{"id":2007,"date":"2009-07-28T15:25:23","date_gmt":"2009-07-28T13:25:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=2007"},"modified":"2009-07-28T15:25:23","modified_gmt":"2009-07-28T13:25:23","slug":"elias-canetti-die-gerettete-zunge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=2007","title":{"rendered":"Elias Canetti: Die gerettete Zunge"},"content":{"rendered":"<p>Als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elias_Canetti\" target=\"_blank\">Elias Canetti<\/a> (* 25. Juli 1905 in Rustschuk, Bulgarien; \u2020 14. August 1994 in Z\u00fcrich) 1981 den Literatur-Nobelpreis erhielt, hatte ich von ihm nur wenig geh\u00f6rt und noch nichts gelesen. So kaufte ich mir das Buch \u201eDie Provinz des Menschen \u2013 Aufzeichnungen 1942-1972\u201c von ihm. Immerhin war er ein Autor deutscher Sprache, wenn auch in Bulgarien als Sohn einer wohlhabenden sephardisch-j\u00fcdischen Kaufmannsfamilie (er selbst bezeichnet sich als Spaniole) geboren und lange Zeit in England ans\u00e4ssig. Ich habe zwar immer wieder einen Blick in dieses Buch geworfen. Vollst\u00e4ndig gelesen habe ich es aber bis heute nicht. Canetti wurde durch ein vielseitiges Werk bekannt \u2013 besonders seine mehrb\u00e4ndige Autobiografie fand ein gr\u00f6\u00dferes Publikum.<\/p>\n<p>Nun vor anderthalb Jahren gelangte ich in den Besitz zweier der drei B\u00e4nde seiner Autobiografie (auf einem Weihnachtsbasar) und las nun in meinem Urlaub den 1. Band: Die gerettete Zunge, der die Jahre bis zum Aufenthalt in Z\u00fcrich 1921 behandelt.<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/elias_canetti.jpg\" alt=\"Elias Canetti\" \/><\/p>\n<p><em>In den Jahren nach dem fr\u00fchen Tod des geliebten Vaters entwickelte Canetti eine sehr enge, eifers\u00fcchtige Beziehung zur Mutter, einer sehr stolzen und selbst\u00e4ndigen Frau mit leidenschaftlichem Interesse f\u00fcr Theater und Literatur. Mit den Leseabenden, bei denen Mutter und Sohn gemeinsam klassische Dramen lasen, gab sie dem Wunsch Canettis, sp\u00e4ter selbst Dichter zu werden, lange Zeit Nahrung. Sp\u00e4ter sah sie diese Entwicklung zunehmend mit Besorgnis und suchte den Sohn zu einem praktischen Beruf zu dr\u00e4ngen.<\/em><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst schreibt Canetti: <\/p>\n<p><em>Ich bekam nie zu h\u00f6ren, da\u00df man etwas aus praktischen Gr\u00fcnden tue. Es wurde nichts betrieben, was \u201an\u00fctzlich\u2019 f\u00fcr einen werden konnte. Alle Dinge, die ich auffassen mochte, waren gleichberechtigt. &#8230; Es kam auf die Dinge selber an und nicht auf ihren Nutzen.<\/em><\/p>\n<p>(S. 194)<\/p>\n<p>Elias Canetti erlebte nie materielle Not in seiner Kindheit und Jugendzeit. Die Mutter war durchdrungen von einem Standesd\u00fcnkel, der sicherlich auch auf ihren Sohn abf\u00e4rbte. Als es einmal in Z\u00fcrich zu Beschimpfungen wegen seiner j\u00fcdischen Herkunft kam, so entpuppte sich dieser Antisemitismus lediglich als Vorwand gegen den sich in vielen Dingen hochm\u00fctig gebenden Canetti. Er lebte in einer anderen Welt, die mehr und mehr ihren Bezug zur Wirklichkeit verlor. So erkannte er dann doch:<\/p>\n<p><em>Man meint sich f\u00fcr die Welt zu \u00f6ffnen und zahlt daf\u00fcr mit Blindheit in der N\u00e4he. Unfa\u00dfbar ist der Hochmut, mit dem man dar\u00fcber entscheidet, was einen angeht und was nicht. &#8230; der w\u00f6lfische Appetit, der sich Wi\u00dfbegier nennt, merkt nicht, was ihm entgeht.