum Abschied. \u201eAber nein\u201c, wehrt der Gastgeber ab, \u201eum diese Zeit pflegen meine Frau und ich sowieso immer aufzustehen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Eike Christian Hirsch \u2013 Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)<br \/>\naus: ZEITmagazin \u2013 Nr. 36\/1984<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: (8): So komisch wie ein Lexikon Radio Eriwan \u2013 selbst bis zu uns hier im Westen sind die Witze gelangt. 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