<\/em><\/p>\n<p>(S. 291)<\/p>\n<p>Diese andere Welt wurde von seiner Mutter gespeist. Es war eine fiktive Welt der Literatur, die selbst in Zeiten der Not (1. Weltkrieg) \u00fcber jeden Realismus herrschte. Seltsamerweise war es dann die Mutter, die erkannte, dass ihrem Sohn jegliche Bodenhaftung zu verlieren drohte.<\/p>\n<p>Canetti schreibt und zitiert die Mutter:<\/p>\n<p><em>Du hast \u00fcberhaupt kein Recht, etwas zu verachten oder zu bewundern. Du mu\u00dft erst wissen, wie es wirklich zugeht. Du mu\u00dft es am eigenen Leib erfahren. Du mu\u00dft herumgesto\u00dfen werden und beweisen, da\u00df du dich zur Wehr setzen kannst.<\/em><\/p>\n<p>(S. 312)<\/p>\n<p><em>Du bist nur hochm\u00fctig &#8230; <\/em><\/p>\n<p>aus: Elias Canetti: Die gerettete Zunge \u2013 Geschichte einer Jugend (Fischer Taschenbuch Verlag \u2013 321. \u2013 329. Tausend: April 1989, S. 313)<\/p>\n<p>Hiermit endet der erste Band der Autobiografie. Canetti siedelt 1921 nach Deutschland \u00fcber, dem Land, in dem nach dem verlorenen Weltkrieg Hunger und Elend regierten.<\/p>\n<p>Ich muss gestehen, dass ich mich beim Lesen mit diesem Canetti nie so richtig anfreunden konnte. Die Hochn\u00e4sigkeit der gesamten Familie stie\u00df mich immer wieder ab. Und es wundert mich kaum, wenn man Canetti heute oft als weisen, gastfreundlichen Literaturasketen zu sehen trachtet, der in einer Welt der B\u00fccher und der jederzeit gespitzten Bleistifte lebte. Schon in seiner Kindheit ebnete sich der entsprechende Weg.<\/p>\n<p>Sicherlich finde ich es in Ordnung, seine Kinder f\u00fcr Literatur zu begeistern. Aber Kinder m\u00fcssen auch lernen, sich in praktischen Dingen auszukennen. Das rechte Ma\u00df ist bei Canetti nie gefunden worden \u2013 und so wundert es keinen, wenn er sich zu einem altklugen Jungen entwickelt. Ich mag solche Kinder einfach nicht.<\/p>\n<p>Trotzdem finde ich das Buch sehr interessant, weil es einen Einblick in eine Welt erm\u00f6glicht, die mit den Umw\u00e4lzungen im Europa des 20. Jahrhunderts schnell ihr Ende fand. Zwei Stationen auf dem Lebensweg Canettis sind sogar mir bekannt geworden \u2013 im Buch hei\u00dft es: <em>Wir fuhren mit der Bahn, an Kronstadt vorbei und durch Rum\u00e4nien. <\/em> Und:  <em>&#8230; in Predeal, der Grenzstation zu Ungarn, &#8230; <\/em><\/p>\n<p>Zum Jahreswechsel 1984\/85 und im Fr\u00fchjahr 1986 besuchte ich mit meiner heutigen Frau <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1013\" target=\"_blank\">zweimal Rum\u00e4nien<\/a> und waren so in der Stadt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Brasov\" target=\"_blank\">Brasov<\/a>, dem ehemaligen Kronstadt, als auch in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Predeal\" target=\"_blank\">Predeal<\/a>, heute ein Wintersportort und mitten in Rum\u00e4nien gelegen. Sp\u00e4ter etwas mehr zu den Rum\u00e4nienreisen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Elias Canetti (* 25. Juli 1905 in Rustschuk, Bulgarien; \u2020 14. 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